Der Inhalt dieser Webseite ist unbezahlbar!

Sie können aber dazu beitragen,
dass hier immer wieder neue Artikel zu lesen sind!

• Ja, ich möchte Oya unterstützen

• Ich unterstütze Oya bereits

• Nein, ich möchte kostenfrei weiterlesen

• Ich möchte ein kostenloses Probeheft bestellen

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Essenz der Demokratie: Die Commonie

Gedanken zu einer möglichen Form der Post-Kollaps-Gesellschaft.

von Johannes Heimrath , erschienen in 10/2011

Bild

Wie, der Pöbel will mitbestimmen? Darüber konnte die Athener Aristokratie nur die Nase rümpfen.« So der Greifswalder Politikwissenschaftler Hubertus Buchstein zu den ersten Regungen der Demokratie, anlässlich einer Bürgerkonferenz in Klein Jasedow. Für Aristoteles war die Herrschaft (kratia) des dummen Volks der Armen (demos) die schlechte Variante gegenüber der Politie, der Herrschaft der Freien, Vernünftigen. Noch heute diffamiert man die direkte ­Demokratie; es käme nur Dummheit heraus, ließe man das Volk entscheiden.
Ich fürchte, dieser Ur-Schatten, der auf Begriff und Idee der Demokratie lastet, wird im Wetterleuchten des heraufziehenden »Storm of Change« nicht heller, sondern dunkler. Die in dieser Oya-Ausgabe vorgestellten Projekte für eine »echte« Demokratie und die Mühe unzähliger weiterer fürstreitender Menschen sind gar nicht hoch genug zu preisen – ich selber bin ja auch dabei, den Traum von dem, was Kulturkreative unter einer verwirklichten Demokratie verstehen, zu befeuern. Doch sehe ich mich auch in der Pflicht, die Frage zu stellen, was ist, wenn unser gutes, bürgerliches Wollen von den nicht minder angestrengten Bestrebungen der antidemokratischen Kräfte in der Welt überholt wird? Denn das für breite Bevölkerungsschichten in der sogenannten ersten Welt komfortabelste politische Modell der Geschichte erfährt überall ­gewaltigen Schaden durch das Großkapital, das immer schamloser nach absoluter Dominanz strebt. Das ist am deutlichsten in den Vereinigten Staaten zu sehen, seit der Oberste ­Gerichtshof der USA im Januar 2010 den Unternehmen erlaubt hat, mit unbegrenzten finanziellen Mitteln die ihnen genehmen politischen Kräfte zu kaufen. Ich hörte Rick Perry, den republikanischen Gouverneur von Texas und Bewerber um die amerikanische Präsidenschaftskandidatur, seinen Anhängern zubrüllen: »We say: Government, get out of our way!« – Regierung, aus dem Weg! Mach endlich Platz für das Kapital!
Vielen unserer engagierten Leserinnen und Leser ist bewusst, dass die »Märkte« – das Casino der immer reicher und einflussreicher ­Werdenden – die Regierungen, gerade die demokratisch gewählten, vor sich hertreiben. Mit welcher Macht dies aber mittlerweile geschieht, ist wenigen klar. Das Gezappel von ­Merkel, Sarkozy & Co. angesichts der bröselnden Euro-Finanzen ist nur ein ablenkender Slapstick vor dem Vorhang, hinter dem sich eine noch nie dagewesene Allianz aus Groß­kapital und reaktio­nären Despoten bereit macht, auch die bisher sich frei dünkenden Gesellschaften zu übernehmen. Könnte ich eindringlicher auf die sich rasend beschleunigende Erosion der wertvollsten demokratischen Errungenschaften hinweisen­ als mit der Tatsache, dass der Schuldenberg allein in Deutschland pro Stunde um mehr als 8 Millio­nen Euro anwächst? Beim amerikanischen Staatshaushalt sind es mehr als 2 Millionen Dollar in ­jeder einzelnen Minute! Die Wirtschaft ist zu ewigem Wachstum verdammt …
Noch einmal die Frage: Was ist, wenn unsere Bemühungen um die Fortentwicklung des demokratischen Gesellschaftsmodells – und nach dem Gesagten darf man wohl schon von Verteidigung, wenn nicht Rettung sprechen – scheitern?
In Ausgabe 2 von Oya beschwor ich die Kraft der Vision, mit der wir ein gutes Leben in der zukünftigen Post-Kollaps-Gesellschaft bereits ins Heute herein­ziehen können und müssen. Seitdem habe ich mit vielen Menschen nachhaltige Gesellschaftsmodel­le durchfantasiert, die die Kategorie des Herrschens hinter sich lassen. Sie sollten auch sicher vermeiden, dass sich unter dem edlen Schirm der Freiheit ein System wie der Kapitalismus in seiner letalen Endphase entwickeln kann und damit der zweite und dritte Ruf der französischen Revolution ad absurdum geführt wird: Gleichheit und Brüderlichkeit. Herausgekommen ist die »Commonie«.

