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Erotische Ökologie

Das hartnäckige Streben nach persönlicher Erfüllung in der Liebe ist, bei Licht betrachtet, ein ökologisches Drama. Es folgt dem Prinzip
des Nehmens von begehrenswerten Ressourcen statt dem der Gabe,
des ­Teilens und des Loslassens.

von Andreas Weber , erschienen in 13/2012

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In den ersten Februartagen, als es eisig war und in weniger als einer Woche die Gewässer um Berlin erstarrten, überzogen mit einer unwirklich weißen Decke, ging ich mit Esther und den Kindern zum Eislaufen auf den Glienicker See. Eine gelbe Sonne verlieh den Figuren lange Schatten und legte einen Hauch von Wärme in die gefrorene Luft. Halbwüchsige hatten Flächen vom Schnee befreit und zu Eishockey-Feldern verwandelt, auf denen sie einander jagten, mit fliegenden Schals und roten Gesichtern. Eltern zogen ihre Kleinen auf Schlitten über die Ebene. Alles schien in Bewegung. Und doch war der See so groß, dass weite Flächen unberührt dalagen und erst unsere sirrenden Kufen Spuren hineinschnitten.
Esther hatte sich von mir gelöst und glitt über das leere Weiß. Sie war eine große Sportlerin, der es heute oft fehlt, ihren Körper in der Lust seiner Bewegung zu spüren. Sie zog Kreise über das Eis, drehte sich im Schwung, fuhr ein Stück rückwärts, beschrieb Pirouetten, kehrte zurück und flog an mir vorbei. Sie saugte die Ferne, die ihr zu Füßen lag, geradezu auf. Es war kalt auf meinen Wangen, und ich konnte die Kälte auf ihren sehen, den Glanz ihrer Augen, die mich nicht wahrnahmen, während sie mich passierte.
Sie war hingegeben an den rasenden Schwung, den fliegenden Puls, die bebende Lust der Glieder. Sie hatte für einen Zeitbruchteil in der Bewegung ihr Gleichgewicht gefunden. Ich aber war nicht Teil dieser Harmonie. Es sah aus wie ein Tanz. Ja, es war ein Tanz, im singenden Eis, und sie tanzte ihn mit einem Schemen, der aus einer Sinnlichkeit gemacht war, die ich nicht zu teilen vermochte, nicht beim besten Willen.
Es versetzte mir einen Stich, Esther so verloren zu sehen, auf diesem frischesten Weiß, das sich langsam mit der Röte des Abends vollsog. Es versetzte mir einen Stich, und doch erfüllte es mich mit Leichtigkeit und Freude, den Tanz dieser Sehnsucht zu sehen, die sich schon in der Grazie der Bewegungen erfüllte, ohne dass sie mich in irgendeiner Weise enthielt. Ich liebte ihre Eleganz plötzlich mit derselben Intensität wie diese ganze gefrorene Welt in ihrer Strahlkraft, die nicht wärmte. Durch das Eis liefen Schauer, sein Panzer klagte gequält unter dem Druck. Der See stieß langgezogene Seufzer aus, als wären unter seiner Decke Wale gefangen. Eine unheimliche Welt, durch die ich glitt, und doch konnte ich nicht anders, als sie für ihre Schönheit zu verehren.



