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Widerständig gegen Kohle

Wie ein Dorf in Sachsen neue Allianzen für eine gemeinsame Zukunft schmiedet.

von Andrea Vetter , erschienen in 45/2017

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© Foto: regentaucher.com

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In Pödelwitz gibt es Filterkaffee mit Kaffeesahne. Er wird uns, den Gästen aus Leipzig, von Jens Hausner, dem Vorsitzenden der Bürger­initiative »Pro Pödelwitz«, im Feuerwehrhaus in der Dorfmitte serviert. Es ist nicht leicht, die 20 Kilometer von Leipzig nach Pödelwitz zu überwinden. Die Bahnstrecke wurde schon eingestellt, und jetzt fährt man vom nächsten Haltepunkt eine halbe Stunde mit dem Fahrrad durch eine deprimierende Mondlandschaft: Rechts und links die riesigen staubigen Gruben, dazwischen ratternde Förderbänder, gigantische Bagger und am Horizont die dampfenden Türme des Kraftwerks Lippendorf.
Pödelwitz, ein altes slawisches Runddorf, ist eine Halbinsel inmitten dieser Landschaft. Von den ehemals 130 Menschen, die hier wohnten, sind 34 übrig geblieben, darunter eine Familie mit Kindern. Allen anderen wurden ihre Häuser von der Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft (MIBRAG) abgekauft. Der ehemals volkseigene Betrieb der DDR, heute eine Tochtergesellschaft des tschechischen Bergbaukonzerns EPH, betreibt hier die nahen Tagebaue. Je nach Haus bot die MIBRAG mitunter schon eine sechsstellige Summe, mit der es sich anderswo neu bauen oder kaufen ließ.
»Wir leben in einer materialistisch geprägten Gesellschaft, das ist der Jammer. Man könnte heute jedes Dorf in Sachsen oder Sachsen-Anhalt so freikaufen – jedes!«, glaubt Jens von der Bürgerinitiative. Der Landwirt kennt die Tagesbau-Region seit 35 Jahren; vor 13 Jahren hat er nach Pödelwitz eingeheiratet. Jetzt will er bleiben. Seit 2012 die Bürgerinitiative »Pro Pödelwitz« gegründet wurde, ist er zum Medienprofi geworden. Öffentliche Aufmerksamkeit ist die einzige Chance für das Dorf, den Baggern zu entgehen: »Wir müssen in erster Linie Medienarbeit machen«, ist er überzeugt. Der Spiegel war schon da, der MDR, und jetzt ist Oya zu Besuch. Den ganzen Vormittag schon hat Jens eine Veranstaltung mit Entscheidungsträgern aus der Landeskirche gehabt. Bis jetzt haben sie noch bei jedem abzubaggernden Dorf zugestimmt, dass die Kirche entweiht und abgetragen werden durfte. Wenn einmal das Kirchensprengel dagegen war, wurde es von der nächsthöheren Ebene überstimmt. Die für Pödelwitz zuständige Kirchengemeinde lehnt eine Entweihung der Kirche bislang ab. Das ist ein gutes Zeichen, aber noch nicht ausreichend. Jens erklärt und erklärt, während er uns das Dorf zeigt. Er kennt die Gewinnzahlen der MIBRAG, die juristischen Finessen, die Auslastungen des Kraftwerks Lippendorf, das erst 2000 in Betrieb ging, und das eine Vertragslaufzeit bis 2040 hat. Es liefert Strom und Fernwärme für die Stadt Leipzig.

