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Wenn das Feuer brennt

Gesellschaftliches Engagement ins Leben integrieren: Die Initiative »wirundjetzt«.

von Wolfram Nolte , erschienen in 10/2011

Junge Familien mit Kindern wollen die Gesellschaft verändern. Gibt es so etwas? In der Region Allgäu-Bodensee-Oberschwaben hat sich eine Initiative junger Menschen gebildet, die Alltag und Politik gemeinsam leben und verändern wollen.

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Es ist einer dieser schwülen Sommerabende im Juli. Die Hitze des Tages will sich entladen, aber zögert noch. Spannung liegt in der Luft. Ich bin auf dem Weg nach Wilhelmsdorf im Ravensburger Land. Irgendwo dort soll sich die »Alte Mühle« befinden, das künftige Domizil einiger Mitglieder der Gruppe »wirundjetzt«. Ich verfahre mich einige Male, bis ich, versteckt hinter Bäumen, in einer kleinen Siedlung die Mühle ent­decke. Ein großes, altes Fachwerkhaus, noch unbewohnt und ohne Flügel. Ein weitläufiger, ziemlich zugewachsener, aber einladend wirkender Garten empfängt mich.
Hier warten schon Simon Neitzel, ­Nicole und Martin Nies, Tobias Döhner und eine Schar Kinder. Wie mir sogleich mitgeteilt wird, ist die Gruppe »wirundjetzt« allerdings um einiges größer. Neun Erwachsene gehören offiziell dazu, darüber hinaus gibt es viele Sympathisanten, Freundinnen und Freunde, die mitmachen, und die Kinder sind offenbar immer irgendwie mit dabei. Es wundert mich nicht, zu hören, dass »wirundjetzt« aus einem Freundeskreis entstanden ist, der sich über die Jahre hinweg immer wieder getroffen hat. Diese freundschaftliche und familiäre Atmosphäre ist sofort zu spüren.

Aufbruch und Pläne
Wie kam es, dass der Freundeskreis sich eines Tages entschloss, in die Öffentlichkeit zu gehen? Die Initiative kam von Simon. Als gelernter Demeter-Gärtner und Vater von drei kleinen Kindern führte er mit seiner Familie und seinen Freunden eigentlich ein recht zufriedenes, gut ausgefülltes Leben. Bis er vor drei Jahren auf der Biomesse in Ravensburg Filme über die Machenschaften der Gentech-Lobby sah. »Das war die Initialzündung. Seitdem brennt ein Feuer in mir, das mich nicht mehr loslässt. Schon in meinem Beruf habe ich gemerkt, wieviele Gärtner und Landwirte um ihre Existenz ringen und wie schwer es ihnen fällt, ihre hohen Ideale zu verwirklichen. Auch für mich gab es diese Gratwanderung zwischen dem Alltag und meinen Vorstellungen von einem guten Leben. Die Filme auf der Biomesse zeigten mir auf erschreckende Weise, wie die Gen-Lobby die Macht über die Nahrungsmittelproduktion übernehmen will und welchen Einfluss sie auf die Gesellschaft nimmt. Ich realisierte deutlicher als je zuvor, wie sehr das Geld die Welt regiert und wie abhängig wir trotz unserer Demokratie davon werden, wenn wir uns nicht wehren. Ich habe dann angefangen, intensiver zu recherchieren und mit meinen Freunden darüber zu reden.«
Die Machenschaften der Gentech-Lobby haben Simon zwar aufgeweckt, aber sein Interesse reicht über dieses Thema hinaus. Er fing an, sich für positive Alternativen zu interessieren, die nachhaltig sind und an denen die Menschen sich aktiv beteiligen können. Sein Ziel ist es, über die vielen positiven Ansätze zu informieren, sie zu vernetzen und sie mehr Menschen zugänglich zu machen. Simons Wohnzimmer wurde mehr und mehr zu einem öffentlichen Raum, wo man heiß diskutierte. Es war eine sehr dynamische Zeit, in der viele gingen und kamen, immer wieder neue Blickwinkel und Ideen eingebracht wurden. Im Winter 2010 konstituierte sich dann die Kerngruppe als »wirundjetzt«. Simon dazu: »Mit diesem Slogan wollen wir ausdrücken, dass die gesellschaftlichen Herausforderungen uns alle angehen, dass wir gemeinsam handeln müssen. Und zwar jetzt.«
Tobias, Sportlehrer und Fotograf, stellt die Projekte der Gruppe vor: Das Spektrum reicht von Geld- und Wirtschaftsthemen über Energie- und Bewusstseinsfragen bis hin zum Bau von Hochbeeten.
Ich staune über das breite Themenspektrum und zweifle, ob das alles von der kleinen Gruppe zu bewältigen sei. Nicole, gelernte Heilerziehungspflegerin, findet das ganz in Ordnung: »Wir wollen keine riesigen Arbeitspläne aufstellen, die dann abgearbeitet werden müssen. Eigentlich soll das Engagement in unserer Initiative nicht mehr Arbeit bringen – jedenfalls nicht viel. Denn jeder macht in seinem Alltag schon so vieles. Wenn jeder von uns sich noch bewusster wird über all unsere Themen und sich weiter vernetzt, bewirkt das eine ganze Menge. Jeder und jede soll herausfinden: Wofür brenne ich? Womit fühle ich mich wohl? Dann kann Engagement als Bereicherung empfunden werden.«
Nicole räumt ein, dass das noch etwas Zukunftsmusik ist und man sich im Alltag doch immer wieder stark von den Arbeitsanforderungen antreiben lässt. Aber mit der Zeit würde es gewiss besser werden.
Inzwischen haben sich die Wolken verdichtet, und die ersten Tropfen fallen. Wir beschließen, ein paar Kilometer weiter nach Pfrungen zu Martin und Nicoles Wohnort zu fahren. Simon muss uns leider verlassen, um zu seiner Frau und seiner kranken Tochter ins Krankenhaus zu fahren. Seine anderen beiden Töchter übernachten heute bei den Kindern von Martin und Nicole. Beim Abendessen mit selbstgebackenem Fladenbrot und anderen Leckereien entspannen wir uns, erzählen und lachen viel – die Kinder sorgen schon dafür.