Die Commonie – ein vertrauter Begriff
Vor einiger Zeit teilte ich in einer Oya-Denkrunde mit Silke Helfrich ein Sofa, und unser Gespräch drehte sich einmal mehr um die Notwendigkeit, das Prinzip »Allmende« zum Angelpunkt politischen Handelns zu machen. Als schwierigste Hürde für die Etablierung einer konsequent auf der nachhaltigen, gemeinsamen Bewirtschaftung der Commons aufbauenden Gesellschaftsordnung hatten wir den grundgesetzlich verankerten, an die natürliche oder juristische Person gebundenen Eigentumsbegriff am Wickel, dicht gefolgt von der Schwierigkeit, uns im Rahmen bestehender Verfassungen die vollständig verwirklichte Selbstbestimmung der Teilhaber einer Allmende vorzustellen. Gemeinschaftserfahrene Menschen wissen: Das ist eine fundamentale Voraussetzung für den Erhalt von Gemeingütern. Auch die Wirtschaftsnobelpreis­trägerin Elinor Ostrom hat das unmissverständlich begründet.
Wir kauten auf dem witzigen Begriff »Ecommony« herum, mit dem Friederike Habermann gelegentlich die Ökonomie in Richtung Allmendewirtschaft umdeutet. Da stand plötzlich ein elektrisierendes Wort im Raum: »Commonie«. Es schien mir auf leuch­tende Weise frei von Herrschaft, frei von Gier, Dogma und Ungerechtigkeit, frei und ­fähig, das stultistische (von lateinisch ­stultus, »dumm«) Zeitalter zu überwinden. »Commonie« – Gesellschaftsform des Gemeinsamen, des Füreinanders, der Achtung und des Respekts vor allem, was da ist. »Commonie« – wäre das nicht ein Entwurf, der wie ein Filter das kostbare Elixier der Demokratie in ein frisches, neues Gefäß leitet und die ausgelaugten Zutaten für die sorgfältige Verwertung als Kompost der Geschichte abscheidet?
Auf dem wenig ökologischen Heimweg im Auto testete ich spaßeshalber mit Lara Mallien und Matthias Fersterer die Fähigkeit des Worts, ein ganzes Bedeutungsnetz zu tragen. Nicht schlecht: »Commonie« gründet in der trivialen, nichtsdestotrotz essenziellen Erkenntnis, dass wir als Menschheit mit allem Leben, mit allen Bausteinen des Lebens, mit der Lebenslust all dessen, was die Natur umfasst, uns selbst eingeschlossen, verbunden sind. Dazu bekennt sich heute kein politisch wirksames System uneingeschränkt.
Doch warum »Commonie« (mit betontem »ie«)? Als ­Deutsche könnten wir »Allmendie« sagen – denn gibt es einen schöneren ­Begriff für die Grundlage eines solidarischen Gemeinwesens als das alte deutsche Wort »Allmende«? Im Austausch mit europäischen Freunden wurde jedoch ein Terminus nötig, der auch auf Englisch, der heutigen Lingua franca, funktioniert. Romanophone Gesprächspartner missverstanden die Anglisierung »Allmendy« wegen der Nähe zu »Alemania« und »Allemagne« als »Deutschlerei«. Der englische Wortvorschlag »Commony« hingegen führte zu spontanem Handschlag: Great! So lade ich dazu ein, »Commonie« anzunehmen wie das schöne deutsche Wort Mütze (von arabisch mustaqah).
Das zweite »o« in Commonie ist essenziell. Es bindet das Modell an die Commons und vermeidet die Verwechslung mit jenen zum Teil problematischen Denkformen und Ismen, die mit »Kommun…« beginnen. Auch dürfte die Bezeichnung für die Einwohnerschaft einer Commonie nicht mit »…ist« und »…istin« enden. Um uns Deutschsprechenden zugleich das große Binnen-»I« und die sperrige explizite Nennung beider Genera zu ersparen, schlage ich dafür gleich eine geschlechtsneutrale Endung vor: »Commone« (Betonung auf der zweiten Silbe); als Mann wären Sie ein Commone, als Frau eine Commone, und beide wären Sie Commonen.
Inwiefern ließe eine Commonie bekannte Gesellschafs­modelle, die auf »…tur«, »…archat« oder »…archie«, »…kratie« oder »…ismus« enden, hinter sich? Ihre soziale Gestalt, ihr Verhältnis zu Lebensressourcen und Eigentum, die Leitlinien ihrer Ökonomie und politischen Organisation, Entscheidungsfindung und Kultur unterscheiden sich grundlegend von heutigen Gegebenheiten. Sie hat einiges mit indigenen Systemen gemein, integriert aber das exzellente Wissen und Können unserer Zeit. Es wäre ein Aufbruch in eine neue Welt, in die »bessere Welt«, von der nicht zuletzt diejenige Hälfte der Menschheit träumt, die sich derzeit das eine Prozent des globalen Vermögens teilt, das die andere Hälfte übrig lässt.