Die Firma schafft Fakten
Gemeinsam spazieren wir vom Feuerwehrhaus in der Dorfmitte zum Rand des Tagebaus – der Gang dauert zehn Minuten. Wir gehen am letzten Haus des Dorfs vorbei, in dessen Garten weiße Gänse mit der typischen gemütlichen Aufregung schnattern. Auf der anderen Straßenseite befindet sich der Parkplatz für die Angestellten der ­MIBRAG. »Da geht’s aber nicht weiter!«, ruft der Wachschutz hinter dem Parkplatz, wo der Eingang des Betriebsgeländes liegt, unserem kleinen Grüppchen zu. »Habt ihr hier ein Schild gesehen, dass wir hier nicht gehen dürfen?«, fragt Jens rhetorisch in die Runde und zwinkert mit den Augen. »Also ich nicht.« Wir ignorieren die Mahnung und gehen weiter, knapp hundert Meter bis zur Tagebaukante. Vor uns liegt ein gigantisches Loch, das uns Besucherinnen erschauern lässt. Jens Hausner hat sich daran gewöhnt. Er zeigt mit ausgestrecktem Arm nach Norden in die Grube hinein. »Dort lag Droßdorf, da Breunsdorf und dort Heuersdorf.« Er hat die Dörfer verschwinden sehen.
Insgesamt 126 Ortschaften sind dem Mitteldeutschen Braunkohlerevier bislang zum Opfer gefallen, die meisten schon vor vielen Jahrzehnten. Die Entwurzelung durch die industrielle Megamaschine – sei es die kapitalistische oder die realsozialistische – wird hier, mit dem Blick auf diese Grube, vom Sinnbild zur greifbaren Tatsache. Während der DDR wurden die Enteigneten aus den abgegrabenen Dörfern kollektiv in moderne, neu gebaute Gemeinschafts-Wohnblocks in Nachbardörfern oder der nahen Kleinstadt umgesiedelt. Heute bauen sie sich ein Eigenheim irgendwo im Umland. Viele von denen, die Pödelwitz verlassen haben, kamen nicht ursprünglich aus dem Ort; für sie spielt es keine große Rolle, ob sie von hier oder von dort zu ihrer Arbeit pendeln. Aber auch einige von denen, die geblieben sind und für das Dorf kämpfen wollen, kamen aus anderen, schon abgegrabenen Dörfern und wollen das gerade deshalb nicht noch einmal erleben.
Juristisch ist Pödelwitz derzeit noch nicht zur Abbaggerung freigegeben. Es ist ein sogenanntes Vorbehaltsgebiet, das heißt, es kann raumplanerisch für den Tagebau genutzt werden, wenn dem nicht andere »raumbedeutende« Nutzungen entgegenstehen – zum Beispiel ein lebendiges Dorf. Das weiß auch die MIBRAG, und deshalb schafft sie Fakten. 80 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner hat sie bereits herausgekauft, hat deren – also jetzt ihre eigenen – Häuser beschädigt und die Strom- und Wasseranschlüsse gekappt. Im Mai 2016 hat die MIBRAG erste Unterlagen bei den Behörden vorgelegt und einen Plan vorgestellt, der Pödelwitz und die benachbarte Ortschaft Obertitz als Tagebaugebiet vorsieht. Das in Deutschland heute noch gültige Bundesberggesetz, das 1937 durch den enormen Rohstoffbedarf der Aufrüstung in seine jetzige Fassung gebracht wurde, räumt grundsätzlich dem Bergbau ein höheres öffentliches Interesse ein als jeglichen sonstigen Interessen, selbst Umweltschutz- oder Eigentumsrechten. Der Kampf geht langsam in die heiße Phase. »Wir haben uns das nicht ausgesucht, aber jetzt ist es unsere Aufgabe, dieses Dorf zu erhalten, und die haben wir angenommen«, sagt Jens.

