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Weil du jünger bist als ich

Adultismus ist die am wenigsten beachtete und doch am ­weitesten verbreitete Form der Diskriminierung.

von Helen Britt , erschienen in 45/2017

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Vor ein paar Monaten hatte ich ein Erleb­nis, das meine Sicht auf verschiedene Dinge grundlegend veränderte. Ich war zum Probe­arbeiten eingeladen worden und sollte eine Gruppe von Menschen beim ­Erledigen einiger Aufgaben unterstützen. Bevor ich damit anfing, wurden mir von meinen Vorgesetzten einige Regeln aufgezählt, auf die ich meine Gruppe aufmerksam machen sollte: Während des Arbeitens durfte niemand an die Fenster gehen, geschweige denn diese öffnen, damit keine Ablenkung entstehen oder gar jemand aus dem Fenster fallen würde. Zudem durfte nicht geflüstert werden. Essen und Trinken waren auch nicht erlaubt, dafür gab es die Pausen. Musste jemand auf die Toilette gehen, sollte ich zuvor gefragt werden und den Klogang nur in dringenden Situationen – besser erst nach der Arbeitszeit – gewähren.
Es fiel mir sehr schwer, diese Regeln durchzusetzen beziehungsweise durchsetzen zu wollen, zumal die einzige Legitimation ihrer Durchsetzung darin bestand, dass die Menschen, die sich an diese Regeln halten mussten, jünger waren als ich. Um Klartext zu sprechen: Die Situation ereignete sich in der Nachmittags- und Hausaufgabenbetreuung einer Schule, und die Gruppe von Menschen ging dort in die zweite Klasse.
Nachdem ich die zwei Stunden des Probearbeitens überstanden hatte – und realisieren konnte, wie seltsam es sich anfühlt, einem anderen Menschen das Trinken oder das Reden zu verbieten –, meldete sich mein Gewissen zu Wort und stellte mir Fragen wie: »Ist es in manchen Situationen gerechtfertigt, andere Menschen zu bevormunden oder sie zu etwas zu zwingen?«, »Welchem ›erwachsenen‹ Menschen hätte ich diese Regeln zugemutet?«, und »Wie hängt eigentlich das Alter eines Menschen mit seinem sozialen Status zusammen?«
Einige Wochen nach meiner Erfahrung an der Schule begegnete mir der Begriff »Adultismus«. Ich begann, mehr darüber zu lesen. Dass der gesellschaftliche Umgang mit jungen Menschen häufig eine Form der Diskriminierung darstellt, wurde mir erschreckenderweise erst dadurch wirklich bewusst. Davor hatte ich den Umgang mit Jüngeren nie ernsthaft hinterfragt.

Diskriminierung ist Normalität
Doch was genau ist Adultismus? Der Begriff leitet sich vom Lateinischen »adultus« für »Erwachsener« ab und bezeichnet das diskriminierende Verhalten von älteren gegenüber jüngeren Menschen, das in unserer Gesellschaft strukturell verankert ist. Durch Normen und Traditionen in der Erziehung sowie Institutionen wie Kindergarten und Schule wird dieses Verhalten tagtäglich reproduziert und führt schließlich zu unausgesprochenen Umgangsregeln. Es ist adultistisch, jungen Menschen nur aufgrund ihres Alters gewisse Attribute zuzusprechen und ihnen dementsprechend schon mit Erwartungen gegenüberzutreten. Diese Erwartungen – etwa: »Kinder sind frech oder können sich nicht konzentrieren« – führen beispielsweise zu großen Freiheitseinschränkungen und Bevormundungen, wie ich sie beim Probearbeiten in der Schule erleben musste. Adultismus bezieht sich auf Menschen, die als »Kinder« gesehen werden. Diese Zuschreibung ist insofern interessant, als dass wir ab einem gewissen Alter – in den meisten Ländern ab 18 Jahren – aus rechtlicher Sicht erwachsen sind und dennoch weiterhin nicht ernstgenommen werden. Ich selbst habe beispielsweise in manchen Situationen Angst, mein Alter zu nennen, da ich sonst als »das Küken« – als unerfahren – angesehen werden könnte.
Adultismus ist von allen Diskriminierungsformen die Unbekannteste – im Internet und in der Literatur findet sich nicht viel darüber. Gerade weil das Phänomen so alltäglich und allgegenwärtig ist, erscheint es mir aber als ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Wir alle werden, wenn wir jung sind, in zahllosen Momenten mit Adultismus konfrontiert. Doch im Lauf der Jahre vergessen wir die vielen Situationen, die uns ungerecht erschienen, weil wir aus unserer Rolle als »Kind« herauswachsen.
Geschichtlich betrachtet, gibt es diese Rolle noch gar nicht so lange. Erst mit der wachsenden Trennung zwischen Beruf und Privatleben seit dem 18. Jahrhundert und der damit einhergehenden Entstehung der Kleinfamilie entstand die Rolle des Kindes, wie wir sie heute kennen. Während junge Menschen im Mittelalter noch allen Festen beiwohnten und teilweise ab dem siebten Lebensjahr in die Lehre gingen, entwickelte sich die Idee des »unschuldigen Kindes«, das von Sexualität und Berufsleben ferngehalten und stattdessen beschult wurde. Um dieselbe Zeit entwickelte sich die »Unterrichtspflicht«, die 1919 zur gesetzlichen Schulpflicht wurde. In den Schulen etablierten sich bald Verhaltensregeln und Bevormundung jungen Menschen gegenüber. Höflichkeit und Gehorsam wurden erwartet – ähnlich wie auch heute.
Wir gewöhnen uns an Hierarchien, indem wir schon früh lernen, dass Menschen über uns bestimmen dürfen, weil sie älter sind und vermeintlich mehr wissen. Aus diesem Grund fällt es uns später leicht, auch andere Diskriminierungsformen wie Sexismus, Rassismus etc. anzunehmen und zu reproduzieren.

