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Heimisch werden in der Welt

Über ambivalente Gefühle zwischen Freiheit und Verbundenheit.

von Matthias Fersterer , erschienen in 45/2017

Bild

© Foto: werner küppers


Wir aber wollen über Grenzen sprechen,
und gehn auch Grenzen noch durch jedes Wort:
wir werden sie vor Heimweh überschreiten
und dann im Einklang stehn mit jedem Ort.

Ingeborg Bachmann

1884 beendete Friedrich Nietzsche sein Gedicht »Vereinsamt« mit dem Menetekel: »Weh dem, der keine Heimat hat!« In ihrem 1946 im Exil verfassten Gedicht »Die Traurigkeit ist wie ein Licht im Herzen angezündet« kehrte Hannah Arendt dieses um: »Wohl dem, der keine Heimat hat; er sieht sie noch im Traum.«
Die Warnung vor dem drohenden Verlust von Heimat einerseits und der wehmütig paradoxe Abgesang auf Heimat andererseits markieren zwei Pole von Heimatsehnsucht: Sehnsucht nach Freiheit von einer als erdrückend empfundenen Gebundenheit und Sehnsucht nach Anbindung an eine unwiederbringlich verlorene Heimat. Das schwer zu fassende Gefühl von Beheimatung ist ein zwischen den Polen von Freiheit und Verbundenheit oszillierendes menschliches Grundbedürfnis. Die damit verbundene Ambivalenz hat wesentlich mit dem weitverbreiteten Missverständnis zu tun, dass es darum ginge – auf Kosten der jeweils anderen Qualität –, entweder Verbundenheit oder Freiheit zu leben. Aus diesem Missverständnis können folgenschwere Konsequenzen erwachsen, die zu lebensfeindlichen Ideologien wie extremem Kollektivismus einerseits und extremem Individualismus andererseits führen können. Jede menschliche Gemeinschaft spielt sich jedoch zwischen Freiheit und Verbundenheit ab. Verbundenheit ohne Freiheit führt zu Erstarrung, Freiheit ohne Verbundenheit zu Haltlosigkeit.
Heimat ist die Bezogenheit eines Menschen auf seine natürliche, kulturelle, historische und soziale Mitwelt. Sie ist ein in Raum und Zeit verankertes Gefühl, das entsteht – wie Ingeborg Bachmann dichtete –, wenn wir mit einem Ort »im Einklang stehn«. Für den Philosophen Ernst Bloch war Heimat eine »konkrete Utopie«, ein Ort, an dem noch niemand gewesen sei und den der »arbeitende, schaffende« Mensch erst noch zu errichten habe. So sehr dieser Gedankengang aus Blochs Warte des Exilanten nachvollziehbar ist, ist er ein eurozentristisches Produkt der Industriemoderne. Menschheitsgeschichtlich ist er nicht haltbar, weil er die Praxis indigener Kulturen übersieht, die nicht Heimat haben, sondern Heimat sind. Über lange Zeiträume hinweg haben indigene Gesellschaften ein hohes Maß an Kongruenz – oder »Einklang« – zwischen Mensch, Ort und mehr-als-menschlicher Welt aufrechterhalten. Entscheidend ist die Frage, inwiefern es uns als Individuen moderner Gesellschaften möglich ist, »Indigenität«, also die Qualität des Eingeborenseins, auf authentische Weise zu entwickeln.

