Der Inhalt dieser Webseite ist unbezahlbar!

Sie können aber dazu beitragen,
dass hier immer wieder neue Artikel zu lesen sind!

• Ja, ich möchte Oya unterstützen

• Ich unterstütze Oya bereits

• Nein, ich möchte kostenfrei weiterlesen

• Ich möchte ein kostenloses Probeheft bestellen

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Viva Favela-Bank!

von Lucas De Abreu Pinto , erschienen in 08/2011

Regionale Währungen leisten in Brasilien einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Armut und zur Förderung regionaler Subsistenz.

Bild

In Brasilien leben viele Menschen in absoluter Armut. Über fünfzig Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer sind am äußersten Rand der Gesellschaft in informellen Armensiedlungen, sogenannten Favelas, zu Hause. Gerade weil sie nur eingeschränkten Zugang zum offiziellen Arbeits-, Geld- und Warenmarkt haben, sind diese Menschen gefordert, kreative Alternativen zu erproben. Eine solche ist die Banco Palmas, die in einer Favela Mikrokredite auf Vertrauensbasis gewährt und eine eigene Lokalwährung ausgibt. Das solidarische Geldsystem dieser »Volksbank« im besten Sinn hat inzwischen Nachahmung im ganzen Land gefunden.

 

Die Banco Palmas erblickte das Licht der Welt 1998 in Conjunto Palmeiras, einer Favela mit gut 30 000 Einwohnern am südlichen Rand der Stadt Fortaleza im Nordosten Brasiliens. Ins Leben gerufen wurde sie von dem charismatischen Sozialarbeiter und einstigen Priester Joaquim de Melo. Zunächst wollte er nur die Armut in seinem unmittelbaren Umfeld lindern, wollte Menschen aus dem Viertel Wege in die Selbstermächtigung weisen und ihnen Mittel an die Hand geben, um Entwicklungen selbst voranzutreiben. Inzwischen hat sein Modell internationale Beachtung gefunden und inspirierte ein landesweites Netzwerk aus über fünfzig nachbarschaftlich organisierten Gemeinschaftsbanken nach dem Vorbild der Banco Palmas.
Als eines der wichtigsten Instrumente zur Armutslinderung entwickelte die Bank den »Palma«, eine auch als Sozialwährung bezeichnete Lokalwährung. Individuelle und gemeinschaftliche Geschäfte können über die Lokalwährung getätigt werden. Somit nimmt der Handel in der Nachbarschaft zu, Gewinne bleiben vor Ort, und die Siedlung kann sich entwickeln.

Die Bank gehört der Gemeinschaft
Wie Joaquim de Melo betont, heißt die Banco Palmas Gemeinschaftsbank, »weil die Gemeinschaft die Eigentümerin der Bank ist«. Folglich wird das von der Gemeinschaft getragene Geldinstitut auch ausschließlich von den Bewohnerinnen und Bewohnern verwaltet. Bei allen Entscheidungen stehen die gemeinschaftlichen Bedürfnisse im Mittelpunkt. Es gibt eine Reihe von Gremien und Mechanismen, die die Menschen aus der Nachbarschaft in Entscheidungsprozesse einbinden und zu einer regen Nutzung der Bank animieren sollen:
Der Gemeischaftsrat besteht aus gewählten Gemeinschaftsvertretern. Er ist befugt, über eine Vielzahl von Themen zu entscheiden, und kann so die Gesamtsituation der Bank direkt beeinflussen.
Um möglichst viele Meinungen und Wünsche der Menschen im Viertel berücksichtigen zu können und eine breite Partizipation bei der Entscheidungsfindung zu fördern, wurde ein wöchentliches, allen Bewohnern offenstehendes Gemeinschafts­forum ins Leben gerufen. Die Foren mancher Gemeinschaftsbanken arbeiten so effektiv, dass dort auch Themen besprochen werden, die weit über den Bankbereich hin­ausgehen. So entsteht Vertrauen zwischen den Bewohnern, und die Verbundenheit im Viertel wächst.

