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Anders Lernen

Allein die Zentrierung auf die Person kann helfen, das individuelle Lernenwollen des jungen Menschen zu fördern.

von Anke Caspar-Jürgens , erschienen in 01/2010

Anders Lernen? Warum »anders«? Weil wir heute schulisches Lernen mit der Angst vor Versagen, vor schlechten Zensuren oder gar vor dem Sitzenbleiben verbinden. Wer Angst hat, kann bekanntlich nicht gut lernen. Viele Menschen sind seit langem überzeugt, dass hier etwas ­anders werden muss, denn die Art, wie wir lernen, hat Einfluss auf die Gestaltung unserer gesamten Kultur. Und die wäre eine andere, wenn sie weniger von Angst als von mehr Vertrauen und Freude am Lernen geprägt wäre.

Bis zur dritten Klasse leiden bereits ein Viertel der Kinder unter einem ­negativen »Schulselbst«. Das hat die Pädagogik-Professorin Christina Krause schon in ihrer 2004 veröffentlichten Studie festgestellt. Fast die Hälfte aller Schüler fühlen sich durch Schule belastet, konstatiert der bekannte Autor, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer. Sein 2007 veröffentlichtes Buch »Lob der Schule« ist – anders, als der Titel vermuten lässt – eine kritische, neurobiologische Analyse schulischen Lernens. Der Neuro­wissenschaftler ­Gerald Hüther sagt in einem Videobeitrag der Reihe »Stark durch den Sturm« auf www.win-future.de: »Ein Unding, dass vierzig Prozent der Schulkinder mit Angst in die Schule gehen. Der Hirnforscher in mir ruft: Dann lasst sie lieber zu Hause, die können unter diesen Bedingungen in der Schule sowieso nichts lernen!« Als er versuchte, Veränderungen anzuregen, stellte er fest: »Es gibt unglaublich starre Systeme, die sich einfach nicht bewegen lassen. Das hat zu tun mit den starren, unglücklichen Haltungen, die Lehrer und vor allem Schulbehördenmenschen im Lauf ihres Lebens entwickeln können. Die sind offenbar sehr stabil. Solche Anordnerhaltungen oder Machterhaltungen oder Befehlempfängerhaltungen – die sind kaum zu verändern, die sind eingeschliffen, und dann läuft das halt so. Und dann der Geist in den Einrichtungen, in den Familien, im Kindergarten, in den Schulen – oder auch im Krankenhaus, mit dem Bemühen, dass alle schnell gesund werden! Wenn der Geist weg ist, dann kommt der Verwaltungsgeist. Geist und Haltung befruchten sich gegenseitig.«

Hüther trifft zu seinem Bedauern äußerst selten auf Schulen mit einem lebendigen Geist, »wo die Kinder weinen, wenn die Schule pausiert, weil die Ferien beginnen«. Doch er entdeckt, wodurch diese Ausnahmeschulen leben und was sie am Leben erhält. Es sind ihre »Supporter Leader«, Menschen, die wissen, was sie wollen, die ihrer persönlichen Erkenntnis und ihrer Intuition zu folgen vermögen. Es sind Menschen, die ihre Begeisterung für die Begleitung junger Menschen auf ihre Kolleginnen und Kollegen ausstrahlen und die, ungeachtet einer Unzahl von Verwaltungsvorschriften, unkonventionelle Wege wagen.

Wie ging Enja Riegel vor, nachdem sie Anfang der 80er Jahre die Leitung der maroden Helene-Lange-Schule in Wiesbaden zu übernehmen hatte? Offenherzig bekannte sie seinerzeit im Spiegel: »Ohne einige Gesetzesübertretungen wäre dieser Wandel nicht möglich gewesen.« Sie lud ihre Mitarbeiterinnen ein und erklärte: »Entweder wir ändern uns jetzt, oder die Schule ist in einem Monat zu.« Ohne erst die Genehmigung der zuständigen Schulbehörde einzuholen, besuchten die bisher eher erfolglosen Lehrer jeweils einen Monat eine der »gelungenen« Schulen. Sie kehrten begeistert und inspiriert zurück. Sie hatten von Kollegen lernen dürfen, die ihr Wissen bereitwillig verschenkt hatten. Sie hatten den Geist der Kooperation, der Bereitschaft zu gegenseitiger Unterstützung und zu Offenheit gespürt und erlebt, wie Kinder in dieser Luft aufblühen. Die Lehrer verliebten sich in die Haltung einer Entfaltungskultur. Sie gewannen den Mut zurück und lernten, ihrer Intuition wie auch ihren kleinen und großen Mitmenschen zu vertrauen. Die Helene-Lange-Schule ist heute als Club-of-Rome-Schule zertifiziert.