Von mir fort lieben
Auch Esther, so wusste ich auf einmal, konnte ich nur lieben. Ich musste sie geradezu von mir fort lieben und hin zu ihr selbst, in jene Welt der Grazie und der wortlosen motorischen Lust, die mir nicht im Geringsten angehörte. Wirkliche Empathie für sie hieß, eine Freiheit zuzulassen, die mir gefährlich schien. Aber es ging nicht um mich. Es ging um diesen kristallscharfen Splitter Schönheit, der aus ihren Augen funkelte und der in meiner Seele steckte.
Ich dachte zurück an die langen Nachmittage meiner Kindheit auf den kleinen, eisbedeckten Teichen, als ich meinem Schwarm Mara auf Kufen hinterhergehastet war, einfältig und atemlos, begierig nach einem Splitter Aufmerksamkeit, und als ich doch immer nur Stürze produzierte, die ihr ein verächtliches Naserümpfen und ein abschätziges Schütteln des blonden Pagenkopfs abnötigten.
Ich sah Esther nach, und plötzlich schien mir: Nicht das warme Lächeln, das aufmunternde Nicken im Vorbeigleiten war die wahre Übung der Liebe, sondern die Ferne zwischen uns. Diese Ferne auszuhalten, sogar zu erweitern und sie sich ganz mit der Persönlichkeit des anderen füllen zu lassen. Ich kam auf dem Eis unbeholfen zum Stehen und staunte.
Konnte es sein, dass wir uns alle in der Liebe täuschten? Dass wir übersahen, dass Bindung nicht im Gegensatz zur eigenen Freiheit und der des anderen steht, sondern mit ihr eine fruchtbare Polarität bildet? Wenn wir über Liebe sprechen, denken wir vor allem an Paare, an Zweisamkeit und Einklang. Wir denken an die Liebe zu uns selbst, nicht an die Liebe zur Welt. Aber Eros, der griechische Gott, galt schon in der Antike als tragische Gestalt. Er war nicht der Gott der genussvollen Erfüllung, sondern jener der emotionalen Intensität, die auch oder gerade in der Abwesenheit brennt.
Wenn lieben hieße, den Geliebten von mir fort zu lieben statt ihn zu meinem Besitz zu machen, waren wir dann nicht alle in einem gewaltigen Irrtum befangen? Hatten wir womöglich kollektiv vergessen, was als entscheidendes Moment Liebe erst gebar? Dass sie nicht ein beglückender Flirt war, sondern Maßstab des Gelingens jeder Beziehung? Hatten wir uns im Streben nach einer möglichst angenehmen Existenz, Anerkennung und allabendlichem Vergessen in ein Bild des Liebens verrannt, das uns von der Lebendigkeit fortführte und immer tiefer in eine Spirale der Bedürfnisse hineinsaugte, in deren Mitte nur das optimierte eigene Ich stand? Wir leben heute zwar in einer Zeit, in der das Gefühl für den anderen beständig im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht. Menschen wandern als permanente Liebessucher durch die Welt. Doch es scheint gegenwärtig, in der Zeit ubiquitärer Erotik und immerfort winkenden Verliebtheitsglücks geradezu eine Seltenheit, wenn jemand, der die Liebe gefunden hat, sie nicht wieder verliert.

