Wie schmeckt Kassel?

Lichtwurzeln, Obstbäume und frisches Wildgemüse mitten in der Stadt

von Ulrike Meißner erschienen in 01/2010

Die Kultur einer Gesellschaft und die Kultivierung des eigenen Lebensraums hängen eng zusammen. Wie das konkret gelebt werden kann, zeigen die Aktivitäten des Vereins »Essbare Stadt« in Kassel.

Dass es »essbare Landschaften« gibt, hat sich in der Hotelbranche herumgesprochen. Ein Kräuterbetrieb dieses Namens in Mecklenburg-Vorpommern führt seit Jahren vor, wie sich vergessene Kräuter und Wildgemüse wieder in Wert setzen lassen. Nun gibt es die erste »essbare Stadt«, und das ist Kassel. »Wir wollen unsere Stadt zukunftsfähiger machen«, sagt Karsten Winnemuth. Gemeinsam mit fünfzehn Freunden gründete der Mittvierziger im Mai 2009 den Verein Essbare Stadt. Seine Definition von Zukunftsfähigkeit stammt aus dem Repertoire der internationalen Transition Town Bewegung, die 2006 als Bürgerinitiative für eine Energiewende in dem englischen Städtchen Totnes ihren Anfang nahm. Demnach ist eine Stadt nicht zukunftsfähig, weil sie mit innovativer Industrie glänzt, sondern weil ihre Bürger den Übergang in eine postfossile, regionale Subsistenzwirtschaft einüben.

Essbare Stadt hat einen soliden Hintergrund. So war das Vorläuferprojekt »Kulturpflanzen-Pflanzenkultur-Permakultur« bereits Bestandteil der Bewerbung der Stadt Kassel zur Kulturhauptstadt Europas. Schon im Jahr 2005 hat Karsten Winnemuth einen Experimentiergarten unter dem Namen »plan t« initiiert, angegliedert an die gut vernetzte Kulturinitiative TRA.FO am Lutherplatz (www.trafohaus.eu). Dort kann man auf kleinster Fläche seltene Kulturpflanzen erleben, die im Garten vermehrt werden. Essbare Stadt geht nun einen Schritt weiter. Nussbäume, Esskastanien und diverse Obstsorten sollen den öffentlichen Freiräumen eine neue Qualität und Aufgabe geben.

Mittlerweile hat der Verein dreißig Mitglieder. Sie arbeiten daran, Nutzbiotope und wertvolle Kultur- und Wildsorten in die Stadt zu bringen. In Vorträgen und Kursen vermitteln sie Kulturtechniken wie das Veredeln, Pflanzen und Pflegen von Bäumen. Mit der Verbreitung solcher Fertigkeiten wächst, so ist zu hoffen, auch das Bewusstsein über die Abhängigkeit von den natürlichen Lebensgrundlagen. Offenbar klappt die Vermittlung des Vereinsanliegens: Das Umwelt- und Gartenamt der Stadt Kassel hat sechs Flächen für die ersten Pflanzungen angeboten. Allein im Stadtteil Waldau soll bald ein halber Hektar zur Verfügung stehen, auf dem neben Baumpflanzungen auch der Anbau von Gemüse zur Selbstversorgung möglich ist. Über die Details der Nutzungsverträge wird mit der Stadt gesprochen.

Mit neuem Schwung wollen die Vereinsmitglieder auch eine Initiative wiederaufleben lassen, die bereits 2007 großen Erfolg hatte: »Subsistenzspaziergänge«. Für dieses Jahr sind saisonale Erntespaziergänge geplant. Wer wissen will, wie Kassel schmeckt, hat hier die beste Gelegenheit zu einer Verkostung.

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