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Immer mehr zu Künstlern werden

Der Wandel muss von »künstlerischer« Radikalität sein.

von Hildegard Kurt , erschienen in 09/2011

Wenn die »große Transformation« der Gesellschaft nicht in ­einem technischen Maßnahmenkatalog steckenbleiben soll, ist ein Wandel gefragt, dessen Radikalität sich am ehesten mit dem, was wir »künstlerisch« nennen, greifen lässt.

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Wenn der Typus des Intellektuellen charakteristisch für das 20. Jahrhundert war – wird das 21. Jahrhundert dann ein Jahrhundert der Künstlerin, des Künstlers im erweiterten Sinn?
Als jemand, der, meist wissenschaftlich oder künstlerisch gebildet, zu reden und zu schreiben versteht, analysiert der oder die Intellektuelle gesellschaftliche Vorgänge, um deren Entwicklung zu beeinflussen. Kraft eines souveränen Räsonnements haben kritische Geister wie Antonio Gramsci, Jean Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Noam Chomsky, Susan Sonntag oder Günter Grass wirkungsvoll in die öffentliche, auf Zuspitzung und Kontroverse basierende Auseinandersetzung um den richtigen Weg der Gemeinschaft interveniert.
Doch seit dem Wegfall des Ost-West-Konflikts verliert der Typus des Intellektuellen zusehends an Einfluss. Immer wieder konstatiert man verwundert das Schweigen und den Bedeutungsverlust dieser einst so heroischen Figur. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellt Stéphane Hessels für alle erschwingliche Streitschrift »Empört euch!« dar, die seit ihrem Erscheinen letztes Jahr nicht nur in Frankreich auf ausgesprochen lebhafte Resonanz stößt. Ein Zufall, dass der Verfasser dieses Manifests, heute über neunzig, mit seinen prägenden Erfahrungen tief in einem Jahrhundert wurzelt, in dem die großen Konflikte sich primär an Ideologien entfachten? Intellektuelle sind Kritiker, aber auch Produzenten von Ideologien.

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Anstatt eines Jahrhunderts der Ideologie dürfte das 21. Jahrhundert eines der Natur werden. Deutet doch vieles darauf hin, dass die großen Konflikte künftig zunehmend aus dem Zugang zu und der Verteilung von immer knapperen natürlichen Ressourcen und aus den Folgen des Klimawandels entstehen. Selbstverständlich braucht es im Blick darauf jenes Empören und den Widerstand, den Hessel propagiert: gegen die »Diktatur des Finanzkapitalismus und die Unterdrückung von Minderheiten« und vieles mehr. Aber reichen Analyse, Empörung, Kritik und Protest heute noch aus? Wer heute ernsthaft gesellschaftlichen Wandel will, kommt nicht mehr umhin, auch sich selbst in den Blick zu nehmen und eigene Gewohnheiten – wie und wo ich einkaufe und esse, wie ich mich fortbewege, welche Werte ich täglich praktiziere – so (neu) zu gestalten, dass man zunehmend das verkörpert, was die Welt sein oder werden sollte. Dafür aber genügt ein kritischer Intellekt nicht mehr. Ein Umgestalten der persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens­praxis ist eine im umfassenden Sinn schöpferische Aufgabe.

