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Wir haben unsere Seelen verkauft

Lara Mallien sprach mit Martin Häusler über sein neues Buch »Fürchtet euch nicht! Die Vertreibung der Deutschen Angst.«

von Lara Mallien , Martin Häusler , erschienen in 11/2011

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Martin, du hast dich in deinem neuen Buch auf die Suche nach dem Phänomen der »Deutschen Angst« gemacht, die als »German Angst« sprichwörtlich für die Panik der Deutschen vor Zusammenbrüchen, Epidemien oder Katastrophen steht. Wie bist du zu diesem Thema gekommen?

Es fing während der Weltfinanzkrise von 2008/2009 an, mich zu beschäftigen. Ich merkte, wie das Angstpotenzial um mich herum rapide anstieg. Freunde wurden vom Burnout heimgesucht, weil sie sich dem Druck in ihrer Firma nicht entziehen konnten, andere wurden depressiv, weil ihre Altersversorgung, mit denen die Banken gezockt hatten, verschwunden war. Und ich hörte sogar Geschichten von Bekannten, deren Freunde sich nach Geschäftsbankrott die Kugel gaben. Ich las Studien, die diesen beobachteten wie gefühlten Zustand bestätigten: Die Deutschen haben so viel Angst wie noch nie. Und sie waren psychisch noch nie so krank wie heute.
Dieses deutsche Grundgefühl erklärt der Politikwissenschaftler Manfred Schmidt mit der kollektiven Erinnerung an Krieg, Vertreibung, Flucht, massenhaften Tod und die ökonomischen Traumata wie die Hyperinflation von 1924 oder die Währungsreform von 1948. Das habe den »gesamten Gesellschaftskörper« durchgeschüttelt, sagt er. ­Jedes Ereignis, das unsere materielle Sicherheit bedrohen könnte, führt somit zu kollektiven Ängsten. Mich interessierte, wie wir diese Angst wieder loswerden.

Hast du Erfahrungen mit Angstgefühlen in deinem eigenen Leben gemacht?

Als Kind war ich definitiv ängstlicher als heute. Ich erinnere mich, wie die Angst jedesmal mit mir zu Bett ging. Sie lag dunkel neben mir, hing über mir oder stand am Fuß­ende. Mal war sie der Tod und redete mir beharrlich ein, ich würde ein für allemal von der Bildfläche verschwinden, wenn es soweit sein sollte. Keine Chance auf ewiges Leben oder so. Es wird schwarz, und Schluss. Mal war sie die Einsamkeit, die mir weismachen wollte, meine Mutter würde sich umbringen, obwohl gar kein Anlass dafür bestand. Mal war sie die Vernichtung, genährt von Bildern in der »Tagesschau«, die das nukleare Wettrüsten beschrieben. Das waren Ängste meiner Kindheit Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre.

An diese kindliche Angst vor dem Sterben erinnere ich mich auch deutlich. Das ist wohl etwas zutiefst Menschliches. Irgendwann verschwindet sie dann wie von selbst.

Ja, als ich älter wurde, waren diese Ängste bei mir völlig verflogen. Weder der explodierte Reaktor von Tschernobyl konnte mir Furcht einflößen noch das Ozonloch, auch nicht die Anschläge vom 11. September. Meine Welt war wohl so von Geborgenheit durchtränkt und mit zahlreichen Perspektiven gespickt, dass ich keinen Grund sah, um irgendetwas zu bangen. Erst später, Mitte 30, kamen die ersten harten Niederschläge. Eine erste ernsthaftere Erkrankung wie aus dem Nichts, und genauso aus dem Nichts der Jobverlust. Zum Glück kam jedesmal im richtigen Moment ein rettender Engel vorbei, in Form einer Begegnung, einer Inspiration, einer Chance. Eine großartige Frau hat mich auf den Weg der Genesung gebracht, indem sie mir alternative Heilkonzepte aufzeigte. Und ein großartiger Mann ermöglichte mir, die Idee meines ersten Buchs in die Realität umzusetzen. Das Vertrauen hatte schnell gewonnen, und die Weisheit meiner kölschen Heimat hat sich als äußerst stimmig erwiesen: »Et hätt noch immer joot jejange!«
Allerdings wurde mir mit der Zeit mehr und mehr bewusst, wie sehr die Angst vor materiellen Verlusten unsere Gesellschaft beherrscht, und ich dachte mir: Moment! Nur weil wir etwas verlieren, denken wir, wir seien verloren und klammern uns an die Mär vom ewigen Wachstum?