Ein Dorf als Symbol gegen die Kohle
In Leipzig-Lindenau gibt es Espresso, italienisch auf dem Herd zubereitet, dazu Hafermilch. Dort treffe ich Kerstin Hülsmann, Geschichtsstudentin aus Leipzig, im Wohnzimmer einer Kollegin. Wir bereiten gemeinsam eine Tagung vor. Seit vier Jahren beschäftigt sich Kerstin mit dem Klimawandel. Sie war letztes Jahr bei Protesten in der Lausitz, dem Brandenburger Braunkohlerevier. Dort gab es auch »Ende Gelände«-Aktionen mit 4000 Menschen – eine Protestform, die erstmals 2015 im Rheinland ausprobiert wurde. Bei »Ende Gelände« gehen Tausende von Aktivistinnen in einer vorher angekündigten Aktion zivilen Ungehorsams in die Kohle­grube und legen dort für einen Tag die Arbeit lahm. Die Aktion ist von den großen, jahrzehntelangen Protesten gegen Atomkraft inspiriert, bei denen ebenfalls ziviler Ungehorsam – also das gezielte, angekündigte und öffentliche massenhafte Übertreten von Gesetzen im Interesse eines höheren Guts – eine wichtige Rolle gespielt hat. Danach hat sich Kerstin in einer Leipziger Gruppe junger Menschen engagiert, die viel über die globale Perspektive des Klimawandels diskutiert hat. 2016 war sie zum ersten Mal bei einer Fahrradtour nach Pödelwitz dabei, und dabei entstand auch der Kontakt zur Bürgerinitiative. »Ich fand es richtig gut, so ein konkretes Thema zu haben. Wir haben Pödelwitz direkt vor der Haustür – das ist nicht so abstrakt wie unsere sonstige Arbeit.« Die Kontakte intensivierten sich, und gemeinsam gründeten im Frühjahr 2017 die Bürgerinitiative »Pro Pödelwitz«, Kerstins Gruppe »LEKlima«, der BUND Sachsen, »Leipzig Kohlefrei« und einige andere Leipziger Gruppen das Bündnis »Pödelwitz bleibt!«. Heute hat Kerstin neben ihrem Studium einen Mini-Job beim BUND für »Pödelwitz bleibt!«. Das Bündnis trifft sich immer am letzten Sonntag im Monat in Pödelwitz, um sich auszutauschen. Manchmal entstehen dabei auch öffentlichkeitswirksame Aktionen.
Viele Aktivisten geben sich mittlerweile in Pödelwitz die Klinke in die Hand – das Dorf wird zu einem Symbol für das Ende des Kohlezeitalters. »Klimaallianz«, BUND, Greenpeace, Pödelwitz bleibt!, die Bürgerinitiative, die regionalen und überregionalen Medien – für sie alle ist der Widerstand gegen den Kohleabbau, gegen die Nutzung dieses Brennstoffs, der die Erdüberhitzung immer weiter voranschreiten lässt, der gemeinsame Nenner. Unklar bleibt, in welchem Namen der Kampf gegen diese Rohstoffausbeutung geführt wird. Welches Leben in welcher Gesellschaft wollen wir jenseits der Kohle führen? Wie könnte ein Strukturwandel in der Region aussehen? Ist das Ziel grünes Wirtschaftswachstum oder aber eine ganz andere Gesellschaft jenseits des Wachstums? Und: Mit welchen Mitteln sollen die Bagger aufgehalten werden?

Wie sieht Widerstand aus?
Greenpeace macht zwei Wochen nach unserem Besuch in Pödelwitz eine Aktion im Dorf, bei der bunte Solidaritäts-Wimpel aus ganz Deutschland in den Straßen aufgehängt werden. Was aber passiert, falls der Widerstand hier radikaler wird? Wird dann eine Zeitschrift wie der Spiegel noch positiv berichten? »Selbstverständlich halten wir uns an Recht und Gesetz«, betont Jens, als wir durch das zu Dreivierteln leere Dorf gehen. Das ist wichtig für die Bürgerinitiative, denn sie will, falls die Genehmigung zum Abbaggern erteilt wird, mit allen juristischen Mitteln dagegen vorgehen und sich selbst nichts vor dem Gesetz zuschulden kommen lassen. Doch behindern würde man die Klima-Aktivistinnen nicht, schwingt zwischen den Zeilen durch, falls sie einmal nach Pödelwitz kämen, um dort die Bagger zum Stoppen zu bringen. Einen ersten, legalen Vorgeschmack dazu gibt es Anfang November, wenn in Bonn die 23. Verhandlungsrunde der internationalen Klimaschutzverhandlungen der Vereinten Nationen tagt: Für den 12. November um 15 Uhr ist eine »Rote Linie« in Form einer Menschenkette entlang der sächsischen Tagebaukante geplant.
Zu den Aktionen im rheinländischen Braunkohlerevier in diesem Sommer haben die Pödelwitzer eine Videobotschaft gesendet. Ernst sitzt Thilo Kraneis von der Bürgerinitaitive da an einem Tisch vor dem großen BUND-Banner mit dem Brecht-Zitat, das an einem der Häuser angebracht wurde: »Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.« Er verliest eine Solidaritätserklärung mit den Protesten, stumm stehen Jens Hausner und ein weiterer Mitstreiter wie unerschütterliche Bodyguards hinter ihm und schauen in die Kamera. Thilo liest: »Wenn politische Entscheidungsprozesse nicht mehr zeitgemäß und zu langsam vonstatten gehen, verlangt dies nach einer aktiven Zivilgesellschaft, um die derzeitige Politik umzustimmen und neue Impulse für einen möglichst schnellen, sozialverträglichen Kohleausstieg zu geben. Deshalb unterstützen wir ein vielfältiges Repertoire an Aktionen bis zum zivilen Ungehorsam, um unsere Forderung nach einem konsequenten Klimaschutz laut zu machen und Öffentlichkeit zu schaffen.«
Im Leipziger Westen trinken wir Mate. Dort treffe ich Christopher Laumanns, den dieses Video besonders gefreut hat. Er ist Klimaaktivist und hat ein Stipendium der Bewegungsstiftung für seine aktivistischen Tätigkeiten. Wir arbeiten gemeinsam beim »Konzeptwerk Neue Ökonomie«, einem Verein, der sich vor allem mit den Möglichkeiten einer Postwachstumsgesellschaft beschäftigt und über den wir in der Oya schon berichtet haben (siehe Ausgabe 28). »Das ist die Art von Politik, die ich gerne machen möchte: gemeinsam Orte schaffen, wo verschiedene Milieus zusammenkommen, und diejenigen unterstützen, die kämpfen müssen«, sagt mir Christopher in der Küche des Konzeptwerk-Büros – einer umgebauten Fabriketage im Leipziger Westen. Auch er hat das Bündnis »Pödelwitz bleibt!« mitgegründet.

