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Das Glück der kleinen Dinge

Von Stundenplänen und Arbeitsguthaben.

von Johanna Roth , erschienen in 08/2011

Erfahrungen mit dem freiheitlichen Planwirtschaftssystem der amerikanischen Kommune Twin Oaks.

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Virginia, USA, ganz weit draußen auf dem Land, zwischen kleinen Mischwäldern und hügeligen Getreidefeldern. Da, wo kein Bus und kein Zug mehr hinfährt, liegt die Kommune Twin Oaks. Und da sitze ich nun an einem Freitagabend im Oktober gemeinsam mit meinem Partner und neun anderen Besucherinnen und Besuchern draußen um einen großen Tisch. Die nächsten drei Wochen werden wir hier wohnen, kleine Infoeinheiten anhören, verschiedene Lebens- und Arbeitswelten kennenlernen. Und wir werden herausfinden, wie gut wir hineinpassen in das System Twin Oaks.
Das ist keine leichte Aufgabe. Seit der Gründung im Jahr 1967 ist Twin Oaks auf eine Größe von etwa hundert Erwachsenen plus derzeit 14 Kindern angewachsen, mit einer Altersspanne zwischen anderthalb und 80 Jahren. Es ist ein großer Organismus mit mehreren eigenen Betrieben, einem hohen Selbstversorgungsgrad, gewachsenen Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen. In einer Art Mini-Planwirtschaft wird hier fast alles geteilt: Einkommen, Arbeit, Wohnraum, Lebensmittel, Autos und zu einem großen Teil auch die Erziehung der Kinder. Eine funktionierende Alternative. Ist es auch die große Utopie vom guten Leben?

»Das Webschiff auf der linken Handfläche balancieren und über das Führungsseil hinüberführen, dann durch die Masche ziehen. Ich lerne Hängematten weben. Meine Finger wollen sich noch nicht so recht fügen. Aber Pauls Geduld besiegt am Ende alle. Sogar meine inneren Kritiker.«

Fast eine Art Planwirtschaft
Gleich am ersten Abend lernen wir die wohl größte Besonderheit von Twin Oaks kennen: das Arbeitssystem. Dieses regelt das Leben der Menschen, taktet die Gemeinschaft ein und hält sie zusammen. Twin Oaks basiert in seiner Grundidee auf der Utopie »Walden Two« von B. F.  Skinner. In diesem Roman entwarf der bekannte Behaviorist eine Gemeinschaft für tausend Menschen, die auf den psychologischen Grundprinzipien von »Verstärkung« aufbaut. Die Menschen in Walden Two sind von der Last konventioneller Lohnarbeit weitgehend befreit. Sie arbeiten für »Labor Credits«, übersetzbar ungefähr mit Arbeitsguthaben. Eine Stunde, ein Labor Credit. Das utopische Walden Two ist so effizient organisiert, dass vier Stunden Arbeit pro Kopf und Tag ausreichen. Und alle arbeiten nach den eigenen Fähigkeiten und Vorlieben. Diesen Idealzustand hat Twin Oaks nie ganz erreicht, ist aber mittlerweile erstaunlich nah dran. Auch hier gibt es Labor Credits. Alle arbeitsfähigen Menschen zwischen 18 und 50 Jahren arbeiten pro Woche 42 Stunden für die Gemeinschaft und ab 50 mit jedem Lebensjahr eine Stunde weniger. Das sind sechs Stunden Arbeit am Tag. Was sich zunächst noch immer nach viel Zeit anhört, ist bei näherer Betrachtung jedoch erstaunlich wenig, denn als Arbeit zählt hier alles, was zur Erhaltung der Gemeinschaft dazugehört: Neben den Tätigkeiten in den Betrieben, die für ein Einkommen sorgen – die Hängemattenwerkstatt, die Tofufabrik und die Samengärtnerei – sind es auch andere produktive Aufgaben, wie Arbeit im Gemüsegarten, Pflege der Nutztiere und Holzgewinnung. Aber auch alle reproduktiven Arbeiten, wie Kochen, Putzen, Reparieren. Und Kindererziehung. Und zum Beispiel Musik oder Yoga unterrichten. All das wird entlohnt mit Labor Credits, die die Kommune-Mitglieder selbst abzeichnen. So ist transparent, was ich tue. Und die »Quote«, wie das zu leistende Arbeitspensum heißt, ist in diesem Modell schnell erreicht.
Und dann ist der spannende Moment da, wo wir zum ersten Mal das zentrale Dokument des Kommunelebens erhalten: Unseren persönlichen Arbeitsplan. Neugierig und fast ein bisschen ängstlich entnehme ich dem »Labor Sheet«, wie mein Leben in den nächsten Tagen aussehen wird. Auf den ersten Blick erinnert mich das Ganze an einen Schul-Stundenplan, der allerdings lauter mysteriöse Abkürzungen enthält. Ich reime mir zusammen, dass ich am Sonntag von eins bis vier mit Punk zusammen Holz ausliefern werde. Aber was bedeutet »Samen« ohne jede weitere Erklärung?

