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Wir sind Revolution

Betrachtungen über die Kunst des Wandels.

von Matthias Fersterer , erschienen in 09/2011

Sie mag scheinbar plötzlich über die Welt hereinbrechen, doch »Revolution« heißt nicht ruckartiger Umbruch, sondern kann Ausdruck organischen Wandels sein, so wie eine aufblühende Rosenknospe, kreisende Gestirne oder Menschen, die dem Ruf der Freiheit folgen.

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Zunächst ist da nur sattes, öliges Grün: Die gefiederten Blätter, die spitzen Dornen, der glatte Stiel. Alles ruht und ist zugleich in höchste Anspannung versetzt. Ein Gefühl konzentrierter Potenzialität liegt in der Luft. Dann, scheinbar plötzlich, regen sich die Kelchblätter. Mit gemessener Bestimmtheit bilden sie eine sternförmige Formation und geben den Blick auf das tiefleuchtende Rot der zu einer Faust geballten Blütenblätter frei. Schicht um Schicht öffnet sich die Blüte, immer neue Blätter quellen hervor, drängen in einem kreisförmigen Bewegungsimpuls ans Licht. Entfaltung in ihrer essenziellsten Form.
»Diese Blüte kommt nicht ruckartig zustande, sondern nur aufgrund eines organischen Wachstumsvorganges, der so angelegt ist, dass die Blüten keimhaft veranlagt sind in den grünen Blättern und aus diesen ausgebildet werden«, erklärte Joseph Beuys 1972 anhand einer langstieligen Rose den Besuchern des Informationsbüros der »Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung« auf der documenta 5 in Kassel. »So ist die Blüte«, fuhr er fort, »in Bezug auf die Blätter und den Stiel eine Revolution, obwohl sie in der organischen Umwandlung gewachsen ist, die Rose wird als Blüte nur möglich durch diese organische Evolution.«
Auch der als sprunghaft empfundene Wandel, der wohl erst seit den um das Jahr 1789 in Frankreich stattgefundenen Umstürzen als »Revolution« bezeichnet wird, war für Beuys etwas, das zuerst keimhaft im Inneren des Menschen veranlagt ist, bevor es im Äußeren manifest wird. Kunst betrachtete er dabei nicht nur als eine Spielart des Wandels, sondern als »die einzige revolutionäre Kraft« überhaupt. In Anlehnung an die Beuys’sche Formel »Kunst = ­Kapital« ließe sich auch die Gleichung »Kunst = Wandel« aufstellen. Wenn Kunst Wandel ist, und Wandel die Essenz des Lebens, dann wird das Leben selbst zum Kunstwerk. Ist im Sinn eines erweiterten Kunstbegriffs jeder Mensch ein Künstler, so steckt in jedem Menschen auch ein Revolutionär. Die Kunst wird dann zur Lebenskunst, die Revolution zum »Lebenswandel«.

Gewaltfreie Transformation
Auf einem seiner bekanntesten Werke, einer 1971 entstandenen Fotografie, die als Auflagenobjekt in Form lebensgroßer Lichtpausen und handlicher Postkarten populär wurde, leiht Beuys einem idealtypischen Revolutionär sein Gesicht: Mit nichts als Entschlossenheit im Blick scheint er direkt auf den Betrachter zuzugehen. Er nimmt keine Pose, sondern eine Haltung ein. Er ist unbewaffnet. Wozu sich bewaffnen? Er weiß, der einzige Weg, das Bestehende tiefgreifend zu verändern, ist »die gewaltfreie Transformation«. Ausgestattet mit Schaftstiefeln, einem Taschengurt, der nur beinahe ein Munitionsgürtel hätte sein können, mit der notorischen Anglerweste und dem unvermeidlichen Filzhut, setzt er zum vielleicht allesentscheidenden Schritt an. Wer oder was wollte ihn aufhalten? Wer solchermaßen entschlossen wirkt, wird angetrieben von Dingen, die weit über die eigene Person hinausgehen.
Unter der Signatur steht in der Handschrift des Künstlers zu lesen »La rivoluzione siamo Noi« – »Die Revolution sind Wir«. Das großgeschriebene Wir ist kein majestätischer Plural, kein vereinnahmendes oder ausgrenzendes Wir. Es ist eher das weitgefasste, niemanden ausschließende »Gattungs-Wir« des Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee oder vielleicht sogar eine Art »Schöpfungs-Wir«, ein mit dem Tier-, Pflanzen- und Mineralreich verbundenes Wir, wie Eugen Blume, Kurator der Berliner Beuys-Ausstellung »Die Revolution sind wir«, im gleichnamigen Katalog vermutet. So betrachtet, hält der Revolutionär auch ein Plädoyer für die Verbundenheit allen Lebens: »Du«, scheint er zu sagen. Gemeint ist der Mensch an sich. »Sieh her, wie eine Revolution aussehen kann: Ich bin entschlossen und unbewaffnet. Ich bin der Souverän meines Lebens. Ich bin ich, und ich bin viele.«
Auch wenn der Revolutionär noch kein Paradebeispiel für seine idealtypische Revolution gefunden hat, so findet er doch verschiedene Elemente davon in den Wärmeströmungen der Geschichte:

Blumen statt Blei

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Lissabon, 25. April 1974, der Tag ist erst vierundzwanzig Minuten alt. Der Sprecher des kirchlichen Rundfunksenders ­Rádio Renas­cença verliest die erste Strophe des verbotenen Lieds »Grândola Vila Morena«, gefolgt von leise anschwellenden Marschgeräuschen, die das im Stil traditioneller Chorgesänge aus dem Alentejo komponierte Lied einleiten. Dann setzt der Gesang des regimekritischen Liedermachers José Alfonso (»Zeca«) ein. Eine gewagte Musikauswahl und ein Affront gegen die faschistische Diktatur, die seit vier Jahrzehnten das Land beherrscht. Für die »Bewegung der Streitkräfte«, einige hundert junge Generäle niederer Ränge und deren Einheiten, ist es das vereinbarte Signal zum Aufbruch. Nun gibt es kein Zurück. In den folgenden Stunden werden sie strategische Stellen besetzen: Rundfunksender, Flughäfen, Polizei- und Militärstützpunkte.
Am Morgen jubelt das Volk den Aufständischen zu. Was wenige Stunden zuvor als Militärputsch begonnen hatte, entwickelte sich zu einer von breiten Bevölkerungsschichten getragenen Revolution. Als die Soldaten am Markt vorbeiziehen, werfen ihnen die Beistehenden Blumen zu. Die Soldaten stecken Nelken in ihre Gewehrläufe, um ihre friedliche Absicht zu signalisieren. »Anders als beim Prager Frühling 1968, wo die Menschen mit sanftem Spott Blumen in die Gewehrläufe und Panzerkanonen gesteckt hatten, wurden die Soldaten hier mit Blumen beschenkt, wie sonst nur eine Geliebte beschenkt wird«, kommentiert der englische Lehrer Phil Mailer in einem Zeitzeugenbericht. Am frühen Abend kapituliert Premierminister Marcelo Caetano. Noch hat es kein Blutvergießen gegeben. Einige Stunden darauf werden sich regimetreue Mitglieder der Geheimpolizei ein letztes Mal aufbäumen und in die Menge unbewaffneter Demonstranten feuern: Vier Zivilisten kommen dabei ums Leben. Sie werden die einzigen Todesopfer der »Nelkenrevolution« bleiben. Am Tag darauf wird die Diktatur der Vergangenheit angehören.
Die beinahe tänzerische Eleganz, mit der buchstäblich über Nacht die damals älteste Diktatur Europas gestürzt wurde, lässt diese Revolution nicht nur als Gesamtkunstwerk erscheinen, sie infizierte das Nachkriegseuropa auch mit einem Freiheitsvirus, der wahrscheinlich so alt ist wie das Leben und die Kunst selbst. Noch im selben Jahr endete die Diktatur der Obristen in Griechenland und im Jahr darauf die des Franco-Regimes in Spanien.
Stellte die Nelkenrevolution den Anfang vom Ende der »Nachkriegsordnung« dar, so war der Zerfall der Sowjetunion 1991 deren abschließendes Ende. Einen entscheidenden Impuls dazu lieferten drei kleine Republiken im äußersten Nordosten Europas.