Ein interkulturelles Dorffest
Eine Idee des Bündnisses war es, ein gemeinsames Dorffest zu veranstalten, um Pödelwitz und den Widerstand gegen die Kohle zu feiern. Im Juni 2017 war es dann soweit, erzählt Christopher: »Es ist ein richtig interkulturelles Fest geworden.« Die sächsische Dorfkultur der Pödelwitzer mit Würstchen, Filterkaffee und Kuchen und die jungen, linksalternativen Klimaschützerinnen mit kleinen Kindern und Second-Hand-Klamotten aus Leipzig trafen sich beim Basketballturnier und auch beim klassischen Gitarrenkonzert in der Kirche. »Der Kohle einen Korb geben«, steht auf dem Schild des Basketballkorbs, der extra für das Dorffest herausgeputzt wurde. Es war das erste Dorffest seit Jahren, das nicht von der ­MIBRAG gesponsert wurde, das erste mit einer neuen Perspektive, seit die Verkaufsangebote der MIBRAG erst schleichend und dann immer schneller begannen, einen tiefen Graben durch das Dorf zu ziehen. Irgendwann haben sie sich nicht mehr gegrüßt, die Bleibewilligen und die Fortziehenden, doch auch diese Phase ist jetzt zu Ende. Jetzt sind nur noch die da, die auch bleiben wollen, und das fühle sich gar nicht so schlecht an, meint Jens: »Jetzt können wir nach vorne gucken und dem Dorf eine Perspektive vorzeichnen«. Optimismus, zumindest öffentlicher, gehört zur Bürgerinitiative dazu. Die heutigen breiten Diskussionen über einen Ausstieg aus der Braunkohleförderung könnten tatsächlich dazu führen, dass Pödelwitz das Schicksal des Dorfs Lakoma, nördlich von Cottbus gelegen, erspart bleibt: Es wurde 2006 von Vattenfall abgegraben, obwohl es vor der Abtragung bunt, kreativ und mit Hilfe von vielen Umweltschutzorganisationen besetzt wurde. Dort waren viele junge Menschen hingezogen, es gab neue Dorffeste und eine Aktion zur Bundesgartenschau. Ein neu gegründeter Verein erhielt von der Stadt Cottbus sogar einen Zwischennutzungsvertrag für diese Aktivitäten. Abgebaggert wurde trotzdem.
»Das Dorf bleibt definitiv stehen«, sagt Jens, »die Frage ist, wie man es dann wieder mit Leben füllt.« »Das finde ich das eigentlich Spannende – wie sich das Dorf später weiterentwickelt«, sagt auch Christopher. Thilo, ein anderer Pödelwitzer aus der Bürgerinitiative, würde sich freuen, wenn junge, alternative Menschen aus Leipzig das Dorf später neu bevölkerten, erzählt er. Ich denke darüber nach, ob es in zehn Jahren in Pödelwitz wohl Filterkaffee, Espresso, Mate und vielleicht auch Getreidekaffee gibt – interkulturell. Wenn ich den dreien von »Pödelwitz bleibt!« zuhöre, scheint der gemeinsame Kampf gegen die gefräßigen Bagger eine gute Grundlage für ein neues Dorfleben zu bieten. \ \ \


Den Protest unterstützen
www.pro-poedelwitz.de
www.bund-sachsen.de/poedelwitz_bleibt
www.ende-gelaende.org/de