Beheimatung ist ein Prozess
Ohne die intergenerationale Kommunikation, die wir landläufig als »Tradition« bezeichnen, ist Beheimatung kaum vorstellbar. Heimat ist jedoch nichts Gesetztes, Unverbrüchliches, Statisches, das sich geografisch exakt ein für alle Mal definieren und bewahren ließe. Auch an Orten, an denen wir keine biografischen Wurzeln haben, können wir Heimat finden, schaffen und wiedererkennen. So wie Tradition, einem Thomas Morus zugeschriebenen Bonmot zufolge, nicht das Bewahren der Asche, sondern das Entfachen der Glut bedeutet, ist auch Beheimatung ständig im Werden begriffen.
Diesem fluiden, prozesshaften Vorgang werden Verben viel eher gerecht als Substantive. Es scheint deshalb angemessener, nicht von »Heimat« als Absolutum zu sprechen, sondern davon, »heimisch zu werden«, »sich zu beheimaten«, »Heimat zu schaffen«, »sich zu verorten«. Für die praktischen Aspekte des Schaffens einer Heimstatt gibt es im Englischen das Verb »homesteading«.
Als Begriff im heutigen Sinn ist »Heimat« ein modernes Phänomen, das sich – einhergehend mit dem zunehmenden Verlust des Gefühls von Beheimatung durch Industrialisierung, Nationalismus, Krieg und Vertreibung – erst im Lauf des 19. Jahrhunderts herausbildete. Der Schriftsteller W.  G. Sebald, selbst zeitlebens Emigrant, schrieb dazu in seinem Essay-Band »Unheimliche Heimat«: »Der Heimatbegriff ist verhältnismäßig neuen Datums. Er prägte sich in eben dem Grad aus, in dem in der Heimat kein Verweilen mehr war, in dem einzelne und ganze gesellschaftliche Gruppen sich gezwungen sahen, ihr den Rücken zu kehren und auszuwandern. Der Begriff steht somit, wie das ja nicht selten der Fall ist, in reziprokem Verhältnis zu dem, worauf er sich bezieht. Je mehr von der Heimat die Rede ist, desto weniger gibt es sie.«
Ähnlich ambivalent ist der Begriff der »Verwurzelung«. Diese Metapher aus der Botanik steht und fällt mit unserem Verständnis von Pflanzen. Vor allen anderen Dingen sind Pflanzen unterirdische Wesen. Was wir mit unseren menschlichen Augen als dekorative oder nützliche »Pflanze« betrachten mögen, sind ihre Fortpflanzungsorgane und Teile ihres Stoffwechselsystems. Ihr wesentlicher­er Teil liegt unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle: Im unterirdischen Wurzelstock und Wurzelraum finden symbiotische Vernetzung, Kommunikation sowie Nährstoff-, Wasser- und Sauerstoffaufnahme statt. Die Vorstellung, dass dieses Wurzelwerk allein die feste und somit unverrückbare Verwurzelung des oberirdischen Pflanzenteils zum Ziel habe, ist ein Produkt menschlicher Verkürzung, aus dem heraus heroische und ausgrenzende Bilder von Heimat konstruiert werden können. Pflanzen sind durchaus mobile Wesen, die mitunter erstaunliche Bewegungsspielräume haben. Ganze Baumgesellschaften und Wälder können etwa vielstämmige Auswüchse ein und desselben Baumindividuums sein. Und der Klimawandel setzt nicht nur zunehmend Menschenströme, sondern auch Pflanzenarten in Bewegung, die im Zug der Erdüberhitzung höhere Lagen und nördlichere Gegenden besiedeln.
Wenn die Begriffe »Heimat« und »Verwurzelung« nachfolgend dennoch verwendet werden, dann deshalb, weil diese in den Überlegungen von Denkerinnen und Denker, die für die Fragestellung dieses Essays wesentlich sind, vorkommen. In dem hier gemeinten Sinn könnte »Heimat« auch als »sich in der Tiefe verorten«, »Verwurzelung« als »in der Tiefe verstehen« und »Entwurzelung« als »an der Oberfläche leben« übersetzt werden.

