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Zukunftswerkstatt Schule?

Bis alle Schulen zu Orten geworden sind, an denen Kinder
ohne Angst lernen und sich entfalten können, wird es wohl
noch lange dauern, meint der Gehirnforscher Gerald Hüther. Doch positive Beispiele zeigen, wie der Wandel voranschreitet.

von Hüther Gerald , erschienen in 07/2011

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Jeder Erwachsene, dem die Zukunft unserer Kinder am Herzen liegt, wird sich schon oft genug gefragt haben, weshalb unsere Schulen – nicht alle, aber doch noch immer viel zu viele – nicht so sind, wie sie eigentlich sein sollten. Es ist doch nicht normal, dass Kinder den größten Schatz, den sie mit auf die Welt bringen, ihre unglaubliche Entdeckerfreude und Gestaltungslust, ihre Offenheit und Lebensfreude, ausgerechnet dort verlieren, wo er sich eigentlich besonders gut entfalten sollte. Inzwischen ist es soweit gekommen, dass sogar Grundschüler nicht mehr in die Schule gehen wollen oder gar krank werden, weil sie dem dort herrschenden Leistungsdruck und dem Tempo nicht mehr gewachsen sind, mit dem sie auf die Anforderungen der weiterführenden Schulen vorbereitet werden sollen. Wer Bedenken gegenüber diesen Entwicklungen vorbringt, dem wird erklärt, für die Zukunftsfähigkeit unserer Kinder und der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes sei es in einer globalisierten Welt notwendig, die Effizienz unseres Bildungssystems ständig zu verbessern und den Schülern in immer kürzerer Zeit immer mehr beizubringen. In einer vom wirtschaftlichen Wettbewerb getriebenen Welt müssten Kinder eben lernen, sich anzustrengen. Je früher, desto besser. Dieser Argumentation haben viele Eltern und sogar die meisten Pädagogen kaum etwas entgegenzusetzen.

Warum nehmen wir so viel Verlust hin?
Niemand hat aber bisher berechnet, wie groß der Verlust ist, wie viele Euro es kostet, wenn auch nur einem einzigen Kind im Verlauf der Schulzeit seine angeborene Lust am Entdecken und Gestalten und die Freude am Lernen geraubt werden. Wenn es dann als Jugendlicher »null Bock« auf Schule und eine spätere Ausbildung hat, keinen Beruf erlernt, sich als Sozialfall durchschlägt, womöglich drogensüchtig und kriminell wird. Oder wenn jemand den Rest seiner Schulzeit nur noch absitzt und am Ende einen Beruf erlernt, den er nur widerwillig ausübt, der dann seinen Frust zu Hause an Frau und Kindern ablässt, sich betrinkt und mit 50 Jahren eine neue Leber braucht. Oder wenn all das, was in einem Kind an Möglichkeiten und Begabungen steckt, durch eine negative Schul­erfahrung nicht zur Entfaltung kommt. Und stellen Sie sich vor, dass das nicht nur einzelne Jungen – und auch Mädchen – sind, die in der Schule die Lust am Lernen verlieren, sondern viele, sehr viele.
Vierzig Prozent der Schüler haben nach statistischen Erhebungen gegenwärtig Angst vor der Schule. Ahnen Sie, was das kostet? Vielleicht ist das deshalb noch nie berechnet worden. Womöglich würde dann deutlich, dass die durch unser gegenwärtiges Schulsystem erzeugten Folgekosten erheblich größer sind als die für seine Aufrechterhaltung eingesetzten Mittel. Stellen Sie sich einen Betrieb vor, bei dem Instandhaltung und Reparatur der erzeugten Produkte das Unternehmen teurer zu stehen kommen als ihre Herstellung. So eine Firma wäre im Handumdrehen pleite.
Aber es ist noch viel schlimmer: In unseren Schulen werden ja keine Produkte hergestellt, sondern mit all dem, was Schüler dort lernen, mit den Erfahrungen, die sie dort machen, sollen sie das Wissen und die Fähigkeiten erwerben, die sie brauchen, um später ein sinnerfülltes, glückliches Leben zu gestalten. Dort sollen junge Menschen darauf vorbereitet werden, sich als kompetente, engagierte, teamfähige, verantwortungsbewusste, kreative und engagierte Menschen an der Gestaltung wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Entwicklungsprozesse zu beteiligen. Wie aber soll dazu jemand in der Lage sein, der bereits in der Schule seine Lust am eigenen Entdecken und Gestalten verloren hat?
»Die Zeit ruft nach Persönlichkeiten, aber sie wird so lange vergeblich rufen, bis wir die Kinder als Persönlichkeiten leben und lernen lassen, ihnen gestatten, einen eigenen Willen zu haben, ihre eigenen Gedanken zu denken, sich eigene Kenntnisse zu erarbeiten, sich eigene Urteile zu bilden; bis wir, mit einem Wort, aufhören, in den Schulen die Rohstoffe der Persönlichkeit zu ersticken, denen wir dann vergebens im Leben zu begegnen hoffen.« So deutlich formulierte es die schwedische Reformpädagogin Ellen Key bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in ihrem Buch »Das Jahrhundert des Kindes«.
Es wäre also an der Zeit, aufzuwachen und unsere Schulen in das umzuwandeln, was sie sein müssten: Werkstätten des Entdeckens und Gestaltens, Erfahrungsräume zur Entfaltung der in allen Kindern angelegten Potenziale, Begegnungsorte für das Voneinander- und Miteinander-Lernen, Basislager des Erlebens von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung und des Gefühls, aneinander und miteinander über sich hinauswachsen zu können.