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Festhalten und loslassen
Wir wissen zum Beispiel, dass ein Drittel aller Ehen geschieden wird, auf dem Eis der Herzen mit in die Ferne gerichtetem Blick gescheitert. Wir wissen, dass in Großstädten wie Berlin ein Drittel aller Kinder in getrennten Haushalten aufwächst, weil ihre Eltern nicht aufhören, nach dem für sie Richtigeren zu fahnden. Es gibt ein neues Waisentum, das nicht Seuchen und Kriege zur Ursache hat, sondern die Glückssuche ihrer bis zum Lebensende jung bleibenden Eltern. Die Lebenssicherheit der Kinder müsse daran nicht in Scherben gehen, glauben Psychologen und Pädagogen – etwa der Schweizer Kinderarzt Remo Largo in seinem Buch »Glückliche Scheidungskinder«. Eine amerikanische Langzeitstudie, die seit den 1980er Jahren Trennungskinder bis in ihr Erwachsenenleben begleitet, zeichnet ein anderes Bild. Es ist ein tiefes Trauma, plötzlich keine Eltern mehr zu haben, die beschirmen wie eine tröstende Macht, sondern einen separaten Vater und eine vereinzelte Mutter auf der Suche nach dem je eigenen Glück. Ich erinnere mich an das flatternde kleine Herz meiner Tochter, als sie einmal in einer schlimmen Streitsituation ihrer Eltern tonlos in mein Ohr flüsterte: »Wenn ihr euch trennt, will ich nicht mehr leben …«
Die Lektion, die verlassene Kinder für die Gesellschaft der Zukunft mitnehmen, könnte somit einzig darin bestehen, dass man auf dieser Welt alles an sich reißen muss, weil niemand einem etwas schenkt. Dies erst ist der Tod Gottes. Das Ende jeglicher Gnade. Auch die Kinder hieße es also von sich fort zu lieben, in ihr eigenes Leben mit seiner Neugier, seinem Glück, seiner Stabilität hinein zu leiten, ohne selbst beständig zu schauen, in welchem Maß das eigene Glück anschwillt oder abflaut.
Der See unter seinem frostglitzernden Eis, welches das sonst Unerreichbare magisch zugänglich machte, sandte auch Echos dieser kindlichen Stimmen zurück. Denn es war ja eine Kinderlandschaft, die sich auf ihm gebildet hatte. Kinder mit Schlitten erkundeten die runden Eilande, die sie sonst nur in der Ferne auf dem Seespiegel hatten schwimmen sehen. Kinder karriolten durcheinander, schlitterten auf den Hinterteilen weiter, nachdem sie gestürzt waren, wälzten sich als bunte Knäuel aus frost- und wasserdichten Thermoanzügen im Schnee.
All diese Kinder hatten Eltern nötig, die ihnen die Welt aufschlossen – aber nicht dadurch, dass sie ihre Sprösslinge auf die besten Schulplätze drängten, sie mit Spielzeug überschütteten und schon in der Vorschule zum Englischkurs anmeldeten. All diese Kinder hatten Eltern nötig, die sie als Menschen mit dem Bedürfnis nach innerer Freiheit und schöpferischer Produktivität begriffen. Eltern, die im richtigen Moment, auch gegen ihre eigenen Bedürfnisse, festhalten konnten. Eltern, die in einem anderen Moment, wider die eigene Sehnsucht, loszulassen vermochten.
Das Licht wurde röter, als rührte den Himmel eine Art zärtliches Mitleid über soviel Frost auf der Erde. Ich fragte mich: Wieviel hatte ich in meinem Leben von der Liebe erfahren? Gewiss, ich hatte ihren Glutkern auf der Wange gespürt und schlagenden Herzens im Leib, ich war von dem Ergriffensein emporgetragen worden, der rauschhaften Leichtigkeit, dass mich die Gegenwart eines anderen Menschen derjenige sein ließ, der ich in der Tiefe zu sein ahnte, plötzlich, unerwartet und in blendender Klarheit. Ich hatte die Liebe immer in jener Aufwärtsbewegung gesucht. Aber gefunden hatte ich sie in Nächten, in denen ich wieder und wieder erwachte, weil unser Sohn oder unsere Tochter fieberten, an Abenden, wenn ich entkräftet ins Bett fiel nach einem Tag voll getippter Zeilen, verbesserter Hausaufgaben, kleiner Rügen, nächtlich aufgehängter Wäsche; an Tagen, als mein Sohn, nachdem er das Aquarium gereinigt hatte, plötzlich sagte: »Wenn ich die Fische sehe, wie sie leben, bin ich so glücklich.« Ich habe die Liebe in der Aufwärtsbewegung gesucht, aber gefunden habe ich sie öfter mit gekrümmtem Rücken, als Licht inmitten unspektakulärer Mühen.
Auf dem harten, weißen Eis, zwischen all den Menschen, fragte ich mich, ob nicht auch mein eigener Irrtum darin bestanden hatte, Liebe als etwas Privates zu verstehen. Als einen Zustand des Ichs, den ich mit Hilfe eines anderen Ichs erreichen wollte. Vielleicht war die Liebe in Wahrheit kein Gut, das sich erwerben ließ, sondern eher eine Resultierende meiner Verbundenheit inklusive aller ihrer guten – und mühseligen – Verpflichtungen? Also in Wahrheit geradezu ein ökologisches Phänomen?

