Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Gemeinschaft will gelernt sein

Wolfram Nolte sprach mit der Gemeinschaftstrainerin Barbara Strauch­ über ihre Erfahrungen in Gemeinschaften und ihre Workshops zur Gemeinschaftsbildung.

von Barbara Strauch , Wolfram Nolte , erschienen in 11/2011

Bild

Barbara, du bist seit gut einem Jahr Teil einer kleinen Gemeinschaft in Oberösterreich. Ist das die erste Gemeinschaft, in der du lebst?

Schon in meiner Jugend bei der katholischen Jungschar habe ich mich für gemeinschaftliches Leben interessiert und engagiert. In einem größeren Gemeinschaftsprojekt mit ambitioniert ökologischen und menschlichen Zielen habe ich zumindest schon zweimal gelebt. Das erste startete ich 2005, als ich 49 Jahre alt war, im Innviertel. Doch wurde das Land, auf dem wir gemeinsam einen Hof ausgebaut haben, uns zwar mündlich zugesagt, letztlich aber doch nicht an uns verkauft. Also bin ich von dort nach vier Jahren Vorbereitungszeit wieder weggegangen. Meine zweite intensive Gemeinschaftszeit war dann die PionierInnengruppe der österreichischen Initiative »Keimblatt Ökodorf«. In diesen zehn Monaten im Projekthaus habe ich sehr wichtige Werkzeuge kennengelernt, unter anderen das »Dragon Dreaming« von John Croft und die »Soziokratie« von Gerard Endenburg. Vierzig Hektar am Stück zu finden, war aber ein zu ehrgeiziges Ziel, das in der vorgesehenen Zeit nicht erreicht werden konnte. Darum habe ich mich wieder auf die Reise begeben. Damals, 2009, habe ich auch angefangen, Gemeinschaften und Co-Housing-Projekte zu beraten. Großgruppenmoderation und Projektmanagement waren auch im Zivilberuf meine wichtigsten Kompetenzen. Als Sozial- und Gemeinwesenarbeiterin habe ich viele Erfahrungen mit Gruppenprozessen machen können. Es war für mich ein sehr spannender Übergang, meine hier erworbenen Kommunikationskompetenzen für Gemeinschaftsbildungsprozesse nutzbar zu machen.

Was hat dich bewogen, jetzt mit sieben anderen Menschen in den Naturhof Pramtal zu ziehen? Welche Erfahrungen hast du in diesem Jahr gemacht?

Zur »Hofgemeinschaft 2010«, so nannten wir uns damals, war ich im März 2010 gestoßen. Einige aus der Gruppe hatten sich in einem Vorläuferprojekt kennengelernt. Ausschlaggebend waren die gemeinsamen Schwerpunkte Ökologie, landwirtschaftliche Selbstversorgung, Kindergruppe, gemeinsame Kasse, Selbstentfaltung und Spiritualität. Das Finden und Kaufen eines Hofs ist dann in nur zwei Monaten über die Bühne gegangen. Die Konflikte dieser ersten Zeit bestanden vor allem aus Bedürfnisabklärungen: Was will ich hier umsetzen? Wer macht mit? Diese Auseinandersetzungen sind erst durch das Zusammenleben richtig konkret geworden. Auch wenn man im Vorfeld eine intensive Visionsarbeit macht, kommen viele versteckte Erwartungen erst in der Umsetzung ganz ans Licht. Zugeständnisse kann man in der ersten euphorischen Phase (der Gemeinschaftsforscher Scott Peck nennt sie »Pseudophase«) leicht machen. In der folgenden konfrontativen Phase (»Chaos«) klärt sich dann erst real, wo die eigenen Grenzen liegen. Also eine Probezeit muss auch so eine Pioniergruppe miteinander machen. Erst nach einem Jahr war bei uns klar, welche Menschen gemeinsame Interessen verfolgen und wer sich doch etwas anderes vorgestellt hatte. Inzwischen haben wir ein sehr schönes Zusammenleben, das viele Menschen anzieht. Wir freuen uns schon auf den Erweiterungsprozess – obwohl von den Pionierinnen und Pionieren noch nicht einmal alle ein eigenes Zimmer haben.

