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Heimat ist Allmende

Warum Nach-Hause-Kommen nichts mit Besitzdenken zu tun hat.

von Lara Mallien , erschienen in 45/2017

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© Foto: Andi Seyfang

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»Das ist ›mein‹ Zuhause« – ein alltäglicher Satz. Warum eigentlich »mein« Zuhause? Ist das ein persönlicher Besitz? Ist es ein Raum, der in erster Linie vor anderen, die womöglich stören, geschützt werden muss? Je öfter ich mit Menschen darüber sprach, was für sie ein »Nach-Hause-Kommen« bewirkt, desto weniger passend erschien mir das Fürwort »mein« in diesem Zusammenhang. Die vier persönlichen Geschichten auf den folgenden Seiten sind ein Ergebnis dieser Gespräche. Sie führen erstaunlicherweise zu einer Qualität, die mehr wird, wenn wir sie teilen, so wie es für immaterielle Gemeingüter typisch ist. Ist Heimat ein Commons, eine Allmende?
Ja, denn sie entsteht aus der Beziehung eines Menschen zu einem anderen, einem Ort, einer Region oder einer kulturellen Tradition. Gelingende Beziehungen entfalten sich bekanntlich in einem wechselseitigen Geben, in dem der Versuch, das jeweilige Gegenüber zu besitzen, unterbleibt. Für menschliche Beziehungen wird dies gemeinhin als selbstverständlich vorausgesetzt, aber gilt das auch für die Beziehung zu nicht-menschlichen Lebewesen, zu Haus und Hof oder gar zu einer ganzen Landschaft oder einer Region?
»Mein« lässt sich auf zwei Arten deuten. Wenn ich von »meiner Freundin« spreche, will ich damit nicht ausdrücken, dass sie mir gehört, sondern eher, dass wir gemeinsam ein größeres Ganzes, mit dem ich mich identifizieren kann, ergeben. »Mein«, in einem Allmende-Sinn verstanden, drückt Zueignung, nicht Aneignung aus. In der Theorie klingt das gut und schön, aber wird Heimat nicht doch vor allem mit Geborgenheit assoziiert, und ist dafür der Aspekt »Schutz« nicht elementar wichtig? Ich genieße die seltenen Zeiten, in denen meine recht umfangreiche Wahlfamilie keinen Besuch hat und »wir« mal so richtig »unsere« Ruhe haben. Ein ebenso intensives Zuhause-Gefühl entsteht aber während des Holunderfests, in dem »wir« uns hier im Dorf unter die vielen Gäste mischen, Schenkbörsen betreuen, Kinderaktionen organisieren, Mitmachkonzerte oder Tänze anleiten, Komposttoiletten leeren, Pizza backen, Kuchen verkaufen, »uns« den ganzen Tag kaum sehen, aber dennoch gemeinsam ein Feld der Gastfreundschaft erzeugen, in das sich alle Ankommenden erfreut fallenlassen.
Ein heimatlicher Raum hat offenbar einen fluiden Charakter, in dem einmal das Alleinsein und einmal das Zusammensein mehr in den Vordergrund trittt – so wie in jeder lebendigen Beziehung. Feste Grenzen scheinen für das Wechselspiel zwischen diesen Polen abträglich zu sein. Lässt sich das auf Politik übertragen? Im Folgenden wird deutlich, wie aus Verbundenheit Fülle entsteht und daraus wiederum Offenheit und konstruktives Gestalten. Sich mit einer Stadt oder Region zu identifizieren, ist möglich, ohne sich abgrenzen zu müssen oder »Angst vor Überfremdung« zu entwickeln. Erst die abstrakte Idee einer Nation führt zu solchen Effekten, nicht die lebendige Beziehung zu dem Land, in dem wir leben. \ \ \

 

Musik ohne Grenzen

Der Forstwirt Philipp Gerhardt ist als Tänzer und Musiker in ganz Europa vor allem mit Musik aus Mecklenburg unterwegs.

