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Gärten der Zukunft

Auf der Suche nach landwirtschaftlicher Allmende in unserer Zeit

von Ulrike Meißner , erschienen in 01/2010

Eine Tomate aus Marokko zu essen, ist langweilig. Eine Kostprobe von einer alten Tomatensorte aus dem Treibhaus der Bio-Gärtnerei nebenan ist ein Erlebnis – umso mehr, wenn man selbst im Treibhaus gearbeitet hat. Diese sinnliche Erfahrung macht die Qualität heutiger Allmende-Projekte aus.

Die landwirtschaftliche Allmende des Mittelalters mit ihren gemeinschaftlich durch die berechtigten Dorf- oder Stadtbewohner genutzten Wald- und Wiesenflächen erscheint uns heute als Symbol geradezu paradiesischer Zustände. Wie mag sich solche Art des Wirtschaftens angefühlt haben? Wie war das Gleichgewicht herzustellen zwischen den Nutzungsbedürfnissen der einzelnen, die ihre Tiere auf den Wiesen weiden lassen oder Holz für den eigenen Hausbau schlagen wollten, und den Ansprüchen aller anderen? Wie ging man damit um, dass der »gemeine Nutzen« oberste Priorität hatte, um das Auskommen aller Menschen zu sichern?

Eine Allmende wie im Mittelalter gibt es nicht mehr und wird es in unserer völlig veränderten Gesellschaft auch nicht mehr geben. Aber das Prinzip Allmende inspiriert, wenn wir uns auf der Suche nach Alternativen zur gewinnmaximierenden Produktionsweise begeben. Heute stehen wirtschaftliche Belange einzelner meist vor dem Gemeinwohl aller. Wirtschaftliche und soziale Fragen werden nur selten zusammengedacht. Auch der Zugang zu Land, um sich selbst mit Lebensmitteln aus eigenem Anbau zu versorgen, ist als eines jeden Menschen Recht eher schwierig zu realisieren.

Gelebte Allmende
Wo werden heute Allmende-Qualitäten gelebt? In welchen Projekten gibt es das gemeinschaftliche Wirtschaften und eine lokale Verbindung von den Menschen zum Land, auf und von dem sie leben?
Auf der Suche nach Beispielen begegneten mir Menschen, deren visionäre Kraft und Umsetzungswille mich begeistern. Sie zeigen in ihren Projekten, dass es auch andere Handlungsmöglichkeiten gibt als den üblichen, allgegenwärtigen Konsum und Profit. Sie alle scheinen mir hoffnungsvolle Boten für eine Zukunft zu sein, in der ganzheitliches Denken eine Renaissance erlebt und in der die verschiedenen Aspekte des Lebens wieder gemeinsam gedacht und gelebt werden dürfen. Dennoch sind diese Projekte auch ein Teil unserer heutigen, durch Marktwirtschaft geprägten Gegenwart und haben mir bewusst­gemacht, dass zu einer ganzheitlichen Betrachtungs-, Handlungs- und Lebensweise auch wirtschaftliche Aspekte gehören.

Gemeinschaftsgarten Allmende e. V.
Im Jahr 1998 gründete eine größere Gruppe engagierter junger Menschen, denen Selbstversorgung und Permakultur wichtige Anliegen waren, den Gemeinschaftsgarten des Allmende e. V. Verden in Niedersachsen. Der Verein schuf nutzbares Land für landlose Gärtner. Die sieben Hektar des Gartens gehören dem örtlichen Trinkwasserverband, der die einstige Ackerfläche im Wassereinzugsgebiet ursprünglich gekauft hatte, um sie aufzuforsten. Heute ist die Fläche kostenfrei an den Allmende e. V. verpachtet. Inzwischen hat sich hier ein vielfältiger, nach den Kriterien der Permakultur angelegter Waldgarten entwickelt. Neben einigen Dutzend Quadratmetern Gemüseversuchsfläche, auf der verschiedene Gemüse und Anbautechniken ausprobiert werden, ist der größte Teil des Gartens mit inzwischen 358 nutz- und essbaren Kulturgehölzen und essbaren Stauden bepflanzt. Ein Stück Wald und eine kaum bearbeitete Wildnisfläche ergänzen die Anlage.

Unter der Überschrift »Utopisches Gärtnern« wird ohne den Einsatz von Maschinen in kleinen Kreisläufen und ohne Nutzung von künstlichen oder tierischen Düngemitteln gegärtnert. Die Ernte dient der Selbstversorgung. Überschüsse werden an Unterstützer verschenkt. Neben einer Reihe von landwirtschaftlichen Experimentierflächen bietet der Garten auch ein soziales Lernfeld. Gearbeitet wird nach dem Prinzip: Alle machen alles. Das erfordert viel Kommunikation und führte im Lauf der Zeit zu einer ausgeklügelten Struktur, die das Gedeihen der Allmende ­sichert: gemeinsame Arbeitseinsätze, ein Büro als Treffpunkt, eine Datenbank im Internet für alle Mitarbeiter und regelmäßiger E-Mail-Austausch. Die strukturbedingt ausführliche Kommunikation unter den vielen Gärtnern macht die Arbeit zwar mitunter nicht immer effektiv. Das ist jedoch ein geringer Preis für die auf diese Weise vertieften persönlichen Lernerfahrungen aller Beteiligten.

