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Fliegende Laken

Eine Gruppe junger Menschen machte sich mit dem Kunstprojekt »Flake« auf die ­Suche nach dem Wesen des Teilens zusammengetragen.

von Lara Mallien , Matthias Fellner , erschienen in 46/2017

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© Foto: Simon Leitschuh / Merle Kahler / Mathias Krebs

Im April dieses Jahres trafen sich fünf junge Leute bei einem Workshop zum Bau von Komposttoiletten. Weil die Gruppe klein war, blieb viel Zeit für Austausch. Bald stellten sie fest, dass sie ein gemeinsames Thema hatten: das Teilen. Luisa, ­Rosina und Butze gehörten zum Netzwerk »Yunity«, das eine große Online-Plattform plante. Dort sollten Menschen über das, was sie brauchen oder ohne Gegenleistung geben wollen, kommunizieren können. Wegen technischer Schwierigkeiten war das Projekt ins Stocken geraten. Flo und Lauritz kamen aus der Food­sharing- und Permakultur-Bewegung, wo das Teilen vor allem in der direkten Begegnung erfahrbar wird. Alle waren sich einig, dass sich die konkrete Utopie eines anderen Wirtschaftens, das nicht auf der Logik des Tauschs, sondern auf dem gemeinsamen Beitragen der vorhandenen Ressourcen und Fähigkeiten basiert, weiter ausbreiten sollte. Es sei oft schwierig, Menschen für diese doch recht ungewöhnliche Idee zu gewinnen. Wie könnte sie ansteckender werden? Welche Geschichte müsste hier auf welche Weise erzählt werden?
Vielleicht ist das Internet nicht der richtige Ort, überlegten sie. Doch wenn das Teilen nur im kleinen, vertrauten Rahmen funktionierte, taugte es dann als Modell für größere gesellschaftliche Zusammenhänge? Auf jeden Fall sollte es mehr Orte geben, wo das bedingungslose Geben und Nehmen selbstverständlich ist – nicht nur in Gemeinschaften wie zum Beispiel der Villa Locomuna, wo die Kunststudentin Luisa lebt. Aber wie müssten sie gestaltet sein, um zu vermitteln, dass es um mehr geht als nur ein erweitertes »Suche und Finde«, sondern um ein ganz anderes Wirtschaften?

Traum von einer anderen Welt
Wir sitzen zu fünft in unserer großen Hängematte, essen containerte Pellkartoffeln, um uns herum tummeln sich bunt gekleidete Festivalbesucher. Bettlaken, an denen – mit bunten Büroklammern befestigt – beschriebene Kärtchen hängen, flattern im Wind. »Ich brauche Heringe für mein Zelt«, steht auf der einen Karte, »Ich suche Menschen für eine Gemeinschaftsgründung in Kassel« auf einer anderen.
Ich sehe jemanden etwas unschlüssig mit einer leeren Karte und einem Stift in der Hand vor dem Laken für Fähigkeiten, die man anderen zur Verfügung stellen will, stehen. Es ist ungewohnt, sich über die eigenen Ressourcen klarzuwerden. Aber der Person fällt bald etwas ein, und sie kommt mit einem anderen Menschen vor dem Laken ins Gespräch. Heute läuft die Flake von ganz allein.
Wir schauen in den Himmel und erzählen von einer Welt, in der die Tauschlogik ausgedient hat, in der es selbstverständlich ist, die Fülle der Ressourcen miteinander zu teilen. Überall könnten Flakes stehen, und alle wüssten von Orten, wo es das gibt, was sie brauchen.
Luisa

Skizzen entstanden, die an eine Schneeflocke erinnerten. Zwischen den Strahlen des Schneesterns fanden sich Begriffe wie Wissen, Rezepte, Gedichte, Fragen, Ideen, Orte, Mitfahrgelegenheiten, Essen oder Termine. Die »Flake« wurde geboren, eine sternförmige Installation aus Stoffbahnen, die als Pinnwände genutzt werden. Der Begriff bedeutet im Englischen »Flocke«. Eine Pinnwand, auf die Menschen schreiben, was sie zu geben haben und was sie brauchen, klingt nicht sonderlich revolutionär. Die Flake sollte aber nicht nur die sichtbare Installation umfassen: Integraler Bestandteil wäre darüber hinaus auch ein Kreis von Menschen, die im gesamten Einzugsbereich den Geist des bedingungslosen Teilens verbreiten. Im Mai stand das von Lauritz organisierte Humus-Festival (siehe Oya-Ausgabe 44, »Wachsen auf Sediment«) bevor – eine willkommene Gelegenheit, das Konzept auszuprobieren.