Was in Wiesbaden wirkte, ist eine Praxis des Nehmens und Gebens, wie sie für Freie Alternativschulen oder z.B. für die Freinet-Pädagogik typisch ist. Dort organisieren die Lehrerinnen und Lehrer selbständig Fortbildungen und stellen ihre Erkenntnisse in eigenen Zeitschriften zur Verfügung. Die meisten dieser Alternativschulen wurden von Eltern gegründet, die ihren Schulfrust nicht an ihre Kinder weitergeben wollten. An die Stelle von Autorität treten partnerschaftliche Modelle.

Was engagierte Praktiker wissen, wird durch die Gehirnforschung in immer neuen Studien belegt: Allein die Zentrierung auf die Person kann helfen, das individuelle Lernenwollen des jungen Menschen zu fördern. Der Mensch kann lernen, wenn er sich begeistern darf für das, was er wirklich will, wenn er den Sinn erkennt in dem, was er tut, und es von Herzen genießt.

Im Ausland existieren bedeutend mehr unterschiedliche Bildungsmöglichkeiten für Kinder im Schulalter als hierzulande. Ob Homeschooling (»Bildung zu Hause«), Zwergschulen, »demokratische Schulen« oder Fernschulen – außerhalb Deutschlands finden sich weitaus vielfältigere Wege, auf die Lernbedürfnisse junger Menschen einzugehen. Warum ist es es so schwer, auch bei uns in Deutschland Freiräume zu schaffen für Möglichkeiten eines Lernens, das eingebunden bleibt in den Lebenszusammenhang eines Menschen? Müssen Schule und Leben für immer getrennte Welten sein?

Freiheit und Freiwilligkeit als Schlüssel
Unter dem Stress der getrennten Welten ist das, was man sich unter Familienharmonie vorstellt, weitgehend zerbröselt. Die Jungen und die Alten wissen nichts Rechtes mehr miteinander anzufangen. Gemeinsame schmerzliche Erfahrung eines großen Teils unserer Gesellschaft sind die langen Jahre, die durch den Emotions­stau aus der Schule, durch Hausaufgaben, Nachhilfe und Vorbereitung auf Prüfungen verzerrt und getrübt sind. Ferien verbringt die Familie bald lieber getrennt. Man nimmt es als zwingende Folge des Erwachsenwerdens der Kinder hin – zwar mit Bedauern, aber als unvermeidliches Schicksal.

Ist es wirklich unvermeidlich, dass Familien sich entfremden, dass die Lust am Lernen, am Leben dahinschwindet? Bisher hatten die wenigen erfolgreichen Selbstrettungsbeispiele von Eltern und Lehrkräften nicht die Kraft, das System der Fremdbestimmung in ein Modell umzuwandeln, in dem das Individuum seine Potenziale entfalten und sich zugleich zum verantwortungsbewussten Teil des Ganzen entwickeln kann. Dennoch: Das Engagement solcher Lehrerinnen, Lehrer und Eltern weist in Richtung der Lösungen, denn sie praktizieren die Umkehrung der Werte. Konkurrenz wandelt sich zu spielerischem Wettstreit und Kooperation. Zwang wird von Freiwilligkeit abgelöst. Man tut etwas, weil man es gerne tut, und macht es damit zu einem Geschenk jenseits von Berechnung oder Bezahlung. An die Stelle des Verteidigens von Vorteilen tritt das Teilen, und statt dem Diktat »von oben« entwickelt sich Selbstverantwortung. Es zählen auch nicht mehr der Status, sondern die Reputation. Dies sind Werte, wie sie freiwillige Gemeinschaften selbstbestimmter Menschen auszeichnen, auch gute Familien.

