Geld für die Nachbarschaft

von Beate Küppers , erschienen in 08/2011

Konstantin Kirsch hat den ­Minuto erfunden
und für alle frei verfügbar zum Nachmachen
ins Netz gestellt.

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Bienen verhalten sich wesensgemäß. Sie verhandeln mit den Blüten nicht über die Menge des gesammelten Nektars. Ohne Arbeitsverträge sind sie bestens organisiert: Manche Bienen sammeln Nektar, manche Pollen und manche Propolis.

Konstantin Kirsch ist Imker. Beim Beobachten seiner Bienen kam ihm die Idee für den Zeitgutschein »Minuto«. Einige Regionalwährungen hatte er bereits mit aufgebaut und wegen ihres hohen Verwaltungsaufwands auch wieder untergehen sehen. Permakultur und Selbstversorgung boten da erfreulichere Experimentierfelder. Die Frage, warum die Menschheit im Gegensatz zu den Bienen einen so riesigen Bankenapparat braucht, arbeitete aber weiter in ihm. Ein genialer Einfall kam ihm Ende Februar 2009 buchstäblich im Traum: Könnte nicht jeder Mensch eigenverantwortlich und dezentral Gutscheine herstellen, die durch einen Stempel und zwei Bürgen abgesichert sind? Im Bürgerlichen Gesetzbuch fand er die »Inhaberschuldverschreibung«. Die müsste man nur richtig anwenden. Und so sind seit dem 5. Juni 2009 die ersten Minuto-Zeitgutscheine im Umlauf.
Überall können sich Menschen treffen und mit Hilfe von Minutos Produkte und Dienstleistungen austauschen. Als Sicherheitsmerkmale stehen auf allen Scheinen Name, Postleitzahl und Stempel des Ausstellers sowie die Unterschrift von zwei Bürgen, einem Mann und einer Frau. Dass alle Partner in einem solchen Tauschnetzwerk selber Gutscheine ausstellen, also Geld schöpfen, unterscheidet den Minuto von Komplementärwährungen, die von einer zentralen Stelle herausgegeben werden. Und noch etwas ist anders: Üblicherweise arbeiten Menschen zuerst und bekommen dann ihr Geld. Umgekehrt gibt man mit dem Minuto ein Versprechen, in Zukunft etwas zu leisten. Minutos können nach ihrer »Schöpfung« zunächst wie jedes andere Zahlungsmittel kursieren. Wünscht sich jemand von einem Tauschpartner, dessen Minuto sie oder er besitzt, eine entsprechende Leistung, kehrt der Minuto zum Ursprung zurück. Diese Art von Selbstermächtigung ist für viele ungewohnt: »Ich bin Chef meines Lebens und habe die Macht, Zahlungsmittel zu schöpfen.« In diesem Sinn ist jedes ­Minuto-Netzwerk Erwachsenenbildung zum Thema Geld.

Wieviele Minutos willst du dafür?
Sechzig Minutos haben den Wert von einer Stunde qualitativer Leistung, für die Selbständige in Deutschland durchschnittlich dreißig Euro berechnen. Diese Orientierung zur Einschätzung der Größenordnung eines Minutos ist in erster Linie dort wichtig, wo mit Produkten gehandelt wird, die in Euro eingekauft wurden.
Minutos haben eine Gültigkeitsdauer von fünf Jahren, und sie gelten im Umfeld ihres Postleitzahlenbereichs, ohne dass jedoch eine fixe Grenze gezogen würde. Gutscheine, die nur noch weniger als drei Jahre gültig sind, werden vom Aussteller, sobald er eine Leistung dafür erbracht hat, einbehalten. Nicht alle Teilnehmer eines Minuto-Netzwerks müssen selber Zeitgutscheine schöpfen. Wichtiger ist die Vielfalt der Angebote. Wer in Minutos bezahlt wird, kann damit bei anderen Anbietern einkaufen. Basis dafür ist das Vertrauen unter Freunden.
Um erste Erfahrungen mit diesen ungewohnten Tauschvorgängen zu machen, empfiehlt Konstantin Kirsch, das Minuto-Spiel zu spielen. Dabei werden in einer Gruppe Minutos provisorisch ausgefüllt, so dass alle ein Häufchen Spielgeld haben, und mögliche Angebote werden vorgestellt: ­Kuchenbacken, Atemkurse, Biogemüse. Dann gehen die Menschen aufeinander zu: Ich hätte gerne einen Kuchen, wieviele Minutos willst du dafür? Statt der tatsächlichen Leistungen werden symbolische Zettel überreicht. Während die Minutos zirkulieren, wird die Liste der dafür erhaltenen Dinge bei den Teilnehmenden immer länger. Auch im »richtigen« Minuto-Leben gibt es Treffen, bei denen Angebotszettel wie Visitenkarten ausgetauscht werden. Anstelle einer zentralen Datenbank erstellen alle ihre eigenen »Gelben Seiten«.
Ob der Minuto dazu führt, dass sich Freunde das, was sie füreinander tun, nicht mehr schenken? Diesen Effekt konnte Konstantin Kirsch nicht beobachten. Statt dessen sieht er, dass das gegenseitige Vertrauen wächst, das Interesse an den anderen – und mit der Zeit auch eine immer stärker ausgeprägte Schenkkultur.
Wer ein Minuto-Netzwerk gründen möchte, findet im Internet einen Text und einen Vortrag, der alles erklärt, um starten zu können. 

www.minuto-zeitgutscheine.de
 

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