Wo klemmt es?
»Wenn Du einen Sumpf austrocknen willst, darfst du nicht die Frösche fragen«, heißt ein bekanntes Sprichwort. Aber dass sich die dicksten Frösche in unseren eigenen Köpfen eingenistet haben, ist eine noch recht unbekannte und auch unbequemere Erkenntnis. Die Hirnforscher haben sie im Frontallappen lokalisiert. Es sind neuronale Netzwerke, die durch am eigenen Leib gemachte oder von bedeutsamen Bezugspersonen übernommene Erfahrungen entstanden sind und sich zu Metaerfahrungen verdichtet haben, die wir innere Überzeugungen und Einstellungen nennen. Weil sie auch an Gefühle gekoppelt sind, kleben die meisten Menschen fester an ihren einmal herausgeformten Überzeugungen, als sie das zuzugeben bereit sind. Manche dieser erfahrungsabhängig ausgebildeten Einstellungen behindern die eigene Vorstellungskraft so sehr, dass es fast unmöglich ist, sich vorzustellen, dass Schulen auch anders sein könnten als so, wie sie die betreffenden Eltern, Lehrer oder Kultusbeamten selbst am eigenen Leib erlebt haben.
Wer von Schulpflicht redet und von hundertprozentiger Unterrichtsversorgung, und wer meint, dass Schüler ohne Druck nichts lernten, kann nicht glauben, dass es Schulen geben könnte, in die die Schüler so gern gehen und in denen sie so viele stärkende eigene Erfahrungen machen, dass sie weinen, wenn Ferien sind. Solchen Schulverantwortlichen ist es unvorstellbar, dass Schulen ohne Schulklassen funktionieren könnten, ohne Lehrplan und ohne Unterrichtsstunden im 45-Minutentakt. Undenkbar ist es für all jene Erwachsenen, die an den negativen Erfahrungen ihrer eigenen Schulzeit noch immer leiden, dass Schüler weder Angst vor Lehrern noch vor Lernkontrollen haben, dass sich die Schüler dort in altersgemischten Lerngruppen Themen und Inhalte selbst erarbeiten und dabei mehr voneinander lernen als von ihren Lehrern. Solche Schulen würden nicht mehr wie Betonklötze aussehen, und die Schüler würden ihre wichtigsten Lern­erfahrungen auch nicht im Schulgebäude, sondern draußen im richtigen Leben, in der Natur, in den Stadtteilen und den Gemeinden, in den benachbarten Betrieben machen.
Mit den in ihrem Frontalhirn verankerten alten Vorstellungen und Überzeugungen würden diese Eltern, Lehrer und Kultusbeamten darauf beharren, dass Intelligenz angeboren sei und es begabte und unbegabte Kinder gebe, dass Schule ohne Leistungsdruck und Selektion nicht die gewünschten Ergebnisse bringe, dass nur solche Schüler später »Leistungsträger« würden, die diese Schulen und all das, was sie dort erleben, am besten aushielten. Und wenn jemand auf die Idee käme, andere Schulen einzufordern oder gar einzurichten, würden diese Personen auf die Barrikaden gehen oder eine breite öffentliche Mobilmachung gegen die Umsetzung dieser Ideen in Gang setzen. Es dürfte klar sein: Mit solchen Fröschen im Kopf kann man Schulen der Zukunft noch nicht einmal denken.

