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Lasst uns die Spielregeln ändern

Wie entsteht eine auf Gemeingüter orientierte Ökonomie und Lebensweise?

von Johannes Heimrath , Julio Lambing , Silke Helfrich , Stefan Meretz , erschienen in 01/2010

Der Schwund der Gemeingüter stellt unsere heutige Lebensweise grundsätzlich in Frage. Die Notwendigkeit der Pflege dessen, was uns allen als gemeinsames Gut anvertraut ist, wird eine Gesellschaft mit radikal anderen Zielen als denjenigen der heutigen Konsumgesellschaft erzwingen. Der folgende Auszug aus einer Gesprächsrunde zeigt: Der Weg in ein anderes Leben ist weit. Wir müssen jetzt die Schuhe schnüren.

Johannes Heimrath
Am liebsten würde ich unser Gespräch bei den großen globalen Gemeingütern wie Klima beginnen lassen – letztlich bei der Erde, die zweifelsfrei unser größtes Gemeingut ist – und von dort in die Details gehen. Aber ich fürchte, da wir alle sehr persönlich mit dem Thema Gemeingüter verbunden sind, werden wir nicht so strukturiert vorgehen können. Mein eigener Hintergrund beginnt beispielsweise mit dem schönen Wort Allmende, das ich aus meinen Forschungen zur deutschen Musik des Mittelalters in den 70er Jahren kenne. Die mittelalterliche Allmende schien damals viel mit den Idea­len von uns Pionieren der Alternativbewegung gemeinsam zu ­haben. Wie seid ihr zum Thema der Gemeingüter gekommen?

Silke Helfrich
Ich bin während meines Aufenthalts in Lateinamerika auf das Thema gestoßen. Im Jahr 2004 war ich als Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung an der Organisation einer Konferenz in Mexiko beteiligt, in der die Bewegungen zum Schutz der Biodiversität und der humangenetischen Ressourcen miteinander ins Gespräch gebracht wurden. Auf den Rat einer Kollegin luden wir auch eine Vertreterin der Bewegung für freie Software ein, eine argentinische Aktivistin, die – verwundert, von »den Ökos« angefragt zu werden – zunächst zwei Tage lang aufmerksam zuhörte. Am Schluss der Konferenz klappte sie ihren Laptop auf und warf einen Satz an die Wand: »Für wen arbeitet Ihr Computer?« Sie hatte Parallelen zwischen den Problemen im Computerbereich und jenen der Umweltbewegten erkannt.

In der folgenden Diskussion wurde für alle Beteiligten deutlich, dass die Ressourcen, über die wir hier sprechen, unabhängig davon, ob es sich um Software oder Wasser, Saatgut oder Wissen handelt, ein und dasselbe sind: Gemeinressourcen oder, um den englischen Fachbegriff zu nutzen, Common Pool Resources. Das war wie eine Offenbarung. Plötzlich rückten Themen zusammen, die wir immer getrennt hatten. Wobei ich den Begriff Ressourcen relativieren möchte: Gemeingüter sind natürlich nicht in erster Linie nur Ressourcen. Sie definieren sich erst über unser gemeinsam erarbeitetes Verständnis im Umgang mit ihnen.

Stefan Meretz
Ich komme von einer anderen Seite zum Thema, bin Ingenieur und Informatiker. Vor etwa zehn Jahren habe ich ein Projekt namens Oekonux mitbegründet. Der Name steht für Ökonomie und GNU/Linux, das mit freier Software entwickelte Betriebssystem. Damals habe ich Prozesse unterstützt, die zu all den großen Dingen im Internet geführt haben, die wir heute kennen: Wikipedia, Linux, freie Software. Ich ahnte aber nicht, dass wir all dies später Commons oder Allmende nennen würden. Irgendwann kam der Begriff der Wissensallmende auf, und mir wurde deutlich: Software ist eine Form von Wissen, genau so, wie Enzyklopädien gespeichertes Wissen sind. Alle Dinge, die wir schaffen, enthalten Wissen, unsere ganze Welt ist vergegenständlichtes, menschliches Wissen, denn wir drücken uns aus in Dingen, die wir herstellen. Hinterrücks kamen dann für mich die natürlichen Ressourcen ins Spiel. Ich begann, auch Wasser oder Saatgut, also primär nicht technisch hergestellte Dinge, als Allmende zu begreifen. Sicherlich war mir schon vorher klar, dass wir auf ­dieser Erde leben und ihre Ressourcen endlich sind, aber erst viel später konnte ich die Intuition bestätigen, dass beide Arten von Allmenden zusammengehören.

