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Dem Schicksal entgegengelaufen

Die Liebesgeschichte von Claudia Lohse-Jarchow und Raymond Jarchow.

von Lara Mallien , erschienen in 13/2012

Es kostet Mut, der Wahrheit ins Auge zu sehen, wenn der »Mensch deines Lebens« vor einem steht, und jeglicher Erwartung, die man hatte, völlig widerspricht.

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© Foto: www.raymondjarchow.de

»Ich habe einen großen Topf thailändische Hühnersuppe auf dem Herd, möchtet ihr?«, begrüßt uns Claudia. Oh ja, das hört sich gut an. Matthias Fersterer, Thorsten Reul und ich sind gerade eine Stunde durch die eisige Winterkälte nach Greifswald gefahren, um Claudia und Raymond zu besuchen, Freunde von Oya-Grafiker Thorsten. »Es fehlt noch der Koriander, der ist im Kühlschrank. Du findest in dieser Schublade ein Messer und hier ein Brett«, weist Claudia mich ein – so präzise, dass ich mich in der unbekannten Küche sogleich wie zu Hause fühle. Sie steuert mich, als schlüpfte sie in meine Hände. Claudia ist mit einer Spinalen Muskelatrophie geboren worden, einem Muskelschwund, der kontinuierlich voranschreitet. Heute reicht die Kraft ihrer Hände noch, um den Rollstuhl zu steuern oder das Besteck zu heben. Und so löffeln wir alle gemeinsam die köstliche Suppe. Später sehen wir Bilder, aufgenommen von Fotograf Raymond, aus der Zeit, als Claudia das Weinglas noch in der rechten Hand halten konnte.
»Wenn das Thema eurer Oya-Ausgabe ›Beziehung‹ ist, dann geht es doch einerseits um Sprache und andererseits um Vision«, interpretiert Raymond. »Beziehung ist Kommunikation, aber auch das Bild, wie ich mich und den anderen sehe.« Er denkt nach. »Als ich Claudia begegnet bin, hatte ich noch überhaupt keine Vision über sie und mich. Es gab nur das Jetzt, den Moment.«
»Na, war in diesem Moment denn keine Beziehung?« fragt Claudia kritisch. »Doch«, Raymond lächelt. »Da war ganz viel. Dieser Moment hatte viel mit Sprache und Sprachlosigkeit zu tun. Ich hatte keine Muster für das, was da war, keine Erfahrungen für eine Beziehung mit dir. Obwohl ich schon 44 Jahre alt war.«

Beziehung ohne Muster

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© Foto: www.raymondjarchow.de

