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Wir leben von der Bodenkrume

Geseko von Lüpke sprach mit dem Geo­logen David Montgomery, dessen Buch »Dreck« eindringlich vor den Gefahren der Vernichtung fruchtbarer Böden warnt.

von David Montgomery , Geseko von Lüpke , erschienen in 12/2012

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© Foto: Privat

Herr Montgomery, wir nennen unseren ­Planeten »Erde«. Im Deutschen bezeichnet man auch den Boden als »Erde«. Doch oft ist Erde für uns nur »Dreck«. Warum ist das so?

Auch das englische »Earth« kann beides bedeuten. Das scheint mir ganz passend, denn der Erdboden, die Haut der Erde, ist derjenige Teil des Planeten, der das Leben nährt und gedeihen lässt. Diese Mixtur aus verwittertem Gestein und organischen Stoffen ermöglicht Leben. Wie eine Art Schimmelschicht zieht sie sich über den Planeten, und die gesamte Menschheit und alle Ökosysteme beziehen daraus ihre Lebendigkeit.
Der Erdboden ist buchstäblich die Grundlage der Zivilisation, und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Er lässt die Pflanzen wachsen, und wir essen Pflanzen. Unsere Nahrung kommt entweder direkt von Pflanzen oder indirekt, indem wir Tiere essen, die sich von ihnen ernähren. Wir stehen an der Spitze der Nahrungskette, sind aber essenziell abhängig von ihrem Anfang.

Wie entwickelt sich fruchtbare Erde, und wieviel Zeit braucht so ein Prozess?

Fruchtbare Erde ist ein Gemisch aus verwittertem Felsgestein, ihrem mineralischen Anteil, und dem biologischen Anteil – organische Materie, abgestorbene, recycelte Lebewesen. Erst diese Verbindung schafft Fruchtbarkeit. Unter natürlichen Bedingungen dauert es sehr lange, bis ein Zentimeter Erde ensteht, manchmal 500 Jahre. Mit Energie- und Arbeitseinsatz lässt sich dieser Prozess vom Menschen beschleunigen, aber in der Natur läuft er sehr langsam ab.

Sein letztes Buch hat Charles Darwin den Regenwürmern gewidmet. Können Sie etwas über die Bedeutung dieser Bodenlebewesen sagen, die Teil des »Drecks« sind?

Überall auf dem Planeten pflügen sich Würmer und andere Tiere durch die Erde und vermischen die mineralischen Bestandteile des Bodens mit den organischen, die sie ständig verstoffwechseln. Diese Verwandlung von abgestorbenen Pflanzen und Tieren zu Erde kann man sich als ein großes Recycling von Nährstoffen vorstellen. In tropischen Gebieten, wo der Boden sehr arm ist, weil es so viel Regen gibt und es so heiß ist, ermöglicht genau dieses ständige Recyceln das Wachsen des Regenwalds.

Und was bedeutet dieses Verständnis für die landwirtschaftliche Nutzung der Böden?

Wir müssen uns den Erdboden als Ökosystem vorstellen. Unsere heutige Art der Landwirtschaft funktioniert nur, weil wir Düngemittel in den Boden einbringen. Das verlangt nach billiger Energie, die im nächsten Jahrhundert nicht mehr zur Verfügung stehen oder sehr teuer werden wird. Unsere Landwirtschaft basiert aber auf billigem Öl, und so kann dieses System nicht von Dauer sein. Für Geologen ist es einfach, hundert Jahre in die Zukunft denken – ich bin es auch gewohnt, Millionen Jahre in die Vergangenheit zu denken. Wir sollten uns heute fragen, wie wir unsere Gesellschaft in hundert Jahren ernähren, und da wird ökologische Landwirtschaft enorm wichtig.
Das wird aber bisher von den Regierungen nicht verstanden.
Leider ist das so. Bei den Recherchen zu meinem Buch begegnete ich immer wieder dem Argument der Politiker und Agrarindustriellen, dass ökologische Landwirtschaft die Welt nicht ernähren könne, aber das ist falsch. Die produktivsten landwirtschaftlichen Betriebe der Welt sind kleine, ökologische Farmen. Die Herausforderung besteht nun darin, wie wir landwirtschaftliche Produktion im Post-Öl-Zeitalter in ­großem Maßstab ökologisch betreiben können, und das müsste erforscht werden. Es ist eine Herausforderung für die Forschung ebenso wie für die Kultur. Wir müssen diese Forschung jetzt angehen, denn es wird Zeit kosten, diesen Wandel umzusetzen, ­Dekaden, vielleicht Jahrhunderte, aber wir haben wohl nicht mehr Jahrhunderte Zeit.

