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Don’t move! Lebensfreude verboten.

Tänzer aus Berlin und Teheran erzählen auf der Bühne von der Sehnsucht nach Freiheit.

von Ina Schwarz , erschienen in 09/2011

Ist Tanzen nicht ein Menschenrecht? Wer im Iran modernen Tanz aufführt, läuft Gefahr, ins Gefängnis zu kommen. Die Performance »Don’t Move« holt iranische Tänzer durch Videoprojektionen auf die Bühne.

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Modjgan Hashemian wurde in Berlin geboren. Hier lebt sie auch heute. Dennoch ist sie ein Kind zweier Welten. Die ersten Jahre zwischen Berlin und Teheran haben sie geprägt. Ihre persischen Wurzeln sind der 37-Jährigen ins Gesicht geschrieben.
Wir treffen uns in der »Seerose«, einem kleinen vegetarischen Restaurant in Berlin-Kreuzberg. Es wird von Iranern geführt. »Gute alte Freunde meiner Eltern«, erzählt Modjgan und bestellt noch etwas Couscous zum Salat. Auf Persisch. An ihrer Seite der fünfjährige Bijan. Er hat glänzend schwarzes Haar und große braune Augen, genau wie seine Mama.
Modjgan Hashemian ist Tänzerin und Choreografin. Im März hatte ihr neuestes Stück »Don’t move« im Berliner Ballhaus Naunynstraße Premiere. Gerade ist sie voller Eindrücke von einer Tournee aus Istanbul und Köln zurückgekehrt. Auch dort berührte ihr Stück die Zuschauer.
»Don’t move« erzählt die Geschichte eines Landes, in dem Menschen sich nicht frei bewegen dürfen. Tanzen ist im Iran verboten.

Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln
Teheran, Anfang der 80er Jahre: Es hätte die Befreiung des persischen Volks werden sollen, der Sturz des autoritären Schah-Regimes. Stattdessen tun sich neue Schatten auf. Mit Einführung der Scharia in der Islamischen Republik Iran werden Lebensfreude und Feiern in der Öffentlichkeit verpönt. Die Menschen gehen grau und schwarz verschleiert. Bis zur Revolution 1979 gab es Folklore und Ballett. Danach werden Tänze hauptsächlich nur noch von Männern gezeigt. Frauen dürfen nur noch unter sich sein. Mehr und mehr ist es, als würde das persische Wort für Tanz – Raghs – mit einem politischen Fluch in Ketten gelegt und kurzerhand aus dem Sprachgebrauch gestrichen. Benutzt werden darf schließlich nur noch der Begriff »rhythmische Bewegung«. Es ist grotesk.
»Die Iraner lieben das Tanzen«, sagt Modjgan Hashemian. »Sobald sie Musik hören, möchten sie sich bewegen. Es liegt ihnen im Blut.« Doch was einst frei durch alle Lebensadern fließen durfte, geriet über Jahrzehnte der Unterdrückung in eine Art Schockstarre. Wer es wagt, öffentlich zu tanzen, und dabei erwischt oder verraten wird, läuft Gefahr, im Gefängnis zu landen. »Das betrifft vor allem die Frauen«, erzählt Modjgan. »In den Augen der Mullahs hat körperliche Bewegung einen starken Bezug zur Sexualität. Sie wird als Bedrohung und Gefahr empfunden und ist mit deren islamischen Werten nicht vereinbar. Tanzen ist wie Prostitution.«
Und dennoch. Trotz der irrsinnigen körperpolitischen Moralgesetze wird im Land getanzt. Heimlich. In Wohnzimmern, Kellern und auf Dächern. Bewegung wird damit zum Drama. Vor allem für die, die Tanz als ihre Profession ansehen. Sie sind der Willkür der Zensurbehörde ausgeliefert. Niemand weiß, wo, wann und warum sie die Zügel ihrer Macht anziehen oder auch locker lassen. Mittlerweile gehen die Menschen geduckt, misstrauen einander und tragen vielerlei Masken. Regimeterror und Selbstzensur zersetzen wie ein grauer Dämon den aufrechten Gang des ganzen Volks.
»Das alles macht mich sehr wütend und traurig zugleich«, erzählt Modjgan. Als Kind faszinierten sie die persischen Teppiche im Haus ihrer Großmutter in Süd-Teheran, einem armen Arbeiterviertel. »Immer nach der Schule rannte ich ganz schnell nach Hause, riss mir den ­dichten Schleier vom Kopf, der bei der Hitze schrecklich warm war und mich eingeengt hat. Dann habe ich die Musik aufgedreht und mich zu den farbigen Mustern auf dem Teppich bewegt. Ich habe einfach die Muster auf dem Teppich nachgetanzt. Das fand ich schön und befreiend.«
Modjgans Leben bewegt sich weiter, webt das eigene Muster. Berlin wird Mitte der 80er Jahre endgültig ihre Heimat. Trotz Vorbehalten in der Familie wird sie Tänzerin, studiert an der Schauspielschule Ernst Busch Choreografie.
Kindheitserinnerungen kommen hoch. Sie muss an die persischen Teppiche und deren Muster denken, möchte mehr über die Knoten, Schlaufen, Schlingen und Knüpftechniken erfahren und die alten Traditionen in Bewegungen auf der Bühne umsetzen. Nach 27 Jahren reist die Künstlerin 2007 erstmals wieder nach Teheran. »Als das Flugzeug landete, kamen mir die Tränen«, erinnert sie sich. »Ich liebe diese Stadt. Da waren plötzlich all die bekannten Gerüche meiner Kindheit, das, was man so speichert und was mit einem selbst eng verbunden ist. Ich wollte gar nicht schlafen in dieser Stadt, sondern den Genuss voll ausleben.« 2009 entsteht ihre erste größere Produktion »Move in Patterns«, die von der Geschichte ihrer Kindheit in Teheran erzählt.
Auch auf späteren Reisen kommt Modjgan immer wieder mit Tänzern ins Gespräch. Es sind Begegnungen im Untergrund. Die Kollegen vertrauen der Choreografin aus Berlin, deren Cousins, Cousinen, Onkel und Tanten noch immer in Teheran leben. Hier in der Hauptstadt des Iran wird 2010 die Idee für »Don’t move« geboren.

