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Empathie ist eine (r)evolutionäre Kraft

Kommunikation und Verstehenwollen stehen im Zentrum ihrer Projekte: Die Sozialunternehmerin Frauke Godat und die Künstlerin Kerstin Polzin tauschen sich mit Oya-Chefredakteurin Lara Mallien über Reibung und »Schmelzpunkte« in ihrer Arbeit aus.

von Frauke Godat , Kerstin Polzin , Lara Mallien , erschienen in 13/2012

Lara Mallien Unser Thema Empathie möchte ich mit euch von seiner persönlichen und seiner gesellschaftlichen Seite beleuchten. Einfühlungsvermögen ist ja etwas sehr Grundlegendes, das ein Zusammenleben erst ermöglicht – im familären Bereich ist uns das in der Regel bewusst. In Wirtschaft und Politik hat Empathie jedoch keine sonderliche Bedeutung, höchstens als Strategie, um zum Erfolg zu gelangen. Mein Verdacht ist, dass diese unterschiedliche Gewichtung sehr ungesund ist, und ich frage mich, ob Empathie nicht ein gesellschaftliches Gestaltungsprinzip sein sollte, auch im öffentlichen Bereich. Mir scheint, eure Arbeit – Kerstin als Künstlerin und Frauke als Prozessbegleiterin – hat mit dieser Frage zu tun. Mögt ihr zum Einstieg davon erzählen?
Frauke Godat In meiner Arbeit geht es oft um Chaos und Ordnung – um die Frage, was aus den Beziehungen der Menschen in einem Prozess entstehen will. Nach meinem Politikwissenschafts-Studium habe ich für die internationale Studentenorganisation ISAC gearbeitet, davon ein Jahr in Indien. Dort habe ich eine sehr kreative Phase von Chaos und Ordnung erlebt, was prägend war. Daraufhin war ich zweieinhalb Jahre bei Greenpeace international in der Verwaltung, aber das gab mir zu wenig Gestaltungsfreiraum. Stattdessen habe ich mich in Netzwerke für den gesellschaftlichen Wandel eingebracht und bin 2007 nach Berlin zurückgekehrt. Heute arbeite ich viel in Bildungszusammenhängen und denke über gesellschaftliche Lernprozesse nach. »Könnten wir Zukunft als Unterrichts-Fach einrichten?« Das ist zum Beispiel eine Frage, die ich in die Schulen einbringen will, und an der Evangelischen Schule Berlin Mitte ist der Vorschlag auf fruchtbaren Boden gefallen. Gerade plane ich mit Freunden den ersten Zukunftslernraum.
Kerstin Polzin Ich bin bildende Künstlerin, habe in Berlin freie Kunst studiert und daran noch in Nürnberg ein Aufbaustudium »Kunst und öffentlicher Raum« angeschlossen. Aus dem akademischen Kontext heraus habe ich dann begonnen, mich mit der Interaktion von Menschen und Räumen zu beschäftigen, und dabei kam immer mehr die gesellschaftlichen Ebene in den Vordergrund. In verschiedenen Teams haben wir zum Beispiel »Stadtforschung« betrieben, Interventionen und Performances in der Stadt realisiert. Für mich ist Kunst immer Kommunikation, und so ist meine Arbeit auch eine Forschung zu Kommunikationsformen. In der Gruppe »Superconstellation« experimentieren wir zum Beispiel mit systemischen Strukturaufstellungen zu Kunst und Gesellschaft. Seit 2006 arbeite ich mit Anja Schoeller im Künstlerduo Zwischenbericht zusammen. Mit unseren ortsbezogenen Installationen erforschen wir auch, wie sich Formen und Möglichkeiten zur Partizipation entwickeln können, und so kommt es zu Projekten wie den Citizen Art Days, die Ende Februar erstmals in Berlin stattfinden. Wir laden Fachleute aus dem Kunstbereich und Bürger der Stadt ein, um zusammen zu gestalten und voneinander zu lernen, so dass künstlerische Strategien in alle Ebenen des Alltags geraten können.
LM Ein roter Faden in eurer Arbeit scheint also zu sein, Kommunikationsprozesse zu erforschen – was treibt diesen Forscherdrang in euch an?