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Leben als Gabe
Wenn in der Liebeserfahrung mein Gegenüber in seinem höchsten Glück gerade mein tiefstes Begehren ist, dann enthüllt sich hier etwas Allgemeineres als ein privates Gefühl. Dann wird Liebe zu einem grundsätzlichen Aspekt des Lebendigseins. Sie ist das Erfolgserlebnis belebter Systeme, in denen es ja immer dar­um geht, die Freiheit des Individuums mit der des Ganzen in Einklang zu bringen. Unser hartnäckiges Beharren auf der erfüllenden Beziehung und ihrem privaten Genuss ist in der Tiefe ein ökologisches Drama. Es ist symbolisch für unsere ökologische Krise. Denn zur Idee der Liebe als einer Ressource, für die ich einen anderen Menschen brauche, passt spiegelbildlich die Auffassung, die ganze belebte Welt sei ein Ort des Kampfs um begrenzte Güter und die Evolution eine Geschichte der Sieger im Optimierungswettbewerb. Zu dieser Idee gehört, dass nichts geschenkt ist – weshalb man, um liebenswert zu sein, vor allem seinen Marktwert durch Attraktivität steigern müsse. Eine ökologische Auffassung der Liebe hingegen geht nicht davon aus, dass Glück nur errungen werden kann und davon schlauerweise nichts abgegeben werden darf. Sie glaubt im Gegenteil, dass alles Wesentliche immer schon geschenkt ist – aber nur, indem es von allen geteilt wird.
Eine Sicht der Liebe als ökologisches Phänomen orientiert sich an den Lebensbeziehungen der Biosphäre. Dort stellt ja auch die Konkurrenz nur eine Seite der Wirklichkeit dar. Um die Kaskaden der Stoffe und Existenzen überhaupt auszulösen, ist zunächst einmal eine Gabe ohne jede Gegengabe nötig: das vom Himmel geschenkte Sonnenlicht. Die Stabilität eines Lebensraums wird nicht dadurch gewährleistet, dass Arten und Individuen versuchen, andere zu überflügeln. Die Logik des Lebendigen besteht vielmehr dar­in, dass jede Art von irgendeiner anderen abhängig ist, dass ­jedes Nehmen durch ein Geben aufgewogen wird. Wie tief dieses Prinzip des Schenkens die Welt der Organismen prägt, haben wir wohl noch nicht in Ansätzen verstanden.
So wiegelt etwa das, was Biologen gern als evolutionären »Rüstungswettlauf« bezeichnen, Räuber und Beute nicht nur gegeneinander auf, sondern fesselt sie auch unablöslich aneinander. Winzige im Wasser schwebende Algen etwa, wie sie ähnlich auch unter dem schwarzen Eis im Glienicker See vorkamen, haben im Lauf ihrer Generationen immer kompliziertere Körperpanzer entwickelt, um Krebse, die sich von ihnen ernähren, abzuwehren. Diese brachten im Gegenzug weiter und weiter spezialisierte Mundwerkzeuge hervor. Schließlich hingen die Räuber vollkommen von einer Beuteart ab, weil sie nichts anderes mehr fressen konnten. Sie verschonen alle anderen potenziellen Beutetiere, für die sich andere Formen von Dominanz und Abhängigkeiten eröffnen. Das Resultat ist nicht ein »Besser«, sondern ein »Tiefer«: ein größeres Maß an inniger Verwobenheit, ein intensiverer Grad an realisierter Liebe in einem Biotop, die ein Beobachter vielleicht als dessen Schönheit erfährt.
Jeder Tod eines Organismus bereichert ein Ökosystem an Nahrung und Energie. So müssen etwa Wiesengebiete und Savannen regelmäßig abgefressen werden, um Graslandschaften zu bleiben und sich nicht in Wälder zu verwandeln. In den Worten einer Ökologie der Beziehung heißt das: Die Graspflanzen müssen ihren eigenen Leib hergeben, um weiter die sein zu können, die sie sind.
Vielleicht müsste man, um der Liebe als durchgängigem Lebensprinzip auf die Spur zu kommen, so etwas wie eine »erotische Ökologie« formulieren. Eine erotische Ökologie würde die schöpferischen Begegnungen der Lebewesen nachzeichnen. Sie würde in ihnen nicht nur Ursache-Wirkungs-Ketten sehen, sondern auch Sinnbilder des Existierens, Anleitungen, wie sich die Gleichgewichte der Lebendigkeit in all ihrer Poesie verstehen und nachschöpfen ließen. Eine erotische Ökologie würde die Empfindung von Freude als integralen Bestandteil eines gedeihenden Ökosystems erfassen. Eine erotische Ökologie könnte erkennen, dass jede Beziehung im Lebensnetz Sinn hervorbringt, weil es für die beteiligten Wesen um ihr ganzes Leben geht, also um das existenzielle Begehren, ein Selbst in einem Körper zu sein. Das Erotische daran ist, dass wir uns in dieser Erfahrung alle in jedem anderen widerspiegeln, weil wir alle einen sensiblen, verletzlichen, auf Bindungen wie auf die Luft zum Atmen angewiesenen Körper haben und seine Lust und sein Leid kennen. Eine erotische Ökologie folgt dem, was der südafrikanische Schriftsteller J. M. Coetzee einmal so beschrieb: Sich als lebendig zu fühlen heißt, sein eigenes Sein als Freude zu fühlen. Die Zärtlichkeit des Körpers ist das Erbarmen, nicht die Gier.