In meiner Kindheit in Westberlin haben mich schon früh die schottischen Regimenter mit ihrer Dudelsackmusik begeistert, die ich auf ihren Paraden beobachten und hören konnte. Mit 18 Jahren habe ich mir schließlich einen Lehrer gesucht und eine Weile lang schottische Musik gespielt. Als ich nach dem Studium in Wien gelebt habe, fand ich dort eine enorm diverse Szene für traditionelle Musik. Da wurden auf ­Sessions irische, französische, kanadische oder ­österreichische Stücke gespielt, und ganz selbstverständlich wurde dazu auch getanzt. Da begriff ich: Das war ja früher alles Tanzmusik! Vor noch nicht allzu langer Zeit ließ sich in den Dörfern aus einer Handvoll beliebiger Musikanten zu einem festlichen Anlass eine »wilde Kapelle« zusammenstellen, weil in einer Region alle dieselben Lieder und Tänze kannten. Das hat für mich mit Selbstermächtigung zu tun – die Menschen können aus ihren eigenen Ressourcen Freude und Miteinander schaffen. Auf einem Folk-Festival in Deutschland zeigte mir ein Freund einen Dudelsack aus Deutschland, eine sogenannte Schäferpfeife. Ich fragte, was er denn darauf spielte. »Musik aus Mitteleuropa, zum Beispiel aus Norddeutschland«, war seine Antwort. Mir ging ein Licht auf: Auch aus den Gegenden, aus denen meine Familie stammt – Berlin, Mecklenburg und Pommern – kommen wunderschöne, traditionelle Melodien. Seitdem widme ich mich dieser Musik.

In Österreich habe ich mich wohlgefühlt, aber nach dem Studium zog es mich wieder in den Norden. Ich wollte schon immer mit anderen gemeinschaftlich und konsequent ökologisch auf dem Land ­leben. Mit einer kleinen Gruppe von Freunden habe ich schließlich die Wassermühle Brömsenberg in Westmecklenburg bei Lübtheen gefunden. Herauszufinden, wie wir das riesige Gelände und seine großen Gebäude aus regionalen Materialien renovieren können, und die wichtigsten Arbeiten voranzubringen, all das hält uns seitdem fast rund um die Uhr beschäftigt. Wir finden kaum noch Zeit, Musikinstrumente zu bauen, sie zu spielen und zu tanzen. Aber immer wieder laden wir zu Tanzabenden in die Wassermühle ein.
Leider sind die Menschen in der Nachbarschaft daran nicht sonderlich interessiert. Heute werden Schlager gespielt; mit den alten Melodien kann niemand mehr etwas anfangen. Die steife Aufführungspraxis von ­Folkloregruppen ist etwas anderes, als regionale Tänze in den Alltag zu integrieren. In der Zeit, in der in der Nähe ein großes Flüchtlingslager war, kamen aber einige junge Männer aus Syrien zu uns zum Tanzen. Einer nahm sich ein Akkordeon und spielte syrische Stücke, zu denen wir europäische Volkstänze tanzen konnten. Das war ein sehr verbindendes ­Erlebnis. Beim Tanzen entstehen intensive menschliche Begegnungen. Ich muss mich fragen: Wie gehe ich auf andere Menschen zu, wie berühre ich sie? Tanz war schon immer ein Weg, dem üblichen gesellschaftlichen Korsett zu entkommen. Ich denke an die Tanzlinden, wo es früher den jungen Leuten nur einmal im Jahr erlaubt war, oben auf dem Tanzboden in der Krone eine Nacht durchzutanzen – da waren andere Begegnungen möglich als im Alltag. Die traditionellen Tanzformen – ob Reihentänze, Gassentänze oder Paartänze – funktionieren überhaupt erst dann, wenn man sich empathisch auf andere einlässt. Oft werden Partner gewechselt, man muss immer wieder neu in die Begegnung gehen. Dabei lerne ich von selbst, wie ich Menschen offen und respektvoll gegenübertrete – deshalb stehen sich für mich traditioneller Tanz und Nationalismus oder Fremdenhass diametral gegenüber.
Kürzlich war ich auf dem Alpenklangrausch-Festival in Oberösterreich und habe mit Musikern aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Österreich und Polen eine »wilde Kapelle« aufgestellt. Beim »­Mecklenburger Dreischritt« kamen aus der tanzenden Menge drei junge Frauen aus Polen und sangen auf die Melodie aus vollem Hals einen polnischen Text. Musik ist über ganz Europa vernetzt, da verbittet sich jeder Nationalismus. Es ist Unfug, dass man Grenzen bräuchte, um die »eigene« Kultur zu bewahren. Grenzen führen zu Kulturverlust. Früher war zum Beispiel im ganzen Böhmerwald ein bestimmter Dudelsack, der »Böhmische Bock«, verziert mit einem Geißkopf, verbreitet. Wer ihn spielt, singt gleichzeitig dazu, und früher gab es dafür Lieder mit sowohl deutschen als auch tschechischen Strophen. Im Zug der Schaffung »nationaler« Identität im 19. Jahrhundert verschwanden der Bock und dieses Liedgut weitgehend aus den deutschen Teilen der Region.
Mit dem traditionellen Tanz an etwas anzuknüpfen, dessen Wurzeln weit vor den hiesigen imperialistischen Strukturen liegen, gibt mir ein Gefühl, in Europa zu Hause zu sein, speziell auch in Norddeutschland. Ich komme wie so viele Menschen aus einer Flüchtlingsfamilie und sehe mich als einen Entwurzelten. An meinem neuen Lebensort bin ich noch lange nicht wirklich zu Hause. Heimat lässt sich, glaube ich, nur finden, wenn wir uns als Teil der Menschheit begreifen, als Teil eines Lebewesens, das viel älter ist als man selbst und das noch viel älter werden wird. Kann ich mich als Einzelner in den Dienst dieses Lebewesens stellen auf dem Stückchen Erde, auf dem ich gerade wandle? Kann ich dem Land und den Menschen um mich herum beim Aufblühen helfen? Wir versuchen, uns der Wassermühle und unserer Region in so einer Haltung mit Ruhe und Konstanz zu widmen, und wir freuen uns über weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die sich auch auf so einen langen Prozess einlassen möchten.