Grundlagen der Commonie – eine Annäherung
Spielen wir also für diesmal ein bisschen mit den ethischen und emotionalen Grundlagen der Idee der Commonie. Die technische Organisation einer commonischen Gesellschaft lasse ich beiseite. Sie wird sich im Weiterdenken ergeben, und gewiss werden andere Schönes dazu beitragen, sollte das Modell »zünden«.

Eigentum und Beziehung in der Commonie
Gehört in der Commonie allen alles? Oder nur das, was alle nutzen? Ich fühle das elementarer: In der Commonie würde ­primär alles sich selbst gehören. Das würde aus bisherigen Objekten, über die der Homo industrialis sich anmaßt, räuberisch zu verfügen – ­
Boden, Pflanzen, Tiere, Kinder, Arbeitskräfte, Dinge, Wasser, Luft – Subjekte machen: Träger und Präger je eigener Rechte. Und es würde zumindest die menschlichen Subjekte mit der impliziten Pflicht erfüllen, achtungsvoll, dankbar, lebensfördernd und allen anderen Subjekten gegenüber dienend in der Welt zu sein. Trivial ist, dass viele der das menschliche Leben erhaltenden Interaktionen zum Tod der dienenden Subjekte führen – atmen, essen, sich kleiden und behausen. (R)evo­lu­tionär wäre es, wenn die Commonen aus der Erkenntnis dieses Aufeinanderangewiesenseins heraus die Empathie zum wichtigsten Bildungsziel ihres Gemeinwesens machten. Nicht auszudenken, was für reiche, zutiefst menschliche Lernräume auf dieser Basis entstünden …
Das, was im Kapitalismus als Eigentum gilt, wäre in der Commonie mit einem umgekehrten Vektor versehen: Nicht ich mache etwas zu meinem Besitz, sondern ich gehöre mit allem, was mir eigen ist, dem Leben als Ganzem, der menschlichen und der mehr-als-menschlichen Naturwelt als Eigentum an. Ich wäre frei wie jedes andere Subjekt, die Nähe und Ferne, die Qualität meiner Beziehungen zu den wiederum mir sich zueignenden Wesen und Dingen temporär oder lebenslang commonisch zu gestalten – nutzend, vermehrend, umwandelnd, erhaltend, liebend, sorgend. Das würde von allen, die dazu in der Lage sind, respektiert und gewürdigt.

Ökonomie in der Commonie
Kann unter solchen Voraussetzungen noch etwas »objektiv« quantifiziert und verkauft werden? Oder endet mit der Rückkehr der »Objekte« in das Eigensein als Subjekt das Waren-Paradigma? Ereignet sich das commonisch verstandene Eigentum nicht eher als Qualität der individuellen oder kollektiven Verbundenheit? Für die Commonie scheint mir die Ökonomie der Gabe der Ausgangs- und Bezugspunkt aller Austauschvorgänge zu sein, gleich, ob dafür materielle Zeugen – etwa ein Würdigungsmittel wie die »Goldmarie« (siehe Oya 8) oder ein kollektives Werttransportmittel wie Kupfer oder Honig – genutzt werden. Nota bene: Die Commonen bestimmen die Regeln, nach denen sie wirtschaften, selbst. Und im intercommonischen Austausch sind viele unaufwendige, kreative Methoden des Ausgleichs denkbar, die zu allgemein anerkannten guten Bräuchen werden. Selbst so etwas wie Geld könnte nützlich sein.