KP Frauke hat vorhin von Chaos und Ordnung gesprochen, von dem sich Einlassen auf schöpferische Prozesse. Das zu lernen, finde ich etwas Wesentliches, das ist für mich eine tiefe Motivation, hier selbst zu lernen und etwas weiterzugeben, denn alle Menschen haben ja dieses schöpferische Potenzial.
FG Ich sehe das als persönlichen Lernprozess, ein anderes Lernen, als wir Lernen aus der Schule gewohnt sind. Ich sehe inzwischen, dass meine Arbeit, zum Beispiel die Art, wie ich Fragen in einen ­Dialogprozess einbringe, viel von künstlerischen Gestaltungsprozessen hat. Zuerst hat mich das gewundert, weil ich ursprünglich keine persönliche Beziehung zum Künstlerischen hatte. Manchmal ringen wir stundenlang um die richtige Frage, um die herum wir eine Veranstaltung konzipieren. Das ist ein schöpferischer Prozess.
LM Aber der Prozess und der Dialog sind kein Selbstzweck, sondern entstehen aus einer »inneren Notwendigkeit«, was ja ein Ausdruck von Beuys ist. Wie würdet ihr die bei euch beschreiben?
KP  Es ist eine Art Sendungsbewusstsein, nicht in einem moralischen Sinn, sondern es gibt da diesen Bereich, der »sendet«, der möchte Resonanz erzeugen. Unsere letzte Installation zum Thema Wasser hat zum Beispiel Resonanz ausgelöst bei jemandem, der uns eingeladen hat, in Addis Abeba unser »Clean Water Project« umzusetzen. Es war ein mehrere Tage umfassender Prozess, bei dem wir mit Anwohnern einen Abschnitt von einem stark verschmutzten Fluss von Müll beräumt und dann im Wasser eine Plattform gebaut haben, auf der es sauberes Wasser zu trinken gab. Die Plattform war ein Fokus für Gespräche, für ein Kinder-Theaterstück und ein Fest. Es ging uns um eine Begegnung mit der Fähigkeit des Wassers, sich selbst zu reinigen. Wasser hat viele Eigenschaften, die mit unserem menschenlichen Geist in Verbindung stehen,
FG Der Ausgangspunkt für meine Arbeit ist die Frage: Was ist der Bedarf in mir, und was ist der Bedarf in der Welt? Aus dieser Polarität entstehen gute Fragen, die einen Lernprozess anstoßen können. Mein Wunsch ist, Übungsräume zu schaffen für soziale Kompetenzen, die verlorengegangen oder nicht geschärft worden sind.
LM Solche Erfahrungsräume, wie eine Kunstaktion, ein Zukunftslernraum oder eine Zeitschrift wie Oya – inwiefern sind das Enklaven, wie stehen sie in Beziehung zu der »ganz normalen Welt«, wegen der wir offenbar solche geschützten Lernräume brauchen?
KP Hier in Europa arbeiten wir viel mit Modellen. Wir entwickeln erstmal ein Konzept und wenden es dann in der Praxis an. Das scheint ein Erfolgsrezept, auch ich habe bisher nicht in Frage gestellt, so zu arbeiten. Oft ist die Kunst ja sehr eilig. Man hat ein Modell entwickelt, stellt aber während der Arbeit mit den Menschen vor Ort fest, dass alles ganz anders konzipiert sein müsste, doch es gibt gar nicht die Zeit, alles neu zu entwickeln. Sich mit so einer Situation zu konfrontieren, ist manchmal schmerzhaft, aber es macht die Arbeit lebendig, sorgt für Veränderungen.
LM Arbeitet ihr auch bewusst mit Formen, die ihren Fokus auf die Improvisation legen?
KP Ja, zum Beispiel letztes Jahr im Bürgerpark am Panke-Ufer. Unsere Intention war die Begegnung von Menschen aus der älteren Generation mit Kindergartenkindern, um ihre verschiedenen Spielweisen zu verknüpfen. Wir hatten eine ältere Dame eingeladen, die seit 70 Jahren am Bürgerpark wohnt, und sie gebeten, aus ihrer Kindheit zu erzählen. Erst war sie sehr aufgeregt und meinte, vier- bis fünfjährige hätten für so etwas gar keine Aufmerksamkeit. Aber es funktionierte, indem es eine Spielregel gab: Wenn alle sich auf eine bestimmte Decke setzen, spricht nur die alte Dame. Sie hatte alte Fotos dabei, hat von Parkwächtern und lustigen Schokoladenautomaten erzählt, und die Kinder haben es nachgespielt. Außerdem erzählte sie, dass damals im Park in der Nachkriegszeit Kohl angebaut wurde. Gemeinsam mit den Kindern haben wir dann eine Kohlsuppe nach dem Rezept der alten Dame gekocht.