Von Position über Opposition zu Komposition
Zweiter Versuch einer Annäherung: Nicht nur in der arabischen Welt vollziehen sich die gegenwärtigen Auf-, Aus- und Umbrüche größtenteils ohne ausgearbeitete Programmatik. Man hält den Atem an, wenn im Fernsehen oder auf YouTube Aufständische aus diesen Ländern zu Wort kommen, weil man spürt, die einzige Gewissheit, auf der ihr Handeln basiert, ist die Überzeugung: Wir brauchen einen Wandel. Dringend. Jetzt. Mit ungeheuerlichem Mut brechen meist junge Frauen und Männer über ihre Angst, aber auch über bisherige Sicherheiten hinaus auf in ein völlig offenes, ungeschütztes Terrain – in eigener Verantwortung, ohne Führer, ohne Kader, ohne religiöse Dogmen, ohne Parteibuch. Ihr Einsatz für Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung scheint zu jenem Handeln aus »innerer Notwendigkeit« geworden zu sein, wofür einst Kandinsky am Bauhaus und später Beuys eintraten: ein Handeln, dessen Antrieb und Kompass das ist, was ich an Werten lebendig in mir trage.
Ähnliches gilt für neue Formen der Selbstermächtigung und Selbstorganisation hierzulande. Die Grünen profitieren vom gegenwärtigen Engagement der Zivilgesellschaft, andere, wie die Linke oder die Gewerkschaften, versuchen es. Aber sind diese Kollektive Motor der neuen Bewegungen? Doch eigentlich kaum. Mehr als wohl je zuvor werden die derzeitigen revolutionären Evolutionen von selbstverantworteten Handlungsimpulsen vieler, sehr vieler Individuen initiiert, getragen – und mitgestaltet.
Bekanntlich hat Karl Marx den Dreischritt gesellschaftlicher Transformation in die Stadien Affirmation, Negation und Negation der Negation unterteilt. Ebenfalls bereits bei ihm taucht eine Variante hierfür auf, die vielleicht erst jetzt zum Tragen kommen wird: von der Position in die Opposition und dann – zur Komposition.
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Radikal
Von hier ein dritter Versuch der Annäherung: Immer mehr Menschen erleben existenziell, wie – ob durch den Verlust des Arbeitsplatzes, das Scheitern einer Beziehung oder was auch immer – Sicherheiten von heute auf morgen wegbrechen, wie das bisherige Koordinatensystem sich auflöst. Man fällt aus dem Rahmen, verliert sein Skript, seine Partitur, seinen Kontext. Wo es gelingt, die daraus erwachsende Angst in Schach zu halten, lässt sich in solcher Lage spüren: Um jetzt das Leben in seiner Komplexität und Dynamik überhaupt noch zu bewältigen und erst recht, um ihm Würde, Schönheit und Freude abzugewinnen, kommt es darauf an, sich sozusagen im Instant Composing zu üben: einem Prozess des Komponierens, der direkt im Augenblick geschieht. Instant Composing in jeder Begegnung, in allen Lebensbereichen. Und das nicht nur allein, sondern gemeinsam.
Nun, jede Musikerin weiß: Das gemeinsame Improvisieren lebt vom Zuhören-Können. Die Sache wird überhaupt erst möglich und dann umso spannender und schöner, je weniger ich dem Geschehen meinen Stempel aufdrücke, sondern stattdessen versuche, ganz gewärtig und offen zu sein und in ­Resonanz zu kommen.
Ein solches empathisches und dabei freies, selbstverantwortetes und offenes Gestalten im gesellschaftlichen Horizont zu üben, es immer besser, bewusster zu praktizieren, ist vielleicht die Art von Radikalität, die heute ganz besonders gebraucht wird. Radikal kommt von Lateinisch radix, »Wurzel«. Auf einer Zeichnung von Joseph Beuys – sie stellt eine Pflanze, einen Hasen und einen Menschen dar – sind bei Letzterem die Wurzeln, anders als bei der Pflanze, nicht in der Erde, sondern im Kopf. Wie ein Geweih öffnen sie sich zum Kosmos. Radikalität als bewusstes Herausformen ­eines anderen Denkens, das nicht mehr abtrennt, sondern Verbindendes erspürt.

