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Gemeingüter sind die Zukunft der Menschheit

Vandana Shiva im Gespräch mit Farah Lenser

von Farah Lenser , Vandana Shiva , erschienen in 01/2010

Anlässlich der Vorstellung ihres neuen Buchs »Leben ohne Erdöl« kam Vandana Shiva im November 2009 nach Berlin. Farah Lenser sprach mit ihr über die Vision einer Erddemokratie.

Am ersten Oktober vergab der World Future Council, dessen Mitglied Sie sind, den »Future Policy Award 2009« an den brasilianischen Minister Patrus Ananias für seine Initiative für ein Gesetz in Belo Horizonte, das dort seit dreißig Jahren das »Recht auf Nahrung für alle« umsetzt. Der Juraprofessor erzählte, er lehre seine Studenten, dass in der Theorie das Recht auf Leben den höchsten Wert habe, in der Realität aber werde das Recht auf Privateigentum vom Rechtssystem am besten geschützt. Unsere Gesellschaft pflegt eine Ideologie, die individuelle Freiheit und das Recht auf Privateigentum als eine Einheit begreift. Wie würde eine Gesellschaft aussehen, die sich durch Gemeineigentum definiert?

Den größten Unterschied zwischen dem Paradigma von Privateigentum und dem von Gemeingut sehe ich in der Anerkennung der Notwendigkeit, die Ressourcen dieser Erde als gemeinschaftliches Gut zu teilen, die Anerkennung, dass wir ein gemeinsames Interesse und eine gemeinschaftliche Verantwortung dafür haben, Land, Wasser, Luft und die biologische Vielfalt zu erhalten und zu schützen. Rechte und Verantwortung für gemeinschaftliche Güter sind unauflöslich miteinander verbunden. Das Privateigentum definiert sich nur über private Eigentumsrechte und nicht über die Verantwortung, Ressourcen auch zu beschützen. Ganz im Gegenteil, der Schaden, der durch die private Ausbeutung von gemeinschaftlichen Ressourcen entsteht, wird auf Kosten der Allgemeinheit auch noch ausgelagert.

Sehen Sie denn überhaupt eine Chance, diesen Prozess der Privatisierung von Gemeingütern wieder rückgängig zu machen?

Das sehe ich durchaus, auch weil wir in ­Indien erfolgreich das Saatgut als Gemeingut verteidigt haben. Mit Frauen in einem kleinen indischen Dorf in der Region von Kerala habe ich mit Erfolg gegen die Privatisierung des Wassers durch Coca Cola gekämpft. Die Frauen haben vor Gericht argumentiert: »Das Wasser gehört der dörflichen Gemeinschaft, ihr wollt euch nehmen, was uns gehört.« Und das Gericht erkannte ihre gemeinschaftlichen Rechte an. Was noch bedeutender war: Die Weltbank setzte – wie üblich – die Regierung in Delhi unter Druck, die Wasserversorgung in der Stadt zu privatisieren. Das hätte bedeutet, den heiligen Fluss Ganges, der die Versorgung speist, zu privatisieren. Ich habe damals eine große Kampagne initiiert, und wir konnten dieses Projekt stoppen.

Aber was mich wirklich optimistisch stimmt in unserem Kampf gegen diese unsinnige Privatisierung jedes einzelnen Tropfen Wassers und jeder Lebensform auf diesem Planeten, ist die Tatsache, dass der diesjährige Nobelpreis für Ökonomie an eine Frau ging, an Elinor Ostrom für ihre Arbeit zu gemeinschaftlich genutzten Ressourcen. Wenn das orthodoxe Lager, wo die Privatisierung ihren Anfang nahm, nämlich die Ökonomie, anerkennen muss, dass Gemeingüter die Zukunft unserer ökonomischen Sicherheit sind, dann, denke ich, sind wir an der Schwelle eines Paradigmenwechsels angelangt.

Glauben Sie, dass es sinnvoll sein kann, sich in dem Widerstand gegen die Privatisierung jeder Lebensform auf eine neue Spiritualität oder auch auf deren traditionelle Formen zu beziehen?

