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Mundräuber gesucht!

von Jochen Schilk , erschienen in 01/2010

Der Straftatbestand des Mundraubs – das Entwenden von Nahrungsmitteln zum eigenen Verzehr – wurde 1975 abgeschafft. Fünf junge Berliner haben dem seltsamen Begriffneue Bedeutung verliehen. Für ihre Internetseite www.mundraub.org erhielten sie einen der jährlich vom Rat für nachhaltige Entwicklung vergebenen Preise.

Es sah gar nicht so aus, wie man sich die vermeintlich ärmlichen und öden neuen Bundesländer vorstellt, überhaupt nicht. Die jungen Leute wähnten sich vielmehr im Paradies. Als einige der heutigen Mundraub-Aktivisten vor zwei Jahren in Sachsen-Anhalt eine sommerliche Paddeltour unternahmen, wurde der Reichtum dieses Landes mit einem Mal buchstäblich greifbar: Überall an Wasserläufen, Feldern und öffentlichen Wegen bogen sich reife Obstbäume unter ihrer Last, doch offenbar interessierte sich niemand für sie; sogar einige Gartenbesitzer schienen mit der Fülle nichts anzufangen. Die vier Paddler mundräuberten nach Herzenslust und begannen, an einer Frage zu knabbern: Wie ließe sich erreichen, dass die Menschen den Wert der heute vergessenen und verschmähten Bäume wieder begreifen? Diese Fülle schrie doch danach, gesehen und genutzt zu werden. Da werden mit ungeheurem Aufwand Früchte aus Neuseeland oder Chile importiert, während in der eigenen Region monatelang viele Tonnen von leckerem Obst unterm Baum vergammeln, Obst, das meist allen gehört und nichts kostet. Es musste ein cleverer Weg gefunden werden, der Konsumenten mit Gespür für den Wert von regionaler Kost mit der saisonalen Fülle verbinden würde.

Nachdem sie die Entwicklungsphase für das freie Online-Obstforum www.mundraub.org im wesentlichen abgeschlossen haben, wissen die fünf Mundräuber Katharina (31), Mirco (32), Kai (37), Justin (30) und Daniel (29) ziemlich genau, was sich mit ihrer Seite außer diesem primären Ziel noch alles erreichen ließe. Zunächst einmal geht es darum, dass jeder Nutzer in einer Google-Landkarte legale freie Erntemöglichkeiten an Beeren, Nüssen und sonstigen Früchten eintragen kann. Schon heute, wenige Monate nach Beginn des Angebots, wird hier ein zunehmend dichtes Netz an Obst-Allmenden sichtbar, das allen Menschen zur freien Verfügung steht, die bereit sind, sich an das Allmende-Prinzip »Nicht nur nehmen, sondern auch beitragen!« zu halten. Doch in der Online-Fruchtbörse liegt noch mehr Potenzial, wie mir Mirco Meyer erklärt: »Über die Obstfülle möchten wir die Stadt- und Landbevölkerung sowie junge und alte Menschen wieder mehr in Kontakt bringen. Es gibt mehr Omas mit einem vollem Obstgarten, den keiner mehr aberntet, als man denkt.« Mit Hilfe der interaktiven Mundraub-Karte ließen sich aber beispielsweise auch Wander- oder Radwandertouren planen, auf denen man fast keinen Proviant mitzunehmen braucht. »Wir wollen nachhaltiges Handeln greifbar machen«, bringt es Mirco auf den Punkt, »nach dem Motto: Nehmen – Geben – Weltverbessern.« Er ist überzeugt, dass die Nutzung von lokalen Ressourcen nachhaltig den CO2‑Fußabdruck eines Mundräubers verringert – wobei diese Ressourcen ja nicht auf Früchte beschränkt bleiben müssten …

Ein Modell, bei dem alle gewinnen
Der Rat für nachhaltige Entwicklung, der seit dem Jahr 2001 die Bundesregierung berät, scheint vom Konzept einer freien Obstbörse spontan begeistert gewesen zu sein. So begeistert, dass er den Mundräubern noch vor Freischaltung ihrer Seite eine der jährlich von ihm vergebenen Auszeichnungen zusprach. Die Nutzung von wiederentdeckten Quellen der Fülle ist jedoch, das mag man einwenden, noch nicht per se nachhaltig. Allmenden bedürfen auch der Pflege. Viele der heute auf öffentlichem Grund wachsenden Obstbäume verdanken wir Menschen, die diese meist vor Jahrzehnten angepflanzt und lange Zeit gepflegt haben. In der heutigen Zeit entscheiden sich Straßenbauämter und Kreise kaum mehr für Obstbäume, wenn es um Ersatzpflanzungen in Alleen geht oder gar um deren Neupflanzung. Wir können zwar die Früchte jener Anstrengungen vor einigen Jahrzehnten genießen, aber wenn diese Bäume nicht fachgerecht beschnitten werden oder wenn sie schließlich an ihre natürliche Altersgrenze gelangen, wird es mit der Fülle in absehbarer Zeit vorbei sein. Können Mirco und seine Freunde auch in dieser Hinsicht Lösungen aufzeigen? Wie setzen sie den Aspekt des Gebens praktisch um?

