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Dem Ruf gefolgt

von Julián Acotto , erschienen in 46/2017

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© Foto: Julián Acotto

Dem Ruf gefolgt
Auf der Suche nach den Ursprüngen der Musik­richtung »Cumbia« reiste ich vor ein paar Jahren nach Kolumbien. Dort hörte ich zum ersten Mal die »Tambor alegre« (fröhliche Trommel). Ihre Rhythmen brachten die Luft auf eine Art und Weise zum Schwingen, die meine tiefsten, verborgensten und primären Emotionen ansprach. Analytisch könnte ich nicht beschreiben, was mich an der Tambor alegre so sehr anzieht. Sie erzeugt eine unmissverständliche und körperliche Empfindung. Seit jenem Tag konnte ich nicht anders, als mich mit diesem Instrument und seinem Heimatland zu verbinden.
Dafür habe ich vor wenigen Monaten mein Haus in Argentinien verlassen. Die traditionelle afrokolumbianische Musik der Karibik wurde und wird noch immer unter Menschen vererbt, die an dem Ort leben, an dem sie entstanden ist. In ­Buenos Aires, Berlin, Barcelona oder Tokio kannst du »Bullerengue«-, »Chalupa«-, »Mapalé«-, »Porro«- oder »Fandango«-Rhythmen der karibischen Küste nicht lernen. Das geht nur auf der Erde, auf der sie geboren wurden.
Es fängt damit an, dass die Tambor alegre nicht im Internet erhältlich ist. Wenn dir morgen vor deinem Computer langweilig wäre und du beschließen würdest, eine Tambor zu kaufen, so könntest du es nicht, denn die kolumbianischen Luthiers (»luthier« kommt vom alten spanischen Wort für Instrumentenbau »luthería«, das wiederum vom arabischen Wort »l’oud« für »Laute« stammt) machen keine Geschäfte über das Internet. Du müsstest in die Dörfer und Städte fahren, in denen die Tambore hergestellt werden, um verschiedene Exemplare anzufassen und auszuprobieren, bevor du dich für eines entscheidest. Jede dieser Trommeln ist ein Einzelstück mit eigenem Klang, handwerklich hergestellt aus Naturmaterialien der Region.
Die Musikrichtung »Cumbia« entstand, als afrikanische Sklaven mit ihrer perkussiven Musik und Indigene der kolumbianischen Karibik, die das Blasinstrument »gaita« spielten, zusammentrafen. Anders als in den USA wurde in Lateinamerika den Sklaven ihre Musik nicht verboten. Die Trommel spielte auch eine Rolle in der Befreiung der Sklaven: Ihr weitreichender Klang diente zur Kommunikation mit Siedlungen geflüchteter Sklaven. Eine dieser Siedlungen, die vielen Angriffen standhielt, war San Basilio de Palenque – heute bekannt als erstes freies Dorf Amerikas. All das ist hier in der Region Gemeinwissen; ich habe es von den Musikern erfahren, von denen ich auch das Spielen auf der Tambor alegre lerne.
Aber dieses Wissen droht zu verschwinden: Die Jugendlichen hier werden jeden Tag globalisierter. Sie interessieren sich nicht mehr für die Tradition, sondern adaptieren fremde Ästhetiken. Ich nehme das mit Trauer und Wut wahr. Diesen Effekt gibt es ja nicht nur in Bezug auf »­Cumbia«; überall in Südamerika lässt sich ­beobachten, wie Traditionen, die unsere Identität darstellen, im Bombardement der Globalisierung verblassen. Zum Glück gibt es aber auch Menschen, die dieses Problem erkennen und Initiativen ins Leben rufen, um das Wissen und die Identität zu erhalten, wieder wertzuschätzen und zu verbreiten.
Objektiv betrachtet, mag es ein wenig (oder sehr) dumm oder (wenn man nach monetärem Reichtum strebt) riskant erscheinen, alles hinter sich zu lassen, um Tambor in einem tropischen Land zu spielen. Aber in einem derart seltsamen Leben ohne Sinn, wie die Menschen es in der heutigen Zeit so oft leben, sind doch das Einzige, das uns bleibt, unsere Emotionen. Findet man etwas, das die tiefsten und verborgensten dieser Emotionen aufweckt, ist das nichts Geringes. Es gibt hier ein Sprichwort, das besagt: »Ein Vogel in der Hand ist mehr wert als hundert fliegende.« Ich möchte es umkehren: »Verlasst eure Häuser, entlasst das Vögelchen aus eurer Hand, und folgt einem der hundert frei fliegenden Vögel.«

Julián Acotto kommt aus Córdoba in Argentinien, wo er Fotografie studiert und Brot ­gebacken hat. Nun möchte er nicht mehr in einer Großstadt leben.

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