Ja, denn spirituelle Traditionen gehen davon aus, dass alles miteinander verbunden ist, und das ist auch die Erkenntnis der Neuen Wissenschaft. Ich bin Quantentheoretikerin, und die Quantentheorie besagt, dass es nicht möglich ist, die Natur in abgetrennte Teilchen zu zersplittern. Wenn alles miteinander verbunden ist, kann ich es nicht aufteilen und sagen, das ist meins und das ist deins. Aber bei dieser Aussage handelt es sich nicht nur um spirituelle Bewusstheit, sondern das ist bestes wissenschaftliches Denken. Privatisierung basiert auf einer veralteten, mechanistischen Weltsicht nach Newton und Descartes, die davon ausgeht, dass man alles in kleine Teilchen zerschnippeln und sich dann privat aneignen kann. Das ist jedoch vollkommen falsch: Wenn ich zuviel Grundwasser entnehme, stehle ich Wasser aus den Brunnen meiner Nachbarn, weil mein Wasser und deren Wasser miteinander verbunden sind. Wasser ist Gemeingut. Verbundenheit ist die Natur allen Seins, und das ist die Grundlage von Gemeingut.

Bei der EXPO 2000 in Hannover habe ich Wissenschaftler der Firma Monsanto sagen hören, sie wollten den Hunger in der Welt durch Gentechnik abschaffen. Ich hatte bei einigen das Gefühl, dass sie das tatsächlich glaubten. Ist es möglich, mit diesen Leuten zu reden und sie zu überzeugen, dass sie einen falschen Weg einschlagen?

Ich sehe mein ganzes Leben als einen Dialog, als Kommunikation mit denen, die anders denken. Wenn Leute vom Saatgutkonzern Monsanto glauben, dass sie mit Gentechnik die Probleme der Welt lösen könnten, dann deshalb, weil sie nie eine andere Realität kennengelernt haben. Sie haben nie eine Farm gesehen, wo nach Methoden der biologischen Vielfalt angebaut wird, und sie wissen nicht, dass eine solche Farm den doppelten Ertrag erzielt von dem, was ihnen mit Gentechnik möglich wäre. Sie sind eingeschlossen in ihrem Gefängnis der Monokultur und ihrer mechanistischen Denkweise, wenn sie glauben, dass die Menschheit sich mit irgendeiner Technologie aus ihren Krisen retten könnte.

Die Menschen können ihre Bedürfnisse besser befriedigen, wenn sie sich mehr an die natürlichen biologischen Prozesse halten. Mit Leuten, die pestizidproduzierende Pflanzen erfinden, wie den genetisch manipulierten BT-Mais, dessen Gift die Schmetterlinge tötet, gelingt der Dialog am besten, wenn wir sie einer neuen Erfahrung aussetzen. Denken verändert sich nur durch Erfahrung. Die beste Erziehung ist Erfahrung.

Hier in Europa wissen wir sehr wenig über die tatsächliche Situation der Landbevölkerung in Indien. Hat diese noch Zugang zu Gemeingütern?

In Indien wäre das Leben für die Armen unmöglich, wenn sie keinen Zugang zu Gemeingütern hätten. An dem Tag, an dem die letzten Gemeingüter eingehegt und privatisiert werden, verlieren die meisten Menschen in Indien ihren Zugang zu Nahrung und ihre Lebensgrundlage. Das ist genau der Grund dafür, dass die Gemeingüter in Indien mit solcher Vehemenz verteidigt werden. Bauern sind bereit, ihr Leben zu geben, und indigene Volksstämme verteidigen ihre Wälder als ihr gemeinsames Zuhause. Die Frauen in meiner Heimatregion waren bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, als sie die Bäume umarmten, um sie vor dem Abholzen zu schützen. Sie riefen: »Lieber werden wir getötet!«

Mahatma Gandhi war die Symbolfigur für ein neues, unabhängiges Indien, hatte aber auch großen Einfluss auf die Chipko-Bewegung, die in den 70er Jahren einen gewaltlosen ­Widerstand gegen die Abholzung ihrer Wälder durch das Umarmen der Bäume umsetzte. Welche Rolle spielt Gandhi heute beim ­Widerstand gegen die Privatisierung von ­Gemeingütern?

