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Obligat gesellig

Zwei Bücher über die Macht von sozialer Einbindung, Einsamkeit und Empathie führen zum Kern der menschlichen Natur.

von Jochen Schilk , erschienen in 13/2012

Erkenntnisse aus der Einsamkeitsforschung: Was zunächst Tristesse verheißt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein reichhaltiger Zugang zum Thema »Verbindung« – und nicht zuletzt als Schlüssel zum Verständnis der Spezies Mensch.

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Einem Tierpfleger würde es nicht einfallen, ein Exemplar aus der Familie der Menschen allein zu halten, denn so ein Mensch ist ­»obligatorisch gesellig«. Isoliert zu sein von Seinesgleichen, bedeutet für ein Mitglied einer sozialen Spezies nicht nur Ungemach. In freier Wildbahn führt Isolation in der Regel rasch zum Tod, in der Zivilisation leistet sie lebensbedrohlichen Krankheiten Vorschub.
Auf diese Gefahr will uns – ähnlich wie der Hunger – eine warnende Empfindung hinweisen, die in Abstufungen jeder von uns kennt: der Schmerz der Einsamkeit, ein Gefühl, das sich nicht selten auch unabhängig von tatsächlichem Alleinsein einstellt. Diese überraschend positive Perspektive nimmt der US-amerikanische Professor für kognitive und soziale Neurowissenschaften John T. Cacioppo auf sein allgemein als unangenehm empfundenes Forschungsthema ein. Einsamkeit sei keine Krankheit, sondern ein Warnsignal: Wird die soziale Einbindung subjektiv als befriedigend wahrgenommen, geht es uns gut, andernfalls fühlen wir uns miserabel und unsicher – und damit aufgefordert, etwas zu verändern. Allerdings, wie zahlreiche Studien zeigen, ist es für Einsame oft alles andere als einfach, ihren Zustand zu überwinden. Mit zunehmender Dauer der Einsamkeit stellt sich nämlich eine Art Teufelskreis ein, weil der Betroffene durch unbewusst pessimistisches Wahrnehmen und Denken sowie durch schroffes Verhalten die so sehr herbeigesehnte soziale Bindung tendenziell verhindert. Sich dauerhaft isoliert fühlende Menschen verlieren ihr Selbstvertrauen und das Vertrauen in andere, sie rutschen in die Passivität, wirken oft fordernd, überkritisch, aggressiv, bedürftig, selbstzerstörerisch, introvertiert-schüchtern oder sogar feindselig. So rufen sie laut Cacioppo in einer »traurigen Ironie« oftmals »genau die Ablehnung hervor, die sie am meisten fürchten«. Dennoch verspricht der Professor in bestem Wissenschafts-Sprech, fast jeder könne »mit ein wenig Hilfe aus dem Gefängnis der verzerrten sozialen Kognition entkommen und lernen, defensive Interaktionen zu verändern.«
Was hiermit gemeint ist, erfährt man erst gegen Ende des Buchs in einem überschaubaren Vier-Punkte-Programm. Darin schlägt der Autor einsamen Menschen vor, zunächst ihren Aktions­radius zu erweitern, einen »Aktionsplan« zu erstellen, der z. B. ehrenamtliches Engagement umfasst, eine positive Erwartungshaltung anzunehmen und auch möglichst früh potenzielle Beziehungen auf ihre Erfolgswahrscheinlichkeit zu überprüfen.
Ob diese Maßnahmen im Ernstfall die Wende bringen können, sei dahingestellt. Der größere Wert des Buchs liegt – für den nicht akut betroffenen Leser – vermutlich ohnehin in den Kapiteln, in denen es um die Funktion von sozialer Einbindung und Interaktion geht. Es ist eindrucksvoll, zu erfahren, dass Einsamkeit ebenso gravierende Einflüsse auf die Gesundheit zeitigt wie hoher Blutdruck, Bewegungsmangel, Rauchen oder Übergewicht. Am interessantesten wird es dort, wo der Autor auf die allgemein menschliche Natur schließt, wenn es etwa um unsere Fähigkeit zu Kooperation, Empathiefähigkeit und Selbstregulation geht. Oder um die nur eingeschränkte Wirksamkeit von »para­sozialen« Bindungen zu Haustieren, Dingen (Autos, Computer etc.) oder abstrakten Konzepten wie »Gott«: »Als obligatorisch gesellige Spezies haben wir Menschen das Bedürfnis, nicht nur im abstrakten Sinn zugehörig zu sein, sondern auch wirklich zusammenzukommen«, und zwar am besten auf einer körperlichen Ebene: Das größte Wohlbefinden herrscht demnach in solchen Beziehungen, wo Berührungen die Ausschüttung des Hormons Oxytocin anregen, das Cacioppo zur »Chefsubstanz der Einbindung« adelt.
A propos »Beziehung zu Tieren«: Dass auch ein ausschließlich auf mitmenschliche Gesellschaft ausgerichtetes Leben bei optimaler sozialer Einbindung sich öd und leer anfühlen kann, solange die Verbindung zur nicht-menschlichen Natur fehlt, ist ein Gedanke, der dem lesenswerten Buch leider abgeht.
Immer wieder erschütternd ist es, zu hören, welch verheerende Wirkung ein Mangel an ausreichender körperlicher Zuwendung auf die Entwicklung von Neugeborenen (Primaten und anderen Säugetieren) zeitigt. Gut, dass auch hier davon die Rede ist!
Indem John T. Cacioppo die weitentwickelten sozialen Fähigkeiten des Homo sapiens mit denen anderer Primaten vergleicht und zugleich feststellt, dass sich in dem vom globalen Kapitalismus diktierten Lebensstil all die schöne Kooperationsfähigkeit kaum entfalten könne, kommt er dem Ansatz des bekannten Verhaltensbiologen Frans de Waal recht nahe. Der untersucht in seinem aktuellen Buch »Das Prinzip Empathie« anhand zahlreicher Beispiele aus der Natur, inwiefern die Biologie Aufschluss über bessere menschliche Gesellschaften geben kann. Denn das westlich-moderne Menschenbild überbetont in einem »verkürzten Darwinismus« unsere selbstsüchtige Seite und unterschlägt dabei die mindestens ebenso große Tendenz zu kooperativem und einfühlsamem Verhalten, die bei Menschen(affen) und in zahllosen anderen Spielarten des Lebens zu beobachten ist. Aus seinen jahrelangen Forschungen weiß de Waal erstaunliche Geschichten zu erzählen. Sich selbst im Gegenüber zu erkennen, gehört diesem Autor zufolge zur menschlichen Grundausstattung, wir müssen sie nicht einmal lernen. Warum also »sollten wir, wenn wir die menschliche Gesellschaft planen, so tun, als wüssten wir nicht um die Besonderheiten unserer Art?«  

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