»Die Bohnenreihe scheint sich bis zum Horizont zu erstrecken. Ich stehe auf, recke die schmerzenden Beine. Aus dieser Perspektive ist dann doch ein fernes Ende auszumachen. Zurückschauend immerhin die Befriedigung, dass die bereits geerntete Strecke länger ist als die vor mir liegende. Einen Moment noch genieße ich die Stille und die warme Oktobersonne auf meinen Schultern, dann knie ich mich seufzend wieder in die Ackerfurche. Bohnen pflücken, ganz im Moment, beobachten und atmen. Hilft gegen Langeweile.«

Elisabeth und Daisy erklären uns geduldig, wie die Labor Sheets funktionieren: Alle Twin Oaker reichen einmal wöchentlich ihre Arbeits- und Freizeitwünsche für die nächste Woche ein. Zwei volle Tage lang arbeitet sich eine Person durch den dicken Stapel Wunschzettel und bringt Arbeit und Personen zusammen, sprich füllt alle hundert Stundenpläne von Hand aus. Und es sieht nicht so aus, als würde diese Aufgabe alsbald an einen Computer abgegeben. Zu komplex wäre es, alles zu programmieren, was hierbei beachtet werden muss. Zum Beispiel, dass Jane und John seit ein paar Tagen getrennt sind, und John jetzt mit James zusammen ist, und Jane nicht mehr mit James in einer Tofu-Schicht sein möchte. James hingegen will plötzlich ins Gartenteam – wegen John. Es ist erstaunlich, wie sehr die persönlichen Bedürfnisse und Wünsche bei der Arbeitsverteilung berücksichtigt werden. Und noch erstaunlicher ist, dass es für nahezu alle Arbeiten Freiwillige gibt. Selbst für das Leeren der Kompost-Toiletten. Nur der Spüldienst rotiert und muss von allen einmal wöchentlich erledigt werden.

Küchen- und Fabrikarbeit als Party
Die nächsten Tage verlaufen abwechslungsreich. Die Arbeiten machen mir Spaß und sind ein guter Weg, Menschen kennenzulernen. Überall bin ich nach wenigen Minuten und einer kurzen Erklärung voll in den Arbeitsprozess integriert. Die Atmosphäre ist entspannt. Wie schnell oder langsam gearbeitet wird, hängt von den einzelnen ab. Wenn die Abläufe es zulassen, reden die Menschen miteinander. In der Hängemattenwerkstatt sind die Webrahmen sogar bewusst auf eine Weise konzipiert, dass sich immer zwei Arbeitende gegenüberstehen. Manche Meetings finden daher webend statt. Nur in der großen Küche und in der Tofufabrik geht es oft hektisch zu, und das sind auch die Orte, in denen immer Musik läuft, gern ohrenbetäubend laut und mit in die Glieder fahrenden Rhythmen. Kochen und Tofuproduzieren als Party. Die Arbeit leidet nicht darunter. Das Wort »Arbeiten« bekommt für mich hier eine ganz neue Bedeutung, es ist keine Last. Der Wert meiner Arbeit ist direkt spürbar: Das Gemüse, das ich im Garten ernte, finde ich abends auf meinem Teller wieder. Ich weiß, wer von den Besuchern geholfen hat, es zu kochen. Der Tofu, den ich mitproduziere, landet in Bioläden an der ganzen Ostküste, trägt den Namen Twin Oaks überall hin und hilft, Dinge wie Krankenkasse und Kleidung für alle zu finanzieren. Meine Arbeit ist wichtig, genauso wichtig wie die Arbeit derer, die die Fäden der Organisation in der Hand halten. Und genau das ist spürbar als Grundeinstellung in Twin Oaks, das Gefühl, gleich wichtig zu sein für das Ganze.