Gleiche Rechte, gleiche Sprache?
Gemeinsam mit einigen Freunden begann ich, alles zum Thema zusammenzutragen. In Diskussionen bemühten wir uns, eigene diskriminierende Denkmuster aufzubrechen. Dabei fielen uns einige alltägliche Bereiche auf – wie zum Beispiel Rechte, Sprache und Erziehung –, in denen es zu Adultismus kommen kann.
Im deutschen Grundgesetz steht beispielsweise: »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.« Doch was ist denen, die noch nicht 18 Jahre alt sind? Für sie existieren gesetzliche Ausgangssperren, sie haben kein Recht auf Mitbestimmung und nur eingeschränkten Zugang zu gewissen Dingen. Unabhängig davon, ob dies sinnvoll erscheint oder nicht: Gleich sind die jungen Menschen vor dem Gesetz nicht.
Auch in der Sprache gibt es Unterschiede, die Hierarchien begünstigen: Der offensichtlichste ist wohl das Siezen und das Duzen. Noch immer gilt in den Schulen und auch in anderen sozialen Kontexten die Regel, dass die jüngere Person die ältere siezen muss; umgekehrt wird die jüngere meist geduzt. Um diese Regel zu durchbrechen, duze ich mittlerweile alle Menschen. Dabei beobachtete ich, dass ich mich beim Duzen von älteren Menschen manchmal unwohl fühle, bei jüngeren jedoch gar nicht – was für implizite Normen stecken dahinter? Auch dass ich im Umgang mit Jüngeren oft meine Sprache vereinfache, begann ich zu hinterfragen. Warum sollte ich das tun? Junge Menschen »filtern« ja wie alle anderen auch genau das aus einem Gespräch heraus, was sie gedanklich begreifen können; sollten sie etwas nicht verstehen, können sie nachfragen. In der Schule wurde mir beispielsweise für »Verben« erst das Wort »Tuwort« beigebracht, bis ich später das »­offizielle« Wort kennenlernen durfte. In meiner Erinnerung waren es genau solche Dinge, die informelle Hierarchien aufgebaut haben und mich als »Kind« weniger an Diskussionen teilhaben ließen. Die Steigerung der vereinfachten »kindgerechten« Sprache ist die »Babysprache«, die dann Worte wie »Wauwau« herbeizaubert und sogar die Stimmlage einiger Menschen verändern kann.
Vieles, was ich selbst als Kind an Bevormundung erlebt hatte, wurde mir durch das Probearbeiten an der Schule wieder bewusst: Es gab unzählige Situationen, in denen ich »noch zu jung« war, um etwas, das mich interessierte, tun oder verstehen zu dürfen. »Das ist noch nichts für dich«, bekam ich zu hören, wenn ich unverständliche Zeilen aus der Zeitung oder einen anscheinend lustigen Spruch erklärt haben wollte. Dem Satz »Warte, bis du älter bist, dann siehst du das mit anderen Augen«, der oft in Situationen aufkam, in denen ich von meinen Wünschen und Träumen berichtete, wusste ich leider nie etwas entgegenzusetzen, obwohl er sich schrecklich anfühlte. Jetzt verstehe ich den Grund: Weil er genau zeigt, wie »Kinder« in dieser Gesellschaft wahrgenommen werden – als Wesen, die noch nicht fertig sind, die es zu belehren, zu beschulen und zu erziehen gilt und die erst mit einem gewissen Pensum an Lebenserfahrung das Recht haben, eine Meinung zu vertreten, die auch ernstgenommen wird.