JH
Darf ich anmerken, dass wir nicht »auf« der Erde leben, sondern »in« der Erde? Wir atmen die Luft, die Atmosphäre ist noch Stoff, kein Nichts. Wir sind Wesen, die am Boden eines Luftozeans wandeln – vielleicht ähnlich wie die Hummer am Meeresboden. Davon schreibt der Naturphilosoph David Abram. Ich denke, das Bild vom »in der Erde leben« ist eine wichtige Veränderung unserer Perspektive, wenn wir über Gemeingüter sprechen.

Julio Lambing
Eine interessante Bemerkung, das passt zu meiner Redensart: »Ich habe nicht einen Körper, sondern ich bin ein Körper.« Meinen Körper kann ich genauso wenig wie Tiere und Pflanzen als pure Ressource betrachten. Ich spreche mit dem Baum, ich spreche mit der Landschaft, vieles in der Natur kann ich intensiver wahrnehmen, wenn ich es als personelles Gegenüber denke. Nicht im Sinn einer menschlichen Person, aber im Sinn eines sozialen Verhältnisses mit meinem Gegenüber und einem Gefühl wechselseitiger Beziehung und Verantwortung. Ich war schon als Jugendlicher an ökologischen Themen und der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen interessiert: Was ist ein Umgang miteinander, der wohlwollend ist und glücklich macht? Ab Mitte der 90er Jahre habe ich mich dann in der Wirtschaft aufgehalten. Seit zehn Jahren arbeite ich nun am Thema Klimaschutz. Das Gemeingut Klima zu schützen, bedeutet einen Umbau unserer Industriegesellschaft, denn unsere technologische Infrastruktur beruht in entscheidendem Maß auf dem Prinzip der Verbrennung. Diese Veränderung unserer Wirtschaft wird sich auf das menschliche Verhalten auswirken – und umgekehrt. Die Herausforderung, Gemeingüter zu pflegen und zu bewahren, verlangt neue Formen des zwischenmenschlichen Umgangs.

SH
Mir gefällt dieses Wort vom Gegenüber. Erst die Idee, dass nicht die Ressource, sondern die Qualität der Beziehung zu einem oder mehreren Gegenübern entscheidend ist, macht das Paradigma der Allmende oder der Gemeingüter aus. In meinen Vorträgen mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Menschen intuitiv an das Thema »andocken«, sie können dieses Paradigma der Gemeingüter »spüren«. Ich erzähle viele Geschichten, sei es von der freien Software oder von der Kirmes in meinem Heimatdorf in der Rhön, die mit viel Aufwand gemeinschaftlich ausgerichtet wird. Die Leute fügen dann ihre eigenen Geschichten hinzu, und so geschieht dieses »Andocken« an die Logik der Commons. Gemeingüter führen zu konkreten Fragen: Wie kooperiere ich mit dir? Und wie kooperierst du mit mir? Wie kriegen wir etwas gemeinsam auf die Beine gestellt? Das ist greifbarer als die Frage: Wie strukturieren wir den Staat oder das UN-System um? Die Commons bieten uns Anknüpfungspunkte im Hier und Jetzt. Alle Menschen haben damit Erfahrungen.

JH
Wirklich alle Menschen? Die Behauptung, dass die Commons alle angehen, steht oft im Raum, weil sie so elementar erscheinen.