»Schnaufend poliere ich die große Dunstabzugshaube. Das fettige Dreckwasser rinnt mir von oben an den Gummihandschuhen entlang in die Ärmel meines Shirts. Ich gebe mir Mühe, nicht auch noch auf Fabienne zu tropfen, die unter mir halb unterm Herd liegt und versucht, die Fettschicht auf dem Boden aufzuweichen. ›Heavy Metal‹ nennt sich diese Arbeit. Heavy ist zwar zutreffend, doch nach und nach glänzendes Metall zum Vorschein zu bringen, ist überraschend befriedigend. Weil unser ›Antreiber‹ Frank heute Morgen ein bisschen ›moody‹ ist, polieren wir zu melancholisch-jazzigem Soul. Franks herzwarme Stimme vermischt sich mit der des Sängers. Putzen war noch nie so traurig schön.«

Gleich wichtig bedeutet jedoch nicht gleichgeschaltet. In Twin Oaks gibt es zu fast jedem Thema ungefähr so viele Meinungen wie Menschen. Und dabei geht es nicht nur um Detailfragen, sondern um die großen Fragen des Lebens: Woran glaube ich? Wen liebe ich wie, und wieviele gleichzeitig? Welche Ernährung ist die beste für mich und die Welt? Wie sollten Kinder aufwachsen? – Es ist gut, dass diese Vielfalt da ist. Sie hält die Gemeinschaft lebendig und kritisch, und das ist spürbar im Alltag. Aber die Vielfalt sorgt natürlich auch für Reibung. Wie organisiert eine Gemeinschaft dieser Größe eine solche Vielfalt? Wer entscheidet hier was? Die Antworten auf diese Fragen bekommen wir im Lauf der zweiten Woche, und ich bin überrascht. Erwartet hatte ich eines der mir bekannten Entscheidungssysteme, irgendwas in Richtung eines Konsensprozesses, regelmäßige Plena, jedenfalls viel direkten Kontakt und Diskussionen.