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23. August 1989: Es ist der fünfzigste Jahrestag des deutsch-­sowjetischen Nichtangriffspakts, jenes Abkommens, das das Schicksal von Lettland, Litauen und Estland als Satellitenstaaten des Sowjet-Imperiums besiegeln sollte. Anders als früher wird der Unmut über die Annektierung an diesem Tag sicht- und hörbar nach außen getragen. Von Tallinn über Vilnius bis Riga stehen Menschen auf den Straßen und Autobahnen, am Ostseestrand, auf Plätzen und Boulevards. Es sind viele, sehr viele: Zwei Millionen Frauen, Männer, Kinder, Alte, Junge, Neu- und Ungeborene. Manche sind in traditioneller Tracht gekommen, andere in Jackett, Turnanzug oder Uniform. Einige halten Transparente hoch, andere schwenken Flaggen aus vorsowjetischer Zeit. Um sieben Uhr abends fassen sie sich an den Händen: Fünfzehn Minuten lang bilden sie die längste Menschenkette der Welt, quer durch drei Länder auf über 600 Kilometern. Sie heben die Arme zum Zeichen ihrer Geschlossenheit. Sie schweigen. Dann setzt leiser Gesang ein, der immer mächtiger wird – in drei Sprachen erklingen nun die Worte »Baltikum, wache auf!« Viele bleiben bis zum Einbruch der Dunkelheit. Sie zünden Kerzen an. Tausende Flammen wehen im Wind unter nicht endenwollenden Gesängen.
Der »Baltische Weg«, wie die Menschenkette genannte wurde, war ein Höhepunkt der baltischen Unabhängigkeitsbewegung. Bereits ein Jahr zuvor hatte sich bei einer Demonstration in Tallinn ein spontaner Chor aus 100 000 Kehlen gebildet, der die verbotene, inoffizielle Hymne Estlands sang. Am Tag darauf betitelte der Künstler Heinz Valk den sich anbahnenden Umbruch in einem Zeitungsartikel als »Singende Revolution«. Zwei Monate darauf sangen 300 000 Menschen die verbotene Hymne bei dem Sängerfestival »Eesti Laul« (Das estnische Lied). »Die meisten Revolutionen haben mit Zerstörung, Brandschatzen, Tod und Hass zu tun – unsere begann mit einem Lächeln und einem Lied auf den Lippen«, erzählt Valk in dem Dokumentarfilm »The Singing Revolution«. Gut sechs Monate nach der Menschenkette wird Litauen unabhängig, wenig später folgen Lettland und Estland.
Unterstützung beim Weg in die Unabhängigkeit fanden die baltischen Regierungen in den Schriften Gene Sharps. Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft erforscht an der von ihm gegründeten Albert Einstein Institution in Boston Wege des gewaltfreien Widerstands. Sein Buch »Von der Diktatur zur Demokratie«, das 198 gewaltfreie Protestmethoden auflistet, wurde in über dreißig Sprachen übersetzt. Demnächst erscheint mit »How To Start A Revolution« ein Film über Sharps weltweite Wirkung.
Im Gewaltverzicht sieht Sharp vor allem einen strategischen Vorteil: »In puncto Gewalt wird einem eine Diktatur immer überlegen sein […] Doch ihr fehlen die Mittel, um gewaltfreie Bewegungen zu kontrollieren«, erklärte er in einem Interview mit dem US-Magazin »Reason«. Ähnlich, wenn auch eher idealistisch als pragmatisch, schrieb Beuys in seinem »Aufruf zur Alternative«: »Gerade die zu transformierenden Systeme [sind] auf Gewalt in jeder nur denkbaren Form aufgebaut. Deshalb ist jede Art von Gewaltanwendung ein Ausdruck systemkonformen Verhaltens.« Anders als Sharp vertrat Beuys die Gewaltfreiheit nicht aus strategischen, sondern aus »prinzipiellen menschlich-geistig-moralischen und politisch-gesellschaftlichen Gründen«.