Die feste Kerngruppe der Verdener Gärtner ist im Lauf der Jahre auf zwei Menschen geschrumpft. Praktikanten mit unterschiedlich langen Praktikumszeiten und junge Leute, die ein freiwilliges ökologisches Jahr absolvieren, verstärken das Team. Neue ständige Mitglieder sind deshalb gerne gesehen. Möglichkeiten zum Mitarbeiten, Lernen und Austauschen bietet das jährliche Workcamp.

Gemeinschaftlich getragene Landwirtschaft
Zum Mittun und Mitlenken laden auch sogenannte CSA-Projekte ein. Das Kürzel steht für Community Supported Agriculture und meint eine Versorgungsgemeinschaft, bei der eine Gemeinschaft die Existenz eines landwirtschaftlichen Betriebs sichert: Der Landwirtschaftsbetrieb versorgt sein Umfeld mit Lebensmitteln, während das Umfeld dem Betrieb die nötigen finanziellen Mittel bereitstellt. In diesem System übernehmen beide Parteien eine wechselseitige Verantwortung.

Im Idealfall kann sich der Landwirt von ökonomi­schen Zwängen wie Marktpreisschwankungen und Subventionen befreien. Er verfügt über neue Möglichkeiten, nachhaltig zu wirtschaften. Für die Verbraucher bedeutet das Modell, je nach Fähigkeiten und Wissen bei der Produktion der eigenen Lebensmittel mitbestimmen und mitarbeiten zu können.
Zwei solche Initiativen habe ich im Süden Brandenburgs besucht:

Biologisch-dynamische Gärtnerei »Löwengarten«
Kräuter, verschiedene Kohlsorten, Lichtwurzel, Kürbisse, Rhabarber und vieles mehr wächst in der biologisch-dynamischen Gärtnerei »Löwengarten« im Spreewald.

Seit 2006 bauen hier drei Gärtner mit Helfern auf zwei Hektar Pachtfläche überwiegend Gemüse für fünfzig Berliner Familien an, die in mehreren Abnehmergruppen organisiert sind. Die Gärtnerei und die Familien beschließen in einer gemeinsamen Vereinbarung für jeweils ein Jahr, wie sie zusammenarbeiten. Das bedeutet gemeinsame Arbeit auf dem Acker bei Wind und Wetter sowie für die Gärtner wöchentliche Auslieferung der Ernte an die Verteilerstellen der Abnehmergruppen. Die Verbraucher des Gemüses zahlen dafür jeden Monat einen festen Betrag und arbeiten drei Tage pro Jahr in der Gärtnerei mit. Gemeinsam wird am Anfang des Wirtschaftsjahrs der Anbau geplant. Auch am Ende des Jahrs trifft man sich, um Rückschau zu halten.

Neben dem unmittelbaren Ziel, »was Ordentliches zum Essen« zu produzieren, also Lebensmittel, die eine körperlich und geistig gesunde Entwicklung ermöglichen, sieht der Gründer der Versorgungsgemeinschaft Simon Junge in dieser Art zu wirtschaften auch einen Ansatz zu einer gesellschaftlichen Metamorphose: Statt mit Abstand und in Anonymität arbeiten Produzenten und Verbraucher hier persönlich zusammen.

Metamorphosen beginnen im Kleinen. In der Puppe eines Schmetterlings sind nur wenige Imago-Zellen, die andere »anstecken«, so dass der Transformationsprozess in Gang kommt. Der Löwengarten verfügt tatsächlich über Ansteckungspotenzial. Inzwischen sind eine Reihe junger Menschen zur Gärtnerei hinzugestoßen, die nach einigen unbefriedigenden Erfahrungen in organisierten »Gegen«-Bewegungen in der Stadt heute sagen: »Konkret mit Menschen, Gemüse und Land zu arbeiten, ist eine Möglichkeit, die Welt besser zu machen.«

Ein wirtschaftliches Auskommen für alle Beteiligten der kleinen Gemeinschaft allein durch die Versorgungsgemeinschaft ist gegenwärtig eher schwierig. Doch auch gemeinschaftlich getragene Landwirtschaften sind dynamische Systeme und können sich entwickeln. So ist der Löwengarten nun auf der Suche nach einem neuen Quartier. Mindestens zwei Hektar Ackerfläche und Wohnmöglichkeiten für drei Familien im Osten von Berlin sollten es sein, um ein auskömmliches Leben für alle Mitarbeiter zu ermöglichen.

LandGut Lübnitz e. V.
Die Zukunftsfähigkeit von Versorgungsgemeinschaften sieht auch Birgit Albert, eine der drei Organisatoren vom LandGut Lübnitz. Versorgungsgemeinschaften bilden lokale Netzwerke. Sie schaffen Verbindungen zwischen Menschen und zwischen Mensch und Natur. Die Landwirte arbeiten nicht auf Riesenflächen für einen anonymen Massenmarkt, sondern in überschaubarer Größenordnung für Menschen, die sie kennen und die auch mal selbst auf die Felder gehen. Das Konzept der Versorgungsgemeinschaft ist ein Dach, unter das ein Bauernhof oder auch mehrere gemeinsam wirtschaftende Höfe passen. Es kann aber ebenso bedeuten, dass sich eine Gruppe von Hobbygärtnern zusammenschließt, um gemeinsam eine größere Fläche zu bewirtschaften.