Gandhi ist für uns eine wichtige ­Symbolfigur. Als ich das Projekt »Navdanja« initiierte, eine Bewegung, um das Saatgut zu retten, wurde ich dazu von Gandhi und seinem Spinnrad inspiriert. Denn Gandhi hat gesagt: »Wenn wir nicht anfangen, unsere eigene Kleidung herzustellen, werden wir für immer vom Empire abhängig sein.«

Ich sah mein ganzes Leben lang, wie das Empire immer mächtiger wurde, indem es das Saatgut mit Hilfe der Gentechnik patentierte. Mir wurde klar, dass wir unser Saatgut als Gemeingut schützen müssen. So fingen wir an, gemeinschaftliche Saatgutbanken anzulegen, bis jetzt haben wir schon dreiundfünfzig davon. All das war inspiriert durch Gandhi, auch die Erkenntnis, dass wir die Pflicht haben, uns gegen Ungerechtigkeit aufzulehnen.

Gandhi ist in Indien immer noch sehr präsent, und sein Manifest der Freiheit, das er vor hundert Jahren schrieb, ist auch ein Manifest dafür, das zu beschützen, was unsere gemeinsame Lebensgrundlage ist. Das neoliberale Denken, das behauptet, ich könne nur frei sein, wenn ich dem anderen etwas wegnähme, ist oberflächlich. Gandhi sagt hingegen: »Du kannst nur frei sein, wenn Du mit dem anderen teilst, was euer gemeinsames Gut ist!«

Wir haben heute fast alle das Gefühl, dass es in unserer Gesellschaft keine wirkliche Demokratie mehr gibt, dass selbst Politiker, die das Gemeinwohl stärken wollen, von wirtschaftlichen Mächten dominiert werden. Sie sprechen in Ihren Essays von einer neuen Art von Demokratie, der Erddemokratie. Was meinen Sie damit?

Die Erddemokratie ist eine Demokratie des Gemeinwohls, es ist eine Demokratie, die verschiedene Ebenen hat. Die erste Ebene ist, dass wir an einem geografischen Ort verwurzelt sind, an einem Ort, den wir als die gemeinsame Lebensgrundlage unserer Gesellschaft definieren. Auf planetarer Ebene geht es im Sinn der Erddemokratie darum, anzuerkennen, dass wir alle Mitglieder einer Erdgemeinschaft sind. Erddemokratie heißt nicht, dass ich alle paar Jahre zur Wahl gehe und dort einen Wahlzettel in eine Urne werfe, damit Politiker machen können, was ihnen gefällt, oder andere ihnen sagen, was sie zu tun haben.

Ich sehe, dass die Atomindustrie und die Gentechnik-Lobby die Regierung in Deutschland im Griff haben, auch wenn dieselbe Regierung sich gezwungen sieht, die Erlaubnis, den Monsanto-Mais MON 810 anzubauen, wieder zurückzunehmen, weil die Bauern dagegen protestiert haben. Wahlen allein ­garantieren noch keine Demokratie. Erddemokratie bedeutet, wir müssen Demokratie in unserem täglichen Leben praktizieren. Und wenn die Regierung nicht dazu in der Lage ist, zu garantieren, dass wir keine Gentechnik bekommen – und zwar inspiriert durch unseren erklärten Willen –, dann müssen wir selbst dafür sorgen, dass sich Gentechnik nicht durchsetzen kann, indem wir uns mit den Bio-Bauern vor Ort verbünden. Aus solchen Verbindungen entstehen neue Beziehungen, die Nahrung als ein Gemeingut definieren. Daraus entsteht eine neue Art von Ernährungsdemokratie als ein Aspekt von Erddemokratie.

Mit anderen Worten: Wir müssen selbst aktiv werden und für unsere Rechte eintreten?

Wir müssen aktiv werden, und wir müssen Verantwortung übernehmen. Ich glaube, dass die Trennung von Rechten und Verantwortung unsere Demokratie beschädigt hat. Wir dachten, wir könnten unsere Verantwortung abgeben, und irgendwie würde der Staat uns schon beschützen. Aber der Staat ist damit beschäftigt, die Rechte der Unternehmen zu garantieren. Solange wir unsere Verantwortung für das Gemeinwohl nicht zurückfordern, werden wir auch kein Recht auf den Zugang zu Gemeingütern erringen können.

Vandana Shiva, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch und Ihre Einsichten und Erfahrungen.

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