www.homosilvaticus.com
www.gerhardtwalters.eu

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© Foto: Agnieszka Partyka

Einander zuhören

Anna von Gruenewaldt moderiert und gestaltet Gruppenprozesse für Menschen, die sich für »gutes Zusammenleben« engagieren.

Das Gefühl, »zu Hause zu sein«, habe ich oft in Begegnungen, die nah sind, tief und authentisch. Das kann in Kontakt mit anderen Menschen sein oder draußen in der Natur mit Orten, Wesen – einem Wind, einem Baum – oder mit mir selbst, wenn ich mir den Raum dafür gebe.

Immer wieder bin ich erstaunt darüber, wie schnell sich eine Zu-Hause-Qualität auch zwischen Menschen, die sich kaum kennen, einstellen kann. Vor ein paar ­Tagen habe ich ein Seminar zu Moderation in Gruppen gegeben. Dabei sollte auch deutlich werden, wie sinnvoll es ist, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Der Raum war gemütlich eingerichtet, und am Anfang sind wir erst der Umgebung, dann uns in Blicken, Runden und zu zweit in Dialogen begegnet. Alle hörten einander zu, öffneten sich und versetzten sich in die anderen hinein. Ich genieße diese Momente des Ankommens, dieses langsamen Sich-Einlassens aufeinander. Die Gesichter lösen sich, der Alltag rückt in den Hintergrund, es wird gelacht, und auf einmal scheint alles möglich. Wir haben Themen gesammelt, geordnet; anschließend haben sich jeweils kleine Gruppen überlegt, wie sie zur Bearbeitung eines der Themengebiete eine Moderation gestalten würden – ganz ohne Vorgaben. Das wurde ausprobiert, und was sich dabei zeigte, war so vielfältig und reichhaltig – das hätte ich alleine nicht vermitteln können. Uns wurde deutlich: Alles Wissen ist da, wenn wir ihm Raum verschaffen, und kollektive Intelligenz kann wirken, wenn alle tun, wozu sie sich berufen fühlen. Für mich ist es aufregend, so zu arbeiten. Noch nicht zu wissen, was als nächstes passiert, aber darauf zu vertrauen, dass es genau richtig sein wird – das fühlt sich lebendig an. Ich lasse mich auf Unsicherheit ein, und zugleich weiß ich: Alles wird gut. Wenn diese beiden scheinbar gegensätzlichen Aspekte gemeinsam präsent sein können, bin ich in mir zu Hause.
Wenn Menschen einander noch nicht kennen, entstehen lebendige Begegnungen vielleicht sogar leichter. Es gibt dann nur diesen Moment und noch keine gemeinsame Geschichte, keine Erwartungen. Manchmal wünsche ich mir, solche intensiven Momente, wie ich sie aus Seminaren kenne, mehr mit den Menschen, die tatsächlich mein Zuhause sind, zu erfahren. Oft fehlt dafür der Raum. Mein Freund und ich zum Beispiel verbringen wahrscheinlich mehr Zeit damit, unsere Kinder zu »organisieren«, als uns wirklich nah zu sein. Wir arbeiten beide freiberuflich, und noch sind die Kinder so klein, dass Zeiten nur für uns selten sind. Das merken wir besonders, wenn wir uns tatsächlich einmal für Zwiegespräche zusammensetzen. Ich übe, auch unseren Alltag zu schätzen, seine Schönheit zu sehen und ihn nicht mit anderen, besonderen Situationen zu vergleichen. Wieder geht es dabei um Vertrauen – in unser Verbundensein, das auch im Alltäglichen trägt.