SM
Ich möchte die Betonung auf »alle« unterstützen. Commons stellen tatsächlich alles, was wir tun, in Frage, auch die Art unseres Wirtschaftens. Untersuchungen zufolge produzieren wir lediglich ein Drittel unserer lebenswichtigen Güter in der Sphäre der Wirtschaft, die anderen zwei Drittel – und dabei geht es nicht nur um die stofflichen Güter, sondern auch um das Herstellen sozialer Beziehungen – entstehen außerhalb dessen, was wir heute Wirtschaft nennen, weil wir dafür eine andere Logik brauchen. In der Wirtschaft gilt die Zeitspar-Logik, in der Familie eine Zeitverausgabungs-Logik. Es ist schön, wenn wir Zeit haben. Commons fordern uns heraus, die Regeln, nach denen wir unsere Lebensressourcen herstellen, explizit zu formulieren. In der Wirtschaft sind die Regeln implizit, da herrschen die unsichtbare Hand des Markts und die Logik des Geldes. Im Rahmen der Commons heißt es: Handelt und verhandelt miteinander und gestaltet soziale Regeln nach euren tatsächlichen Bedürfnissen.

JL
Ich möchte dir einerseits zustimmen, andererseits aber auch widersprechen. Wirtschaft ist nicht zwingend »Markt«-Wirtschaft. Der griechische Begriff oikos, wovon sich Ökonomie ableitet, meinte ursprünglich das Haus, den Hof, der für den Lebensunterhalt der Familie sorgt, und darin war das Familienleben einbezogen. Wirtschaft ist auch nicht zwingend »Geld«-Wirtschaft, also über Geld vermitteltes Wirtschaften. Ich stimme dir zu, dass es Bereiche gibt, die wir nicht über den Markt oder über Geld regeln sollten. In Bezug auf Wirtschaft habe ich mir eine Regel meines verstorbenen Wildnislehrers zu eigen gemacht. Sie heißt: Verlasse einen Ort besser, als du ihn angetroffen hast. Das lässt sich auf jede Form des Wirtschaftens übertragen.

SM
Das glaube ich nicht.

JL
Es mag sein, dass dieses Prinzip in einer Marktwirtschaft nicht unbedingt angewendet wird, aber generell kann man es überall anwenden. Wenn ich einen Ort besser als vorgefunden verlasse, pflege ich Gemeingüter und generiere gemeinschaftlichen Wohlstand.

JH
Mich hat der Begriff des Wirtschaftens, wie Stefan ihn verwendet hat, ebenfalls stutzig gemacht. Ich bin Unternehmer, und zugleich lebe ich seit mehr als dreißig Jahren in einer intentionalen Gemeinschaft, einer Wahlfamilie, die gemeinsam wirtschaftet. Im Lauf der Zeit haben wir Begriffe für unsere Praxis gefunden, beispielsweise sagen wir seit einem gemeinsamen Nachdenken mit der Matriarchatsforscherin Heide Götter-Abendroth »Schenkökonomie« zu unserer Art des Wirtschaftens. Ich betone dabei bewusst den Wortteil »Ökonomie«, denn das Geben oder Schenken ist tatsächlich die ursprünglichste Form von Wirtschaft. Meinem Gefühl nach macht die auf Geld basierende Ökonomie allerhöchstens zehn Prozent von all dem aus, was wir uns gegenseitig ständig schenkend zur Verfügung stellen und was uns ständig geschenkt wird. Das Wachsen einer gelben Rübe ist ja keine menschliche Leistung, sondern eine Gelbe-­Rüben-Leistung, es ist eine Leistung des Erd-Logos, genau wie die Leistung der Milliarden Bakterien in meinem Darm, ohne die ich nicht leben kann.

SM
Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich im Jahr 2000 bei der Arbeit an freier Software hatte, war: Es handelt sich nicht um eine Geschenkökonomie, sondern gar nicht um Ökonomie. Wenn ich freie Software programmiere, dann tue ich das, weil ich es will. Wenn ich einen Artikel in Wikipedia erfasse, tue ich das, weil ich etwas zu einem Thema weiß, und nicht, weil ich morgen dafür die Wikipedia lesen darf. Ökonomie beinhaltet immer ein Tauschelement, und davon will ich wegkommen. Die Menschheit ist reich genug, die notwendigen Dinge so zu produzieren, dass wir alle gut leben können, und zwar nach folgendem Prinzip: Wir nehmen uns das, was andere geschaffen haben, und sie haben es aus keinem anderen Grund geschaffen, als dass sie es schaffen wollen, weil ihre individuelle Selbstentfaltung ­darin besteht, Dinge in die Welt zu setzen – Gedanken, Tassen, Computer, Käsekuchen, Gemälde oder was auch immer.