Vom wichtigsten Bedürfnis des Menschen
Im Londoner Exil bezeichnete die französische Philosphin und Mystikerin Simone Weil 1943 die »Verwurzelung« als »das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele«. In der »Entwurzelung« erkannte sie umgekehrt »mit Abstand die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaften«. Simone Weil unterschied zwischen Entwurzelung durch Krieg, durch Geld, durch Bildung sowie durch Nationalstaatlichkeit und Zentralismus. Die besondere Gefahr liege darin, dass sich Entwurzelung vervielfache: »Wer entwurzelt ist, entwurzelt auch andere. Wer verwurzelt ist, entwurzelt niemanden.« Die Wiederverwurzelung führt für Weil über das Ja-Sagen zu körperlicher Arbeit und zum Tod. Beiden Fähigkeiten sind wenig ausgeprägt in Gesellschaften, in denen physische Arbeit geringgeschätzt wird, in denen Konsum an die Stelle aller eigentlich relevanten Tätigkeiten getreten ist, in denen Oberflächenästhetik und Jugendlichkeitskult gehuldigt werden und der Tod permanent verdrängt wird – während eben jene in diesen Gesellschaften propagierten Lebensstile tagtäglich Tod und Verheerung in immensem Ausmaß verursachen.
Die Frage nach Beheimatung hat nichts mit Nostalgie zu tun, sondern ist ein existenzielles Thema unserer Zeit. Das 20. war das Jahrhundert der »displaced persons«, der gewaltsam Entorteten, der Exilanten, der Vertriebenen, der Pogrome, der Weltkriege, der Blocksysteme. Und auch das 21. Jahrhundert beginnt mit Strömen flüchtender Menschen: 2016 befanden sich weltweit 65 Millionen auf der Flucht vor Krieg, Armut und Naturzerstörung, und alles deutet darauf hin, dass dies erst der Anfang weiterer Wellen der Massenmigration ist. Derweil werden weltweit so viele befestige Grenzmauern und -zäune gebaut wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg: In 45 Ländern gibt es 75 Grenzbefestigungen, die aneinandergereiht einmal um die Erde reichen würden. Gleichzeitig nähren und instrumentalisieren postdemokratische und extremistische Strömungen zunehmend Heimatsehnsüchte mit falschen Versprechungen einer »Retrotopie«, wie der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman die Sehnsucht nach einer romantisierten Heimat, die es so auch früher schon nicht gegeben hat, bezeichnete.
In industriemodernen Gesellschaften werden mindestens zwei kapitale Fehler im Umgang mit dem Grundbedürfnis nach Beheimatung begangen. Erstens: Heimat wird als politische Kategorie definiert und zu nationalistischen, ausgrenzenden Zwecken instru­mentalisiert. Die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ist voll von Beispielen dafür, und gegenwärtig werden diese durch nationalistischen und fundamentalistischen Strömungen weltweit fortgesetzt. Zweitens: Heimat wird als menschliches Grundbedürfnis verkannt und entpolitisiert, indem es auf schmückendes, folkloristisches Beiwerk reduziert oder als rückwärtsgewandte Sehnsucht dargestellt wird, die es zu überwinden gelte. In beiden Fällen wird Heimat nicht als menschliches Grundbedürfnis, aus dem sich ein universell gültiges Menschenrecht ableitet, gesehen, sondern wird stattdessen nationalistischen, extremistischen und rechtskonservativen Strömungen und kommerziellen Interessen preisgegeben.

Entwurzelung und Totalitarismus
»Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt«, schrieb Hannah Arendt 1951 in »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft«, »und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit«. Als Hauptmerkmal totalitärer Massengesellschaft erkannte Arendt »nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sondern Kontaktlosigkeit und Entwurzeltsein«.
Spätestens hier sollten wir aufmerken: Vereinzelung und Oberflächlichkeit sind kennzeichnende Merkmale unserer von kapitalistischer Verwertungslogik geprägten Gesellschaften. Als eine der »unbeabsichtigten Folgen« des Kapitalismus beschrieb der Soziologe Richard Sennett »die Sehnsucht der Menschen nach Verwurzelung in einer Gemeinde«. Der »flexible Mensch«, wie Sennett die Mitglieder solcher Gesellschaften nennt, ist jedoch permanent mit Ungewissheit, Bindungslosigkeit, fehlendem Vertrauen und fehlender Tiefe konfrontiert. »All diese Bedingungen treiben die Menschen dazu, woanders nach Bindung und Tiefe zu suchen.«
Wo genau ist dieses Woanders? Im besten Fall kann es in einer komplexen, in offenkundig fiktiver Umgebung angesiedelten Erzählwelt gefunden werden, wie etwa J. R. R. Tolkiens modernem Mythos »Der Herr der Ringe« oder David Lynchs Kleinstadtkosmos »Twin Peaks«, auf die die ganze Palette an Sehnsuchtsgefühlen, Beklemmungsängsten und Horrorvisionen moderner Heimatsuche und modernen Heimatverlusts projiziert werden. Fragwürdiger ist folklorisierende kulturelle Aneignung, wie sie in volkstümlichen Schlagerspektakeln oder Western-Clubs praktiziert wird. Angesichts kultureller Verarmung und Entfremdung werden hier Elemente aus gewachsenen Tradition herausgelöst und als marktgängige Ersatzbefriedigungen feilgeboten.
Brandgefährlich wird es dann, wenn – aufbauend auf fiktiven Geschichtsbildern – ausgrenzende und menschenverachtende Ideologien konstruiert werden, wie im Fall völkischer Pseudo-Mythen, braun-grüner Esoterik und hetzerischer Verschwörungstheorien, die um den Preis tiefen Verstehens und intellektueller Redlichkeit plakative Sündenböcke und einfache Erklärungen anbieten.