Die obersten Mundräuber sind der Ansicht, dass Menschen nur selten aus purem Altruismus handeln; in der Regel wollen sie den persönlichen Vorteil erkennen, der aus ihrem Handeln erwächst. Aus diesem Grund müsse es zunächst darum gehen, den Ernte-Orten neue Nutzer zu verschaffen. Denn erst wenn die Menschen eine Verbindung zu ihrer Lieblings-Pflaumenallee aufgenommen haben, werden sie das Bedürfnis verspüren, den Bäumen, beziehunsweise dem Ort, etwas zurückzugeben für die geschenkten Früchte.

Chancen für Landgemeinden
Das Interesse am Erhalt der Bäume dürfe sich nicht nur auf einige kulturkreative Stadtbewohner beschränken, meinen die Aktivisten – übrigens alle als »Landeier« geboren. Die Kommunen und Gartenbesitzer auf dem Land müssten eine touristische Chance in der Pflege ihrer lokalen Allmende sehen. Eine Gemeinde, auf deren Grund gesunde Bestände einer seltenen alten Apfelsorte wie dem leckeren »Altländer Pfannkuchen« stehen, verfügt über ein ebenso wertvolles touristisches Alleinstellungsmerkmal wie das niedersächsische Bohnenburg, dessen Birnbaumreihung 2009 den Titel »Allee des Jahres« erhielt. Mirco Meyer hat entsprechede Pläne: »Mundraub.org hat sich vorgenommen, auch eine Vernetzung von Baumbesitzern und -pflegenden, von Dörfern, Kommunen und Landschaftspflegeverbänden mit den mundräubernden Nutzern zu schaffen.« Über das Internetforum ließen sich Spenden sammeln und Pflanz- und Pflegeaktionen organisieren. Die Arbeit in einer Obstbaumallee sei gesund und diene vortrefflich dem Erlernen nachhaltigen Handelns. Warum also, meint Mirco, sollten die Leute nicht Betriebsausflüge und Schulwandertage oder gerichtlich angeordnete soziale Arbeit auf diese Weise ausfüllen? Besonders für Stadtbewohner bedeute das eine bislang vielleicht ungeahnte Erfahrung von Nachhaltigkeit.

Die interaktive Landkarte der Internetseite bietet die Möglichkeit, auch ein in der Nähe einer Fundstelle gelegenes Dorfcafé einzutragen. Ein Mundräuber kann einem Ort auch ganz einfach etwas zurückgeben, indem er nach der Ernte dort einkehrt.

Wer heute, ein Vierteljahr nach Freistellung der Seite mundraub.org, einen Blick auf die zugehörige Google-Karte wirft, erkennt unschwer eine relative Ballung eingetragener Fundstellen im (Nord-)Osten der Republik. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Mundraub-Macher in der Hauptstadt leben und es lieben, von dort aus die umliegenden Landregionen zu erkunden. Die Häufigkeit der Einträge in den neuen Bundesländern entspricht jedoch vermutlich auch dem historisch bedingten Reichtum an mundraubrelevanten Allmenden der Region: Im alten Preußen wurden Obstbaumalleen zur Beschattung und Verpflegung marschierender Soldaten angelegt. Zu Zeiten der an Devisen armen DDR bedeuteten dann Erhalt und Neupflanzung solcher Alleen einen essenziellen Beitrag zur Volksernährung. In Westdeutschland hingegen fielen sehr viele alte Alleen bereits lange vor der Wende einer aggressiven Straßenbaupolitik zum Opfer. Dennoch sind auch die alten Bundesländer bei genauerem Hinsehen reich an öffentlich zugänglichen Obst- und Beerengehölzen.

Um einem Missbrauch der auf mundraub.org gesammelten Informationen vorzubeugen, gibt die Seite einige Verhaltensregeln vor. Die fünf Berliner wollen eine Banderole entwickeln, mit der sich ein zur freien Ernte verfügbarer Baum markieren lässt. Dass ein ehrenwerter Mundräuber sich nur an wirklich legalen Fundstellen bedient, keine Bäume beschädigt und nicht mehr nimmt, als er tragen kann, sollte eigentlich nicht der Rede wert sein. Nach Jahrhunderten der gierigen Plünderung sieht es jedoch so aus, als ob wir westlichen Menschen den verantwortungsvollen Umgang mit unseren Allmenden erst wieder lernen müssten.

Die Zeit ist reif für reife Früchte für alle
Ob es vielleicht schon Nachahmer, beziehungsweise irgendwelche Vorbilder für mundraub.org in anderen Ländern gibt, möchte ich zuletzt von meinem Gesprächspartner wissen. Mirco bejaht und weiß von einer erstaunlichen Synchronizität zu berichten: »Zeitgleich im selben Monat, in dem wir Justin und Daniel als IT-Spezialisten für mundraub.org gewinnen konnten, hat Justins Bruder in Kanada ohne Justins Wissen eine ähnliche Seite auf die Beine gestellt.«

Wieder mal ein Beweis dafür, dass nichts so stark ist wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. 

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