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Strahlender Widerstand

Selbst die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns ist ­dagegen, doch das ursprünglich nur für ostdeutschen Atommüll zugelassene »Zwischenlager« Lubmin füllt sich mit Verstrahltem aus dem ganzen Land. Über die Köpfe der Bürger hinweg fordert die Industrie unbegrenzte Lagerfristen. Da hilft nur Widerstand.

von Lara Mallien , erschienen in 07/2011

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Den Bau eines Kohlekraftwerks in Lubmin hat eine Bürgerinitiative bereits erfolgreich verhindert. Doch was lässt sich tun, wenn Castoren nach Lubmin rollen?

In Vorpommern gibt es so gut wie keine Bauern. Das Land ist fest in der Hand von Agrarindustriellen, die sich mehr für den Getreide-Weltmarkt als für die Region interessieren. Schlechte Voraussetzungen also, um auf breiter Basis Widerstand gegen ein Atommüll-Lager zu mobilisieren.
Als der erste Castor am 16. Dezember nach Lubmin rollt, sitzen immerhin 300 Tapfere auf den Schienen, und die nahe bei Lubmin gelegene Stadt Greifswald hatte im Vorfeld mit 4000 Menschen die größte Demonstration seit der Wende erlebt. Inzwischen gibt es das Anti-Atom-Bündnis NordOst. Tilmann, ein Mitglied meiner Großfamilie, gehört zu den Organisatoren. Interessanterweise hatte die Initiative zum Widerstand ihren Ausgangspunkt weniger in der politischen Ecke, sondern im Umfeld zweier Jugendprojekte, dem IKUWO und der Lovis. Ersteres ist ein »interkulturelles Wohnprojekt« von Studenten und Asylbewerbern sowie Kulturzentrum in Greifswald, letztere ist ein Traditionssegler, dessen Crew im Sommer in Sachen Umwelt- und Jugendbildung unterwegs ist. Beides sind Gemeinschafts­projekte. Ich möchte mehr erfahren und begleite Tilmann auf eine Versammlung vor dem Castor-Transport am 17. Februar.

Das Konsensprinzip wirkt
Zehn Menschen sitzen im Kreis. Einer von ihnen kommt von der Organisation X-tausendmal quer, die Beratung und Unterstützung bei Castor-Aktionen anbietet. Er kann allerdings nur kurz bleiben, dann sind die Akteure auf sich allein gestellt. Ich staune, dass es noch gar keinen Aktionsplan gibt, wo der Tag X doch unmittelbar bevorsteht. Doch nach wenigen Minuten hat der Plan Gestalt angenommen: Die Informatio­nen über die Gegend rund um die Mahnwachen sind schnell kommuniziert, das Für und Wider zwischen einer großen und mehreren kleinen Aktionen sind abgewogen, und je nachdem, wieviele Demonstranten sich beteiligen werden, gilt Plan A oder Plan B. Auch die anderen Fragen klären sich in Windeseile: Wer macht den Shuttle-Service zu den Mahnwachen? Wer moderiert den SprecherInnenrat? Ab wann steht welche Info wo im Netz? Wer macht wo den Polizeikontakt, wer die Pressesprecherin? Alles findet sich, niemand spielt sich in den Vordergrund, niemand jammert.
Ich bin beeindruckt. Haben die Leute hier eine Spezialausbildung in gewaltfreier Kommunikation absolviert? Es ist das Konsensprinzip, das in der Gruppe wirksam ist. Ich erinnere mich an die Situation, als ich im Dezember auf der letzten Castor-Mahnwache plötzlich körperlich fühlen konnte, wie sich auf dem Platz eine Art kollektive Intelligenz ausbreitete. Die rund 80 Menschen dort hatten sich so lange untereinander beraten, bis alle Bescheid wussten, was passieren sollte. Dann waren sie singend losgezogen – und saßen schneller auf den Gleisen, als die Polizisten aus ihren geheizten Autos klettern und durch den tiefen Schnee purzeln konnten.
Diese Gruppenintelligenz ist in der Vorbereitungsrunde wieder zu spüren. Ich merke, wie dieses Feld, diese gemeinsame Schwingung für mich viel wichtiger ist als die angedachte Gleisbesetzung selbst. Es ist das »Eine-andere-Welt-ist-möglich«-Feld.
Die Landespolizei hält ihre Zusage ein, die Sicherheit in der Nacht zum 17. Februar bürgernah und demonstrationsfreundlich zu gewährleisten. Die Bundespolizei macht es anders und überfällt aus dem Dunkel her­aus eine Gruppe friedlicher Demons­tranten, reißt Frauen und Jugendliche brutal zu Boden. Oya-Herausgeber Johannes Heimrath wird niedergeschlagen und blutet aus Nase und Mund. Man berappelt sich und wird erneut eingekesselt. Doch jetzt singen die jungen Leute Kanons, jemand rezitiert laut ein ergreifendes Gedicht. – Da war es wieder, dieses Feld. Vor meinem inneren Auge habe ich in diesem Moment eine rauschende Party an der gesamten Castor-Strecke vor mir gesehen. Ob auf den Gleisen, wie Greenpeace das in Karlsruhe organisiert hat, oder vor den Gleisen, ist nicht so wichtig. Da wären Artisten, Chöre, große Orchester, Musik aller Art, alle Clowns aus dem Land, Theater, Tanz … und all das als Flashmob, ohne dass jemand ein Honorar bekommt. Das wäre ein starkes Zeichen der durch nichts zu unterdrückenden Lebendigkeit dieser Welt – irgendwann müssten Millionen von Menschen dabeisein.
Wer könnte das organisieren? Seit ich erlebt habe, was die kleine Gruppe aus dem Anti-Atom-Bündnis NordOst in ­kürzester Zeit auf die Beine gestellt hat, bin ich überzeugt: Das wäre zu schaffen.  

www.lubmin-nixda.de

www.x-tausendmalquer.de

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