Blick zurück nach vorn
Vor dem Hintergrund solcher Perspektiven und Notwendigkeiten können einem die Prioritäten des real existierenden Kunstbetriebs mitunter merkwürdig irreal und irrelevant erscheinen. Ähnlich wie die Finanzwelt wirkt das »Betriebssystem Kunst« (Thomas Wulffen) aus dem gesellschaftlichen Ganzen entbettet und immer wieder nicht etwa als Teil der Lösung, sondern als Teil des Problems.
Aber kommen nicht auch hier die Dinge auf zum Teil erstaunliche Weise in Bewegung? »Über Lebenskunst« etwa, das aktuelle Projekt der Kulturstiftung des Bundes, wäre wohl noch vor nicht langer Zeit kaum denkbar gewesen. In der Kunstwelt verankert, lädt dieses Programm dazu ein, sich der Frage zu widmen: Was ist das »gute Leben« angesichts der globalen ökologischen Krise? Bemerkenswerterweise scheint es bei »Über Lebenskunst« keine wirkliche Trennung zwischen Kunst und Nicht-Kunst mehr zu geben. Wohl mit einem Fokus auf Bildender Kunst, Performance, Musik und Literatur will man hier Querdenkende aus allen Bereichen, die sich für eine zukunftsfähige Welt engagieren, vernetzen und sichtbar machen. Kulturpolitisch dürfte eine dergestalt integrative Kunstinitiative in mancherlei Hinsicht ein Novum darstellen.
Inhaltlich jedoch lebt hierin gewissermaßen ein Impuls auf, der schon die Klassische Moderne zu Beginn des letzten Jahrhunderts geprägt hat: das Ziel, von der Kunst aus eine neue Lebenspraxis zu gestalten. Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, übrigens auch einer der großen Intellektuellen, erklärte einmal, die Kunst sei seit etwa hundert Jahren »der sensibelste Seismograph der kommenden Menschheitskrise«. Tatsächlich ereigneten sich die so überaus kühnen ästhetischen Innovationsschübe bei Künstlern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee, Kasimir Malewitsch oder Piet Mondrian vor dem Hintergrund rasanter technischer Entwicklungen und eines ungezügelten Kapitalismus mit großen sozialen Missständen als Vorboten der sozialistischen Revolutionen und des Ersten Weltkriegs. In den neuen, nicht nachahmenden Gestaltungsformen sahen die damaligen Künstler so etwas wie einen Hebel, um das überkommene Welt- und Menschenbild zu re-form-ieren.
Das zentrale Postulat jener historischen Avantgarde, von der Kunst aus die Gesellschaft zu erneuern, brachte innovative Schulen hervor, etwa die »Hohen Kunsttechnischen Werkstätten«, gegründet 1918 in Moskau oder das »Staatliche Bauhaus«, gegründet 1919 in Weimar. Die Programmatik des frühen Bauhauses lässt sich fast eins zu eins auf den Anspruch von »Über Lebenskunst« übertragen: Internationalität und eine experimentelle Grundhaltung, die Arbeit an einer kulturellen Reform der Moderne, ein die Kunstwelt überschreitender Gestaltungsanspruch, eine transdisziplinäre und demokratische Ausrichtung, das Anliegen, die Lebenswelt nach nicht-kommerziellen Gesetzen der Schönheit zu formieren, und schließlich die Zukunftsorientierung.
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Natürlich ist die klassische Moderne längst zu Museumskunst und zu einem Bestandteil des bürgerlichen Bildungsinventars geronnen. Werke aus jener Zeit erzielen als Luxuskonsumartikel Höchstpreise. Doch lassen sie sich ebenso als bildnerische Vorboten eines umfassenden zivilisatorischen Wandels verstehen, der heute dringlicher ansteht denn je.