Wie könnte es gehen?
Es könnte nicht nur anders gehen, sondern es geht längst schon anders. Viele kleine Initiativen und Schulmodelle überall im Land zeigen nicht nur, dass es geht, sondern auch, wie solche anderen Wege aussehen können. Es sind offenbar nur ganz wenige Voraussetzungen erforderlich, um eine Schule in eine wahre Zukunftswerkstatt zu verwandeln. Zuallererst muss es gelingen, die Eltern – und zwar alle Eltern – für schrittweise Veränderungen der Lernkultur und der Lernatmosphäre in einer Schule zu gewinnen. Ebenso wichtig ist es, alle Lehrkräfte mit ins Boot dieses Veränderungsprozesses einzuladen und sich von all jenen zu trennen, die sich dazu nicht einladen lassen. Beides kann aber nur dann gelingen, wenn es eine Schulleitung gibt, die das Engagement und die Kompetenz mitbringt, um diesen Veränderungsprozess in Gang zu ­bringen und zu steuern und die es geschafft hat, die Unterstützung oder zumindest die wohlwollende Duldung der zuständigen Schulträger und Aufsichtsbehörden für diesen neuen Kurs zu erlangen. Die wichtigste Voraussetzung, die eine solche Schulleitung besitzen muss, ist wieder einmal nichts anderes als eine innere Überzeugung.
Der Schulleiter oder die Schulleiterin müssten davon überzeugt sein, dass es möglich ist, Schulen nicht nur anders zu denken, sondern so umzugestalten, dass den Schülern das Lernen, das eigene Entdecken und Gestalten Freude machen. Denn nur dann, wenn man mit Freude und Begeisterung neues Wissen erwerben und sich neue Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen kann, werden im Gehirn die emotionalen Zentren aktiviert. Nur dann kommt es an den Enden der Fortsätze der dort befindlichen Nervenzellen zur Ausschüttung von sogenannten neuroplastischen Botenstoffen, die all jene Neuronenverbände, die man im Zustand der Begeisterung besonders intensiv nutzt, dazu bringen, vermehrt solche Eiweiße zu bilden, die für das Auswachsen von neuen Nervenzellverbindungen und die Bildung neuer Nervenzellkontakte gebraucht werden. Begeisterung wirkt also wie Dünger fürs Gehirn. Nicht nur bei Schülern, auch bei Eltern und Lehrern, es wirkt sogar bei Kultus­beamten.
Aber die Begeisterung am Lernen kann niemand erzwingen oder anordnen. Sie lässt sich nur wecken. Die Zauberworte, mit denen sich die Begeisterung bei jedem Menschen wiedererwecken lässt, egal, wie alt er ist und wieviele negative Erfahrungen er schon gemacht hat oder machen musste, sind ganz einfach: Man muss ihn einladen, ermutigen und inspirieren, sich noch einmal auf Neues einzulassen. Man muss ihm Gelegenheit geben, zu erfahren, dass er doch etwas kann, dass das Entdecken und Gestalten und das Lernen Freude machen kann, dass er so, wie er ist, gemocht wird, dass er mit seinen besonderen Fähigkeiten und Begabungen gebraucht wird, um gemeinsam mit anderen etwas zustandezubringen, was keiner allein schaffen kann. Überall dort, wo das gelingt, entstehen diese wunderbaren Werkstätten, in denen junge Menschen unsere Zukunft gestalten.