Eine Welt für Große
Der Lebensalltag eines »Erwachsenen« wird als produktiver und wichtiger als der eines jungen Menschen angesehen. Daher ist die Welt auch primär für große Menschen ausgerichtet: Supermarktregale, Türklinken, große Tische und Stühle, Toiletten. Auch dass den Tagesablauf junger Menschen meist in großen Teilen die »Erziehungsberechtigten« bestimmen, wird nicht hinterfragt: Wann gegessen, gespielt, gelernt, Zähne geputzt und geschlafen wird – alles unterliegt dem Rhythmus der »Erwachsenen«. Hierbei verlernen junge Menschen oft, ihrem eigenen Körperrhythmus zu lauschen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Nur an wenigen Schulen wird zum Beispiel gefragt, was die dort unterrichteten Menschen tatsächlich interessiert und ob sie ihre Nachmittage gerne damit verbringen wollen, Hausaufgaben zu erledigen.
Aus unseren Gesprächsrunden zu Adultismus entwickelte sich ein Konzept für einen Workshop. Eine der ersten Fragen, die wir den Teilnehmenden dabei stellen, lautet: Was verbindest du mit den Wörtern »Kinder« und »Erwachsene«? Oft bestätigen sich unsere Erwartungen: Mit jungen Menschen werden oft Wörter wie »Naivität«, »Spielen« und »Träumen« verknüpft, während bei älteren Menschen eher Worte wie »Reife«, »Vernunft« und »Selbständigkeit« auftauchen.
Ich finde es schade, dass wir andere Menschen in solche Kategorien zwängen, und auch uns selbst, wenn wir uns als »erwachsen« wahrnehmen, nicht mehr die Zeit zum Träumen oder Weinen nehmen, da wir ja Verantwortung tragen und »realistisch« sein müssen. Dass es Alterskategorien gibt, wirkt sich also nicht nur negativ auf junge Menschen aus, sondern auch auf »Erwachsene«, die sich irgendwann gezwungen ­sehen, einen Arbeitsalltag zu haben, in dem all ihre Tätigkeiten Zwecke erfüllen ­müssen. Aus diesem Gefühl heraus bleiben oft kaum noch Raum und Zeit für authentische Begegnung – nicht einmal mit den jungen Menschen, mit denen sie sich verbunden fühlen.
In unserem Adultismus-Workshop geht es uns nicht um einen »richtigen« Umgang mit jungen Menschen, sondern darum, zu realisieren, dass »Kindsein« eine trennende Kategorie ist und »Kinder« auch nur Menschen sind, Individuen wie du und ich. Für den würdevollen Umgang mit Individuen gibt es eben kein Patentrezept, sondern nur die Möglichkeit, in jedem Moment sensibel zu sein und auf die eigenen Bedürfnisse und auf die des Gegenübers einzugehen.
Im Umgang mit meiner zehn Jahre jüngeren Schwester übe ich nun immer wieder, mein Verhalten zu hinterfragen. Wenn ich nicht möchte, dass sie etwas tut, erkläre ich ihr den Grund dafür und lasse ihr gleichzeitig den Raum, mir ihre Sichtweise zu erklären. Ich stelle mir oft die Frage: »Wie würde ich mit einem Menschen höheren Alters jetzt umgehen?«
Wenn wir uns ohne Diskriminierung begegnen, tun wir das als Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, die einander gerade dadurch sehr bereichern. \ \ \


Helen Britt lebt und lernt als Teil des Bildungskollektivs »imago« und beschäftigt sich derzeit mit alternativen Bildungskonzepten, Gruppenstrukturen und dem gesellschaftlichen Bild von Kindheit. Seit einem Jahr ist sie im Projekt-und Aktionsnetzwerk »living utopia« aktiv. www.bildungskollektiv.de