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Es ist diese Lebenszärtlichkeit, die wir nicht von den anderen als Leistung für uns erwarten dürfen. Im Gegenteil: Wir selbst sind den anderen, mit denen wir das Leben teilen, diese Gabe schuldig. Die Liebe in der Sichtweise einer erotischen Ökologie heißt emphatisch, den anderen fort zu sich selbst lieben zu können und ihn dadurch lebendiger zu machen. Sie heißt, das Ganze aufleben zu lassen, auch unter Inkaufnahme der Versagungen, die das mit sich führen muss – ja, sogar diese Versagungen als eine besondere Übung zu betrachten. Die ökologische Liebeskunst besteht dann darin, einem Menschen über den eines Tages immer notwendigen Abschied hin zu sich selbst zu verhelfen und ihn nicht als einen Besitz zur Optimierung der eigenen Lebenskraft zu behandeln.
Die erotische Ökologie folgt in ihrer Auffassung der Liebe dem Bild der Familie, nicht dem des romantischen Paars. Unser Verhältnis zu den Kindern fädelt das Ökologische und das Emotionale zusammen und gibt uns klare Handlungsanweisungen. Denn hier wissen wir, was gut ist: Wir haben unseren Kindern das Leben geschenkt und wollen ihnen mehr davon schenken, wir wollen sie lebendiger machen mit jeder Faser unseres Herzens. Unsere Kinder sind der erste Ernstfall der Liebe – und unser ökologischer Nullmeridian. Mit ihnen bilden wir das kleinste Kontinuum unseres Lebensnetzes. Wir führen die Sippe fort, als deren Teil wir geboren wurden, das Rudel, das sich in einem Ausschnitt der belebten Welt aus Meeren, Wäldern, Weideland und zugefrorenen Seen behaupten muss – oder besser: dem daran gelegen ist, diesen Ausschnitt erblühen zu lassen, indem es sich klug von den von ihm hervorgebrachten Wesen ernährt – und am Ende selbst von ihnen verspeist wird.
Glückt die Beziehung zu unseren Kindern, haben wir es – vorerst – geschafft, unser Wohl als Teil eines insgesamt intensivierten Lebens zu realisieren. Nicht auf der Jagd nach Erfüllung. Sondern in einem Ausgleich zwischen Schenken und Beschenktwerden. Die Liebe zu den Kindern ist ein Modell der Liebe als Loslassen. Darin ist sie vielleicht das Modell der Liebe zur Welt überhaupt.
Wir zogen uns die hartgefrorenen Eislaufschuhe an der Heckklappe des Wagens aus. Der Hund war schon hineingesprungen, er war zuletzt im Frost von einem Fuß auf den anderen getreten. Meine Tochter maulte, weil ihre Zehen taub waren. Meine Frau sah versonnen vor sich hin, unansprechbar. Ich drehte mich noch einmal zum See. Die Sonne wälzte sich langsam über die Eisfläche und ging dann unmerklich hinter der Ebene unter. Ein rosiger Glanz blieb in der Luft. Es schimmerte wie Perlmutt, ein Licht wie im Inneren einer Muschel, die sich langsam um uns schloss.


Andreas Weber (44) Philosoph und Biologe, lebt als Journalist und Schriftsteller mit seiner Familie in Berlin und Varese, Ligurien.


Liebeslebendigkeit, in Worte gegossen:
Die Bücher »Alles fühlt« und »Biokapital« von Andreas Weber sind im Berlin Verlag erschienen. Sein letztes Buch »Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur« kam bei Ullstein heraus.

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