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Funkenflug
Ich bin der Flake zum ersten Mal auf dem Humus-Festival, wo sie Premiere hatte, begegnet. Dass hier Leute am Werk waren, die nicht auf die Verwirklichung einer Utopie in ferner Zukunft warteten, sondern sofort damit anfingen, entfachte in mir eine Begeisterung, wie ich sie selten zuvor erlebt habe. Mit Gleichgesinnten die Utopie leben – das wollte ich auch. Der Start verlief sehr stürmisch und wechselhaft – kaum hatten wir die Laken-Konstruktion nach einem Windstoß wieder aufgebaut, fiel sie wieder zusammen. Es spielte keine Rolle, dass ich zwei linke Hände mitbrachte, ich war hier willkommen, so wie ich war. Während des Festivals wurde mir klar, dass ich mich in meiner jetzigen Lebensphase besser mit meinen Fähigkeiten einbringen kann, wenn ich zu spannenden Projekten reise. Also kündigte ich meine Wohnung und beschloss, mich dem Flake-Team anzuschließen.
Seitdem erlebte ich immer wieder, wie die Begeisterung für das Teilen wie ein Funke auf andere überspringt. Eine junge Frau, die uns auf einem Festival eine Weile beobachtet hatte, fragte irgendwann scheu: »Was hat es denn mit diesen Bettlaken auf sich?« Wir sprachen intensiv darüber, wie im Teilen, anders als in Handelsbeziehungen, so viel authentische und herzliche Begegnungen möglich werden. Sie ließ sich von meiner Euphorie anstecken. Als ich sie nach ein paar Wochen bei einer anderen Veranstaltung wiedersah, hatte sie selbst eine Flake in ihrem Wohnprojekt in Leipzig aufgebaut und ihren alten Job gekündigt.
Dennis


Im Juni auf dem Zusammentreffen »Move Utopia«, zu dem auch die Oya-Redaktion angereist war, stand die Flake an einem der wichtigsten Wege und entwickelte sich zum zentralen Vernetzungsort. Hier wurde dem Team deutlich, welche Dynamik ihre noch immer etwas wackelige Instal­lation entwickeln kann. Kam eine neue Idee auf, zum Beispiel ein Laken für regionale Vernetzung aufzuhängen, organisierten sich flugs sechs Treffen von Menschen, die jeweils in derselben Stadt wohnten, sich aber bei Move Utopia zum ersten Mal begegneten. Ursprung dieser Dynamik war das Flake-Team selbst. Die Leute hatten Spaß miteinander. Sie genossen es, nach Lust und Laune über das Teilen zu philosophieren, sich Spiele auszudenken, die es lebendig werden ließen. Das Move-Utopia-Treffen, so die einhellige Meinung, sollte nicht die letzte Station der Flake gewesen sein! Wollten sie nicht in diesem Sommer sowieso auf alle möglichen Festivals gehen? Sie würden als Nomaden von Ort zu Ort ziehen und die Geschichte des Teilens erzählen. Zu ihren Stationen sollten sozialökologische Festivals ebenso gehören wie eher kommerzielle – gerade die Frage, ob ihre Ideen außerhalb der eigenen »Blase« der Alternativkultur auf Resonanz stoßen würde, war interessant. So entstand ein Tourplan mit 16 weiteren Stationen.

Flakes verteilen
Wir liefen zu einer Bühne. Neben uns standen die losen Randgrüppchen der Zuschauermenge auf dem überfüllten »World of Music« Festival in Hessen. Wir hatten die Taschen voller Flakes – kleine Zettel mit Spieleinladungen. Ich tippte einem unbekannten Mann vor mir auf die Schulter, drückte ihm die erstbeste Flake in die Hand und tauchte schnell wieder in der Menge unter. Er musterte etwas verwirrt erst die eine Seite des Zettels, auf der nur www.flake.world zu lesen war, dann die andere – und fing an zu lächeln. Ich war gespannt, welche Einladung er wohl bekommen hatte, und musste auch lächeln, denn nun nahm er das Spiel an. Er tippte einer anderen Person auf die Schulter, umarmte sie und gab die Flake weiter. Die Szene wiederholte sich wieder und wieder mit dem Unterschied, dass es jedesmal Mal mehr lächelnde Menschen gab – solche, die sich Umarmungen schenkten, und andere, die sich an durch die Menge rollenden Umarmungslawine freuten.
Auf einer Flake-Spielkarte können alle möglichen Aktionen stehen, zum Beispiel: »Lege ein Herz aus Naturmaterialien und gib die Karte weiter.« Auf einem Treffen des Bundesverbands der Freien Alternativschulen, wo wir mit der Flake Station gemacht hatten, war das Gelände bald übersät mit Herzen aus Blüten, Holz oder Steinen.
Lauritz