Nachdem ab den späten 20er-Jahren der Faschismus und andere totalitäre Regime jenen Aufbruch der historischen Avantgarde gewaltsam beendet hatten, entfaltete sich seit Ende der 60er ein ganzes Spektrum kritisch gesellschaftsreformerischer Kunst. Rezipiert unter Sammelbegriffen wie zunächst Konzeptkunst, dann Public Art, Social Art, Neue Kunst im öffentlichen Raum, aktivistische oder interventionistische Kunst arbeiteten und arbeiten immer mehr Künstler daran, mit Menschen jenseits des üblichen Kunstpublikums zu interagieren, Beteiligungsformen zu entwickeln und zur Selbstermächtigung und Gestaltungsfähigkeit anzuregen.
Ein ziemlich kompromissloses Beispiel hier ist die Wiener Gruppe »WochenKlausur«, die seit Anfang der 90er programmatisch in soziale Problemfelder interveniert. Sie entwickelt kleine, aber sehr konkrete Vorschläge zur Verringerung gesellschaftspolitischer Defizite und setzt diese Vorschläge auch um: »Die Ästhetik gesellschaftlicher Erneuerung ist eine Aufgabe der Gegenwartskunst nach der Kunst ästhetischer Oberflächen«, so Wolfgang Zinggl, Gründer der Gruppe. Indem »WochenKlausur« stets auf Einladung einer Kunstinstitution und unterstützt von deren Infrastruktur agiert, nutzt man das gesellschaftliche Prestige und das symbolische Kapital von Kunst für reale gesellschaftliche Veränderung. Bei ihrem ersten Projekt, »11 WochenKlausur« von 1993, befasste sich die Gruppe in den Räumen der Wiener Secession elf Wochen lang mit dem Problem der medizinischen Versorgung Obdachloser. Ergebnis war ein Ärztebus, der monatlich über 700 Patienten ohne Krankenschein und Kosten für die Betroffenen betreut. Themen nachfolgender Interventionen waren die »Zukunft der Arbeit« (Berlin, 1998), »Weitsichtig wirtschaften« (Wörgl, 2007), »Interkulturelle Schnittmengen« (Wien, 2009) oder »Mietfrei Wohnen« in Porto (2010).
Seit gut vier Jahrzehnten bereits ist auch die ökologische Krise Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung. Zu den Pionieren auf diesem Terrain zählt das amerikanische Künstlerpaar Helen und Newton Harrison, das sich Ende der 60er selbst dazu verpflichtete, fortan keine Kunst mehr zu machen, die sich nicht auf engagierte Weise mit der Biosphäre auseinandersetzt. Meist gemeinsam mit Wissenschaftlern haben die Harrisons seither wegweisende Lösungen für ökologische Brennpunkte entwickelt, die mehrfach langfristige öffentliche Planungen beeinflussten. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und gefährdeter Wasserressourcen zielt ihr Projekt „Halbinsel Europa. Die Welt als Garten« (seit 2000) darauf, in den hoch­gelegenen Gebieten von Portugal und Spanien bis zu den Karpaten einen Wald zu schaffen. Ein solcher transeuropäischer Ökokorridor würde auch, so die Harrisons, die Vielfalt der Kulturen in das Bewusstsein der Einheit des Naturganzen einbetten.
Inzwischen gibt es weltweit eine wachsende Zahl von Künstlern, die namentlich dort, wo die ökologischen Kosten der Industriemoderne manifest werden, Formen, Modelle und Techniken für eine zukunftsfähige Welt erarbeiten. Mit »greenmuseum.org« haben sie eine Plattform für Vernetzung und produktiven Austausch gefunden. Besonders im Gespräch sind derzeit Ansätze wie das »Avant-Gardening« oder die »Edible Estates« des Künstlers und Gärtners Fritz Haeg als Teil der vielerorts so dynamischen Bewegung urbanen Gärtnerns. Haegs »Angriff auf die Vorgärten« richtet sich gegen die »toxische Uniformität« von Vorstädten und führt zu Kunst-Gärten als subversiv dekorative Form der Selbstversorgung.