Wie ist dann dein Buch über die Angst ­entstanden?

Ich bin durchs Land gereist, um Kronzeugen der Angst zu treffen – viele erfahrene und weise Menschen, Künstler und Manager, Politiker und Aktivisten, Wissenschaftler und Sportler, Glaubensleute und Medienmacher, Finanzberater und Psychotherapeuten. Ich wollte von ihnen lernen und ihre Erfahrungen weitergeben an eine Leserschaft, der die Angst täglich im Nacken sitzt, und ich erfuhr Dinge, mit denen ich in dieser Offenheit niemals gerechnet hätte. Ich war erstaunt, wie offen die Menschen von ihrem Glauben gesprochen haben, einem Glauben unabhängig von der jeweiligen Religionsform. Das schien ihnen die Angst zu nehmen. Der Fußballtrainer Christoph Daum plädierte zum Beispiel in einem höchst intensiven Gespräch für die Kraft des Geistes. »Die einen mögen es Gott nennen, die anderen Placebo-Effekt oder Self-fulfilling Prophecy«, sagte er mir. »Das alles hat mit dem Glauben zu tun. Und der Glaube versetzt Berge.« Die Wirkung des Glaubens, so Daum, sei längst bewiesen worden. Das funktioniere. Man müsse nur die Techniken kennen und sie über einen längeren Zeitraum einüben.

»Glaube« erscheint mir als pauschaler Begriff schwierig. Im Namen des Glaubens an verschiedenste Religionen oder Ideologien wurden und werden Kriege geführt …

Glaube ist im Lauf der Menschheitsgeschichte unzählbar oft vergewaltigt, missbraucht, instrumentalisiert und pervertiert worden. Von Staaten, von Führern, von Ins­titutionen und vor allem von den Kirchen selbst. Aber ich denke, der reine und unschuldige Glaube in seiner Urform hat etwas Grundgutes. Er wohnt jedem Menschen inne und ist ein unsagbar großer Schatz, den viele schlicht vergessen haben. Den Glauben, den ich meine, würde ich mit der Vokabel Sehnsucht übersetzen. Sehnsucht nach Erfüllung. Und Glaube ist immer aktiv und selbstbestimmt.

Dieses Gefühl kann ich nachvollziehen. ­Gerade deshalb tue ich mich aber schwer damit, vom Glauben als »Technik« zu sprechen. Das erscheint mir fragwürdig und ­typisch für unsere technisierte Welt.

Sprechen wir vom Glauben, geraten wir aber automatisch an Techniken wie Meditation, Gebet, Visualisierung oder dem zielgerichteten Wünschen. Was, bitte, ist daran »typisch für unsere technisierte Welt«? Das sind uralte Methoden, die nachweislich die kreative Kraft des Geistes aktivieren und in unserer materiellen Welt de facto zu Konsequenzen führen. Die Frage ist, ob wir die Welt denen überlassen, die diese Techniken in Form eines Brainwashings missbrauchen oder ob wir endlich dagegen halten.

Meditation oder Visualisierung, als »Technik« gedacht, ist doch nichts anderes als geistiger Hochleistungssport. Wenn zum Beispiel Manager sich mit solchen Methoden vor dem Burnout bewahren, um weiter in ihrem Job funktionieren zu können, finde ich sie regelrecht schädlich. Vielleicht geht es weniger darum, diese Techniken nicht zu missbrauchen, sondern um einen Ausstieg aus dem Denken, mit einer »Technik« alles den Griff bekommen zu können?

Man kann geistige Techniken natürlich als Hochleistungssport ausdeuten. Und man kann auch in Skeptizismus an ihrer Wirksamkeit zweifeln. Beides tue ich nicht. Es gibt längst wissenschaftliche Hinweise dar­auf, dass Meditation und Gebete positiv wirken. Ich sehe in ihnen die Möglichkeit, zu entschleunigen, neue Energien einfließen zu lassen, ja sogar Heilimpulse zu senden – zu sich selbst, zu anderen, in die Gesellschaft. Für mich ergeben diese Techniken aber nur Sinn, wenn sie liebevoll aus dem Herzen kommen und nicht kalkuliert vom Verstand, wenn sie mit einem neuen Bewusstsein einhergehen. Das bedeutet kein Weiter-wie-bisher, sondern einen neuen Weg der inneren Versöhnung und damit der Selbst- und Nächstenliebe. Ich halte die Liebe für den Gegenpol der Angst. Insofern ist es elementar, ob wir die Szenarien glauben, die uns Politik, Medien, Industrie und Werbewirtschaft weismachen wollen, oder wir uns mit unserem Glauben an die Alternative und an den guten Ausgang Kraft geben. In diesem Zusammenhang gibt es noch eine Antwort in meinem Buch, über die ich sehr gestaunt habe.