JH
Das ist in meinem Verständnis Schenken.

SM
Aber dann ist es keine Ökonomie mehr, weil Geben und Nehmen nicht gekoppelt sind.

SH
Wir haben schon öfter diskutiert, ob die Entkoppelung von Geben und Nehmen ein Prinzip der Commons sein könnte, aber das würde ich nicht sagen. Reziprozität kann vielgestaltig sein, so vielgestaltig wie die Gemeinschaften, die Regeln zur Nutzung von Ressourcen miteinander aushandeln können, aber diesen Regeln wird immer die eine oder andere Form der Reziprozität eingeschrieben sein.
Würdest du sagen, dass eine Gemeingüterökonomie gar keine Ökonomie – so wie du sie verstehst – mehr ist?

SM
Das ist meine persönliche Utopie, ich sehe in einem neuen Verständnis für Commons den Keim dieser Utopie gelegt.

JL
Für mich ist auch interessant, dass bei freier Software etwas um seiner selbst Willen geschaffen wird, nicht aus einer wirtschaftlichen Motivation – aber dass diese Software dennoch enorme wirtschaftliche Effekte hat: Bald werden wohl alle europäischen Verwaltungen so klug sein, freie Software einzusetzen. Ein anderer wirtschaftlicher Effekt der Kombination von neuen Medien und Allmende ist ebenso interessant: Wir werden neue Formen von Musikproduktion erleben, bei der die Musikveröffentlichung auf Tonträgern nicht mehr direkt bezahlt wird, so dass wir neue Wege finden müssen, Musiker zu entlohnen. Wenn jemand Leistungen und Zeit für ein Kulturgut opfert, hat er diese Zeit nicht zur Verfügung, um sich sein täglich Brot zu backen. Deshalb bietet sich der Verkauf als Dienstleistung an. Aber dieser Austausch muss nicht zwingend über eine finanzielle Entlohnung organisiert sein – und das kann wirtschaftlich, kulturell und zwischenmenschlich Vorteile haben. Andererseits kann auch der Austausch über Geld vorteilhaft sein, auch Geld ist ein Gemeingut, ein Zivilisationsprodukt, das sorgsam gepflegt werden will.

SH
Mir fällt es schwer, Geld als Gemeingut zu begreifen. Es repräsentiert eine Trennung, die Kernprinzip der Einhegung der Gemeingüter ist: die Trennung der Menschen von den Ressourcen, die sie zur Reproduktion ihrer Lebensverhältnisse brauchen. Wohl kann ich mir aber vorstellen, Geld für Gemeingüter zu »instrumentalisieren«. Gemeingüter zu diskutieren, ist ja keine Entweder-Oder-Debatte, es geht nicht um Markt versus Staat, Kooperation versus Konkurrenz oder mit Geld versus ohne Geld. In diesem Diskurs reicht es meiner Meinung nach nicht aus, an das gute Gewissen zu appellieren oder darauf zu setzen, dass alle freiwillig aus Spaß an der Sache etwas produzieren. Wir brauchen auch Investitionen in Gemeingüter. Ich plädiere für eine Mehrfachstrategie: Lasst uns die wichtigen Prinzipien der Commons – möglichst direkte Kommunikation, möglichst überschaubare Gemeinschaften, in denen Dinge außerhalb des Markts hergestellt und verfügbar gemacht werden und vieles mehr – in der Praxis umsetzen. Aber lasst uns gleichzeitig dort, wo es unübersichtlich wird, wo Fragen der Globalisierung, des internationalen Handelns oder der Neu-Eichung unserer Rechtssysteme weltweit ins Spiel kommen, alle verfügbaren globalen Schalthebel umlegen. Wir müssen die Regelwerke, denen wir derzeit unterliegen, in Richtung der Gemeingüter lenken. Dafür wiederum ist die gelebte Praxis wichtig.