Was hat euch bei diesem Klärungsprozess geholfen?

Das waren die Redekreise und das »Co-Counseling«. Wir haben das bei den »Weg-des-Kreises«-Camps des indianischen Medizinmanns Manitonquat Medicine Story gelernt. Im Redekreis sagst du dir gegenseitig so viel Wahrheit wie möglich, natürlich gewaltfrei, wie Marshall Rosenberg uns das lehrt. Und wenn du doch einmal so geladen bist, dass du schimpfen und schreien möchtest, dann suchst du dir einen Co-Counseling-Partner und beschwerst dich bei dieser unbeteiligten Person, und nicht beim Auslöser deiner Gefühle selbst. Der Mensch, auf den du grade ganz schlecht zu sprechen bist, der hat ja möglicherweise ursächlich gar nichts mit deinem meist tief sitzenden Ärger zu tun, also soll er deine Wut auch nicht abkriegen. Nun darfst du also schimpfen und heulen, ohne dass du damit wieder jemanden verletzt, und du wirst auch nicht unterbrochen dabei. Meistens kommt bei diesen ungeheuer heilsamen Prozessen der überschäumende Fluss der Emotionen zur Ruhe. Danach redet es sich dann im Kreis wieder ganz geordnet, und die wichtigste Regel im Redekreis – nämlich ausschließlich respektvoll über jeden anderen zu sprechen – kannst du mit geklärten Gefühlen wieder ganz leicht einhalten.

Du gibst auch Seminare zum Gemeinschaftstraining und zur Gemeinschafts­findung. Welche Ziele verfolgst du damit?

Nachdem ich das Leben in Gemeinschaft nun seit vielen Jahren auch selbst erfahren habe, biete ich seit kurzem »Gemeinschaftstrainings« an. Dieses »Lernfeld in drei Teilen«, wie ich es nenne, beginnt mit dem Ich, der Selbsterforschung, und führt über das Du, die Phase des Erlernens sozialer Fähigkeiten und des Umgangs mit den Werkzeugen einer achtsamen Kommunikation, zum Wir, wo es um das Projektmanagement und die Umsetzung geht. Mir liegt vor allem dar­an, den Wert von ritualisierter Kommunikation erlebbar zu machen. Gemeinschaften sind zur Zeit in aller Munde, und da gibt es jetzt eine Menge Menschen, die nach Gemeinschaften suchen oder selber welche gründen wollen. Für mich ist das ziemlich schön, dass sich da gerade so viel tut. Mein Lebensziel habe ich erreicht, wenn die Hälfte aller Österreicherinnen und Österreicher in gemeinschaftlichen Wohnformen leben. Also habe ich in den kommenden fünfzig Jahren noch einiges zu tun.

Was gibt dir die Kraft und Zuversicht für ein so hochgestecktes Ziel?

Durch mein Scheitern in der Kleinfamilie nach zwanzig Jahren, eine anschließende »große Liebe« und dann durch den plötzlichen Tod meines Freundes bin ich ganz neu in dieses Leben geworfen worden. Ich habe »Ja«-Sagen gelernt und fühle mich heute mit dem göttlichen Fluss recht gut verbunden. Nach meinen »Lehrjahren« im Familienstellen, in verschiedenen therapeutischen Methoden und Selbsterfahrungsgruppen ist mir Jesus als mein ursprünglicher Freund und Lehrer wieder viel näher gekommen, z. B. sein Wort »Geben ist seliger als Nehmen.« Es entspricht meiner Erfahrung in unserer Gemeinschaft, dass jeder von uns richtig selig nur dann ist, wenn er oder sie reichlich Gelegenheit zum Geben hat. Darum ist auch diese weitverbreitete Angst ziemlich absurd, dass man sich in Gemeinschaften vor dem Ausgenutztwerden in acht nehmen müsse. Wir müssen uns in Wahrheit viel mehr vor dem Überarbeiten-bis-zum-Umfallen schützen! Jeder gibt so unendlich gerne alles, was er hat – bis zur Selbstaufgabe. Also keine Furcht vor »Faulenzern«! Hingegen muss das Annehmenkönnen von Hilfe und Unterstützung durch viel Übung gelernt werden!