In diesen Werten trifft sich die Diskussion um Freiheit und Vielfalt im Bildungswesen mit der Utopie einer gemeingüter­orientierten Kultur. Die Geschichte der freien Software zeigt, dass gemeinschaftliches Teilen von Wissen und freiwilliges Beitragen zu großem Erfolg führen kann. Auch die Experimente mit Lernumgebungen, in denen Freiwilligkeit und Eigeninitiative im Mittelpunkt stehen, zeitigen die größten Lernerfolge. Sollte man nicht dieses Erfolgsmodell auf alle gesellschaftlichen Bereiche, auf Wirtschaft, Politik und auch das Bildungssystem, übertragen können? Unter dem Begriff Peer ­Economy, eine Ökonomie der Gleichen, wird eine nicht auf Geld, sondern auf der Freude am Beitragen basierende Wirtschaft diskutiert. Könnte das Problem unserer Bildungsformen darin liegen, dass wir Kinder eben nicht als »Peers«, als gleichwertige Menschen, sondern als zu beschulende Minderjährige – und damit Minderwertige – betrachten?

Die Basis heißt Vertrauen
Lebendiges Lernen entwickelt sich ­unter günstigen Bedingungen organisch aus dem Leben selbstbestimmter Menschen. International gibt es zahlreiche Beispiele für Gemeinschaften und gemeinschaftlich organisierte Zusammenhänge, in denen ein intrinsisches und informelles Lernen den Alltag der Menschen prägt. Das heißt, dieses Lernen kommt von innen, es verzichtet auf Organisation durch Dritte und setzt auf eher beiläufig erworbenes Wissen und Können. Das schließt die freiwillige Nutzung externer Lernangebote keineswegs aus. Beispielhaft ist hier das Anliegen des Centre for Home Education in England. Es möchte einen Raum bieten, in dem Freilerner jedes Alters, allein oder als Familie, die Möglichkeit haben, miteinander zu leben und sich gemeinsam zu bilden.

Steven Harrison, Begründer der dorfähnlichen Lern- und Lebensgemeinschaft »Living School« in Boulder, Colorado, beschreibt in seinem Buch »Das glückliche Kind« seine positiven Erfahrungen mit dem Lernen in gemeinschaftlichen, auf Vertrauen basierenden Zusammenhängen: »Eine innere Intelligenz macht sich bemerkbar, wenn Kinder lernen, Entscheidungen selber zu treffen, wenn sie versagen oder erfolgreich sind. Wenn sie die Freiheit haben, steht es ihnen dann nicht auch frei, andere da um Hilfe zu bitten, wo sie auf ihren Erkundungsgängen Hilfe brauchen? Werden sie sich dann nicht an jene wenden, die Experten sind, weil sie ein bestimmtes Wissensgebiet gemeistert haben?«

So beginnt ein wechselseitiger Austausch von Wissen – ein Prozess, der ganz nebenbei auch Weisheit mit sich bringt. Schließlich gehört es zu den wesentlichen Aspekten einer Ausbildung, zum Träger des Wissens eine Beziehung herzustellen, diesem mitzuteilen, dass man etwas erfahren will, eine gegenseitige Übereinkunft auszuhandeln und die Vereinbarungen und Anforderungen zu erfüllen. Auch das Schaffen individueller, bedürfnisgerechter Spielregeln im gemeinsamen Prozess gehört zu einer gemeingüterorientierten Gesellschaft. So ist es nicht verwunderlich, dass Gemeingüter-Theoretiker wie der Informatiker Christian Siefkes, sich auch über freie Formen des Lernens Gedanken machen. In seinem Buch »Beitragen statt tauschen« schreibt Siefkes: »In der Marktwirtschaft kollidiert die Erfordernis, Abschlüsse und Titel zum Zwecke besserer Konkurrenzfähigkeit zu erwerben, mit solchen offenen Lernkonzepten. Zudem bereitet der formelle Rahmen von Schulen und Universitäten junge Menschen auf den formellen Rahmen der Geschäftswelt vor. In einer Peer-Ökonomie gibt es diese Anforderungen nicht. Das macht den formellen Rahmen von Bildung und Ausbildung, wie wir ihn heute kennen, überflüssig.«

Wie die Marktwirtschaft enthält auch das staatliche Bildungswesen Zwänge, die uns die Luft abschnüren und die Lebensfreude drosseln. Eine Wirtschaftsform dagegen, die auf freiwilligem Beitragen beruht, ist auf den freien, lebendigen Geist eines selbst­bestimmten Lernens, auf eine freudige Lernkultur angewiesen.

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