Die beiden beginnen wie von selbst, ihre Geschichte zu erzählen. Fragen, die in unseren Köpfen auftauchen, beantworten sie, ohne dass wir sie stellen müssen.
Ihr gemeinsamer Weg beginnt vor elf Jahren. Claudia, damals 22, ist mit der Bahn von ihrer Heimatstadt Rostock nach Greifswald unterwegs, um Freunde zu besuchen: Der Theologe Jochen Schmachtel hatte sie zu einer Fotoausstellung in den Räumen der Greisfwalder Ökumenischen Telefonseelsorge eingeladen. Claudia hat mit ihm in der Rostocker Telefonseelsorge zusammengearbeitet. Außerdem will sie die Frau besuchen, die ihre Tagesmutter war. Von ihr, auch Rollstuhlfahrerin, hat sie gelernt, sich souverän, nur durch das Medium der Sprache, durch die Welt zu bewegen: Wenn sie allein in der Stadt unterwegs ist und auf ein Hindernis stößt, spricht sie Passanten, Verkäufer, Bahnpersonal, Gastwirte und wer auch immer behilflich sein kann, unbefangen an. Jetzt lag ihre Kinderfrau mit einem spät diagnostizierten Gebärmutterkrebs im Krankenhaus, was Claudia zornig macht: »Das zeigt, wie sehr die Leute ausblenden, dass behinderte Frauen einen Unterleib haben.«
Jochen holt Claudia zusammen mit Raymond, dem Fotografen der Ausstellung, vom Bahnhof ab. Der will hilfsbereit aufspringen, als der Zug hält, aber Jochen hält ihn zurück: »Warte, die kommt alleine raus.« Nur die Treppe hoch zur Seelsorgestelle müssen sie Claudia tragen. Dort, in einem hohen Raum mit weißen Flügeltüren und Stuck an der Decke, hängen Fotos von Menschen aus Raymonds Leben zusammen mit Zitaten der Porträtierten. Neben einem Frauenporträt hängt ein Abschnitt aus einem Scheidungsurteil. Claudia vertieft sich in die Fotografien. Sie fährt von Bild zu Bild und verliert jegliches Gefühl für Zeit. »Das war eine enorme Intensität, diese Fotos haben mich total umgewedelt. Ich fühlte mich in diesem weißen Raum wie in einer weißen Gondel jenseits der Zeit«, erinnert sich Claudia. Raymond schaut ihr zu, versinkt in ihrem Schauen. Nach einer langen Zeit der Stille hockt er sich vor ihr auf den Boden und fragt, ob er sie fotografieren dürfe. Dafür würde er sie zu Hause besuchen. »Er sagte mir, ich solle mir überlegen, ob ich das wolle. Ich hätte ein schönes Profil. Ich sei viel Linie und wenig Körper. Mit diesem Satz hat er mich so auf den Punkt gebracht, ich habe mich so ›gesehen‹ gefühlt wie vielleicht noch nie zuvor. Ich fand es auch ein wenig dreist von ihm, das so zu sagen.« Sie tauschen Mailadressen aus.
Den Tag über lauscht Claudia der Begegnung nach. »Da war keine Verliebtheit. Es hatte in meinem Leben schon Verliebtsein und Männer gegeben, aber keiner wollte sich so ernstgenommen fühlen, dass er mit mir ins Bett gegangen wäre«, erzählt sie uns. »Schon damals wusste ich, dass ich eine schöne Frau bin, ich hatte nicht das Gefühl, dass mich jemand wachküssen müsste. Aber gegen Ende des Tages stieg immer häufiger die Sicherheit in mir auf: Ich habe meine zweite Hälfte gefunden. Das war nichts Aufregendes, eher eine große Beruhigung, dass es diesen Menschen gibt.«
Am Abend schreibt sie Raymond eine E-Mail, dass sie glücklich sei, ihm begegnet zu sein. An seiner Antwort am nächsten Morgen hingen zwei Bilder von verschiedenen Enden der Welt. Auf ihre nächste E-Mail hin antwortet er nicht mehr.
»Ich hatte schon angefangen, mit meiner Angst zu kämpfen«, erzählt Raymond. »Was Claudia als Gefühl der Sicherheit benennt, ihre zweite Hälfte gefunden zu haben, dazu sagte ich: Ich habe meine Seelenfrau gefunden. Damals hatte ich eine kleine Liebe. Wir gingen Klettern und verbrachten Wochenenden miteinander. Vielleicht gibt es neben ihr noch Platz für eine Seelenfrau, überlegte ich. Aber immer wieder drohte die Einsicht: Um Claudia kommst du nicht herum, das ist dein Schicksal, du musst ihm entgegenlaufen, es gibt keinen Punkt in der Tiefsee, wo du dich davor verstecken kannst. Davor hatte ich Angst. Ich erzählte dem Pastor Jochen von meiner Idee mit der Körper- und der Seelenfrau, aber der meinte nur trocken: Das wird nicht funktionieren.«

Mit Körper und Seele
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© Foto: www.raymondjarchow.de