FG Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für viele Menschen eine große Hürde zu überwinden gibt, wenn man sich auf etwas einlassen soll, dessen Ergebnis noch gar nicht klar ist. Wenn ich mit Netzwerken arbeite, wo Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen, erlebe ich oft ihre große Sehnsucht nach Gemeinschaft, einem freien Fluss der Dinge und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Aber selbst wenn der Raum da ist, dass jeder zu jeder Zeit führen könnte, schleichen sich oft die alten Hierarchiestrukturen ein – der heimliche Wunsch nach jemandem, der sagt, was zu tun ist. Sich persönlich zu zeigen, ist nicht üblich. Das ist ganz tief bei uns in der deutschen Kultur verankert.
KP Das kenne ich auch, dass unbewusst hierarchische Strukturen gesucht werden – gibt es dann Interventionensmöglichkeiten, wie sich das auf angenehme Weise bewusstmachen lässt?
FG Eine einfache Möglichkeit ist, sich zehn Minuten Zeit zu nehmen und zu reflektieren, was gerade abläuft. Im täglichen Getriebe ist es nicht einfach, so einen »Stopp« zu machen.
Ich beschäftige mich seit dem letzten Jahr etwas intensiver mit der internationalen Occupy-Bewegung. Da finden ganz unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Ansichten zusammen. Wie werden in so einer Bewegung nun Beziehungen aufgebaut? Wer entscheidet? Auf Wunsch von einigen Occupy-Leuten haben wir letzten Samstag ein World Café veranstaltet, damit man sich besser kennenlernt und über die eigenen Anliegen austauschen kann. Ein Kollege, der viel mit Gewaltfreier Kommunikation arbeitet, hatte eine Empathie-Ecke eingerichtet, angeregt von dem Empathie-Zelt auf dem Occupy-Camp in Berkley. In diesem Zelt war ein Raum, in dem alle erzählen konnten, was sie bewegt, vom Aktivisten bis zum Obdachlosen. In unserer Empathie-Ecke haben sich die Menschen erzählt, was sie erlebt haben, was sie frustriert, was ihre Träume und Wünsche sind. Da ging es um das Zuhören und nicht um Aktionen. Sich solche Räume zu nehmen, ist wichtig: Schauen, was mein Bedürfnis ist und es den anderen mitteilen.
LM Das können wir auch auf unsere Situation hier im Gespräch übertragen. Was ist im Moment unser Bedürfnis, worüber möchten wir sprechen?
KP Mich interessiert eure Motivation bei Oya, euch explizit mit Beziehung und Empathie zu beschäftigen – herauszufinden, ob das eine revolutionäre Kraft ist. Meine Vermutung ist, dass man viel an sich selbst arbeiten muss, um an diese Kraft heranzukommen.
LM Die Qualität der Zusammenarbeit, die du in deinen Künstlergruppen erlebst, zum Beispiel mit Anja Schoeller, diese Qualität, die ermöglicht, dass ihr schöpferisch seid, euch aufeinander einlasst und euch konfrontiert – ist sie ein revolutionäres Potenzial?
KP Ja natürlich! Ich würde diese Arbeit nicht machen, wenn es für mich nicht revolutionär wäre.
FG In der letzten Zeit habe ich mir öfter die Frage gestellt: Will ich »die Revolution«? Damit kann ich mich nicht so recht anfreunden, es geht, glaube ich, mehr um eine kontinuierliche Entwicklung, um Evolution und Erfahrungen, die Menschen verändern.