Diskutieren die denn gar nicht?
Doch auch hier geht Twin Oaks ganz eigene Wege. Grundsätz- lich ist die Gemeinschaft eine Art partizipative, rotierende Selbstverwaltung, in der jede Entscheidung von einzelnen Personen oder kleinen Gruppen stellvertretend für die Großgruppe getroffen wird. Eine tragende Rolle spielen hier die »Planer« und »Manager«. Planer sind drei Menschen, die jeweils für 18 Monate in die Hauptverantwortung für das Projekt gehen. Jeweils nach sechs Monaten wird einer von ihnen durch eine neue Person ersetzt, so dass es zu einer konstruktiven Mischung von Erfahrung und frischem Wind kommt. Alle wichtigen organisatorischen Bereiche werden von den Managerinnen und Managern geregelt, zum Teil in Eigenverantwortung, zum Teil als kleine Gruppe. Darunter fallen sowohl Bereiche von großer wirtschaftlicher Bedeutung, wie das Hängemattengeschäft, aber auch die Wäscherei und die Gemeinschaftskleiderkammer. Planer und Manager sind diejenigen, die in Twin Oaks entscheiden.
Während diese Begriffe normalerweise mit Machtpositionen assoziiert sind, sind sie in diesem Projekt wörtlich zu nehmende Tätigkeitsbeschreibungen. Manager und Planer zu sein, ist mit keinerlei Privilegien verbunden, sondern bedeutet eher einen Dienst an der Gemeinschaft: Man trägt besondere Verantwortung in der Gemeinschaft und versucht, mit gutem Gespür für die Gruppe die richtigen Entscheidungen zu treffen. Jede Entscheidung kann von jedem Mitglied angefochten werden. Die Verantwortlichen sind deshalb bemüht, nah an der Gruppe zu sein, zu erfahren, was die Gruppe braucht und in welche Richtungen ihre Meinungen gehen.
Interessant sind die Verfahren, die sich dafür im Lauf der Jahre entwickelt haben. Ein Großteil der thematischen Diskussionen läuft über eine Anschlagtafel, bestehend aus zwei Stellwänden mit vielen, vielen Klemmbrettern. Jede Person kann eine Diskussion zu einem beliebigen Thema starten, indem sie ein Thesenpapier anbringt. Wer sich an der Diskussion beteiligen will, antwortet mittels weiterer angehängter Blätter. Manchmal seitenlang, ausführlich recherchiert, mit Fachliteratur und Sendungsbewusstsein, manchmal mit nur einem Wort. Wenn die Manager also wissen wollen, ob das Kollektiv ein neues Gästehaus für notwendig hält, bekommen sie auf diese Weise eine Antwort. Bei brennenden Themen werden auch Treffen einberufen, abgestimmt wird dort jedoch nie. Diese Art der Organisation lässt es den Mitgliedern frei, zu wählen, wie sehr sie an Entscheidungen teilhaben und wie viel Verantwortung sie tragen möchten. Es ist möglich, in Twin Oaks einfach zu leben und den Arbeitstag strukturiert zu bekommen. Ebenso möglich ist es, aktiv zu gestalten, sich in gewählten Bereichen zu engagieren und dadurch einen hohen Grad an Mit- und Selbstbestimmung zu erreichen.
Ähnlich sieht es im sozialen Bereich aus. Die Menschen leben in Untergruppen von 10 bis 20 Menschen in Wohnhäusern. Diese Bezugsgruppen sind sehr unterschiedlich in ihrer Intensität und ihren Zielen. In manchen ist das Leben mit Kindern Schwerpunkt, in anderen eine besondere ökologische Ausrichtung. Andere teilen vielleicht nur ihre besondere Vorliebe für Partys. Gefeiert wird in Twin Oaks allerdings generell gern, fantasievoll, oft spontan und zu allen möglichen Anlässen. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen hier relativ viel Zeit haben. Im ganzen Projekt ist eine grundsätzliche Entspanntheit spürbar. Menschen räkeln sich schuldfrei in Hängematten, während neben ihnen gearbeitet wird. Und es findet sich immer irgendwo eine Person für einen Plausch. Freizeitneid gibt es nicht: Die gerade in der Hängematte liegt, arbeitet halt zu anderer Zeit für ihre Quote.
Dennoch bleibt meine Zeit im Projekt bis zum Schluss zwiespältig: immer spannend und schön, aber gleichzeitig auch verwirrend und herausfordernd. Ich tue mich unglaublich schwer damit, mich verplanen zu lassen. Ich laufe mit einem Widerstand herum, der meine Motivation abwürgt. Interessanterweise geht es meinem Partner genau anders herum. In seinem normalen Leben ist er Freiberufler, und hier genießt er es, mal nicht die Verantwortung für seine Zeit zu tragen. Er erlebt den Arbeitsplan als befreiend.
Auch dass es in drei Wochen kein einziges Thementreffen, keine gemeinsame Gruppendiskussion gibt, verunsichert mich. Ich suche nach Hinweisen für eine versteckte Hierarchie, kann aber diese Gemeinschaft im Alltag partout nicht hierarchischer als irgendeine mir bekannte Kommune mit Konsens-System finden.
Erst zurück in Deutschland werde ich spüren, was die kostbarsten Momente dieser Zeit waren: das Aufgehobensein im gemeinsamen Tun, wenn mir spürbar wurde, wofür wir arbeiteten – für diesen Ort, für diese Menschen hier, für den Moment.

»Gleichmäßig schiebt mir die Maschine immer vier leere Plastikhüllen unter die Finger. Die beeilen sich, jeweils ein Stück Tofu hineinzulegen. Dann schnell die Etiketten drauf, zwei neue Stücke nehmen und wieder in die Hüllen legen. Zwischendurch eine neue Metallbox mit noch warmem Tofu holen. Um mich herum hastende Menschen und ohrenbetäubender Lärm: Dröhnender Kessel, röhrende Zentrifuge, rhythmisch zischende Presse. Darüber REM in Clublautstärke. ›Oh life is bigger, bigger than you …‹. Abwasserwellen überfluten meine gummibestiefelten Füße. Ich fühl’ mich wie ein Fisch im Schwarm. Glücklich.« 


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Johanna Roth (31) studiert Psychologie und steckt ihre Energie gerade hauptsächlich ins Ökodorf Sieben Linden und in das dort frisch gegründete »Künstler_innenkollektiv STRCHHLZSCHCHTLCHN«.

Hier erfährt man mehr über die »Zwillingseichen«:
Internet
www.twinoaks.org
Literatur
Kat Kinkade: Is It Utopia Yet? An Insider’s View of Twin Oaks Community In Its Twenty-Sixths Year. Twin Oaks Publishing, 1994 • B. F. Skinner: Walden Two. Die Vision einer aggressionsfreien Gesellschaft. Rowohlt Taschenbuchverlag, 1983