Bedürfnisse äußern
Auf den kommerziellen Festivals zwischen dröhnenden Bühnen und buntem Volk, das vor allem einmal über die Stränge schlagen wollte, war es nötig, der Flake lautstark Gehör zu verschaffen. Butze besorgte sich ein Megaphon, stellte sich vor die Flake und erzählte manchmal acht Stunden am Stück, wieviel reicher und schöner die Welt doch wäre, ließe man das langweilige Tauschen bleiben. Manchmal zog Laurin Butze mit dem Lastenrad durch die Menge, während er ein selbstgedichtetes Lied vom Teilen zum Besten gab – das bald auf dem Festival gesungen wurde. Dazu brachten sie überzähliges Essen vom benachbarten Foodsharing-Stand in die Menge. Angezogen von solcherlei Theater entdeckten manche Besucherinnen und Besucher in der Flake eine Oase: Hier war ein Raum, der sich völlig anders anfühlte als der Rest des Festivals – weil niemand etwas verkaufen wollte, überhaupt niemand etwas forderte, sondern die Menschen gefragt wurden, was sie denn wirklich, wirklich wollten, was ihr Herzenswunsch sei, was sie besonders gut könnten oder im Überfluss zu verschenken hätten. Zuweilen erzeugte das Ratlosigkeit, dann ergab sich manchmal eine Befindlichkeitsrunde: Mitten im Getriebe des Festivals saßen Menschen im Kreis und begannen, sich selbst zu erforschen, indem sie über ihre Bedürfnisse und Potenziale sprachen.

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Zusammenfinden
Ich bemerkte zwei Frauen an verschiedenen Seiten der Flake. Einer von ihnen ging es offenbar gar nicht gut. Sie wusste nicht, wie sie mit ­ihrem kleinen Sohn zurück nach Berlin kommen sollte und hängte einen Zettel »Mitfahrgelegenheit gesucht« auf. Es wirkte, als habe sie etwas Schlimmes erlebt. Die Frau auf der anderen Seite der Flake schrieb auf ihre Karte, dass sie gut zuhören könne. Ich brachte die beiden in Kontakt. Sie haben lange miteinander gesprochen. Ich konnte beobachten, wie das Gesicht der gestressten Frau immer gelöster wurde. Selbstverständlich fand sich auch eine Mitfahrgelegenheit. Nach einer Weile gingen die beiden Frauen in das Repair-Café, das wir auf diesem Festival neben der Flake aufgebaut hatten, plauderten weiter und schlürften Tee. Direkt neben ihnen saß ein etwa achtjähriger Junge, der bei uns das Nähen entdeckt hatte. Nachdem wir ihm die Nähmaschine erklärt hatten, hat er die ganze Festival-Zeit über Handyhüllen aus recycelten Klamotten geschneidert. Beim Anblick der beiden Frauen und des Jungen überkam mich ein Glücksgefühl. Ich dachte: Diese Menschen hätten in der normalen Gesellschaft niemals zusammengefunden.
Luisa

Fast auf jedem Festival bot das Flake-Team einen Workshop an. Darin teilten sich die Teilnehmenden in zwei Gruppen. Jede Person bekam Karten, auf denen drei Bedürfnisse wie »Hunger« und drei Ressourcen wie »Ich kann kochen« standen. Für die Gruppen galten unterschiedliche Spielregen. Die Mitglieder der ersten sollten untereinander in einen Wettstreit treten: Wer am Schluss die meisten Bedürfnisse erfüllt bekommen hatte und dabei so wenige Ressourcen wie möglich einsetzen musste, hatte gewonnen. Die andere Gruppe war aufgefordert, Wege zu finden, alle bestmöglich zufriedenzustellen. Der Wettkampf, der in der ersten Gruppe ausbrach, und das entspannte Mehrfachnutzen von Ressourcen in der anderen vermittelte den Unterschied, um den es der Flake-Gruppe ging.