Die Organisation der Commonien
Commonien wären vermutlich so individuell organisiert, wie die sie kon­sti­tuie­renden Commonen eigen-artig sind: Familien, Gemeinschaften, Nachbarschaften, Dörfer, Straßenzüge, Stadtteile, Städte, Regionen könnten sich als Commonien ausrufen. Wahrscheinlich hätten sie sogar flexible Geltungsbereiche. Vermutlich würden mehrere Commonien regionale Verbünde bilden, die wiederum auf gleicher Ebene mit anderen Commonie-Verbünden bestimmte weitreichende Fähigkeiten zur Verfügung stellen könnten. Die intercommonische Abstimmung bei großen kollektiven Vorhaben würde über Delegierte erfolgen, deren temporäres Amt im »­Palaver« nicht mit Macht ausgestattet wäre, sondern mit Ehre.
Ich sehe Commonien wie lebendige »Zellen« vor mir, die sich allein durch Zugehörigkeit definieren. Zugehörigkeit ist eine rätselhafte Qualität. Nichts vermag das sichere Wissen zu erklären, das uns den Lebenskreis der uns nahen Menschen oder unseren Platz in einer spezifischen Umgebung als »richtig«, »kohärent« erkennen lässt – das kann ganz pragmatisch sein. Die Selbstbestimmung als fundamentales Prinzip macht Commonien mit den heutigen Prä-Kollaps-Vorstellungen von Regierung, selbst der demokratischsten, inkompatibel. Ja, es wird auch in der Commonie eine Verwaltung geben, und es werden wohl Aufgaben an »Kümmerer« übertragen werden müssen. Ob aber die Erzmetapher des »Anführens« in einer empathischen Gesellschaft Bestand hat, darf bezweifelt werden.

Entscheidungsfindung in der Commonie
In meiner Vision sind Commonien egalitäre Konsensgesellschaften. Die Bedingungen zur Entscheidungsfindung im Konsens – im Wortsinn! – sind heute selbst in erfahrenen Gemeinschaften selten gegeben: Konsens und Druck, egal, ob von innen oder von außen, als Ideologie, Sachzwang, Vorsorge oder Zeitnot getarnt, vertragen sich nicht. Commonische Abstimmung wäre von anderer Art. Bedenken wir, dass wir in der Post-Kollaps-Epoche zwei wesentliche Kulturelemente zurückgewinnen dürften: Zeit und Muße. Beides sind die Voraussetzungen für den informellen Prozess des Palavers, in dem der Konsens heranwachsen kann, ohne dass eine Entscheidung in bestimmter Zeit gefällt werden müsste. Im Palaver werden alle Aspekte einer Herausforderung besprochen, jede Stimme wird gehört und bedacht. Am Ende hat sich der chaotisch geordnete Denk- und Fühlprozess dem »seltsamen Attraktor« angenähert, um den das System kreist. Alle spüren den Moment, in dem einem das Gemeinsame, das nun zu tun ist, scheinbar mühelos zufällt. Die heutige Metho­de des Durchsetzens wäre in der Commonie unbekannt, wohl aber gäbe es die Urfreude am Wettbewerb der besten Ideen.

Wie kann die Commonie Wirklichkeit werden?
Die Vision der Commonie ist eine Utopie (griechisch u-topos, »Nirgend-Ort«). Utopien werden im Bloch’schen Sinn nur dann konkret, wenn genügend Menschen ihre Verwirklichung anstreben – und hier müsste wohl dazukommen, dass der Wandel der herrschenden Strukturen einen gründlichen Neuanfang ermöglicht. Wenn alle, die sich zu bereits heutiger lokaler Erprobung einer solchen Vision angesprochen fühlen, darüber twittern und facebooken oder sogar ganz altmodisch davon erzählen würden, könnte es vielleicht so kommen, dass die Commonien der vereinigten Menschheit den Ozean bilden, aus dem dann die Inseln derjenigen ragen mögen, die mit allen Mitteln am Großprojekt der Privatisierung (lateinisch privare, »rauben«) der Erde festhalten.
Hat die Commonie als Post-Kollaps-Gesellschaftsform also eine Chance? Mein Kopf sagt nein. Mein Herz sagt ja. Um Kopf und Herz näher zusammenzubringen, kann ich mir keine bessere Form vorstellen als eine »Bundeswerkstatt« zum Thema! 

Bedenkenswertes und Weitergedachtes bitte an:
j.heimrath@clubofbudapest.org

Suche



Aktuelles

schenk · geld · labor

Am 2. Juli in Witten 12 Stunden lang transparent über das schwierige Thema Geld reden

Hoffest auf dem »Auenhof«

SoLaWi (nahe Berlin) in Gründung freut sich über neue Mitglieder

Filmpremiere „A New Story For Humanity“

Am 30. April gemeinsam schauen, wie die Welt in eine neue Richtung gehen kann.

Demo: TTIP & CETA stoppen

Für einen gerechten Welthandel

Das Ende der Megamaschine

Autor Fabian Scheidler im April/Mai auf Lesereise in Deutschland.
weitere Nachrichten

Aktuelle Ausgabe

Cover