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Kraft der Irritation

Über Kommunikationsguerilla und Medienaktivismus.

von Erik Meininger , erschienen in 09/2011

Ob ironisch-entlarvende Verfremdungen von Werbeplakaten, politisch motivierte Flashmobs, Aktivisten, die mit Dauer-Jubel Reden stören, oder auch Internet-Plattformen wie WikiLeaks – das alles und vieles mehr gehört zu den vielfältigen Formen des Medienaktivismus.

Anfang März dieses Jahres machte eine Pro-Guttenberg-Demo am Brandenburger Tor bundesweit Schlagzeilen. Die Teilnehmenden skandierten »Jetzt oder nie – Monarchie!« oder »Solidarität mit dem Oberbefehlshaber!«. Alexander Müller, der Anmelder der Demons­tration, wertete die Veranstaltung als »Auftakt und Sternstunde der kommenden deutschen Monarchie.«
Dies spielte sich ab unter Beobachtung der fast vollständig versammelten Hauptstadtpresse und echter Guttenberg-Anhänger, die, wie sich später herausstellte, ihre eigene Demo wegen dieser Veranstaltung abgesagt hatten und unter den Spaß-Demonstranten der Hedonistischen Internationale (HI), die das alles inszeniert hatte, recht verloren wirkten. Bereits ein Jahr zuvor hatte die HI mit Wohnungsbesichtigungsrallyes viel Aufsehen erregt. Damals überfielen nackte, witzig maskierte und zu lauten Beats tanzende Aktivisten Wohnungsbesichtigungen, um auf überhöhte Mietpreise und Gentrifizierung aufmerksam zu machen.

Den Spieß umdrehen
Einer der vielleicht größten Erfolge von Kommunikationsguerilla-Aktivisten war ein Live-Auftritt der Gruppe Yes Men bei der BBC in der Rolle eines Sprechers des Chemie-Riesen Dow-Chemical. Der Yes Man Andy Bichlbaum erklärte sehr glaubwürdig, Dow Chemical sei nun bereit, die Verantwortung für den 20 Jahre zurückliegenden Chemieunfall in Bhopal, Indien, zu übernehmen und zwölf Milliarden Dollar Schadenersatz an die Tausende Opfer zu zahlen. Es dauerte zwei Stunden, bis die Täuschung aufflog, aber eine halbe Stunde hatte gereicht, um den Wert von Dow Chemical an der Börse um rund zwei Milliarden Dollar fallen zu lassen. Die Netzkunst- und Aktivistengruppe der Yes Men stellen unter anderem gefälschte Internetseiten großer Konzerne und Institutionen ins Netz, die Milliardenprofite auf Kosten von Menschenleben und Bürgerrechten machen. Diese Websites sind so täuschend echt, dass die Yes Men von Organisationen kontaktiert und als vermeintliche Redner der Unternehmen zu Konferenzen eingeladen werden.
Der unmittelbare Effekt solcher Aktionen ist zunächst »nur« (mediale) Aufmerksamkeit, aber diese Aufmerksamkeit kann auch konkrete politische Wirkung entfalten. Vor allem dann, wenn es gelingt, mit anderen Initiativen oder Aktivisten zu kooperieren. So geschehen in Australien, als Anfang der 80er Jahre eine Gruppe gesundheitsbewusster Sprayer aus Protest gegen die Alkohol- und Tabakindustrie systematisch deren Werbeplakate sabotierte. In Kooperation mit einer Bürgerinitiative gelang es, mediale Aufmerksamkeit und öffentlichen Druck zu erzeugen, so dass nach zehn Jahren Aktivismus tatsächlich ein Werbeverbot für Tabak- und ­Alkoholprodukte erreicht wurde.
Kommunikationsguerilla ist eine Form des Aktivismus’, bei der gezielt Informationen und Desinformationen eingesetzt werden. Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich auf die Logik des verabscheuten Diskurses (z. B. Guttenberg) einzulassen, um ihn sich aneignen und dann unterlaufen zu können. Wichtig ist vor allem das Vertrauen auf die Wirksamkeit der eingesetzten Zeichen, um der Versuchung zu widerstehen, erklärende Informationen hinzuzufügen. Dadurch würde der Raum echter Kommunikationsguerilla verlassen und nur schnöde Propaganda oder Agitation betrieben, ohne die Kraft echter Irritation.

