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Das Prinzip Gefährtenschaft

Als Storyteller und Experte für ­mündliche Überlieferung vereint Martin Shaw die bei indigenen Kulturen stets verbundenen Qualitäten des Gelehrten, Schamanen und Tricksters. Die Geschichten, die er erzählt, lauscht er den Landschaften und Menschen im südwest­englischen Dartmoor ab. Seinen dortigen Lernort beschreibt er als ein »von Piraten geführtes Kloster«.

von Martin Shaw , Matthias Fersterer , erschienen in 46/2017

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© Foto: www.drmartinshaw.com

[Matthias Fersterer] Geschichten sind fester Bestandteil der Landschaft: Einst hatte jeder Ort seine Geschichte – und umgekehrt. Unsere Entfremdung spiegelt sich in ortslosen Geschichten. Wie wirst du damit fertig?

[­Martin Shaw] Ich behaupte nicht, dass ich damit fertigwerde. Von Kindheit an habe ich versucht, tief in andere Zeiten und Bewusstseinsebenen einzutauchen. Später erschütterten mich Erfahrungen mit Wildnis und Mythen. Doch das dynamische, überschwängliche Gewerk der Fantasie hat seinen Preis. Du erwachst und stehst plötzlich nackt und unkolonisiert da. Das kann schmerzhaft sein. Mit Anfang zwanzig lebte ich vier Jahre lang auf einer englischen Hügelkette, um herauszufinden, ob die Erfahrung von Wildnis in diesem kleinen, dicht besiedelten Land noch möglich sei.
Damals habe ich vier Tage lang im walisischen Snowdonia-­Nationalpark gefastet und wurde unweigerlich in eine profunde mystische Erfahrung hineingezogen. Dieses Erlebnis hat mich auf die Größe, die einem auf der Planetin Erde stehenden Menschenwesen angemessen ist, reduziert. Nach meiner Rückkehr vertiefte sich dieser Perspektivenwechsel. Ich ging bei Hainen, Bächen, manchmal auch einem größeren Hügel in die Lehre. Ich lauschte dem Heckengeplapper. Nach und nach verstand ich, dass die Erde in ­mythischer Sprache – ­auf »Mythisch« – zu mir sprach. Um ihr antworten zu können, verinnerlichte ich Epen, lokale Geschichten, Verse gälischer und hebridischer Gedichte – Geschriebenes, das mich bei meinen alten Namen nennt. Wenn ich einer Eberesche Heidegger-Zitate vortrage, wird sie nicht errötend aufblühen, bei keltischer Liebeslyrik hingegen …
Viele Menschen sind heute einsam. Dagegen hilft keine neue Therapie, kein neues Mantra, keine neue zündende Idee – wir sind einsam, weil wir uns nicht mehr bei unseren alten Namen nennen! Um jemanden bei seinem alten Namen zu nennen, bedarf es wahrer Fürsorge und akkurater Wahrnehmung. Der Antilopenstaub in unseren Knochen sehnt sich nach den alten Namen!

Wie können wir für die Sprache der Erde empfänglich werden, ohne die Vergangenheit zu verklären oder uns Praktiken anderer Kulturen anzueignen?

Vor diesen Fallstricken ist wohl niemand gefeit, ich zumindest bin es nicht. Sepiafarbene Nostalgie kann zwar auch nützlich sein; ich versuche aber, mich an das zu halten, was sich hier und jetzt entfaltet. Wenn man die Seele – wie ich – als etwas vor allem außerhalb des eigenen Körpers Gelegenes betrachtet, dann weicht der Drang nach Aneignung einer viel größeren Bandbreite an Sinneseindrücken. Das, was man gerade braucht, ist meist ganz in der Nähe. Man muss diesem Naheliegenden nur mutig und beharrlich nachspüren, anstatt in Aktionismus und Hysterie zu verfallen. Anstatt Orte zu bewohnen, versuche ich heute, mich Orten zuzueignen. Dabei geht es weniger um Prägungen durch Geschichte und Ahnen, sondern darum, wie uns Charakter und Stimmungswechsel eines Orts prägen. Die Erde muss unseren gierigen Blick auf kurzfristigen Gewinn unendlich leid sein – legen wir ihn ab, können wir uns wieder von Orten packen, ergreifen lassen.