Der Virus der Freiheit
Sharp, auch als Machiavelli der gewaltfreien Konfliktlösung bezeichnet, wurde mit nahezu jeder sogenannten Farbrevolution in Verbindung gebracht, so auch mit der serbischen Organisation »Otpor!« (Widerstand). Mit gewaltfreien Methoden, wie satirischem Straßentheater, Guerilla-Marketing oder dem hunderttägigen Musikfestival »Exit«, trug Otpor! um das Jahr 2000 zum Sturz von Slobodan Milošević bei. Die Strategien und das linolschnittartige Logo einer geballten Faust beeinflussten ihrerseits Widerstandsbewegungen in aller Welt, darunter die ägyptische »Jugendbewegung des 6. ­April«. Dieser gehört auch die Bloggerin Asmaa Mahfouz an, die Anfang des Jahres in einem entscheidenden Video auf Facebook zu Demonstrationen in Kairo aufrief.
Der von den Revolutionen in Tunesien und Ägypten beflügelte Arabische Frühling infiziert wiederum andere Bewegungen mit Freiheitsimpulsen. Etwa die spanische Initiative »¡Democracia Real Ya!« (Wahre Demokratie Jetzt!), zu der sich Zehntausende »Indignados« (»Empörte«, in Anlehnung an Stéphane Hessels Bestseller »Empört euch!«) und mehr als fünfhundert Graswurzelbewegungen zusammenschlossen, um sozialer und ökonomischer Ungleichheit mit einer »ethischen Revolution« zu begegnen.
Die Geschwindigkeit, mit der der Freiheitsvirus grassiert, und die geradezu schlafwandlerische Sicherheit, mit der sich unterschiedlichste Individuen und Initiativen über ideologische Gräben hinweg Bälle zuspielen, erinnert an die aus Einzelinitiativen bestehende »Gesamtalternativenbewegung«, deren Chance Beuys in der Gemeinsamkeit sah, oder an »die Bewegung«, die der Journalist Paul Hawken als »Immunsystem der Erde« beschreibt (siehe Seite 62–63). Auch in China hatten sich Menschen von den revolutionären Impulsen aus Nordafrika zu Protest inspirieren lassen, der jedoch im Keim erstickt wurde. Trotz des blumigen Namens, der bereits in den westlichen Medien kursierte, steht eine »Jasmin-Revolution« noch aus.
Ob unser idealtypischer Revolutionär daran etwas ändern kann? Zumindest gastiert er derzeit als Exponat der deutsch-chinesischen Ausstellung »Die Kunst der Aufklärung« im Chinesischen Nationalmuseum am Tian’anmen-Platz in Beijing. Allerdings nicht unter dem brisanten Titel »La rivoluzione siamo Noi«, sondern in Form eines Ausstellungssplakats aus dem Jahr 1971, das auf Beuys’ handschriftliches Motto verzichtet. Vielleicht erschien es den Kuratoren dann doch zu aufklärerisch, diesen Satz unweit jener Stelle zur Schau zu tragen, wo 1989 der Protest einer studentischen Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wurde. Kurz nach der Ausstellungseröffnung und wenige Tage vor seinem Verschwinden im April erklärte der regimekritische Künstler Ai Weiwei der Süddeutschen Zeitung: »Der Platz des Himmlischen Friedens ist der ironischste Ort der Welt für eine Ausstellung über die Aufklärung, denn wir Chinesen erleben gerade ein Zeitalter der Dunkelheit«.
Jemand, der erfolgreich Widerstand gegen eine Diktatur organisierte, ist Otpor!-Mitbegründer Srdja Popovic. Nach dem Grund für den Erfolg der serbischen Freiheitsbewegung befragt, erklärte er in dem Film »Bringing Down A Dictator«: »Wir haben gewonnen, weil wir das Leben mehr liebten [als das Regime] […] Und das Leben ist unschlagbar.« Heute ist Popovic Direktor der aus Otpor! hervorgegangenen Organisation »Canvas«, die gewaltlose Umstürze in aller Welt mit Rat begleitet. Die Website ist eine Art Mediathek des gewaltfreien Widerstands, die ermutigende Beispiele aus aller Welt vorstellt. Etwa das der türkischen Kreisstadt Susurluk.

