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Millionen ­müssten auf die Straße gehen

Die durch die globale Agrarindustrie verursachten ­Pro­bleme gehen alle an. Es braucht eine globale
Bewegung für eine ökologische Landwirtschaft.

von Günter Sölken , erschienen in 07/2011

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Bei der Demonstration »Wir haben es satt!« Ende Januar in Berlin ging es um mehr als nur um gesundes Essen.

Erinnern Sie sich noch an die Slogans von früher? »Frieden schaffen ohne Waffen«, »Schwerter zu Pflugscharen« oder »Wir sind das Volk«? Aus ihnen entstand Zuversicht, und schließlich haben sie Geschichte geschrieben. Schaffen wir das nochmal?
Die jüngsten Ereignisse zeigen, dass das Motto der Anti-Gentechnik- und Pro-Bio-Demonstration in diesem Januar eine globale Aussagekraft hat: »Wir haben es satt!« bringt ein Gefühl auf den Punkt, mit dem Millionen täglich wach werden und abends schlafen gehen. Millionen Mütter in den diversen Townships dürften es satt haben, ihre Kinder hungrig schlafen zu legen, weil im Wohlstandsmüll der Megastädte nicht genug Reste zu finden waren. Wahrscheinlich haben es mehr als die Hälfte der bald sieben Milliarden übersatt, von scheinbaren Volksvertretern schein-regiert, von Finanzspekulanten ausgeplündert und Verwaltungsjuristen und den Medien beschwichtigt zu werden.
Die Tunesier hatten es satt mit Ben Ali, und die Ägypter mit Mubarak, und wir applaudieren und hoffen auf weitere Veränderungen. Aus Italien ist zu vernehmen, der Vatikan solle es satt haben mit dem Treiben des Cavaliere. Da kann man wirklich mal zustimmen.»Wir haben es satt!« ist auch Ausdruck eines riesigen Appetits auf politische Veränderung weltweit.
Ob es bei uns in Europa noch in erster Linie um guten Geschmack und sichere Lebensmittel und in der Dritten Welt längst um die drohende Fortsetzung eines agrarpolitischen Völkermords geht: Es ist vor allem eine Frage von Macht oder Ohnmacht und eine Frage der Regeln der Globalisierung. Wir sitzen weltweit längst in einem Boot!
Ich muss mich selbst zur Ordnung rufen, dass ich über eine Demo schreibe, die sich an unseren deutschen Skandalen aufhängte, an Dioxin in Hühnereiern oder gentechnisch manipuliertem Saatgut. Auf der »Grünen Woche«, die parallel zur Demo lief, verwiesen Branchenvertreter auf die Mitschuld der Verbraucher, die es immer billiger haben wollen. Eine Halbweisheit. Ist es nicht eher so, dass agrarische Großgrundbesitzer und industrielle Tierfabriken den Verbraucher mit Dumping-Preisen ködern, um bäuerliche Kleinbetriebe vom Markt zu verdrängen und den Konzen­trationsprozess in der Agrarbranche zu beschleunigen? Den Bio-Part für den qualitätsbewussten oder zahlungsfähigen Gaumen bedienen die Großen natürlich auch, wie es der Aldi- und Lidl-Lieferant und Massentierschlachter Wiesenhof vormacht.

Einflussnahme auf die Agrarpolitik
Die entscheidenden Messen zur Ernährung werden nicht unter dem Berliner Funkturm gesungen, sondern bei den Konferenzen der G20, bei der Weltbank und der EU, aber vor allem an den Märkten: an der Weltgetreidebörse in Chicago, wo mit jeder Missernte oder Hungerkatastrophe die Kurse z. B. für Reis und Weizen explodieren. Weichen werden unter anderem bei der EU gestellt, die jetzt über die Grundlinien der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) für die Jahre 2013 bis 2019 berät. Hier geht es um den größten EU-Budgetposten und neu zu verteilende Milliardensubventionen, die Zukunft der Gentechnik, die Verwendung von Überschussproduktionen, ein wenig auch um Natur- und Verbraucherschutz und letztlich um die Aneignung von Farmland, Wasser und Saatgut, sprich um die Macht auf dem Welternährungsmarkt.
Bei der Höhe der Einsätze und zu erwartenden Gewinne wäre es naiv, zu glauben, dass Politik und Lobby von ein paar Demonstranten zu beeindrucken wären. Solange der Protest so klein und brav bleibt, bringt sie nichts um den Schlaf. Aus dieser Einsicht erwächst eine dringende Notwendigkeit: dass sich die großen und kleinen Nichtregierungsorganisationen um Greenpeace, attac, Lobbycontrol und Amnesty, die Biobauernverbände und Verbraucherschützer national und international neu aufstellen. Wo treten sie, außer auf den Weltsozialforen, wirklich gemeinsam auf? Wann – wann schaffen sie es endlich, eine gemeinsame Strategie gegen Hunger und Ausbeutung zu beschließen und sich in Brüssel und anderen Entscheidungszentren gemeinsam bemerkbar zu machen? Zeitgleich müssten auf allen Kontinenten Millionen auf die Straßen gehen, Plätze in den Hauptstädten besetzen und lautstark das Menschheitserbe sauberes Wasser, gesunde Ernährung und freie Bildung für alle einfordern, damit die Zivilgesellschaft wirklich eine Macht wird. Der Slogan »Wir haben es satt!« ist hierfür genau der passende. Dass das Bio-Bündnis ihn jetzt gegen »Meine Landwirtschaft« austauscht, ist für mich schlicht nicht zu fassen.  

 

 

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