Einander wirklich zu begegnen, ist auch eine Frage der Übung. Dabei können bestimmte Methoden helfen. Für mich sind viele davon selbstverständlich: Ich lade oft in Gruppen dazu ein, über Gefühle und Stimmungen zu sprechen. Wenn ich aber überlege, solche Methoden meinen Eltern vorzuschlagen, kommen sie mir künstlich vor. Dennoch erfahre ich, dass sie in vielen Kontexten, auch wo es ungewohnt scheint, hilfreich sind. Oft sind Menschen erst skeptisch, dann aber froh über andere Formen des Miteinanders, die gar nicht kompliziert sind. Wenn zum Beispiel vor einer Besprechung alle kurz erzählen, wie es ihnen geht oder welches Ereignis heute für sie besonders schön war, wenn klar ist: »Mir wird zugehört, ich werde nicht unterbrochen oder beurteilt«, dann ist die Atmosphäre eine andere, als wenn sofort über Sachthemen gesprochen wird. Ich empfinde es als politische Arbeit, Menschen zu ermutigen, überall Räume für tiefe Begegnungen zu gestalten, und glaube, dass daraus Veränderung erwächst. Wenn wir dabei auch zu uns »nach Hause kommen«, wächst die Kraft, sie noch viel öfter zu ermöglichen.

anna_ÄT_impuls.net
www.impuls.net

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© Foto: Suilian Richon

Stadt neu erfinden

Die Dramaturgin Uta Atzpodien begreift ihre Arbeit als Teil der Transformationsprozess in der Stadt Wuppertal.

Vor elf Jahren bin ich mit unseren zwei Söhnen von Hamburg nach Wuppertal gezogen. Wir wollten die Familie wieder zusammenführen – der Vater arbeitet bis heute beim »Tanztheater Wuppertal Pina Bausch«. Ich war neugierig und entmutigt zugleich. Wuppertal galt als Pleitestadt, es gab viel Leerstand, sinkende Einwohnerzahlen und wenig Perspektiven. Die Stadt schien in eine Starre verfallen zu sein. Doch gleichzeitig war spürbar etwas in Bewegung. Im Jahr 2006 wurde die »Wuppertalbewegung« gegründet, um den Umbau einer ungenutzten Gleisstrecke, der sogenannten Nordbahntrasse, zu einem 22 Kilometer langen Fuß- und Radweg zu verwirklichen. Die Trasse führt über Brücken und durch Tunnel, der Rückbau der Gleise und das Anlegen des neuen Wegs waren ein monumentales Unterfangen. Nach vielen Aushandlungsprozessen mit der Stadt und vielen Millionen Euro, die aufgetrieben wurden, haben es die Wuppertaler tatsächlich aus eigener Kraft bewältigt. Auf der Nordbahntrasse Fahrrad zu fahren, ist für mich bis heute ein erhebendes Gefühl, jeder Ausblick eröffnet eine andere Perspek­tive auf die eigensinnige Schönheit der Stadt. Sie ist auch ein kultureller Freiraum. Kürzlich wurde sie im Rahmen der Aktion »Kulturtrasse 2017« Schauplatz künstlerischer Aktionen und Installationen. So kamen Prozesse in Gang, in denen die Bürgerinnen und Bürger ihren Lebensort kontinuierlich neu erfinden und erforschen. Ein zentraler Ort dafür ist der alte Bahnhof im Viertel Mirke, umgebaut zur »Utopiastadt« mit offenen Büros, Besprechungsräumen, Werkstätten und Café. Dort sind schon verschiedenste Kultur- und Gesellschaftsprozesse verhandelt worden.