Die Versorgungsgemeinschaft Landgut Lübnitz e. V. ist aus einer Wohn- und Lebensgemeinschaft heraus entstanden. Neben den drei Organisatoren, die als »hauptamtliche Ehrenamtliche« einen kleinen Teil ihres Lebensunterhalts mit der Arbeit auf dem Landgut erwirtschaften, arbeiten weitere Mitglieder der Versorgungsgemeinschaft helfend mit. Obst und Gemüse werden angebaut, außerdem gibt es Produkte von Rind, Schwein und Hühnern. Überschüsse an frischen Erzeugnissen werden verarbeitet und eingekocht. Zudem arbeitet man mit einer Bäckerei zusammen, die zum Teil Getreide aus eigenem Anbau verwendet. Auf diese Weise können rund dreißig Familien im näheren Umkreis versorgt werden. An zwei Tagen in der Woche können die Lebensmittel im Hofladen abgeholt werden. Manche Mitglieder der Gemeinschaft helfen regelmäßig mit und kümmern sich um ihr Lieblingsgemüse, andere helfen auf Zuruf. Das läuft größtenteils improvisiert, aber es funktioniert. Jedes Jahr gibt es ein Hoffest. Bei der ebenfalls jährlichen Mitgliederversammlung wird die Produktion gemeinschaftlich geplant.

Die Mitglieder der Versorgungsgemeinschaft LandGut Lübnitz entwickeln ihre Strukturen ständig weiter. Für neue, zuverlässige Mitglieder, die sich auch in die Organisation einbringen möchten, stehen die Türen weit offen.

Ackerland in Dorfeshand – Oelala Reetz e. V.
Auch in dem kleinen Flämingdorf Reetz tut sich etwas: Unter dem lautmalerischen Kürzel OeLaLa will der Verein zur Förderung des ökologischen Landbaus und der Landschaftspflege in Reetz e. V. ein gemeinschaftliches System aus Verbrauchern und Produzenten schaffen. Das Motto, unter dem Land und Leute einander näherkommen sollen, lautet: »Ackerland in Verbraucherhand und Ackerland in Dorfeshand«.

Wie in vielen Gemeinden im deutschen Osten wurden auch in dem 600-Seelen-Dorf Reetz nach der Wende die Flächen der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaft, kurz LPG, an ortsfremde Investoren verkauft. Nur mehr rund zehn Prozent der Dorfflächen sind in der Hand der Dorfbewohner. Damit ist die Landwirtschaft als ökonomische Grundlage weggefallen, denn der Erntegewinn der Flächen kommt nicht mehr dem Dorf zugute. Vereinsgründer Dieter Wankmüller hat die Vision, auf den verbliebenen Flächen einen Landwirtschaftsbetrieb zu verankern, der positive Auswirkungen auf Reetz hat. Damit soll die Zerstörung der Kulturlandschaft durch die profitorientierte Monokultur kompensiert werden. Mit Hilfe zinsloser Darlehen der mittlerweile dreißig Vereinsmitglieder konnten zwanzig Hektar ortsnahe Agrarfläche gekauft werden. Das Land soll nun ökologisch bewirtschaftet werden. Die Initiative setzt sich auch für die Erhaltung und Neuerschaffung ökologisch wertvoller Feldraine und Hecken ein. Damit soll der Nah­erholungswert der ausgeräumten Landschaft wiederhergestellt werden. Durch den Aufbau eines »Ökozen­trums« auf dem Hofgelände von Dieter Wankmüller werden in Zukunft auch Räumlichkeiten für Bildungsarbeit und Veranstaltungen zur Verfügung stehen.

Selbst aktiv werden
Gemeinschaftlich Land bewirtschaften,
Land nutzen, ohne es privat besitzen zu müssen, oder in Kontakt zum Land und zur lokalen Landwirtschaft kommen – die vier Beispiele zeigen: Es ist möglich, und jeder kann mitmachen. Alle, die selbst ähnliche Initiativen gründen wollen, mögen folgende Hinweise bedenken, die von den Akteuren der vier Projekte stammen:

  • Interessenten sollten sich von Anfang an mit Gleichgesinnten zu einer Gruppe zusammenschließen. Wenn ein Projekt von einer einzelnen Person abhängt, bekommt es nicht die nötige Stabilität.
  • Für Neugründungen von Projekten ist das Einzugsgebiet einer Großstadt von Vorteil. Mögliche Interessenten können hier meist leichter erreicht werden als auf dem Land.
  • Hilfreich ist die Anbindung an schon bestehende Netzwerke.
  • Bei nicht-kommerziellen Projekten wirkt das Ehrenamt häufig als beschränkender Faktor, weil die Gemeinschaftsmitglieder anderswo ihr Geld verdienen müssen.

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