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Der größte Bodenschatz

Eine Initiative aus der Mecklenburger Seenplatte widmet dem wunderbaren Baustoff Lehm ein Museum und Ausbildungszentrum

von Lara Mallien , erschienen in 06/2011

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 Am Anfang, wir schreiben das Jahr 1992, war da ein zweihundert Jahre altes, reetgedecktes Fachwerkhaus, das gerettet werden sollte. Die Retter gehörten zu einem Verein mit einer bemerkenswerten Bezeichnung: Hinter der Abkürzung »FAL e. V.« verbirgt sich »Verein zur Förderung ökonomisch-ökologisch angemessener Lebensverhältnisse westlich des Plauer Sees«. Der Plauer See liegt in der Mecklenburger Seenplatte. Unmittelbar nach der Wende wurde der Verein von einer Gruppe Kommunalpolitiker, Handwerker und Künstler ins Leben gerufen. Aus dem zweihundertjährigen Fachwerkhaus im Dörfchen Retzow sollte eine Filzmanufaktur werden – Teil eines Netzwerks lokaler Ökonomie. Der Denkmalschutz forderte eine historisch exakte Renovierung, und so musste das Fachwerk mit Lehm ausgefacht werden. »Klar war nur, dass wir es selbst machen mussten, weil wir kein Geld hatten«, berichtet Klaus Hirrich, einer der Impulsgeber des FAL. »Von Lehmbau hatten wir aber keine Ahnung. Also haben wir uns Ausbilder geholt, gelernt und mit ihnen gemeinsam das Haus restauriert.« Die Sache hatte sie gepackt: Es macht glücklich, mit dem sinnlichen Rohstoff Lehm, den es vor der Haustür in Hülle und Fülle gibt, zu arbeiten. Der FAL entwickelte bald ein Bildungsangebot für Lehmbau, es entstanden eigenständige Lehmbaubetriebe und 1999 sogar ein Museum über traditionelle und moderne Lehmbautechniken. Dort gibt es unter anderem ein begehbares Schwalbennest – Lehmbau ist im Tierreich weit verbreitet. Im Jahr 1999 wurde schließlich die »Lehm- und Backsteinstraße« eingeweiht, die 54 Kilometer lang zu 15 Stationen durch den östlichen Landkreis Parchim führt – zu historischen und modernen Gebäuden aus Ziegeln und Lehm, zu ehemaligen Ziegeleien und heutigen Lehmbau-Werkstätten oder Künstlerhöfen. Die Straße gewann als bisher einziges deutsches Projekt den internationalen »To Do!«-Preis für sozialverantwortlichen Tourismus, vor allem deshalb, weil sie ein von lokalen Akteuren selbst organisiertes Projekt ist.

Europa und der Dreck vor Ort
Dieser Erfolg deutet in eine spannende Richtung: Das denkbar Bodenständigste, die eigene Arbeit mit dem lokalen Bodenschatz Lehm, erlaubte den Sprung auf die internationale Bühne. Heute trägt der FAL e. V. die »Europäische Bildungsstätte für Lehmbau/European School for Earth Building« in Ganzlin, geleitet von Uta Hertz.
»Ich bin aus Zufall nach Ganzlin gekommen«, erklärt die Bauingenieurin. »Ich hatte keine Lust mehr auf meine Arbeit in Berlin, wo ich den Bauherren mühsam etwas Mut zu ökologischen Bauweisen abringen musste. Irmela Fromme – sie ist eine der besten Lehmputzerinnen, die ich kenne –, die für den FAL Kurse leitete, sprach mich in dieser Situation an: Ob ich nicht ein europäisches Projekt in Ganzlin entwickeln wolle. Alles ging dann sehr schnell, wir haben ein Projekt bei der EU beantragt, es wurde bewilligt.« Die Europäische Bildungsstätte gibt es seit 2006. Die Partner kommen ursprünglich aus Bulgarien, Frankreich, Großbritannien und Polen; dazugekommen sind Tschechien und die Slowakei. Alle Beteiligten besuchen sich gegenseitig und lernen mit- und voneinander. Alle haben etwas beizusteuern, seien es traditionelle Lehmbautechniken aus Bulgarien oder Pisé-Bautechniken, wie der Stampflehm in Frankreich genannt wird.
»Je nach Bodenqualität haben sich in den unterschiedlichen Regionen Europas unterschiedliche Techniken entwickelt«, erklärt Piet Karlstedt, ein Lehmbaumeister, der in Ganzlin unterrichtet. »Im Mittelmeerraum gibt es eine besonders gute Qualität, die sich für Stampflehmwände eignet. In nördlicheren Gegenden, wo Holz nie Mangel war, ist der Lehm eher zum Ausfachen von Fachwerk verwendet worden. Wer sich intensiver mit Lehmbau beschäftigt, lernt nicht nur Fertigkeiten, sondern auch die europäische Kulturdiversität kennen.«
Piet setzt sich besonders dafür ein, sein Wissen Kindern und Jugendlichen nahezubringen. »Wir bieten Kurse für Profis, die einen Abschluss vor der Handwerkskammer erwerben können, aber auch Einsteigerkurse und Erlebnistage für Kinder. Wir gehen in Kitas, bauen Backofenhäuschen, Rundhütten oder Weidenhütten mit Lehm. Neuerdings gibt es ein Projekt mit zwei regionalen Schulen, bei denen die Schüler eine kurze Ausbildung mit Abschluss-Zertifikat bei uns machen.«
Lokal handeln und denken, global handeln und denken – und am besten noch beides mischen. Uta, Klaus, Piet und ihr Team denken derzeit darüber nach, wie bei den Besuchen von Gruppen aus den Partnerländern der Bildungsstätte noch mehr Gespräche und Begegnungen mit den Nachbarn vor Ort stattfinden können.

Kleckern – oder klotzen?
Links zum FAL und seinen Lehm-Projekten
www.fal-ev.de
www.earthbuilding.eu
www.lernpunktlehm.de

Weitere Seiten rund um Lehm
www.lehmbaukontor.de
www.lehmbaulernzentrum.de
www.dachverband-lehm.de
www.nbnetwork.org

 

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