Du hast einen ganz eigenen Schreibstil, der manchmal beinahe mündliche Qualitäten hat. Wie hat das Geschichtenerzählen dein Schreiben beeinflusst?

Ich lese viel Philosophie, Lyrik und Anthro­pologie, aber wenn ich wirklich herausfinden möchte, wie ich ­leben soll, dann greife ich zu den Mythen. Die Mythen haben also nicht nur die Art, wie ich schreibe, sondern auch die Art, wie ich mich verhalte, beeinflusst. Diese Lektüre hat mich unendlich viel ­gelehrt: mit Paradoxie umzugehen; Schmerz und Freude einzuladen und auszuhalten; großzügig zu sein; zu erkennen, wann es zu kämpfen und was es überhaupt zu verteidigen gilt.
Manche finden meinen Schreibstil unmöglich. Es gibt jedoch eine Art von sprachlichem Wildwuchs, den ich bewusst nicht auslichte und trimme. Es könnte ja sein, dass eine Nymphe gerade Zuflucht im Astwuchs einer Idee oder im Laubwerk des Satzbaus sucht. Wo sollte sie denn hin, wenn ich alles glätten würde?! Manche Wendungen habe ich dem Mondschein oder der hitzigen Flanke eines Tigers abgelauscht. Mein Stil ist auch ein Versuch, angemessen über die vielen Tier- und Pflanzenarten, die tagtäglich von unserer Erde verschwinden, zu schreiben. Mit jeder tintenschwarzen Zeile auf dem weißen Blatt vergieße ich eine Träne.
Ich schreibe übrigens nicht über die Götter, sondern an die Götter. In meiner Wahrnehmung sind die Götter Teil einer objektiven Wirklichkeit, die eng mit der menschlichen Lebenswirklichkeit verzahnt, jedoch nicht von dieser abhängig ist. Wenn ich Dionysos anrufe, dann tue ich das ohne jede Ironie. Ich finde die Annahme absurd, dass die Götter nicht existierten, wenn wir nicht an sie dächten – wie verheerend, wie selbstgefällig!
Der Ton in meinen Büchern ist vielleicht wirklich der mündlichen Tradition geschuldet. Meist schreibe ich Geschichten erst auf, wenn ich sie gründlich vorverdaut, also erzählt habe: den Menschen an meinem Kamin; den Saatkrähen am Himmel; jenen, die mich auf Reisen in die Innenwelt der Mythen begleiten.

Veränderst und erfindest du Geschichten? Wie stehst du zu ­Tradition und Innovation?

Nein, zumindest nicht im landläufigen Sinn. Ich hülle jedoch die Knochengerüste der Sagen und Mythen, die ich erzähle, in je maßgeschneiderte Gewänder. Der Weg, auf dem ich den Fluss überquere – die Steine, auf denen ich von A nach B nach C hüpfe –, bleibt immer derselbe; aber Drift und Sog der Flussströmung sind jedes Mal unterschiedlich. Mittelalterliche Erzähler unterschieden zwischen Erzählstoff und Erzählsinn. Der Erzählstoff ist der narrative Antrieb, der Erzählsinn ist die je eigene Weise, auf die ein Erzähler eine Geschichte in einem bestimmten Moment erzählt. Ein Geschichtenerzähler, der seinen Namen zu Recht trägt, lebt im Spannungsverhältnis, einerseits ein Bewahrer von Traditionen und andererseits als Künstler ein Zerstörer und Erneuerer zu sein. Manche verfallen beim Erzählen in eine Art medialer Trance – diese Attitüde ist mir fremd! Wenn ich Geschichten erzähle, dann werden diese für mich – gefährlich! – lebendig, und peitschen mit ihrem Schweif auf die Herausforderungen unserer Gegenwart ein, selbst – oder vielleicht gerade – wenn sie scheinbar wenig ratio­nalen Sinn ergeben.

Du betreibst eine Schule für Mythen. Besteht da nicht die Gefahr, dass die Geschichten und das Geschichtenerzählen zu Waren werden?