Grundbedürfnis und Ersatzbefriedigung
Es wäre nun leicht, schunkelnde Menschen in Möchtegern-Trachten, Fantasie-Indianer oder Fans fiktiver Welten als Eskapisten, als Realitätsflüchtige zu belächeln; und es wäre leicht, Anhänger totalitärer Ideologien zu verdammen. Auch wenn wir uns als weltoffenes, lebensförderndes Magazin in aller Deutlichkeit von ausgrenzenden, nationalistischen und völkischen Ideologien distanzieren, geht es gerade nicht darum, einzelne Menschen moralisch zu verurteilen. Vielmehr geht es darum, die Bedürfnisse, die durch Surrogate scheinbefriedigt und durch totalitäre Ideologien instrumentalisiert werden, sichtbar zu machen. In einer Zeit, in der protofaschistisches Gedankengut im Kleid postfaktischer Politik wieder in die Mitte der Gesellschaft rückt, ist es umso wichtiger, auch in diesen irritierenden und alarmierenden Tendenzen das menschliche Grundbedürfnis nach tiefer Verortung und tiefem Verstehen zu erkennen und anzuerkennen. Zudem kann angenommen werden, dass alle Mitglieder industriemoderner Gesellschaften mehr oder weniger stark mit Symptomen von Bindungslosigkeit, Oberflächlichkeit und Entortung konfrontiert und folglich gezwungen sind, auf die eine oder andere Weise mit diesen umzugehen – durch Anerkennen und bewusste Gegenreaktion, durch Ersatzbefriedigung oder durch Verdrängung und Übersprungshandlung.

Heimisch werden in der Wirklichkeit
Wenn wir das tiefe Verstehen, das Hannah Arendt mit dem Heimischwerden gleichsetzte, ernstnehmen, dann bedeutet Beheimatung eine gründliche Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit dessen, was ist, also auch mit den Strukturen ideologischer Strömungen. Verstehen heißt aber gerade nicht gutheißen, hinnehmen oder tolerieren, sondern erkennen – und handeln, wo es geboten ist!
Ein tiefes Verständnis der Wirklichkeit würde uns auch erkennen lassen, was auf der grundlegenden Ebene unserer stofflichen Existenz unsere Heimat ist: die Erde, auf und in der wir leben. Würden wir dies in der Tiefe verstehen, würde sich unsere Beziehung zu unserer planetaren Heimat radikal verändern. Heimat lasse sich wohl nur finden, sinniert der Musiker Philipp Gerhardt, »wenn wir uns als Teil eines Lebewesens begreifen, das viel älter ist als man selbst« (siehe Seite 37). Aus dem Umstand, dass wir in einem ganz konkreten Sinn Kinder der Erde sind, sollte jedoch nicht der Trugschluss gezogen werden, dass mensch Erdenbürger ohne jede räumliche Zueignung sein könne. »Man kann nicht – zumindest nicht in dem vereinfachenden, verallgemeinernden Sinn, in dem dieser Begriff landläufig gebraucht wird – ein ›Weltbürger‹ sein«, erinnert uns der Poet und Landwirt Wendell Berry. »So etwas wie ein ›globales Dorf‹ gibt es nicht. Wie sehr man die Welt als Ganze auch lieben mag, man kann nur voll und ganz in ihr leben, indem man verantwortungsvoll einen kleinen Teil der Welt bewohnt.«
In dem Maß, in dem es uns gelingt, die Paradoxe- von Ganzheit und Teilheit, Nähe und Distanz, Freiheit und Verbundenheit in die eigene Lebenspraxis zu integrieren, können wir heimisch werden in der Welt. Ob dies ausreicht, um einem Ort, an dem wir leben, eingeboren und darin »wiedergeboren« zu werden, wie Gary Snyder in einem Essay schrieb, wird die Zeit zeigen. Lange Zeitbögen – etwas, worüber wir angesichts der gegenwärtigen Krisen nur bedingt verfügen – sind übrigens ein kennzeichnendes Merkmal von Indigenität: Menschheitsgeschichtlich sind die einzigen Gesellschaften von einer gewissen Dauerhaftigkeit die indigenen.   

 


Tiefer denken und lesen
Simone Weil: Die Verwurzelung, Oya 23;
Gary Snyder: Eingeboren ­werden, Oya 12;
Wendell Berry: Körper und Erde, Oya 29.

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