Skypedance auf den Dächern Teherans
»Ich habe viele Menschen interviewt, die früher beruflich auf der Bühne standen und später dafür hinter Gittern saßen«, erzählt die junge Frau. »Im Stadttheater in Teheran wurde ›Othello‹ dreißigmal gespielt. Die Behörden hatten das Stück abgenickt, es spielte auf Festivals, die Choreografin und Kostümbildnerin hatten sogar Preise bekommen. Dann plötzlich ließ die Zensurbehörde die Darsteller gerichtlich vorladen. Sie bekamen Spielverbot und mussten eidesstattlich erklären, sich nicht mehr auf der Bühne zu bewegen. Einfach so.« In Modjgan wächst ein Wunsch – sie möchte gemeinsam mit iranischen und deutschen Tänzern eine Ausdrucksform finden, diese Situation körperlich auf der Bühne auszudrücken.
In Teheran entstehen kleine Video-Sequenzen, heimlich auf Dächern gedreht und über Improvisationen erarbeitet. Die Freude an der Arbeit ist von Furcht und Unsicherheit durchdrungen. Nur nicht auffliegen!
Geübt wird auch über Skype. »Mir war immer ein Austausch sehr wichtig«, so die Choreografin. Ein Tanzprojekt lebt von gegenseitigen Inspirationen. »Also haben wir uns vor dem Rechner getroffen und Bewegungen ausgetauscht, über tausende Kilometer hinweg. Wir haben das ›Skypedance‹ genannt. Manchmal brach das Internet zusammen, oder die Übertragung kam zeitverzerrt. Mit all den Unwägbarkeiten haben wir uns künstlerisch auseinandergesetzt. Sie gehören zu ›Don’t move‹. Den Beteiligten war enorm wichtig, voreinander und miteinander zu tanzen.« Eine ungewöhnliche Probenarbeit. Es wurde gelacht und geweint.
Die Projektion der Videos wird im Projekt schließlich zum Medium, um Grenzen aufzuheben. Bei der Aufführung performen Berliner Tänzer live, während sie über Videoinstallationen mit Stimmen und Bewegungen der Kollegen in Teheran verbunden sind. Jene auf der Leinwand dürfen selbst nicht auf der Bühne stehen. Und doch ist Kommunikation möglich. Die »Moves« der Tänzer und die Eigenarten der Inszenierung lassen den Zuschauer spüren, was es bedeutet, in seinem eigenen Körper eingeengt zu sein und langsam erstickt zu werden. Es ist ein Stück über Schikane, Gefahr und Starre – und gleichzeitig eine berührende Hommage an Liebe, Kreativität und Freiheit.
»Viele Tränen sind bei diesem Projekt geflossen«, erzählt mir Modjgan. »Es schmerzt sehr, das Schicksal all der jungen, talentierten Menschen zu sehen, die langsam beginnen, die Hoffnung aufzugeben. Und dennoch gibt es einen Widerstand. All das wollte ich zeigen.«
Sarah, eine junge Tänzerin aus Teheran, sagt in einem Interview zu Susanne Vincenz, Dramaturgin und Ko-Produzentin bei »Don’t move«: »Wir brauchen unbedingt eine Tanztherapie für das ganze Land! Im Iran ist der Körper dieses Ding, das du in Kleidung steckst. Der Körper ist wie eingefroren. Und das produziert Engstirnigkeit. Wenn du den Körper befreist, dann befreist du auch das Bewusstsein.«
»Ich lebe heute bewusster«, sagt ­Modjgan. »Ich sehe meine Möglichkeiten, möchte sie ausschöpfen. Ich träume von meiner eigenen Company. Denn ich möchte mit meiner Arbeit immer tiefer in die Körper und Seelen meiner Tänzer blicken.« 
 

Ina Schwarz (42) ist seit zwanzig Jahren Journalistin mit Schwerpunkten im Bereich Theater, Jugend und Kultur. is.inaschwarz@web.de

Mehr über die Performance »Don’t move«:
www.hashemian.biz

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