Nach zwei Wochen kommt schließlich Raymonds Antwort, und sie treffen sich in Greifswald. Es fiel Raymond leicht, mit Claudia durch die Stadt zu gehen. Er kannte es, wenn die Leute wegschauen, weil man mit einem »Exoten« unterwegs ist. Sein Onkel, sein großes Vorbild als Kind, der mit ihm Ausflüge unternahm, Akkordeon spielen und vom Dreimeterbrett springen konnte, war ein Zwerg gewesen. »So war mir das Unterwegssein mit Claudia einerseits vertraut, aber bezogen auf mein Mannnsein, auf meine Sexualität – um Gottes Willen! Was war unter ihrem Kleid? Ein Gestrüpp von Schläuchen? Bloß nicht darunterkucken. Ich habe mich gewundert, warum sie nicht aufs Klo musste.«
Claudia lacht. »Du hast damals nicht mit meiner trainierten Blase gerechnet.« »Ja, als ich gemerkt habe, dass ich mich verliebe, das war schlimm. Sie hat mich angerufen, und ihre Stimme war so erotisch, ich war völlig verwirrt.«
Raymond besucht Claudia bald darauf in Rostock, wo sie mit Eltern, Schwester und deren Familie lebt. Er übernachtet im Gästezimmer. Als er am nächsten Wochenende wiederkommt, schlafen sie zusammen im Gästebett.
»Meine Mutter und meine Schwester haben es auf sich genommen, mich zu duschen, wenn ich aus unserem Bett kam«, erzählt Claudia. »Sie haben möglich gemacht, dass Raymond und ich eine körperliche Beziehung aufbauen konnten, die frei war von allem Pflegerischen. Sie waren großartig.« Als Claudia zur Welt kam, sagten die Ärzte, das Kind würde vielleicht drei Jahre alt werden. Doch ihre Eltern verließen sich nicht darauf, sorgten für Physiotherapie, um die Muskeln am Leben zu erhalten und ihre Mutter, selbst Ärztin, half ihr während diverser Lungenentzündungen beim Abhusten, das durch die mangelnde Muskelkraft kaum möglich ist.
Bald kommt die Zeit, in der Claudia und Raymond alleine unterwegs sein wollen und er auch die Pflege übernehmen muss. Das wird schnell zur Selbstverständlichkeit. Raymonds Umfeld staunt nicht schlecht über seine neue Verbindung. Oft begegnet ihnen die fixe Idee, er habe Claudia gerettet. »Das macht nicht nur sie klein, das macht auch mich klein, wenn ich in die Rolle des Retters gedrängt werde. Ich habe mich aber als Mann entschieden, nicht als barmherziger Samariter.«
Als sie zusammenfinden, ist es Hochsommer. Im Winter beschließen sie, zu heiraten und in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Im folgenden Sommer realisiert Raymond einen lange gehegten Traum und fährt für zwei Monate nach New York. Er entdeckt für sich die Straßenfotografie, ist jeden Tag acht Stunden wie im Rausch in der Stadt unterwegs und fängt »Seelenbilder« ein. Claudia erzählt er in E-Mails von dem, was er in den Straßen gesehen hat. »Gleichzeitig lag in all dem schon der Abschied von dieser Art, zu fotografieren, die voraussetzt, dass du allein bist, dass du dich treiben lassen kannst. Es war klar, dass ich Claudia nicht nochmal so lange allein lasse. Durch die Besonderheit unserer Beziehung wird vieles möglich, und gleichzeitig verhindert sie vieles.«
»Aber auch ich verzichte auf Dinge, seit ich mit dir zusammen bin«, ergänzt Claudia. »Ich vermisse Rostock. Greifswald ist sehr provinziell, aber wir haben uns für diese Stadt entschieden, weil du hier deine Arbeit hast.« Im Brotberuf ist Raymond Informatiker.
Dass in allem ein Abschied liegt, ist ein Signum ihrer Beziehung. »Ich habe lange in dem Bewusstein gelebt, dass meine Seelenfrau vielleicht nur wenige Jahre bei mir bleibt und ich dann fragen muss: Wo bist du jetzt?«, erzählt Raymond. »Als du den Kurs für Vikare mit Jochen in Ludwigslust geleitet hast und in der Nacht dieses Kältezittern hattest, bin ich ­neben dir mit dem Gefühl eingeschlafen, du würdest sterben. Ich war dabei irgendwie gelassen.«
»Dieses Zittern hatte nichts mit meiner Erkrankung zu tun«, erklärt Claudia. »Ich hatte mich verausgabt, das passiert bei Gruppenarbeit. Wir hatten intensiv an biografischen Themen gearbeitet. Das fordert viel Lebensenergie, deshalb die plötzliche Kälte in der Nacht. Wegen meiner Muskelkrankheit sind Erkältungen gefährlich, weil ich nicht husten kann. Der Tod ist immer bei uns, aber ich finde es nicht schlimm. Alle Schwermut hat auch etwas Intensivierendes, etwas Zurückwerfendes auf den Moment …«
»Ich möchte zwei Tage länger leben als du, damit ich noch ausschlafen kann«, lacht Raymond. »Wir schaffen es nie, rechtzeitig ins Bett zu kommen. Wenn andere Leute müde sind, brauchen sie sich nur die Zähne zu putzen und sich hinzulegen. Bei uns dauert die Prozedur vom Rollstuhl bis ins Bett eineinhalb Stunden.« Warum sie nicht früh genug ins Bett kommen, erklären auch ihre künstlerischen Projekte. Gerade arbeiten sie an der Ausstellung »Alte Männer« mit Fotos und Auszügen aus Interviews. Claudia überarbeitet die Texte und berät Raymond bei der Bildauswahl. »Aber sie übernimmt noch viel mehr«, erklärt Raymond. »Claudia managt uns, führt unser Konto, führt die Verhandlungen mit den Handwerkern, bereitet unsere Reisen vor und pflegt unseren großen Freundeskreis.« Das Fotoprojekt ist für Raymond eine Möglichkeit, die Intensität der Straßenfotografie durch das Unterwegssein in Lebensgeschichten zu verwirklichen.