Ich komme in Wuppertal an, indem ich mich aktiv an diesen Veränderungsprozessen beteilige. Anfangs habe ich vor allem über die beiden Kinder Netzwerke in die Stadt geknüpft, dann hat mich mein Beruf als Dramaturgin unterstützt. Freiberuflich engagiere ich mich für kollektive Kunstprojekte und das »Freie Netz Werk Kultur«. Hier begeben sich Menschen in ein gemeinsames Forschen und Gestalten. Die Leitmotive dabei sind Identitäten, Biografien, Ankommen, Heimat und Transformation. Sie ziehen sich bis in meine gegenwärtige Arbeit. Kürzlich haben wir mit der Diakoniekirche und dem Begegnungszentrum »Alte Feuerwache« ein Sommerfest mit Musik und Performance für Jugendliche aus verschiedenen Kulturen, auch mit islamischen Hintergrund, unter dem Motto »Hier bin ich« organisiert. Wir haben uns gefragt: Was ist dieses »Hier-bin-ich-Gefühl«, wann bin ich angekommen? Genauso wichtig wie Musik und Theater sind mir gemeinsames Essen und Feiern, damit Muße und Raum für intensive Begegnungen entstehen. Eine sinnliche, kreative Gemeinschaftserfahrung kann einen unfasslichen Glücksmoment erzeugen, und in so einem Moment verbinde ich mich vollständig mit dem Hier und Jetzt – auch mit dem Ort, den ich ja gerade schöpferisch mitgestalte. Deshalb liegt für mich so viel Sinn darin, den öffentlichen Raum zu bespielen.
Im Jahr 2015 haben wir das dreijährige Projekt »Lebe Liebe Deine Stadt – Tanz und Performance bewegen Wuppertal« entwickelt. Symbolischer war die Aktion »Gehe. Wege in die Stadt«, bei der eine große Gruppe von Menschen sehr langsam in einer Art Meditation durch die Stadt gegangen ist. Das Ziel war ein »Wunsch-Ort«, ein leerstehendes Ladenlokal, wo wir die Wünsche aller Beteiligten auf Zetteln an eine aus alten Ästen gestaltete Baumskulptur gehängt haben. Diesen Baum erhielt der damals frischgebackene Bürgermeister Andreas Mucke als Geschenk. Bis heute steht er in seinem Amtszimmer. Im Rahmen dieses Projekts gab es viele weitere Aktionen mit Tanz und Bewegung im öffentlichen Raum sowie Gespräche über die Zukunft der Stadt.
Ich habe den Eindruck, dass solche kulturelle Arbeit in Wuppertal mehr als schmückendes Beiwerk in der Stadtentwicklung ist. Die Verbindungen zwischen Kultur-, Politik- oder Nachhaltigkeitsszene werden immer dichter. Das »Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie« spielt dabei auch eine wichtige Rolle. Bei dessen Feier zum 25. Jubiläum wurde zum Beispiel unser Film »Mensch:Utopia« großformatig gezeigt. Ansatz dieses Films war, Menschen aus der Stadt einzuladen, sich selbst beim Nachdenken über ihr Utopia zuzuhören. Wenn wir ihn vorführen, merke ich, welche Wirkung das Zuhören und Innehalten haben. Diese Qualität möchte ich zukünftig noch viel stärker in die Prozesse zur Stadtentwicklung einbringen.

utatz_ÄT_web.de
Film »Mensch:Utopia«:
https://youtu.be/D3k41_2x4fk

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Regionalbewusst offen

Kerstin und Helmut Sasse können Menschen dafür begeistern, sich für ihr Dorf und ihre Region »Wische« an der Elbe einzusetzen.

Wir haben uns 1992 kennengelernt und leben seitdem zusammen in Rohrbeck, einem Dorf in der Wische. »Wische« ist ein niederdeutscher Ausdruck für »Wiese«. So heißt unsere Region in der nordöstlichen Altmark in Sachsen-Anhalt im Urstromtal der Elbe. Unser Vierseitenhof und der große Garten sind seit dieser Anfangszeit unser kleines Paradies. Wir hatten damals die Großstadt und unsere bisherigen Beschäftigungen hinter uns gelassen und genossen das einfache Leben im Grünen. Wenn uns jemand gefragt hat, wovon wir lebten, war unsere Antwort »von Luft und Liebe« – tatsächlich war es Kerstins Sozialhilfe.