JL
Ich muss noch einmal auf die Vielfalt von Wirtschaft zurückkommen. Zum Beispiel Geld: Es kann ganz unterschiedliche Geldformen geben, wie Bartersysteme, Währungen mit negativem Zins, regional begrenzte oder digitale Währungen. Die Existenz eines solchen Tauschmittels hat viel Reichtum hervorgebracht, zum Beispiel auch diesen Kugelschreiber, ein absolutes High-Tech-Produkt. Das gefällt mir. Ich bin kein Asket und mag lieber eine Zivilisation, die noch bunter und pfiffiger wird. Auch die Open-Source-Bewegung schafft täglich neue kreative Erfindungen.

SM
Das Wachstum bei der freien Software ist aber bedürfnisorientiert. Das ist etwas anderes, als wenn du für den Markt produzierst.

SH
Im Zusammenhang mit der Bewegung für freie Software stelle ich mir die Frage, warum dieser Bewegung die Entkoppelung vom Verschleiß der natürlichen Ressourcenbasis noch kein Anliegen geworden ist. Deswegen ist es wichtig, die Vieldimensionalität der Commons-Debatte in die ganze Digital-Commons-Szene hineinzutragen. Es müssen mehr Brücken entstehen, insbesondere die Brücke zwischen der Wissensallmende und den natürlichen Gemeingütern. Dann würden wir vielleicht das Prinzip der Freien-Software-Lizenz so übertragen, dass eine General Public Licence nicht nur das Prinzip der Freiheit viral weitergibt, sondern – ich phantasiere – sie würde beinhalten, dass jedes hergestellte freie Produkt weniger Ressourcen verbrauchen muss als das vorige.

JH
Wenn wir über eine bedürfnisorientierte Wirtschaft sprechen, sollten wir noch etwas ganz Elementares in unsere Per­spektive aufnehmen: Nehmen wir meinen Kugelschreiber mit seinem Aluminium-Gehäuse: Am untersten Ende seiner Produktionskette steht ein Mensch und bedient ein lärmendes, kreischendes Gerät, das in irgendeinem armen Land Brocken aus der Erde bricht. Das ist ein Knochenjob. Es ist ein guter Gedanke, jedem Produkt die Verpflichtung einzuschreiben, ressourcenschonender zu sein als das vorige. Das findet auch bereits statt, wir haben das Vier-Liter-Auto und Energiesparlampen. Aber das ändert nichts an der Situation des Minenarbeiters.

SM
Das liegt aber nicht an der Technologie. Wir müssen uns fragen, woher der Zwang kommt, immer mehr herstellen zu müssen.

JH
Das kommt daher, dass der Mensch ein Ekstatiker ist, ein Rausch­wesen, er berauscht sich an seinen Erfindungen. Die Mission der Industrialisierung war doch, Segen über die Menschheit zu bringen – den Segen der Dampfmaschine, des automatischen Webstuhls. All diese Kondratjew-Zyklen deuten darauf hin, dass der Superorganismus Menschheit ein völlig im Rausch handelndes Ganzes ist. Die Frage lautet jetzt: Bleiben wir im Konsumrausch der westlichen Welt?

SH
Ich kann solche Fragen nur erweitern. Mir stehen gerade die Landschaften Mittelamerikas vor Augen. Anfang dieses Jahrtausends, als die Rohstoffpreise für Edelmetalle gestiegen sind, wurden die Silber- und Goldvorräte und weitere Bodenschätze dieser Länder wieder lukrativ. In El Salvador, wo der Staat über 50 Prozent des unterirdischen Territoriums an transnationale Bergbaufirmen konzessioniert hat, gibt es heute heftige soziale Kämpfe um die Ausbeutung dieser Ressourcen. Auf der Erdoberfläche hat die Monokulturalisierung natürliche Ressourcen in vielen Ländern vernichtet. Die Umstellung von Subsistenz- auf Exportwirtschaft ist längst passiert, die Vielfalt der ländlichen Ressourcen ist erodiert. Ich kann mir in solchen Verhältnissen nur schwer eine Transition hin zu einer auf lokalen Ressourcen basierenden Gemeingüterwirtschaft vorstellen. Wir müssen eine internationale Debatte führen, genau hinhören, was eine Gemeingüterwirtschaft eigentlich bedeuten würde.