Die dunkle Seite der Nacht
Als Protest gegen Korruption und Verflechtungen zwischen Politik, Polizei und organisiertem Verbrechen rief dort eine Bürgerinitiative landesweit dazu auf, täglich zu einer vereinbarten Uhrzeit das Licht für eine Minute auszuschalten. Sie warb um Verbündete in den Medien, veranstaltete Pressekonferenzen, verschickte Faxe und verteilte Flugblätter. »Hört auf die Stimme der stillen Mehrheit!«, stand auf den Aussendungen zu lesen. Unter dem Motto »Eine Minute Dunkelheit, um dauerhaft Licht ins Dunkel zu bringen« startete die Aktion am 1. Februar 1997. Tag für Tag wurde die Zahl derer größer, die um Punkt neun Uhr abends das Licht löschten. Am 15. Februar wurde das Land von dreißig Millionen Haushalten gleichzeitig in Dunkelheit getaucht. Bald begnügten sich die Protestierenden nicht mehr mit der symbolischen Minute. Sie ließen das Licht flackern, öffneten Fenster und Türen, schlugen auf Töpfe und Pfannen, bliesen in Trillerpfeifen.
Die eindrucksvolle Installation aus Licht und Dunkelheit verfehlte ihre Wirkung nicht: Einige Mitglieder des Verbrechersyndikats wurden vor Gericht gestellt, und weitere Nachforschungen hatten letztlich den Rücktritt der Regierung zur Folge. »So etwas hat es in der Türkei noch nie gegeben«, schwärmt der Anwalt Ergin Cinmen, einer der Initiatoren, denen es lange vor der Ära von Facebook und Twitter auf erstaunliche Weise gelang, die »stille Mehrheit« zu mobilisieren.
Anders als bei den ähnlichen Aktionen der Naturschutzinitiative »Earth Hour«, brachten nicht die Erderwärmung und die einer Lichtverschmutzung gleichende Elektrifizierung der Welt, sondern der Filz der Korruption die Bevölkerung dazu, das Licht zu löschen. Manchmal mag es sogar einfacher sein, gegen korrupte Regierungen als gegen die eigenen Konsumgewohnheiten anzugehen. Dennoch beginnt der Wandel beim eigenen »Lebenswandel«. Oder, wie Beuys schrieb: »Wenn nicht die Revolution zuerst im Menschen geschieht, scheitert jede äußere Revolution.«
Auf jeden Fall müssen es bemerkenswerte Sternenhimmel gewesen sein, die sich den Menschen in der Türkei in jenen Nächten darboten. Wie sich wohl unser Leben wandeln würde, wenn wir öfter mal das Licht aus- und die Dunkelheit anknipsen würden, um den Lauf der Sterne über den nachtschwarzen Himmel zu beobachten? Gut möglich, dass es dabei auch etwas über Revolution zu lernen gäbe. Nikolaus Kopernikus, dem der moderne Sprachgebrauch den Begriff »Revolution« verdankt, verstand darunter nämlich nichts anderes als die Umdrehung der Himmelskörper.
So wie die Gestirne Kreise ziehen, vollzieht sich auch alles Leben in Kreisen. Was Astronomie, Ökologie und Biologie wissen, lässt sich auch überall in der Natur beobachten, einschließlich unseres eigenen Körpers: Angefangen bei unserem Kopf, der, dem französischen Maler Francis Picabia zufolge, rund ist, »damit die Gedanken die Richtung ändern können«, über unseren Blutkreislauf bis hin zu den Zyklen von Werden und Vergehen. Wenn wir nachts in den Sternenhimmel blicken und am kaum wahrnehmbaren Kreistanz der Gestirne nur erahnen können, dass auch die Erde selbst Kreisbewegungen oder »Revolutionen« vollzieht, erinnern wir uns vielleicht daran, dass auch wir Wesen sind, die in organisch kreisenden Impulsen nach Entfaltung drängen. Mit überbordender Kreativität und unbändiger Liebe zum Leben.
Aus unseren Gewehren sprießen Blumen statt Blei, wir feiern den Wandel mit einem Lied auf den Lippen, wir geben der Nacht die Schwärze zurück. Wir sind Künstler und Revolutionäre, wir sind der Wandel und das Leben selbst. Wir sind Revolution. 

Die Kunst der (R)Evolution:
Internet
www.aeinstein.org, www.aforcemorepowerful.org, www.beuys.org, www.canvas
opedia.org, www.howtostartarevolutionfilm.com, www.singingrevolution.com
Literatur
Gene Sharp: Von der Diktatur zur Demokratie. C. H. Beck, 2010 • Phil Mailer: Portugal – The Impossible Revolution? Solidarity Press, 1977 • Joseph Beuys: Aufruf zur Alternative. Frankfurter Rundschau, 23. Dezember 1978

Aus urheberrechtlichen Gründen darf »La rivoluzione siamo Noi« hier nicht veröffentlicht werden. Die Fotografie ist in der gedruckten Ausgabe von Oya abgebildet und hier als Postkarte erhältlich.