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Wir wollen nicht auswandern

Eine Familie versucht, ihren Kindern in Deutschland selbstbestimmtes Lernen zu ermöglichen.

von Nanette Mittelstädt , erschienen in 10/2011

Die Geschichten mögen sich gleichen, aber es ist wichtig, sie immer wieder zu erzählen: Wie es Familien ergeht, die mit Homeschooling im Ausland gute Erfahrungen machen und, zurück in Deutschland, diese Praxis aufgeben müssen.

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W ir sind acht Menschen zwischen zwei und sechsundvierzig Jahren, und es sieht so aus, als wären wir das, was heutzutage unter »heiler Familie« läuft. Papa ist leidenschaftlicher Handwerker mit mäßigen Einkünften, und ich hoffe auf den Moment, wo ich mich meiner heiltherapeutischen Massagepraxis widmen kann. Gegenwärtig stemmen wir alle gemeinsam die restlichen Renovierungsmaßnahmen an dem Haus, dass hoffentlich unsere endgültige Bleibe sein wird.
Seit der Geburt unseres ersten Kindes ist uns bewusst geworden, wie wichtig uns ein respektvolles Miteinander auch gegenüber Kindern ist. Als unser Ältester schulpflichtig wurde, haben wir uns mit ihm zusammen für eine Freie Schule entschieden, deren Konzept uns sehr gefiel. Wie sich später her­ausstellte, wurde das Konzept zu dieser Zeit leider nicht mehr in die Realität umgesetzt. Das mussten wir auch an weiteren alternativen Schulen feststellen. Zu unserem großen Kummer verlor unser erster Sohn in den ersten beiden Schuljahren massiv an Selbstvertrauen und Lerneifer.
Wir waren mittlerweile zu sechst und wanderten, der Arbeit wegen, vorübergehend nach Lanzarote aus. Anstelle von Schule gab ich dem Jungen Lernaufgaben und las parallel Bücher über Erfahrungen mit dem Freilernen von Stefanie Mohsennia oder John Holt. Letztlich vertrauten wir dem Alles-wissen-Wollen unseres Acht- und des Vierjährigen. So kamen wir in den Genuss, die Vorzüge des Freilernens schätzen zu lernen, denn unsere Kinder lernten jetzt schnell, intensiv und mit Begeisterung, so wie wir es von ihrer Kleinkinderzeit her kannten. Der Ältere blühte wieder auf, die Jungs waren ausgeglichen und fröhlich, ohne Streit und Aggressivität.

Wurzeln schlagen in Mecklenburg
Zurück in Deutschland, wollten wir um keinen Preis die wiedergewonnene Lernfreude der Kinder durch den Schulbesuch gefährden. Uns war bewusst, dass es in Deutschland den Schulzwang gibt, also die Schulanwesenheitspflicht, und so formulierten wir für den Großen einen Antrag auf Beschulung bei der international arbeitenden Schulinstitution Clonlara, die auch in Deutschland Freilerner schulisch begleitet.
Der Antrag wurde rundheraus abgelehnt. Mit einer illustren Liste kompetenter Lernvermittler hatten wir gehofft, der Forderung der Schulbehörde nach Kompetenznachweisen zu genügen: Literaturwissenschaftler, Anglisten, Dr. Dr. der Biologie und Physik, Mathematiker, Geografielehrer – und meine Großmutter mit vierzig Jahren Lehramtspraxis in der Volksschule. Ihnen allen wurde abgesprochen, in der Lage zu sein, außerhalb eines Schulgebäudes Kindern Wissen vermitteln zu können.
Unangemeldet standen ein halbes Jahr später Vertreterinnen und Vertreter der staatlichen Schule, des Jugendamts und des Sozialamts vor der Tür, um unsere Kinder wegen unseres Clonlara-Antrags zu »begutachten«. Das Ergebnis war Unverständnis für unser Vorgehen; eine der Damen war in den USA gewesen und meinte, bei den dortigen Schulverhältnissen seien Freilerner nachvollziehbar, aber doch nicht in Mecklenburg-Vorpommern! Die Drohung »Sorgerechtsentzug« stand derart akut im Raum, dass wir nun doch die »Auflage« erfüllten und auch noch den Jüngeren an einer Waldorfschule anmeldeten.
Leider verlor auch der Kleinere bald die Lust am schulischen Lernen, und beide wurden immer unglücklicher. Zwischenzeitlich genossen wir kurze Besuche in Irland, Schweden und Dänemark. Überall war freies Lernen selbstverständlich, und wir sahen, wie unsere Kinder dabei aufblühten. Trotzdem wollten sie lieber nach Hause zurück, als in einem fernen Land zu leben. Dafür wollten sie auch zur Schule gehen, »wenn man denn unbedingt muss«.
Auf der Suche nach einem Haus trafen wir auf einen Schulamtsleiter, der meinte, wenn die Entfernung zur Schule eine unzumutbare Härte darstelle, könne das Gesetz so ausgelegt werden, dass die Clonlara-Lösung erlaubt würde. Leider klappte es nicht mit dem Erwerb des Hauses in seinem Bezirk, und wir zogen in ein uraltes Pfarrhaus bei Parchim.