JL
Mit internationalen Standards kann man Ausbeutung entgegen­wirken. Man kann festlegen, dass dieser Kugelschreiber nur verkauft wird, wenn nicht nur keine Kinderarbeit, sondern wirklich menschenwürdige Arbeitsbedingungen hinter dem Produkt stehen.

JH
Wäre es da nicht viel besser, das Prinzip Kugelschreiber an sich zu hinterfragen? Kann ein High-Tech-Schreibgerät nicht auch aus Material, das lokal angebaut wird, von findigen Menschen mit großem Vergnügen hergestellt werden?

SM
So radikal muss tatsächlich gedacht werden. Das Grundprinzip der weltmarktorientierten Marktwirtschaft wird weiter wirken – unabhängig von internationalen Standards. Gerade sind in Bolivien neue Lithiumvorkommen bekannt geworden. Alle freuen sich darüber, auch die Bergarbeiter, die in Lohn und Brot bleiben wollen. Aber sie bedienen damit genau die weltmarktorientierte Logik, die zu den desolaten Zuständen in ärmeren Ländern geführt hat.

JL
Auch in diesem Fall können internationale Standards regulierend eingreifen, indem sie keine Naturzerstörung mehr erlauben.

SH
Der politische Weg ist schwierig, aber wir sollten ihn dennoch gehen. Regierungen begründen ihren Zugriff auf Gemeingüter mit der Sicherung oder Schaffung von Arbeitsplätzen. Das verfängt, auch wenn die Arbeitsplätze dann freilich oft ausbleiben. Solange der Zugriff auf Gemeingüter politische Macht stärkt, wird man nur schwer an die Vernunft von Verhandlungsdelegationen appellieren können.

JH
Wenn wir uns für das Prinzip des Gemeinguts engagieren, steht eben nicht das Parteiziel, die Macht, im Zentrum des Engagements, sondern konsequenterweise die Erde. Daraus würde eine andere politische Struktur erwachsen, die wenig mit Macht zu tun hat.

SM
Du sagst, es geht um die Erde, den Planeten, ich sage, es geht um uns selbst.

JH
Wir selbst? – Das ist doch der Planet, wir sind nichts anderes. – Das sind wir …

SM
Richtig, das sind wir – da kommen wir wieder zusammen. Die radikalste Position ist, von sich selbst auszugehen, aber nicht von sich selbst als isoliertem Individuum, sondern zu verstehen, dass wir nur sind, weil die anderen sind, auch die Regenwürmer oder die Bakterien in meinem Darm. Zu denen habe ich natürlich eine andere Beziehung als zu anderen Menschen oder dem Minenarbeiter in Bolivien. Aber für mich und für den Minenarbeiter muss das gleiche Prinzip gelten. Das ist das Bedürfnisprinzip. Wir brauchen keine Wirtschaft, sondern eine Form des Produzierens, welches die jetzt vernachlässigten zwei Drittel des nicht-wirtschaftlichen Lebens sowie das Bedürfnisprinzip einbezieht.

JH
Gibt es dann noch einen Minenarbeiter? Es gäbe ihn wohl nur noch, wenn er gerne Minenarbeiter ist.

JL
Gemeingüter ermöglichen uns, an der politischen Front an Rahmengesetzgebungen zu arbeiten. Zugleich inspirieren sie uns, individuell mit dem Aufbau neuer Strukturen zu beginnen und Keime für Neues im Alten zu säen. Open-Source-Software funktioniert ja in einem System, das nicht dafür gedacht ist. Das greift einen fast verschütteten Gedanken wieder auf: Zuletzt haben wir in den 70er und 80er Jahren so gedacht, dass wir im Bestehenden Kerne einer neuen Gesellschaft bilden können. Diese Vision wird heute wieder lebendig. Wir müssen beginnen, das richtige Leben im Falschen zu führen.

SM
Ich wünsche mir eine Welt, in der das Gemeinwohl kein Thema mehr ist. Solange wir noch genötigt sind, von Gemeinwohl zu sprechen, ist es noch etwas Separates, das wir zusätzlich organisieren müssen. Ich wünsche mir eine Welt, in der das – der Informatiker würde sagen – ein Built-in-Feature ist.

JH
Vielen Dank an euch alle. Das Gespräch, das Video – wir haben gemeinsam ein neues Gemeingut produziert.