Wo ist es bereits gelungen, und wie?
»Treibhäuser der Zukunft« heißt ein Film von Reinhard Kahl, dem Begründer des Netzwerks »Archiv der Zukunft«. Hier werden Schulen vorgestellt, die solche Selbstbildungswerkstätten für Schüler geworden sind. Dort herrscht ein besonderer Geist, und dort zeichnen sich die Lernbegleiter durch eine besondere Haltung aus. »Supportive Leaders« heißen solche Führungskräfte in der Wirtschaft. Sie stehen, wie der Schulleiter der Bodenseeschule in Ludwigshafen, morgens vor der Schule und begrüßen ihre Schülerinnen und Schüler als starke, kompetente Persönlichkeiten und laden sie dazu ein, in der Schule die in ihnen angelegten Potenziale zu entfalten. Die Schüler werden wertgeschätzt, und ihnen wird etwas zugetraut. Solche Schulen gibt es überall, aber wenn sie nicht gezeigt und öffentlich gemacht werden, bleiben sie wie Samenkörner in einem Heuhaufen versteckt. Die Robert Bosch Stiftung zeichnet solche Schulen jährlich mit dem Deutschen Schulpreis aus.
In der Sinn-Stiftung, deren Präsident ich bin, gibt es eine Ini­tiative »Schulen der Zukunft«, die solche Beispiele des Gelingens zusammenträgt. Dort findet man unter anderen auch einen Hinweis auf die Evangelische Gesamtschule Berlin-Mitte, in der es Margret Rasfeld als Schulleiterin gelungen ist, eine vorbildliche Lern- und Beziehungskultur zu entwickeln. Schüler aus dieser Schule sind gefragte Trainer für Lehrerfortbildungsseminare.
In Thüringen gibt es ein vom Kultusministerium unterstütztes Bildungsprogramm »Neue Lernkultur in Kommunen«. Dort werden Kommunen dabei unterstützt, ihre Kindergärten und Schulen für all das zu öffnen, was es in den jeweiligen Dörfern oder Städten für Kinder und Jugendliche zu entdecken und zu gestalten gibt. Dort findet Schule also nicht mehr in der Schule, sondern im Leben statt, dort dürfen Schüler die Erfahrung machen, wieviel Freude es macht und wie erfüllend es ist, wenn man sich gemeinsam mit allen ­anderen um etwas kümmern kann, was für die Gemeinde wichtig ist.
Wenn das kleine Dorf Lüchow mit seiner wunderbaren Dorfschule, die in der vorigen Ausgabe von Oya vorgestellt wurde, in Thüringen läge und nicht in Mecklenburg-Vorpommern, wäre die Schule nicht ein von Schließung bedrohter Notfall, sondern ein Vorzeigemodell für eine neue Lernkultur.
Es lohnt sich auch, verschiedene Schulen außerhalb Deutschlands näher anzuschauen. Wer wissen will, wie Schulen es geschafft haben, zu Bildungseinrichtungen zu werden, in denen kein Schüler als »behindert« oder »unbeschulbar« ausgegrenzt wird, in denen Kinder in eine gemeinsame Einrichtung für alle gehen, muss sich zum Beispiel in Südtirol umschauen. Dort sind Integration und Inklusion Fremdworte. Dort wird nicht mehr über das gemeinsame Lernen geredet, dort findet es überall statt.
Das sind nur einige Beispiele dafür, dass es die Schulen der Zukunft längst gibt. Es wird nur langsam Zeit, dass wir sie auch überall in unserem Land bekannt machen. Wer den Sumpf austrocknen will, soll eben nicht die Frösche fragen, sondern den Spaten in die Hand nehmen und Abflussgräben ausheben, damit das abgestandene Brackwasser eines überholten Schulsystems möglichst schnell und ohne weitere Stauungen abfließen kann. 


Gerald Hüther (60) ist einer der bekanntesten deutschen Hirnforscher. Er schreibt Sachbücher, hält Vorträge, organisiert Kongresse und leitet die Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg. Er ist Mitbegründer des Bildungsnetzwerks »Win Future«. www.gerald-huether.de


Hier kann man sich über das lernende Gehirn schlau machen:
Internet
Archiv der Zukunft: www.adz-netzwerk.de
Schulen der Zukunft: www.sinn-stiftung.eu
Thüringer Projekt für neue Lernkultur in Kommunen: www.nelecom.de
Literatur
Neben Gerald Hüthers Standardwerken wie »Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn« hat er auch Erziehungsratgeber geschrieben: »Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden« (Gräfe und Unzer, 2008) oder mit Inge Krens »Das Geheimnis der ersten neun Monate« (Beltz, 2008).

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