Welche war das?

Der Medienmanager Bernd Kundrun, einst Chef des Großverlags Gruner+Jahr, gab offen zu, gegen seine Ängste psychologische Methoden und philosophische Herausforderungen zu suchen. Er sagte mir, dass ihm die täglichen Sorgen vor beruflichen Niederlagen, Krankheiten oder Tod niemand nehmen könne. Das einzige, was er tun könne, sei, ständig daran zu arbeiten, dass sein Geist in der Lage ist, damit umzugehen. Diese geistige Weiterentwicklung beschrieb er als Lust, eine intellektuelle Herausforderung, zugleich aber auch als eine Pflicht. »Es geht für mich darum, mich von einem Leben zu emanzipieren, das durch Programmierungen, die Erziehung und gesellschaftliche Erwartung vorgegeben ist. Dieses Leben möchte ich durch das Schreiben eigener Programme möglichst bewusst und reflektiert selbst gestalten. Wie schön ist das! Das wäre mein Erfolg im Leben!« Das von einem Medienstrategen, der sich in Gefilden von Turbokapitalismus und Sozialdarwinismus bewegt, zu hören, ist meiner Ansicht nach vorbildlich.

Welche Erwartungen und Programme meinte er da? Bemerkst du selbst in dir auch solche Programme?

Eines meiner gelernten Programme ist zum Beispiel, dass materielle Sicherheit und lückenlose Berufsplanung mit zum Wichtigsten auf dem Wege zum Lebensglück gehören. In meiner Familie habe ich das mit auf den Weg bekommen. Mein Vater, dem beruflich die schier unlösbare Aufgabe zuteil geworden ist, die Finanzen der Stadt Leverkusen zu sanieren, wollte immer auch die privaten Finanzen und Karrieren in geordneten Bahnen wissen. Eine elterliche Nachkriegsgeneration, die Mangel und Wiederaufbau hautnah miterlebte, kann wohl nicht anders. Es scheint mir die Aufgabe unserer Generation, uns von dieser Prägung zu emanzipieren und ein tief empfundenes »Es wird schon!« als geistige Vertrauensvariable in die Lebensgleichung einzusetzen.
Dahinter steckt doch pure Logik: Montieren wir die uns Sicherheit gebenden Ankerpunkte in einem bis in die letzte Faser durchkommerzialisierten Alltag nur noch in materiellen Bereichen, können wir uns heute nur in Verlustängsten verlieren. Verlagern wir unsere Ankerpunkte jedoch ins Immaterielle, verbinden wir unsere Zuversicht also mit einer geistigen Instanz in uns, wären wir nicht mehr den vergänglichen Dimensionen unseres Lebens ausgeliefert. Wir könnten endlich loslassen und dabei ganz beruhigt sein.

Aber ist es mit einer »geistigen Orientierung« schon getan? Das kann auch ins andere Extrem umschlagen, in eine Missachtung der »vergänglichen Dimensionen«.

Damit meinte ich das goldene Kalb des Materialismus, den Irrglauben an ewiges Wachstum und an die Glückseligkeit durch Besitz und Status. Auf der Suche nach vermeintlicher Sicherheit haben wir uns und unsere Seelen verloren. Zu den geistigen Dimensionen zähle ich auch moralische und ethische Seinsfragen sowie die Selbstreflexion. Derer wurden wir durch den Turbokapitalismus ebenso beraubt. In einem System, das nur noch beschleunigt, Druck aufbaut, Angst erzeugt und keine Zeit mehr lässt für klare Gedanken, ist ein nachhaltiges Leben und Wirtschaften unmöglich.

Hab Dank für den intensiven Austausch. 



Martin Häusler (37) arbeitet seit 18 Jahren als Journalist. Nach Publizistik-, Geographie- und Soziologiestudium ging er zu Gruner+Jahr und zu Axel Springer. Heute ist er freier Autor.

Martin Häusler in seinen Büchern begegnen:
»Fürchtet euch nicht!« (2011) und »Die wahren Visionäre ­unserer Zeit« (2010) sind beide bei Scorpio erschienen.

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