Wäre es zu radikal, zu sagen, dass die Geschichte des Bodens zugleich die Geschichte des Lebens ist?

Nein, das lässt sich durchaus so sagen. Schon in sehr früher geologischer Zeit hat sich auf der Oberfläche des Landes Erdboden entwickelt, und sobald Leben diesen Boden bewohnte, schuf es mehr Boden und fruchtbareren Boden, so dass sich das Leben vermehrte, was wieder mehr Erdboden schuf – eine Feedback-Schleife. Ob wir die Geschichte des Bodens in unserem Vorgarten oder die Geschichte der Erde des ganzen Planeten betrachten – immer ist es die gleiche Geschichte.

Können wir Menschen uns als so etwas wie sich bewegende, denkende und sprechende Erde vorstellen?

Ja, dass Menschen mobile, intelligente Erde sind, ist eine ganz naheliegende Vorstellung, denn jeder Bestandteil unseres Körpers ist durch die Erde recycelt worden.

Welche kulturelle Entwicklung hat unsere Beziehung zum Boden am meisten geprägt?

Das war sicherlich die Erfindung des Pflugs. Sie hat einem einzelnen Bauern ermöglicht, viele Menschen zu ernähren. Noch heute ist das Pflügen eine unserer grundlegenden landwirtschaftlichen Methoden und hat als solche gute wie schlechte Seiten. Einerseits hat sie die Nahrungsmittelproduktion enorm vorangebracht, andererseits hat sie die Erosion fruchtbarer Böden ­eingeleitet – ein Prozess, der sehr langsam beginnt, aber sich mit der Zeit addiert. Schon gegen Ende der Jungsteinzeit war nach über 500 oder 1000 Jahren intensiver Landwirtschaft in Europa in vielen Gegenden der gute Boden verschwunden. Danach ging die Bevölkerung stark zurück, und es brauchte Jahrhunderte, bis sich der Boden unter Waldbewuchs regenerieren konnte. Das ist die Geschichte der Zivilisationen. Kultur um Kultur, Region um Region erging es so – beinahe überall.
Erst mit der Zeit begannen die Menschen über Bodengesundheit nachzudenken. Die neuen Ideen zum Ackerbau aus dem 17. und 18. Jahrhundert in Nordeuropa waren ein großer intellektueller Schritt für die Menschheit. Damals entwickelte man bestimmte Fruchtfolgen und Techniken wie das Einbringen von Dung in die Erde oder den Wechsel von Tierhaltung und Ackerbau auf dem gleichen Stück Land. Viele frühere landwirtschaftliche Traditionen hatten bereits Elemente davon verwirklicht, aber ein umfassendes Verständnis entwickelte sich erst damals. Im 19. Jahrundert kamen die Düngemittel auf – basierend auf der Erkenntnis, dass man mit Stickstoff, Phosphor, Kalium und Kalk die landwirtschaftliche Produktion stark steigern kann. In der Grünen Revolution des 20. Jahrhunderts wurde die Entwicklung moderner landwirtschaftlicher Technologie noch weitergetrieben.

Wieviel Boden ist durch die Folgen der Landwirtschaft bereits verlorengegangen?

Da variieren die Schätzungen zwischen einem Drittel und 43 Prozent degradiertem Boden weltweit. Wir haben nicht den gesamten Erdboden dieses Anteils verloren, aber die Produktivität dieses Landes ist extrem beeinträchtigt. Der produktivste Teil der Erdschicht liegt in den obersten paar Zentimetern, in der Bodenkrume. Die erodiert zuerst. Zum Beispiel ist im Missisippi-Becken so viel Bodenkrume verschwunden, dass man pro Person in den USA einen ganzen Lastwagen damit füllen könnte. Global betrachtet, verlieren konventionell bearbeitete landwirtschaftliche Flächen einen Millimeter Boden pro Jahr. Das scheint zwar sehr langsam, aber wenn man bedenkt, dass überhaupt nur ein paar Zentimeter fruchtbaren Bodens existiert, würde es nur noch ein oder zwei Jahrhunderte brauchen, bis fast alles davon verschwunden ist.

Welchen zentralen Punkt müssten wir angehen, um diese Entwicklung zu stoppen?