Charing
Auf einem der Festivals erfanden wir das »Charing«. Der Name lässt vermuten, dass das Spiel mit Stühlen und dem Teilen zu tun hat. Wir stellten zwei Stühle einander gegenüber. Einer war dem Erzählen gewidmet, der andere dem Zuhören – wer dort saß, würde nicht antworten.
Ich habe mich, um es auszuprobieren, auf den Zuhör-Stuhl gesetzt. Nach kurzer Zeit ging ein Mann vorbei, der die Flake offenbar gar nicht wahrnahm. Aber irgendwie trafen sich unsere Blicke einen Moment länger als zufällig aneinander vorbeischauend. Der Mann setzte sich mir gegenüber und begann zu reden. Anfangs ging es um Verschwörungstheorien. Jede Menge Informationen prasselten auf mich ein. Erst nach einer Weile erzählte er davon, wie ihn das, was in der Welt alles falsch läuft, bewege, wie ohnmächtig er sich fühle, dass er keine Menschen fände, mit denen er sich austauschen und etwas bewegen könne.
So ein Gemütszustand ist mir sehr vertraut. Ich bin auch durch so eine Lebensphase voller Verzweiflung und Ohnmacht gegangen. Während der Mann redete, konnte ich vollständig bei ihm sein, und gleichzeitig wusste ich: Ich darf nichts sagen, ich darf das jetzt nicht kaputtmachen! Zwischen unseren Herzen baute sich so etwas wie eine Verbindungslinie auf, die wir fast mit der Hand hätten greifen können. Nach etwa einer halben Stunde stand der Mann auf und umarmte mich. Ihm liefen ein paar Tränen über die Wange. Er ging ein Stück weiter, drehte sich nochmal um und schüttelte den Kopf. Wir schauten uns an, und er verschwand in der Menge des Festivals.
Lauritz

Trotz viel gutem Zuspruch fühlte sich die Flake zuweilen unter den Tausenden von Menschen an wie ein kleines Boot im Sturm, das von seiner Crew viel Haltekraft forderte. Die Extremsituation brachte die Beteiligten dazu, sich gründlich kennenzulernen und sich mit Haut und Haar auf Gemeinschaft einzulassen.

Bedürfnisse
Mir fiel nach kurzer Zeit auf, dass es mir sehr an Übung fehlt, meine Bedürfnisse zu äußern. Ich lasse mich zum Beispiel sehr gerne massieren, habe aber Schwierigkeiten, es annehmen zu können und sage oft nach drei Minuten, dass es schon genug sei. Ich tue mir schwer damit, über eine Schwäche oder Leerstelle in mir zu sprechen. Es hat mir geholfen, dass wir jeden Abend in einer Runde alles ausgesprochen haben, was uns auf dem Herzen lag. Der Redestab ging so lange im Kreis, bis es nichts mehr zu sagen gab. So entstand in erstaunlich kurzer Zeit ein starkes Feld des Vertrauens.
Dennis

Spiel ohne Regeln
An den Abenden haben wir Hüterinnen und Hüter der Flake oft ums Feuer gesessen und selbsterdachte Spiele gespielt. Sie hatten keinen Sinn und keine Regeln. Wer uns zuschaute, war meist befremdet: »Warum springen die ohne jeden Anlass so ausgelassen herum?« Wir spielten wie die Kinder, mal waren es Rollenspiele, mal bauten wir stundenlang Türme aus Holzklötzchen. Wenn wir jemanden zum Mitspielen anlocken konnten, gab es immer einen Glücksmoment, in dem die neue Person verstand: »Es geht hier nur ums Sein, ums Improvisieren, nicht darum, irgendetwas zu erreichen.« So ein absichtsloses Gestalten, an dem sich alle beteiligen können, ist das genaue Gegenteil des regulierten Geschäftslebens, das den Alltag so vieler Menschen prägt.
Lauritz

Die Nomadenreise der Flake war für ihre Erfinderinnen und Erfinder ein einmaliges Kunstprojekt. Jetzt suchen sie nach Orten, wo eine Flake langfristig installiert sein kann. Lauritz will sich in den ­nächsten Jahren der Gründung einer freien Schule widmen, einige aus dem Flake-Team wollen ihn unterstützen. Luisa wird das Konzept der Flake in die Netzwerke der Gemeinschaften tragen. Es ist Open Source und wird sich sicherlich verbreiten. \ \ \


Selbst eine Flake bauen?
www.flake.world

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