Um ehrlich zu sein, bringe ich niemandem das Geschichtenerzählen bei. Ich bin ein Vertreter dessen, was der Tiefenpsychologe James Hillman als die »poetische Grundlage des Bewusstseins« bezeichnete. Ich lehre Mythen als eine Form vollständig verkörperten Denkens, als eine Art bildhafter Philosophie.
Andauernd werden Erzählungen eingesetzt, um alle möglichen Produkte zu verkaufen: Man braucht sich nur einen Werbeclip anzusehen. Das interessiert mich nicht die Bohne. Storytelling ist ein ebenso umfassender Begriff wie Musikmachen: Es gibt dabei die unterschiedlichsten Motive, Motivationen, Bestrebungen, Genres, Grade an Könnerschaft usw.

Du bezeichnest Storytelling als eine »andere Form von Aktivismus«. Wie kann uns Erzählen beim Aufbau lebensfördernder, gerechter Gesellschaften unterstützen?

Die Geschichten, die wir uns erzählen, sind eine Art von Zaubersprüchen. Jeder Spruch hat eine eigene mythopoetische Binnenstruktur, nach der die Wörter – die dann wiederum unsere Erfahrung der unablässig im Werden begriffenen Welt formen – angeordnet sind. Manche Sprüche befreien, andere bannen.
Die Phänomenologie sagt, dass eine tiefe Weisheit darin liegt, Phänomene so zu sehen, wie sie sind – das heißt aber noch lange nicht, dass ihr Sosein nicht verhandelbar wäre. Damit befinden wir uns mitten in einer großen Debatte darüber, ob die Fantasie dazu in der Lage ist, solche Verhandlungen zu führen und dadurch Veränderungen zu bewirken.
Ich fühle mich nicht ganz wohl mit dem epischen Bogenstrich einer Formulierung wie »lebensfördernde, gerechte Gesellschaften«. Es sind starke Begriffe, aber sie klingen für mich nach Verallgemeinerungen, von denen ich nicht viel halte. Klar, auch im Kern vieler Mythen stecken noble Gesinnung, Großzügigkeit, Opferbereitschaft, aber ich bin skeptisch gegenüber Patentrezepten.

So meinte ich das auch nicht! So wie es nicht nur eine große ­Erzählung, sondern viele kleinere und größere Erzählungen gibt, gibt es eben auch kein Patentrezept für gutes Leben, sondern vielfältige, je individuelle Ausprägungen einer gemeinsamen, das Leben als Ganzes fördernden Essenz.

Nun gut, zurück zu dem, was die Geschichten können: Indem sie Bilder heraufbeschwören, in die wir uns verlieben, lassen sie unser Herz zartfühlend und gefasst zugleich werden. Diese Bilder faszinieren, bilden, erzürnen uns. Sie werfen ein Gewebe über die scheinbar schnöde Weltlichkeit unserer Gegenwart, und während wir uns schutzsuchend unter diese gewebte Welt kauern, erkennen wir, dass das Gewebe das blaue Himmelszelt über uns ist und dass aus der Erde, die uns trägt und hält, Wunder über Wunder hervorsprießen.
Ein gefasstes Herz verhält sich anders. Es ist auf eine Weise mit der Leidenschaft verbunden, die nicht in letzter Konsequenz auf eine Auslöschung des Angebeteten hinausläuft, sondern in einen Zustand des beständigen Umwerbens tritt, der nicht einfach so gegen eine kurzfristig lockende Verführung eingetauscht wird. Ein solches Herz hat das Prinzip der Gefährtenschaft verstanden. Eine mythische Geisteshaltung ist notwendigerweise auch ein Appell, aktiv zu werden – immerhin handelt es sich um eine Liebesgeschichte! Solche Aktionen entspringen nicht der Hysterie, sondern der Reverie, dem Reich der Träume. Die Schärfe der Antwort – und dann die treue Ver-antwortung gegenüber dieser Antwort – ist das, was äußeren Wandel befördern kann.
Wir sind mit jeder Menge Schmerz konfrontiert, und die ­Mythen helfen uns, diesen Schmerz zu akzeptieren und uns seiner auf konstruktive, sinnvolle Weise liebevoll anzunehmen, anstatt ihn permanent wegzudrücken.

Vielen Dank für das leidenschaftliche Gespräch. \ \ \


Martin Shaw (46) ist Mythologe, Storyteller und Autor. Er leitet die West Country School of Myth, lehrt am Schumacher College sowie an der Universität Stanford. Er ist Autor der Trilogie »A Branch From The Lightning Tree«, »Snowy Tower« und »Scatterlings«. www.schoolofmyth.com

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