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Allee gegen Landraub

von Julian Bayer , erschienen in 46/2017

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© Foto: www.aktion-agrar.de

Am Vorabend hatten wir uns die Köpfe heiß geredet. »Bäume sind Lebewesen, sie können mehrere hundert Jahre alt werden – wir dürfen nicht riskieren, dass sie wieder herausgerissen werden!«, meinten die einen. »Das wird schon nicht passieren, wir pflanzen auf Gemeindeland!«, argumentierten die anderen. Wir planten eine unangekündigte Baumpflanz-Aktion an einem gemeindlichen Weg entlang eines Zuckerrübenackers in der Nähe von Sömmerda in Thüringen. Der Acker gehörte zu 2500 Hektar Land, das der Südzucker-Konzern kürzlich einer lokalen Bauerngenossenschaft abgekauft hatte. Die meisten Genossenschaftsmitglieder hatten für ihre Höfe keine Nachfolger und wollten verkaufen, nur eine Handvoll hatte dagegen gestimmt – wieder ein Schritt zu einer immer stärkeren Konzentration von Ackerland in den Händen weniger.
Die »Allee gegen Landraub« sollte als Teil einer größeren Kampagne vor der Bundestagswahl ein Zeichen setzen. Organisator war die Bewegung »Wir haben es satt!«, zu der viele Initiativen – wie »Aktion Agrar«, für die ich mich seit kurzem engagiere – gehören. Unsere Basisstation war der Hof der Gemeinschaft »LebensGut Cobstädt«. Dort hatten wir am Abend über die Nachhaltigkeit unserer Aktion diskutiert und schließlich eine Lösung gefunden: Ein Teil der Gruppe sollte parallel zur Pflanzaktion dem Bürgermeister von Sömmerda einen Gutschein für die Pflege der Allee von der Baumschule des LebensGuts überreichen.
Ich war Teil der anderen Gruppe, die am frühen Morgen mit Spaten bepackt zum Pflanzen losfuhr. Es war der erste zivile Ungehorsam, an dem ich mich beteiligte, und ich war schon ein wenig aufgeregt. Teams von immer drei Leuten buddelten die Löcher in den Rübenacker. ­Einen Wegrand gab es nämlich nicht, von der ursprüng­lichen Trasse war fast die Hälfte im Lauf der Jahre weggepflügt worden. Während ich die Obstbäume und Pfähle für den Verbissschutz anschleppte, schaute ich immer auf ein kleines Dorf. Es lag mitten in einer Ackerwüste, nur wenige Baumreihen unterbrachen das Bild. Wir kamen gut voran, aber selbstverständlich wurden wir auch bald entdeckt. Der Bauer, jetzt Angestellter von Südzucker, kam angefahren und beschwerte sich lautstark: Ob uns denn nicht klar sei, welcher Ertrag ihm damit verlorengehe? Als wir nicht aufhörten, rief er die Polizei.
Die wusste aber nicht so recht, was sie mit uns anfangen sollte. Wir erklärten, dass hier unrechtmäßig sechs Meter von einem Gemeindeweg weggepflügt worden waren, das ließe sich anhand von Flurkarten und Satellitenbildern leicht belegen. Während dieser Diskussion kam zum Glück die Gruppe, die zum Bürgermeister gegangen war, mit einer guten Nachricht zurück: Er hatte nichts gegen die Allee einzuwenden. »Den Verbissschutz für die Bäume, die schon in der Erde sind, dürft ihr anbringen, aber dann ist Schluss!«, war schließlich das Gebot der Polizei, und damit gaben wir uns zufrieden. Immerhin 35 Bäume bildeten damit die erste Allee gegen Landraub.
Als wir fast fertig waren, kamen zwei Bauern mit einem Wasserwagen. Wir hatten sie im Vorfeld gefragt, ob sie für uns wässern könnten, aber ihnen war nicht klar, dass wir einen Rübenacker bepflanzen wollten. Jetzt waren sie stocksauer. »Warum macht ihr das nicht nach der Ernte? Jetzt habt ihr viel Geld vernichtet!« Es kam zu einem Streitgespräch. Ich habe es nicht so genau mitverfolgen können, aber es muss ein gutes Ende genommen haben. Nach einer Weile setzten die beiden Bauern den Schlauch in Gang und begossen tatsächlich alle Bäume. Das war für mich der schönste Moment des Tags: Die Landwirte, für die wir Aktivisten oft nur nervige Stadtleute ohne Ahnung von Landwirtschaft sind, machten mit uns gemeinsame Sache, indem sie unsere Bäume wässerten.
Zurück im LebensGut Cobstädt waren alle in Hochstimmung. Wir haben dann noch lange gemeinsam am Feuer gesessen und erzählt.

Julian Beyer studiert Politikwissenschaft und fragt Menschen gerne danach, was sie dazu bringt, sich politisch zu engagieren.

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