Medienaktivisten weltweit
Sucht man nach den Ursprüngen der Bewegung, stößt man auf die in den 50er Jahren in Frankreich gegründete Situationistische Internationale, die ein Konzept der »theoretischen und praktischen Herstellung von Situationen« entwickelt hatte, um das Leben selbst zur Kunst zu machen. Ein Vorbild war auch der Künstler Marcel Duchamp. Er verpasste 1919 einer Abbildung der Mona Lisa, der Ikone des damaligen bürgerlichen Kunstverständnisses, einen Schnurrbart und untertitelte sie mit französischen Abkürzungen, die so viel bedeuteten wie: »Sie ist sehr scharf«. Er nutzte so die »Marke« Mona Lisa mittels respektloser Verfremdung als Vermittlerin seiner eigenen Botschaft: der Kritik am gängigen Kunstbegriff.
Im Prinzip gehen die Kommunikations-Aktivisten genauso vor. Sie untergraben die »kulturelle Grammatik« von fest definierten Situationen (oder Zeichen), z. B. indem sie Rednern so laut applaudieren, dass diese nicht mehr zu verstehen sind, oder sie entlarven Werbeplakate durch kreative Eingriffe. Dieses »Demarketing« entspricht der Judo-Technik, den Gegner mit seiner eigenen Schlagkraft auf die Matte zu schicken.
Hinter den Aktionen stecken oft Medien­profis, die die Funktionsmechanismen der Branche von innen kennen – so wie der in Kanada lebende Este Kalle Lasn. Auslöser für sein Engagement war Ende der 80er Jahre eine Werbekampagne der Forstindustrie, die den Einwohnern von Britisch-Kolumbien einredete, ihre Wälder würden schonend bewirtschaftet, während gleichzeitig brutaler Kahlschlag praktiziert wurde. Zusammen mit Freunden produzierte Lasn einen kritischen Gegenspot und kaufte beim größten Fernsehsender 30 Sekunden Werbezeit für 565 kanadische Dollar. Der Sender aber strahlte den Spot nicht aus; Begründung: er sei zu kontrovers. Lasn klagte, und der folgende Medienaufruhr zwang schließlich den Sender, die Kampagne der Forstindustrie nicht weiter auszustrahlen.
Ein Jahr später gründete Lasn die gemeinnützige Adbusters Media Foundation. Mit ihrem Magazin »Adbusters«, das eine weltweite Auflage von 120 000 Exemplaren erreicht und völlig werbefrei ist, stellt die Stiftung heute das Leitmedium der Bewegung. Mit den Einnahmen finanziert Lasn konsumkritische Aktionen – etwa Fernsehwerbespots, die zum »Kauf-Nix-Tag« oder zur »TV-Abschalt-Woche« aufrufen (hierzulande unterstützt von konsumpf.de).
Es braucht nur ein wenig Mut, Kreativität und Vorbereitung, um sich am Klassiker der Bewegung zu beteiligen: der fantasievollen Entstellung von Werbe- und Parteiplakaten im öffentlichen Raum. Wichtig dabei ist, dass die Plakate nicht beschädigt, sondern nur beklebt werden, so dass etwaige juristische Konsequenzen im Fall des Erwischtwerdens eine Lappalie bleiben. Ein Plakat mit einer Märchenfigur und dem Spruch »Vattenfall unterstützt die Berliner Märchentage« wurde so »Mit dem Märchen ›Atomkraft ist sicher‹« ergänzt.
Die Zukunft dieser Form des Aktivismus’ wird – unabhängig von spektakulären Aktionen – davon abhängen, ob es gelingt, auch auf der Alltagsebene handlungsfähig zu werden und die Grenzüberschreitungen weiterzuentwickeln. Oder wie es die Yes Men am Ende ihres Films sagen: »Wenn ein paar wenige Typen ganz oben das Schlechte Wirklichkeit werden lassen können, warum können wir alle hier unten nicht zur Abwechslung mal die guten Sachen Wirklichkeit werden lassen?« 


Erik Meininger (32) ist Kulturwissenschaftler, Slam-Poet und freier Journalist. Er lebt in Berlin und Leipzig.

Anregungen für subversive Medienkunst:
Internet
www.adbusters.org, www.culture-jamming.de, www.hedonist-international.org, www.kommunikationsguerilla.twoday.net www.theyesmen.org, http://labofi.net, www.konsumpf.de
Literatur
Kalle Lasn: Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung. orange press, 2006 • Umberto Eco: Für eine semiologische Guerilla (1967). In: Umberto Eco: Über Gott und die Welt. dtv, 1987 • Luther Blissett, Sonja Brünzels: Handbuch der Kommunikationsguerilla. Kohlhammer Verlag, 1998

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