Ein neues Verständnis vom Menschen
Aber nun noch einmal zurück zur eingangs gestellten Frage: Wird das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Künstlerin, des Künstlers? Hierbei ist, wie inzwischen klar sein dürfte, ein Künstlersein in dem Sinn gemeint, wofür Joseph Beuys die Formel prägte: Jeder Mensch ein Künstler. Vielleicht ist es nicht übertrieben, in dieser Erweiterung des Verständnisses von Kunst den bedeutendsten künstlerischen Entwicklungsschub seit der klassischen Moderne zu sehen mit einer Reichweite, die sich erst jetzt allmählich erschließt.
Im Kern ist der erweiterte Kunst­begriff – ab den späten 70ern kam synonym der Begriff Soziale Plastik auf – nichts weniger als ein neues Verständnis vom Menschen: der Mensch als Freiheitswesen. Das meint nicht die herkömmliche bürgerliche Freiheit und schon gar nicht Konsumfreiheit oder individualistische Willkür. Die Freiheit, um die es hier geht, beinhaltet die Perspektive, dass wir nicht bleiben müssen, wie wir sind. In jedem Menschen gibt es das Potenzial, bewusster zu werden, sich in Entwicklung zu bringen und von da aus kreativ zu gestalten.
Damit aber wirklich alle aus solcher Freiheit heraus am Wandel mitwirken können, bedarf es nicht zuletzt einer weiterentwickelten Demokratie. Vor diesem Hintergrund gründete Beuys 1971 die »Organisation für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung«, aus der unter anderem der »Omnibus für Direkte Demokratie in Deutschland« hervorging. Seit der »documenta 8« im Jahr 1987 ist der Omnibus, ein inzwischen gemeinnütziges »Unternehmen zur Erforschung und Entwicklung von Direkter Demokratie«, unterwegs. Ziel der Reise ist die Einführung der dreistufigen Volksabstimmung – als eine dann allen gegebene Möglichkeit, die eigene Verantwortung für die Formen des Gesellschafts- und Wirtschaftslebens in konkretem Mitgestalten zu praktizieren.
Was genau aber ist es, worin sich die Soziale Plastik von den anderen hier skizzierten Praktiken aktivierender Gegenwartskunst unterscheidet? Diese Frage steht im Zentrum der weltweit ersten Forschungseinrichtung zur Sozialen Plastik, der Social Sculpture Research Unit (SSRU) in Oxford. Shelley Sacks, einstige Beuys-Studentin, Mitbegründerin und Leiterin der SSRU, antwortet hierauf: Bei der Sozialen Plastik verbindet sich äußere Arbeit untrennbar mit innerer Arbeit, da der Quellort wünschenswerten Wandels in der Welt ein sich wandelndes Bewusstsein ist.
Ein für alle zugängliches Beispiel hierfür ist die University of the Trees (UoT). Vor einigen Jahren von Shelley Sacks initiiert, bietet sie einen Rahmen, um neue, ganzheitliche Formen des Wissens zu erkunden, miteinander zu teilen und zu praktizieren. Ausgangspunkt dafür sind Fragen wie: Was ist Wissen? Wie erkennen wir die Welt? In welcher Beziehung stehen wir zu ihr? Eine UoT kann überall dort entstehen, wo es Menschen gibt, die mit solchen Fragen unterwegs sind. Ihre einfachste Form ist, an Bäumen ein Filzband mit dem Schriftzug »University of the Trees« anzubringen. Die Bänder signalisieren: Hier ist ein Ort des Lernens über Mensch und Natur. Alle Teilnehmenden können Lernende und Lehrende sein. Doch sind insbesondere die Bäume Lehrer.
So neuartig diese Universität überall, wo sie in Erscheinung tritt, sein mag, hat es sie doch im Grund immer schon gegeben. Auch genügen die Filzbänder, um einen Baum auf neue Weise wahrzunehmen, woraus ein »Bewusstheitsfeld« entsteht: eine Art Arena, in der Prozesse eines vertieften Verstehens, Gespräche, Workshops oder Seminare stattfinden. Auf welche Weisen das geschieht, hängt von den jeweiligen Akteuren ab. Alle, die den Prinzipien der UoT verbunden sind, können eigene Formen des Arbeitens entwickeln.
So etwa ist in Südafrika unlängst im Vorfeld des nächsten Klimagipfels im Dezember ein UoT-Prozess namens »Earth Forum« entwickelt worden, bei dem Entscheidungsträger und Akteure aus allen Bereichen mit ein wenig Erde in der Hand unter den Bäumen nach den eigenen Potenzialen für wünschenswerte Veränderungen fragen. Ein anderer UoT-Prozess wird derzeit am Center for Contemporary Art and the Natural World im englischen Exeter für 5- bis 7-Jährige gemeinsam mit Erwachsenen praktiziert: Die Kinder lauschen, was die Bäume sagen und erzählen dies dann den Erwachsenen. Letztere sind die Studierenden.
Eine wachsende Zahl internationaler Gruppen ist inzwischen über »universityofthetrees.org« miteinander vernetzt. Ende Mai wurde im Rahmen von »Über Lebenskunst« die University of the Trees Berlin gegründet, mit sieben Bändern an Bäumen im Tiergarten rund um die Siegessäule am Großen Stern. Diese homöopathisch ­dosierte Aktion oder Akupunktur an einem Ort, der imperialistische Siege verherrlicht, erhob den Anspruch auf ein neues Verständnis von Sieg. Als Teil einer weltweiten Bewegung von Menschen, die nichts mehr mit Siegen der alten Art zu tun haben wollen, steht die UoT für Siege der Achtsamkeit, der Bewusstheit und des ­Verbundenseins.
Und spannend ist nicht zuletzt: Wohl gehen die Ursprünge der UoT auf eine ausgebildete Künstlerin zurück, doch kann jede und jeder neue Entwicklungen darin initiieren. Der Anspruch auf künstlerische Urheberschaft wird hier in eine neue Allmende überführt.
Sind solche künstlerischen und zugleich radikal gesellschaftserneuernden Prozesse das, was einst Karl Marx mit »Komposition« vorschwebte? 


Hildegard Kurt (52) ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und arbeitet praktisch auf dem Feld der sozialen Plastik.
www.hildegard-kurt.de

Wege zum gesellschaftserneuernden Künstlertum:
Internet
www. universityofthetrees.org, www.wochenklausur.at,
www.omnibus.org, http://theharrisonstudio.net
Literatur
Hildegard Kurt: Wachsen! Über das Geistige in der Nachhaltigkeit. Johannes M. Mayer Verlag, 2010
sommerkurs mit hildegard kurt
»Ästhetische Bildung als Grundlage einer zukunftsfähigen Gesellschaft«, ein Workshop im Rahmen der 12. Weimarer Sommerkurse vom 13.–27. August, www.sommerkurse-weimar.de.

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