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Partizipation der Vielen

Zeichen der Geburt einer weltweiten Zivilgesellschaft.

von Kosha Anja Joubert , erschienen in 10/2011

Es ist an der Zeit, mehr Räume für grenzüberschreitende Begegnungen der engagierten, ­globalen Zivilgesellschaft zu schaffen. Erste Ansätze sind schon zu sehen.

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Im Februar 2011 besuchte ich Orissa, einen der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Die radikal ausgebeutete Landschaft starrt mir unbarmherzig ins Gesicht. Lastwagenkolonnen mit Aufschriften bekannter Aluminium- und Zementfirmen verschleiern armselige Barackensiedlungen und verschmutzte Flüsse hinter Staubwolken. Wir reisen an zu einem Kurs für Ecovillage Design Education (EDE), an dem 34 Koordinatoren indigener Dorfnetzwerke aus aller Welt teilnehmen. Uns begrüßen 60 Frauen der Nari Samaj, der Frauenbewegung Orissas, die 300 000 indigene Mitglieder und ein Netzwerk von 3500 Dörfern umfasst.
Dunkle Augen lachen mich an mit einer Kraft, die mich erstaunt. Ich bekomme eine Blume ins Haar gesteckt. Die Tänze von fünf verschiedenen Stämmen verbinden sich zu einem mir unbekannten Klangraum. Solange mein Geist noch kontrollieren und ordnen möchte, kann ich den Schritten nicht folgen. Doch in dem Moment, in dem ich loslasse, reißt der Strom mich mit, und ich gehe auf in einem Gruppenwesen. Ich werde Teil einer Schlange von Frauen, die sich in komplexen Schritten wiegen – und ohne nachzudenken, weiß mein Körper, was zu tun ist.
Diese Frauen besitzen gemeinsam eine Kraft, die Berge versetzen kann. Eine Kraft, die vielleicht erst in der Not erwacht und die ich aus Europa so nicht kenne. Wegen dieser Frauen konnte Monsanto in Orissa bisher nicht Fuß fassen. Der gesamte Staat wurde, nachdem Zehntausende Frauen das Straßenbild Bhubaneswars über Tage verwandelt hatten, zu dem bisher einzigen in Indien erklärt, der genetisch manipuliertes Saatgut nicht zulässt. Diese Frauen wissen, was sie gemeinsam erreichen können.
Gemeinsam schützen sie mit der Organisation ihre Dörfer und ihren Wald, pflanzen Bäume, bauen Samenbanken und Nahrungsdepots auf. Sie spüren keinerlei Verlangen, in die Slums der Großstädte zu ziehen. Wenn sie es doch tun, dann aus purer Not. Allerdings sehnen sich vor allem die jungen Adivasi (Indigene) nach Anschluss an eine globale Jugendkultur. Sie suchen die Internetcafés in größeren Dörfern auf und wünschen sich Freiheit, Abenteuer und Kontakt, der auf Selbstbewusstsein aufbaut und Respekt vor ihrer Kultur beinhaltet.
Ich denke an die 27-jährige Karmi Beshra aus Orissa: Im internationalen EDE-Kurs in Deutschland sang sie ein traditionelles Lied, das durch Mark und Bein ging. Eine innere Verwurzelung in ihrer Tradition wurde spürbar, die in den Europäern Erstaunen hervorrief. Das Feedback von europäischen Freunden, das Karmi damals erhielt, befreite sie von dem Gefühl, in einer globalen Kultur nicht zu genügen. Zurück in Orissa, bietet sie inzwischen Kurse für örtliche Behörden an und trainiert Hunderte in der Zubereitung verschiedener Kompost­arten und natürlicher Insektizide. Sie ist eine von den jungen Frauen, die als nächsten Schritt ihre Dörfer zu »Ecovillages« umformen wollen, um eine höhere Anerkennung für die tiefgehende Nachhaltigkeit und Solidarität der bestehenden Traditionen zu gewinnen und Teil eines internationalen Netzwerks zu werden.

Norden und Süden lernen voneinander
Hier in Orissa, in Afrika und in vielen anderen lokalen Initiativen liegen Hoffnung und Verzweiflung, Potenzial und Enttäuschung nah beisammen. Die Kraft der Menschen speist sich aus ihrer Verbundenheit. Doch die Strukturen, auch in ihren eigenen Organisationen, sind oft durchzogen von Spuren der Geschichte – von Kolonialismus, Kastensystem, Korruption oder Erniedrigung der Frauen. Die Zeit des relativen Friedens und der zivilen Entwicklung, die wir hier in Europa durchleben dürfen, gibt uns den Glauben an Demokratie, Gleichberechtigung und Eigeninitiative, der auf Menschen anderer Länder zutiefst in­spirierend wirken kann. Die Wahrnehmung des Freiraums der Frauen hier in Deutschland kann auch das Selbstbewusstsein asiatischer und afrikanischer Frauen stärken.
Auf der anderen Seite beobachte ich immer wieder die Faszination der Europäer, wenn sie Menschen aus dem »Süden« sprechen hören. Wenn Nomalizo die südafrikanische Nationalhymne anstimmt, verstummen wir andächtig. Wenn Paul ­Yeboah in königlicher Würde über Millionen kleiner Bäume spricht, die gerade gepflanzt werden, um den Sanddünen im Norden Ghanas Einhalt zu gebieten (siehe Seite 82), werden wir ruhig. Wenn Lua aus dem Kongo (siehe Seite 75) über die systematischen Vergewaltigungen der Frauen spricht, über die zerbrochenen Gemeinschaften nach dem Bürgerkrieg, fließen Tränen. Diese Menschen strahlen Klarheit aus. Sie wissen, was sie zu tun haben. Neben ihnen wirken wir Europäer oft unbeholfen.
Der Austausch bringt Heilung für beide Seiten. In der Permakultur gibt es das Prinzip »Fruchtbarkeit der Grenzbezirke«. Dort, wo Wasser und Land aufeinander treffen, Wald und Wiese, Fremdes und Bekanntes, entsteht Kreativität und Vielfalt. Der Begegnungsraum von Engagierten aus aller Welt ist ein solcher Grenzbereich.Der Norden lernt, Schuldgefühle in Verantwortung zu wandeln und Überheblichkeit in Bescheidenheit. Wir erkennen unsere Entwurzelung im Spiegel der »Andersartigkeit« und werden mitgerissen von Herzlichkeit. Der Süden erkennt, dass viele Menschen im Norden den Wunsch haben, den eigenen Lebensstil zu verändern. Und so lernt er, neues Vertrauen in die eigene Kraft zu finden.