Ein Leidensweg
Mit dem Schulbus fuhren von hier aus die mittlerweile drei Schulpflichtigen in die Freie Evangelische Schule. Unser Zweiter war dort sehr gerne, aber nur, bis sein toller Lernbegleiter die Schule verließ. Der Älteste nahm sein Schicksal hin und war »anwesend«, ohne Lernfreude. Der Jüngste mochte von Anfang an nicht in die Schule, weinte viel und reagierte mit Kopf- und Bauchschmerzen. Erschwerend kam hinzu, dass das Land Mecklenburg-Vorpommern seit diesem Jahr nur noch die Beförderung bis zur nächstgelegen staatlichen Schule finanziert. Das war für uns finanziell nicht mehr leistbar. Jetzt traf für uns der Härtefallparagraf zu, der auch im hiesigen Schulgesetz eine Ausnahmegenehmigung von der Schulanwesenheit ermöglicht. Unser Antrag darauf wurde ­jedoch sofort abgelehnt: Wir hätten jederzeit die Möglichkeit, unsere Söhne an die staatliche Schule zu schicken.
Nachdem unser Ältester vom Schulbusfahrer tätlich angegriffen worden war, traumatisierte dies die Kinder derart, dass sie nun nicht mehr mit dem Bus fahren wollen. Ich muss nun also täglich sechs müde Kinder wecken und fahre am Tag hundertzwanzig Kilometer, um drei meiner Kinder an einen Ort zu bringen, an dem sie nicht sein wollen und der ihnen viel Lebensfreude nimmt. Die drei Jüngeren müssen notgedrungen mit. Wenn wir durch die prekäre Arbeitslage zu Hartz-IV-Beziehern würden und uns das Benzin nicht mehr leisten könnten, würde das für uns das Ende der freien Schulwahl und den zwangsweisen Besuch der Staatsschule bedeuten. Durch die langen Autofahrten bleibt mir derzeit keine Möglichkeit, meinen Berufswunsch Wirklichkeit werden zu lassen, ganz abgesehen von der Belastung der Kinder und der Umwelt.
Statt dass die Behörden unser Engagement für unsere Kinder anerkennen, meint man, aus unseren Anträgen auf Befreiung von der Schulpflicht eine Gefährdung des Kindeswohls erkennen zu müssen. Das Schulamt Schwerin behält sich vor, uns beim Jugendamt anzuzeigen, um prüfen zu lassen, ob das Sorgerecht zu entziehen sei. Man bedenke: Wir haben nie das Schulgesetz gebrochen, und wir haben legale und begründete Anträge auf Ausnahmegenehmigung von der Schulpflicht gestellt, und unsere Söhne gehen nach wie vor zur Schule. Wir möchten mit unseren Kindern in Deutschland leben. Wie lässt sich hier endlich eine andere gesetz­liche Situation, zumindest ein anderer Umgang mit Ermessensspielräumen erreichen? Höhlt nicht der stete Tropfen den Stein? 


Nanette Mittelstädt (34) ist Mutter von sechs Kindern zwischen einem und vierzehn Jahren. Sie ist Heilpraktikerin in spe mit medizinischem und pflegerischem Hintergrund. Telefon: (03 87 36) 7 79 48.

Material, um den Stein weiter zu höhlen:
Dokumentarfilm über die Mittelstädts
Original-Filmadresse bei RTL 2: www.rtl2.de/rvp/schnaeppchenhaeuser/?vid=2099.10201; gekürzter Film (ohne Werbung): www.bvnl.de
Internet
www.leben-ohne-schule.de, www.patfarenga.squarespace.com
Literatur
Stefanie Mohsennia: Schulfrei: Lernen ohne Grenzen. Anahita Verlag, 2010 • John Holt und Patrick Farenga: Bildung in Freiheit. Genius Verlag, 2009

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