Die gemeinsame Sprache
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© Foto: www.raymondjarchow.de

Es ist spät geworden. Als wir die Terrassentür öffnen, entweicht die warme Zimmerluft in großen Schwaden in die Nacht. Draußen hängt noch ein Weihnachtsstern. »Den müssen wir abnehmen, es ist schon der dritte Februar«, sagt Claudia. Ihr Vater ist Pastor. Der christliche Glaube und die Rituale seines Jahreskreises bestimmen ihre Welt. Raymond konnte damit lange nichts anfangen. »Aber in dem Moment, in dem ich lockergelassen habe, kam es bei dir von selbst«, erinnert sich Claudia. Ein Text des Theologen Fulbert Steffensky war für ihn ein Türöffner. »Steffensky schreibt, dass man sich nicht von Vollkommenheitsfanatikern die halberledigten Dinge kleinreden lassen darf. Es zählt auch, was du nur halb auf die Reihe bringst. Auch ein halber Glaube ist völlig in Ordnung.«
Letzten Sommer waren die beiden mit Claudias Familie und Raymonds mittlerem Sohn in einem Ferienhaus in Sachsen. Von dort sind sie oft allein in die kleine Kirche des Orts gegangen. Raymond hat einen Psalm gesprochen, Claudia gesungen.
Als sie das erzählen, sehe ich sie in dieser Kirche umringt von Hunderten von Menschen, obwohl sie dort allein waren. Vielleicht hört in solchen Momenten die ganze Welt zu. »Ich höre Claudia so gerne singen«, sagt Raymond. Langsam beginne ich, zu verstehen, welches Geschenk diese beiden Menschen in die Welt bringen.  


Tiefer in die Arbeiten von Raymond und Claudia eintauchen?
www.raymondjarchow.de

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