Taten und Träume
Nach dem Essen will ich wissen, was in dem halben Jahr seit der Gründung von »wirundjetzt« geschehen ist. Und ich staune nicht schlecht über das, was ich zu hören bekomme: In den wenigen Monaten wurde ein Film über die Transition-Bewegung gezeigt und Vorträge über den Welthunger und die Gefahren der industrialisierten Landwirtschaft (130 Besucher) sowie über grüne Gentechnik in Indien (60 Besucher) organisiert. Auch über die Funktionsweise des Geldes hat die Gruppe an einem Abend informiert und in Ravensburg sorgte sie für einen Aktions- und Informationstag zum Grundeinkommen.
Die Havarie in Fukushima ließ Nicole und ihrem Mann Martin, der zum Instrumentenbauer umgeschult hat, keine Ruhe. Sie starteten eine Stromwechsel-Aktion in Wilhelmsdorf und Ravensburg, suchten Läden auf und informierten die Geschäftsleute über die Bedeutung und die Möglichkeit eines Anbieterwechsels. Auch wenn sie nicht viele zum Wechsel bewegen konnten, so habe es doch interessante Gespräche und Anstöße zum Nachdenken gegeben.
Ein besonderes Ereignis war wohl die Teilnahme mit einem eigenen Stand am Kongress »Zukunft gemeinsam gestalten« im Mai in Lindau. Hier, wo sich die Mitglieder vieler regionaler Initiativen des Bodensee-Raums trafen, konnten wichtige Kontakte und neue Freundschaften geknüpft werden. Stark beeindruckt war die Gruppe auch vom Kongress-Vortrag des österreichischen Ökonomen Christian ­Felber über seine Ideen einer »Gemeinwohl-Ökonomie«. Martin erzählt: »Mir gefällt, wie Christian Felber sich dafür einsetzt, dass wir selbst Verantwortung übernehmen und diese nicht an Regierung, Parlament und Wirtschaft abgeben. Er zeigt überzeugend Möglichkeiten zur Erweiterung der Demokratie, indem das repräsentative System durch direkt-demokratische und partizipative Prozesse ergänzt wird und sich die Ökonomie am Gemeinwohl orientiert.«
Als Auftakt einer Reihe von Veranstaltungen zur Gemeinwohl-Ökonomie hat »wirundjetzt« im Rahmen der Biomesse Ravensburg für den 15. September einen weiteren Abend mit Christian Felber initiiert.
Überhaupt werden ökonomische Themen im kommenden Herbst und Winter eine zentrale Rolle spielen. Markus, ein ehemaliger Banker, will sich für die Eröffnung einer Filiale der gemeinnützigen GLS-Bank in Ravensburg einsetzen. Die Einführung einer komplementären regionalen Währung steht für Simon ganz oben auf der Agenda. Aber erst einmal wartet die Herausforderung des Umzugs in die »Alte Mühle« und deren Renovierung auf die Gruppe. Also Pause für politische Aktionen? Nicole antwortet gleich: »Wir machen trotzdem alles Mögliche, zum Beispiel beteiligen wir uns bei der Transition-Gruppe Oberschwaben.«
Und Simon träumt von einem zentralen Büro, er nennt es gerne Zukunftswerkstatt und meint damit Gewerbe, Laden, Café, Atelier, Büro unter einem Dach, wo intensiv Netzwerkarbeit betrieben werden kann.
Jetzt aber soll erst einmal die Mühle fertiggebaut werden. Gut so! Denn wie sagt ein chinesisches Sprichwort: »Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen«. 

www.wirundjetzt.org

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