In den ersten Jahren nannten die Nachbarn uns »die Berliner« oder »die Kommune«, denn es kamen ständig Freunde aus Berlin zu Besuch; zwei Familien entschlossen sich, zu uns auf den großen Hof zu ziehen. Dadurch, dass unsere Kinder mit den Nachbarskindern unterwegs waren, entstanden schnell Verbindungen ins Dorf. Bei uns war für die Kinder immer etwas los. Wir haben mit ihnen Fußball oder Eishockey gespielt und auch mal einen Zirkus hergeholt.
Diese Zeit war wichtig, um zu uns selbst zu kommen. Aber nach etwa vier Jahren reichten uns Tee trinken, Gäste empfangen und Backgammon spielen nicht mehr. Wir haben etwas gesucht, was uns ernährt und uns zugleich erfüllt. So entstand aus einem Hobby die Firma »­Alles in Gärung«. Wir vergären Obst- und Wildfrüchte sowie Blüten und Honig. Es ist eine saisonale Arbeit, von der wir gut leben können, und so bleibt genügend Zeit für andere Aktivitäten.
Mit den Jahren hat sich unser Fokus von unserem Hof auf das Dorf und schließlich auf die Region der Wische erweitert. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass wir anfingen, uns intensiver mit uns selbst zu beschäftigen. Unter ­anderem wurde uns klar, dass wir glücklicher sind, wenn es der Region gutgeht. Unsere erste Gründung war eine Sektion im Freizeitsport, um unseren Sportplatz vor der Bebauung zu bewahren. Er ist heute das Zentrum des Dorfs, auf dem unser Dorffest stattfindet und Helmut wöchentlich zweimal Kinder und Jugendliche trainiert. Weil wir die Organisation rund um das Fest nicht mehr alleine stemmen wollten, haben wir interessierte Nachbarinnen und Nachbarn angesprochen und mit ihnen einen Dorfverein gegründet. Dieser organisiert inzwischen verschiedene Aktivitäten wie Lesungen, Konzerte, die Christvesper in ­unserer Kirche, das Dorffest, Osterfeuer und mehr.
Der spürbare demografische Wandel machte uns bewusst, dass wir etwas für unsere Zukunft tun müssen, und wir fanden in den umliegenden Dörfern Menschen, denen das ebenfalls ein Anliegen war. So entstand der »Wische e. V«., der unter dem Motto »Lebe lieber anders« Regionalbewusstsein schafft, Rückkehrende gewinnt und eine Willkommenskultur lebt.
In diesem Jahr war eine unserer Aktionen, gemeinsam Nistkästen zu bauen. Diese Kästen sind bunt, durchnummeriert und tragen das Wische-Logo. Unsere Wische­häuschen sind begehrt; sie aufzuhängen trägt zur Artenvielfalt und zur Identifikation mit der Wische bei, außerdem wird unsere Vereinsarbeit unterstützt. 200 Stück konnten wir schon verkaufen – sie hängen jetzt überall in Deutschland, die meisten aber hier in der Wische.
Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Nistkästen finanzierten wir das Marketing der ersten »Kultourspur« in der Wische. Über Pfingsten haben dieses Jahr 22 Höfe, Kirchen und Gärten ihre Tore für Kunst und Besucherinnen und Besucher geöffnet. Es gab Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Mitmachaktionen – die ganze Region feierte ein kreatives Fest, die Menschen waren überall in ihrer Heimat unterwegs.
Aus der Liebe zur Heimat erwachsen aus unserer Sicht Verantwortung, Engagement und Offenheit. In diesem Sinn gibt es für uns noch weitere wichtige Projekte wie das Nachpflanzen der Obstbaumalleen in unserer Region oder die von uns gegründete Bürgerinitiative gegen die geplante Erweiterung einer Schweinemastanlage auf über 46 000 Tiere in einem Nachbarort. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir tatsächlich Veränderung bewirken können, und so wünschen wir uns mehr Menschen, die Lust haben, etwas in unserer Heimat zu bewegen. Platz gibt es hier in den Dörfern, auch auf unserem Hof.

www.wische.de
www.alles-in-gaerung.de

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