Kreditwürdig durch Vertrauen
Gemeinschaftsbanken nach dem Vorbild der Banco Palmas stützen sich auf drei Säulen: Die Vergabe von Mikrokrediten, um die lokale Produktion voranzutreiben, die Ausgabe einer Lokalwährung, um den Konsum vor Ort anzukurbeln, sowie eine Art Korrespondenzbankgeschäft, das es den Nutzern der Gemeinschaftsbank ermöglicht, auf ihre Konten bei konventionellen Banken zuzugreifen, etwa um Telefon-, Wasser- und Stromrechnungen zu bezahlen oder eingehende Zahlungen zu empfangen.
Im Gegensatz zu den Bonitätsprüfungen konventioneller Banken basiert das aval solidário (»solidarische Bürgschaft«) vor allem auf Vertrauen. Vor der Kreditvergabe soll dieses eigens entwickelte Verfahren zeigen, wieviel Vertrauen die Gemeinschaft in die Fähigkeit eines Antragstellers setzt, einen Kredit zu tilgen. Die wichtigsten Indikatoren sind dabei Klatsch, Tratsch und Gespräche aus der Nachbarschaft.
Die Lokalwährung ist ein einzigartiges Mittel zur Linderung von Armut und bringt für jede Gegend gewisse grundsätzliche Vorteile mit sich, ganz unabhängig von den jeweiligen Verhältnissen: So führt sie beispielsweise zu einem Anstieg der Nachfrage bei Händlern vor Ort und ist ein Wettbewerbsvorteil für Ladenbesitzer im Viertel, da sie Kunden, die in Lokalwährung bezahlen, Rabatte gewähren können und Kredite, die in Lokalwährung vergeben wurden, innerhalb des Viertels ausgegeben werden. Durch den bei der Geldzirkulation entstehenden Multiplikatoreffekt vervielfältigt sich der Wert für die Gemeinschaft, und das Geld bleibt im Viertel, wo es wieder für intern vergebene Kredite zur Verfügung steht.
Zunächst gilt es, sich einen Überblick über lokale Handelsstrukturen, über Reichweite und Geschichte sozialer Organisationen und Aktivitäten sowie über die Meinungsführer und Anführer der lokalen Gemeinschaft zu verschaffen. Um der Lokalwährung zu einer möglichst breiten Akzeptanz und Verbreitung zu verhelfen, wird nun eine starke Graswurzelbewegung mit hohem Ansehen unter der Bevölkerung ausfindig gemacht. Wird die Bank von einer solchen Bewegung unterstützt, steigt die Bereitschaft der Bewohner, sich auf die Lokalwährung einzulassen, werden die Gemeinschaftsstrukturen gestärkt und erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Darlehen zurückgezahlt werden.
Nachdem die Währung geschaffen und Banknoten gedruckt wurden, muss (konventionelles) Geld zur Deckung des in die Lokalwirtschaft eingespeisten Betrags aufgebracht werden. Das Verhältnis zwischen lokaler und konventioneller Währung – im Fall der Banco Palmas zwischen dem Palma und dem brasilianischen Real – beträgt stets eins zu eins. Als nächstes wird versucht, die Ladenbesitzer des Viertels zur Annahme der Lokalwährung zu bewegen. Gleichzeitig wird konventionelle Währung in lokale Währung umgewechselt und werden Kredite in Lokalwährung vergeben.
Um Veränderungen von Geldmenge und Geldwert frühzeitig zu erkennen, wendet die Bank strikte Beobachtungsmechanismen an und reguliert den Geldumlauf, da der Wert der Lokalwährung mit steigender Zirkulation exponentiell zunimmt. Um Missbrauch vorzubeugen, wird der Palma ebenso wie konventionelle Banknoten mit Sicherheitsmerkmalen, Hologrammen und fortlaufender Nummerierung versehen.
Da die Bewohner zum Einkauf bei lokalen Händlern und zur Gründung neuer Gewerbe ermutigt werden, bleibt die Kaufkraft innerhalb der Gemeinschaft, und es entstehen neue Kleinfirmen, die vor Ort Produkte erzeugen und vertreiben, die zuvor nicht im Viertel erhältlich waren. Die Bank wie­derum gewinnt durch die Ausgabe der Lokalwährung ein besseres Bild von Angebot und Nachfrage in der Siedlung. Eine nur in der Nachbarschaft gültige Kreditkarte, die PalmaCard, trägt ebenfalls zur Stärkung der lokalen Wirtschaft bei. Um Investitionen außerhalb der Siedlung zu tätigen, dürfen Unternehmer die Lokalwährung in konventionelle Währung zurücktauschen.
Die Lokalwährung ist ein Beispiel dafür, wie es gelingen kann, Gemeinschaften zu stärken und zu größerer Unabhängigkeit und Resilienz zu führen. Soll sie den lokalen Wirtschaftskreislauf stärken, um die Entwicklung der Siedlung und die Selbstermächtigung ihrer Bewohner zu ermöglichen, muss die Gemeinschaft vor störenden Einflüssen durch den konventionellen Markt und vor Fluktuationen der konventionellen Währung geschützt werden.
In Brasilien sind Gemeinschaftsbanken und Lokalwährungen bereits alltägliche Realität. Als solche sind sie weit mehr als wirksame Mittel der Armutsbekämpfung: Sie stärken das Selbstwertgefühl der Gemeinschaft, lassen Vertrauen und Verbundenheit wachsen, fördern eine ökologische, weil lokale Produktion und eröffnen den Favela-Bewohnern neue Perspektiven, indem sie sie befähigen, in ihrem unmittelbaren Umfeld Visionen einer besseren Welt Wirklichkeit werden zu lassen. 

(Übersetzung aus dem Englischen: Matthias Fersterer)

_________________________________________________________________
Joaquim de Melo
Wer den Film »Der Schein trügt« von Claus Strigel (www.denkmalfilm.de) gesehen hat, wird sich an den Gründer der Banco Palmas erinnern. João ­Joaquim de Melo Neto Segundo, 1962 in Recife geboren, wuchs in ein­fachen Verhältnissen auf. Als Seminarist zog er Mitte der 1980er Jahre freiwillig in eine Favela. 1989 legte der Befreiungstheologe das Priesteramt nieder, um sich ganz der Sozialarbeit zu widmen. Seit über 30 Jahren lebt er in Conjunto Palmeiras, wo er die Banco Palmas leitet und die Geschicke der Siedlung noch heute maßgeblich prägt. Er ist ­Präsident des Instituto Banco Palmas, einer Dachgesellschaft für Gemeinschaftsbanken, und Fellow der Ashoka Foundation.

__________________________________________________________________



Lucas de Abreu Pinto (24) engagiert sich als Social Entrepreneur in Stadtteilentwicklung und Ökologie. Er lebt in São Paulo, wo er derzeit eine neue Gemeinschaftsbank aufbaut.


Mehr lernen und staunen:
Internet
www.bancopalmas.org.br, www.banquepalmas.fr
www.bancoscomunitariossp.blogspot.com
Literatur
Joaquim de Melo: Viva Favela! Editions Michel Lafon, 2009
(in französischer Sprache)