Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Jedem Dorf seine Erzählerin

von Petra Kallen , erschienen in 46/2017

Bild

© Foto: Christine Izeki

Ich nenne mich Märchenerzählerin. Vor allem erzähle ich Märchen der Gebrüder Grimm und Volksmärchen aus aller Welt. Sie wurden mündlich weitergereicht, dann gesammelt und aufgeschrieben. So sind sie uns erhalten geblieben.
Den ersten Impuls, Märchenerzählerin zu werden, hatte ich auf einem Weihnachtsmarkt. Mein Mann und ich betrieben damals eine Imkerei, und ich habe dort Bienenwachskerzen verkauft. Da hörte ich einen Märchenerzähler mit einer Harfe, umringt von Kindern mit leuchtenden Augen. Das beeindruckte mich. Es verstrich noch einige Zeit, ich zog fünf Kinder groß, bis ich eine Ausbildung am »Troubadour Märchenzentrum« in Vlotho machte. Von nun an begann ich, Märchen zu erzählen: in meinem Garten, beim Apfelfest, in der Bücherei oder bei der »Kulturellen Landpartie« bei uns im Kreis Lüchow-Dannenberg. Ich erzähle sie selbstverständlich auch meinen Enkeln und im ­Familienkreis.
Meine Vorliebe gilt Märchen aus Russland, dem Balti­kum, dem vorderen Orient oder Asien. Sie sind in die ­jeweilige Kultur und ihre archaischen Bilder eingepackt, aber letztlich sind es immer die gleichen Motive. Es geht etwa ­darum, sich auf den Weg zu machen, Aufgaben zu lösen, Hilfe anzunehmen – von kleinen, grauen Männlein oder alten weisen Frauen – und das Ziel zu erreichen. Auf jeden Fall gehen Märchen immer gut aus.
Eigene Märchen erzähle ich nicht. Aber wenn ich in den Wald gehe, habe ich Assoziationen zu den Motiven, die darin vorkommen. Eine Geschichte handelt von einem Fiedler, den der Teufel fragt, ob es mehr gerade oder mehr krumme Bäume im Wald gibt. Wenn ich dann im Wald sitze und sehe, wie eng die Bäume in den modernen Industrieforsten zusammenstehen, so dass sie gar nicht anders können, als gerade hochzuwachsen, dann denke ich: Auch die Menschen brauchen Raum, um sich zu entfalten. Auf eine Weise bin ich immer in den Märchen. Ich spreche durch die Märchen.
Wenn ich mir ein Märchen richtig einverleiben will, brauche ich dafür mindestens einen Monat. Aber dann kann ich es für den Rest des Lebens. Ich lasse die inneren Bilder entstehen, lerne also nicht auswendig, sondern gehe in die Stille, gehe in mich. Erst dann erzähle ich.
Nach einem Märchen sagen mir die Kinder oft: Noch einmal! Die Geschichten werden durch ihre Wiederholung leben­dig. Je öfter ich eine erzähle, desto mehr verändert sie sich auch. Ich bleibe nie beim gleichen Text, er wächst mit. Ich gestehe es jeder Erzählerin, jedem Erzähler, zu, die Geschichten der Zeit anzupassen, wenn der Kern bleibt. In Zukunft könnte es viele Geschichten geben, die das heutige Geschehen aufgreifen und damit auch auf eine Weise politisch sind.
Ich mache keinen Unterschied, ob ich die alten Weisheitsgeschichten Kindern oder Erwachsenen erzähle. Märchen sind längst nicht nur etwas für Kinder. Mir ist wichtig, dass die Menschen, die mir zuhören, zur Ruhe kommen, einen Moment aus dem Alltagsleben aussteigen. Das gelingt mir durch die ­ruhige Stimme und das Harfenspiel. So können die Märchenbilder im eigenen Inneren erlebt werden.
Ich will nicht belehren. Die Bedeutung der Märchen ist für mich sehr subjektiv. Ich lasse dem Zuhörer die Freiheit, sich auf die inneren Bilder einzulassen. Da mag es manch einer politisch finden, wenn ich zum Beispiel vom Säen, Wachsen und Ernten erzähle, vielleicht sagt es sogar etwas vom Überleben auf dem Planeten. Manches ist traurig oder berührend. Einige Zuhörer haben schon geweint, wenn ich erzählt habe. Märchen sind eine Herzenssache, Balsam für die Seele.
Nach und nach lernte ich in den letzten Jahren andere Märchenerzählerinnen kennen. Wir taten uns zusammen, tauschen uns gelegentlich aus und erzählen ab und zu gemeinsam als »Wendländischer Märchenkreis«.
Für mich gehören die Märchen nicht auf eine Bühne. Sie brauchen einen kleinen Rahmen. Das Märchenerzählen soll etwas Intimes bleiben. So entwickelt sich nach dem Erzählen oft ein Gespräch, und die Menschen beginnen, von sich selbst und ihrem Leben zu berichten. Solange es nicht in jedem Dorf eine Erzählerin oder einen Erzähler gibt, ist das nicht zu viel.

Petra Kallen lebt in dem kleinen Walddorf Molden in der Nähe von Lüchow-Dannenberg. Sie begann vor fast 20 Jahren mit dem Märchenerzählen.

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!