Oben und unten wirken zusammen
Im Global Ecovillage Network GEN legen wir seit einigen Jahren einen wachsenden Fokus auf den Nord-Süd-Dialog. Das stärkt auch die europäischen Projekte, und zugleich bringen diese ihren Erfahrungsreichtum über transparente Kommunikation (z. B. die »Forumsmethode« aus Gemeinschaften wie Sieben Linden), Prozessarbeit (z. B. nach Arnold Mindell), Wissen um Selbstorganisation, nachhaltige Entwicklung, internationale Vernetzung und Fundraising ein.
Nach wie vor scheitern zu viele gute Projekte an inneren Konflikten. Themen wie Macht und Ohnmacht, Eifersucht und mangelnder Selbstwert veranlassen uns, auf Standpunkten zu bestehen, von denen wir eigentlich wissen, dass sie zu klein für uns geworden sind. Wir bewegen uns in Strukturen, von denen wir spüren, dass sie weder unserer höchsten Möglichkeit noch den Erfordernissen der Situation entsprechen.
Mit Netzwerken wie GEN, »Wiser Earth« oder dem Transition-Town-Network ist ein neuer Typ von NGOs entstanden. Ihre Hauptaufgabe ist eher Prozessbegleitung und die Förderung der Selbstermächtigung. Mehr denn je sind sie aufgefordert, ihre Brückenfunktion zwischen Graswurzelinitiativen und »Establishment« auszufüllen. Wohlwollende Individuen in Machtposi­tionen brauchen unsere Unterstützung – sie müssen wissen, welche der verborgenen Initiativen der Zivilgesellschaft ihre Unterstützung effektiv integrieren können.
Eine der prominenten Stimmen, die sich für die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Initiativen aussprechen, ist der Vizepräsident des IPCC (International Panel for Climate Change), Mohan Munasinghe. Vor kurzem betonte er in einem Interview: »Veränderungen müssen mehr von unten kommen, einfach deshalb, weil sich das Establishment nur sehr langsam bewegt. Das haben wir bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen gesehen, aber auch auf vielen anderen Treffen. Die Öffentlichkeit ist in vielen Bereichen schneller, und sie ist auch fortschrittlicher in ihrem Denken […] Ich habe einen stärkeren Glauben an den Fortschritt von unten.«
Erste praktische Folge dieses Dialogs ist beispielsweise die Förderung des GEN durch das Auswärtige Amt in Berlin. Gefördert wird zum Beispiel ein Projekt im nördlichen Afrika zur Stärkung des zivilen Engagements. Ein weiteres Beispiel ist die EU, die gerade ein »Leuchtturmprojekt« in den baltischen Staaten fördert, nämlich die Entwicklung von Ökodorf-Strategien für die Wiederbelebung ländlicher Regionen.
Eine der konkreten Initiativen ist im Senegal zu finden. Dort hat die Regierung entschieden, in den kommenden Jahren 14 000 traditionelle Dörfer zu »Ecovillages« umzuwandeln. Dieses Erfolgsrezept, verwurzelt in Gemeinschaften von »unten«, aber unterstützt von »oben«, lässt auch andere afrikanische Regierungen aufhorchen.
Die Integration von modernen Nachhaltigkeits-Technologien und traditionellen Überlebensweisheiten, von Gemeinschaftswissen und Vernetzung, von zivilem Engagement und Integrität in der Politik hat Zukunft. Der große Dampfer unserer Zivilisation scheint zwar immer noch mit voller Kraft in Richtung Eisberg zu steuern. In der Schifffahrt aber ist bekannt, dass diese großen Schiffe schwer steuerbar sind. Deshalb gibt es an ihrem Ruder ein zweites, kleineres Ruder, Flettner-Ruder genannt. Mit diesem kann der Druck und Wasserstrom um das große Ruder so verändert werden, dass ein schneller Kurswechsel möglich ist.
Die Partizipation der Vielen hat Ähnlichkeiten mit so einem Flettner-Ruder. Sie erreicht plötzlich, was vorher als unmöglich erachtet wurde. Kollektive Weisheit entsteht aus weisen Gedanken und Handlungen im Kleinen, die sich zu weisen Gedanken und Handlungen im Großen zusammenfügen. Die Menschen, die ich weltweit treffe, sind erfüllt von der Partizipation an dieser gemeinsamen Zukunft. 


Kosha Joubert (42), Vorstandsvorsitzende vom GEN Europe. Autorin des Buchs »Die Kraft der kollektiven Weisheit«, Kamphausen, 2010.

NGOs als Prozessbegleiter:
www.gen-europe.org, www.wiserearth.org

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