Der eine ist die Erosion und der zweite die Bodenfruchtbarkeit. Erosion lässt sich am besten entgegenwirken, indem das Land immer mit Vegetation bedeckt bleibt. Wenn Monokulturen angepflanzt werden, liegt das Land aber große Teile des Jahrs als nackte Erde zutage. Außerdem zehren Monokulturen den Boden aus, deshalb ist die jahrhundertealte Praxis, immer wieder Leguminosen, wie Bohnen oder Klee, zu pflanzen, sehr wichtig, denn sie bringen wieder Stickstoff ein. Das Bodenleben in einem Wald, einer Wiese oder einem mit Mischkulturen bebauten Feld ist enorm vielfältig, anders als bei Monokulturen, wo man häufig Krankheitserreger im Boden und Unkraut bekämpfen muss, so dass chemische Pestizide und Herbizide eingesetzt werden. Die meisten dieser Gifte sind Breitbandgifte, sie töten alles, auch die Bodenlebewesen.

Gehen wir also nicht nur auf Peak Oil zu, sondern auch auf Peak Soil?

Dem Ende des Öl-Zeitalters gehen wir unentrinnbar entgegegen, aber ob wir das Ende fruchtbarer Böden erleben, hängt von unseren Entscheidungen ab. Denn wir können unsere landwirtschaftlichen Praktiken ändern. Wir können uns für ein anderes Schicksal entscheiden.
Wenn alles so weitergeht wie bisher, schätze ich, dass der Verlust der Bodenfruchtbarkeit in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zu einer in großem Maßstab existenziellen Bedrohung werden wird. In dieser Zeit, in der es immer schwerer werden wird, ohne Kunstdünger auf den ausgelaugten Böden überhaupt noch Ernten einzufahren, wird auch das Öl knapp werden, so dass die erdölbasierten Düngemittel kaum mehr verfügbar sein werden.

Gibt es auch positive Beispiele, wie Menschen mit ihrem Boden umgehen?

Sicherlich gelingt es manchen Farmen, die Bodenfruchtbarkeit durch ihr Wirtschaften sogar noch zu verbessern. Menschen müssen nicht zwingend eine Plage für ihr Land sein. Die Indigenen Amazoniens konnten rund um ihre Dörfer über lange Zeit hinweg fruchtbare Erde schaffen. Sie brachten die Asche ihrer Feuer und den Inhalt ihrer Latrinen hinter ihre Dörfer und bauten so in einer eigentlich unfruchtbaren Gegend eine sehr reiche Erde auf. Den Holländern gelang es, wunderbar fruchtbare Erde in Poldergebieten aufzubauen, indem sie viele organische Abfälle und viel Arbeit einbrachten. Leider sind solche Beispiele Ausnahmen.

Welche alternativen Modelle gibt es denn heute, den Erdboden respektvoll zu behandeln und wachsen zu lassen?

Eine wichtige Entwicklung ist die pfluglose Bodenbewirtschaftung. Leider wird sie in vielen Fällen mit hohem Herbizid- und Pestizideinsatz verbunden, aber das muss nicht zwingend so sein. Erfreulich ist, dass es in der ganzen Welt ökologisch wirtschaftende Farmen gibt, die hohe Erträge ernten können und profitabel wirtschaften, auch weil sie wenig Geld für Ackerchemie ausgeben. Wie man diese Praxis auf große Gebiete der Welt ausweiten könnte, ist eine wichtige Frage. Wir wissen bereits, wie sich in kleinem Maßstab organisch wirtschaften lässt, aber wir brauchen noch viel mehr Unterstützung von Regierungen und größere soziale Anerkennung für ökologische Landwirtschaft, damit sich ihre Praktiken verbreiten. Deshalb denke ich, dass die größte Herausforderung keine technologische ist, sondern die Änderung unserer Philosophie, unserer Haltung gegenüber der Erde. Wenn wir Erde nicht als ausbeutbare Ressource, sondern als Teil einer Treuhänderschaft zwischen den Generationen begreifen, würde sich alles ändern.

Herzlichen Dank für das Gespräch. 



David Montgomery (50) ist Professor für ­Bodenwissenschaften an der University of ­Washington in Seattle, wo er eine Forschungsgruppe zur Geomorphologie leitet.

Pflichtlektüre über das Lebensfundament:
Das Buch von David Montgomery »Dreck. Warum unsere ­Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert«, 2010 im oekom-Verlag erschienen, sollte in keinem Bücherregal fehlen.
Dank der Subvention des Bundes bei der Bundeszentrale für politische Bildung ist das Buch für moderate 4,50€ als eBook erhältlich.

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