Glaubst du, dass angesichts der Krisen unserer Zeit Gemeinschaftsbildung einen Ausweg darstellt?

Ich glaube, Gemeinschaften bzw. gemeinschaftliche Lebensformen sind die Antwort auf fast alle Probleme unserer Zeit, egal, ob Klima, Rohstoffe, Wirtschaft, Finanzen oder die Frage nach dem persönliche Sinn. Denn wir können auf diesem Planeten nur überleben, wenn wir uns zusammentun.
Ich sehe auch die Transition-Bewegung als Teil dieser Gemeinschaftsbildung. Wir müssen nicht alle unsere Wohnungen und Einfamilienhäuser verlassen, um in Gemeinschaftsprojekte zu ziehen. Es freut mich sehr, dass es da heute eine weltweite Bewegung gibt, die die Zäune zwischen den Einfamilienhäusern überflüssig werden lässt. Aus den kleinen Gemeinschaftsfeuern werden ganze Flächenbrände. Ich sehe das als einen Erfolg der Bewusstseinsarbeit, die unter anderem auch von der Ökodorfbewegung ausgegangen ist. Für mich sind solche Forschungsbiotope weiterhin enorm wichtig. Von ihnen wird auch in Zukunft viel Inspiration ausgehen.

Wie stellst du dir die nächsten fünf bis zehn Jahre vor? Was ist deine schönste Vision? Und welche Zukunftspläne hast du ganz konkret?

Ich fühle mich im Naturhof Pramtal vollständig zu Hause. Seit ich hier lebe, bin ich so sehr ich selbst wie nie zuvor. In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir hier etwas richtig Schönes aufbauen: Es werden Seminarräume entstehen, und viel Platz für große Events wird geschaffen. Wir möchten hier die österreichischen CircleWay-Camps mit Manitonquat Medicine Story veranstalten, Seminare für Gemeinschaftsbildung oder auch »Mit Pferden Sein« und Kinder-Wildnis-Lager. Wir wollen unserem Namen »Nachhaltig leben lernen in Gemeinschaft« voll gerecht werden.
Persönlich sehe ich mich weiterhin Menschen motivieren, diesen Sprung zu wagen. Er lohnt sich wirklich! Für mich ist es die Rückkehr ins Paradies. So muss das Leben in Stämmen vor der »Vertreibung« wohl gewesen sein. Geborgenheit und Sicherheit für Mütter und Kinder, Zugehörigkeit und Achtung für die Älteren, Zusammengehörigkeit von Männern mit Männern und Frauen mit Frauen. Und viel Raum, Unterstützung und Schutz für die Liebespaare, die nicht zwangsweise auch Elternpaare sein müssen. Eltern sind im »Dorf« nämlich alle Erwachsenen, alle, die sich verbindlich bereit erklären, da zu sein – füreinander und für »unsere« Kinder!

Ganz herzlichen Dank für das Gespräch! 


Barbara Strauch (55), Mutter von drei erwachsenen Kindern, gelernte Hochbautechnikerin und Diplomsozialarbeiterin, Mitbegründerin des ­österreichischen Netzwerks für gemeinschaftliche Lebensformen »Austrotopia«.

Da bewegt sich was gemeinsam:
www.nahopra.at, www.austrotopia.net
www.barbarastrauch.at

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!