LM Deshalb klammern wir ja das »R« von (R)evolution meist ein. Meiner Erfahrung nach hat es durchaus etwas sehr Widerständiges, wenn man nichts weiter tut, als in Beziehung zu bleiben. Ich versuche ein Beispiel zu finden. Angenommen, jemand will eine Stadtteilschule gründen, und es ist schon ein dichtes Beziehungsnetz zwischen den beteiligten Familien entstanden. Aber sie wird nicht genehmigt. Wenn alle Beteiligten sich dann weigern, ihre Beziehung aufzugeben, und weiter für einen Freiraum, in dem sie in empathischer Verbindung lernen können, streiten, ist das kein Kuschelkurs. Die Entscheidung für die Beziehung kann etwas sehr Radikales sein, du wirst schnell zum Stein des Anstoßes.
KP  Ja, aber wenn die Widerstände zu groß werden, muss man ein Projekt neu definieren. Ich glaube, Empathie kann eine Art Schmelzprozess auslösen gegenüber alten, verhärteren Strukturen. Das erinnert mich an die Wärmeskulpturen von Beuys. Was diesen Schmelzpunkt hervorbringt, ist die Ebene der Verbindung.
FG Die Frage, wie wir empathisch mit Konflikten umgehen können, ist auch mein persönliches Lernfeld. Früher bin ich Konflikten oft aus dem Weg gegangen. Inzwischen erlebe ich immer wieder, wie produktiv es ist, die Reibungspunkte offen auf den Tisch zu legen. So war es auch bei der Organisation des Art of Hosting Training im letzten November, bei dem viele Leute mitgewirkt haben. Je größer ein Team wird, desto schneller entstehen Konfliktpunkte, etwa, wieviel wird bezahlt, wieviel mache ich umsonst? Es kam darauf an, nicht in die Diskussion zu gehen, sondern in den Dialog. Damit waren wir schon im Vorfeld mit den Themen des Trainings beschäftigt. Art of Hosting wendet sich an Menschen, die gemeinschaftliche, partizipative Prozesse unterstützen und fokussieren. An die Stelle der Führungsperson tritt die Idee des Gastgebers, der dazu einlädt, dass sich kollektive Intelligenz entfalten kann.
LM Also ein Training für (R)evolutionäre?
FG Wir haben eher ein anderes Bild entwickelt als das der Revolution: Wir wollen die alten Strukturen nicht verändern, sondern ihren Lebenszyklus würdig beenden, während sich gleichzeitig bereis neue Strukturen bilden. Also nicht das Alte bekämpfen, sondern es begleiten im Sinn einer Sterbebegleitung.
KP Die Dinge zu würdigen, so wie sie sind, ist auch ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit. Mir kommt dabei das Bild einer Hochzeit, die Hochzeit dieser Gegensätze, die überall existieren. Wenn es gelingt, mit dem Herzen zu denken, sitzen wir in einer Hochzeitsschaukel, die zwischen diesen Polen hin und her pendeln kann.
LM Das sind zwei sehr schöne Bilder für den Schluss. Habt vielen Dank für das empathische Gespräch. 
 

Frauke Godat (36), Studium der Politologie und Internationale Beziehungen in Berlin und an der London School of Economics. Sie ist freiberuflich als Trainerin für soziale Innovation und Entrepreneurship, Lerndesign, Dialogprozesse und das Art of Hosting Training tätig. Mitglied des Vereins Business and Professional Women Berlin.
www.xing.com/profile/Frauke_Godat

Kerstin Polzin (40), Studium der Freien Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und Studiengang Kunst und öffentlicher Raum. Seit 2005 Zusammenarbeit mit Anja Schoeller im Künstlerduo »Zwischenbericht«, Mitglied von künstlerischen Forschungsgruppen wie »Parallele Welten« mit Maria Linares und Stefan Krüskemper.
www.www.zwischenbericht.eu, www.citizenartdays.de

Den Austausch miterleben:
Den Videomitschnitt des Gesprächs gibt es auf www.oya-online.de. 

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