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Die neue Muse

Zukunftsfähigkeit heißt, von der Zukunft her wahrnehmen und gestalten.

von Hildegard Kurt , erschienen in 44/2017

Bild

© Foto: André Wagner

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Wie kann das Neue in die Welt? Diese Frage, unter Akteuren der »Großen Transformation« häufig zu hören, klang bis unlängst völlig anders als heute. Mochte es doch noch vor etwa zwei Jahren geschienen haben, als herrsche in nur zu vielen gesellschaftlichen Bereichen unter allen Geschäftigkeiten an den Oberflächen ein merkwürdiges Auf-der-Stelle-Treten. Das indes hat sich in jüngster Zeit geradezu drastisch geändert. Von Tag zu Tag fast verdichtet sich jetzt der Eindruck, als stünden namentlich in der westlichen Welt sämtliche Parameter der gesellschaftlichen Ordnung und darüber hinaus jahrzehntelang herrschende Deutungshoheiten zur Disposition. Wann in der jüngeren Vergangenheit hat es so viel unabsehbaren Wandel gegeben?
Doch bleibt – tragischerweise – bei allem, was derzeit aufbricht, einbricht, abbricht, umbricht, die eingangs gestellte Frage nach der Großen Transformation weiter bestehen. Denn das Neue, wonach hier gefragt wird, bezeichnet nicht marktgängige Innovationen, nicht neue Spielarten des Kapitalismus, nicht die digitale Revolution, nicht neue Erosionen von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, nicht neue Dimensionen des Terrors, nicht neue ökologische Verwüstungen, nicht neue Rekorde wie sechzig Millionen geflüchtete Menschen weltweit, nicht die Neue Rechte, nicht das denkbar gewordene Auseinander­brechen der Europäischen Union und nicht die noch unabsehbare Neukonstellierung internatio­naler Beziehungen in der Ära Trump.
Worum es bei der Großen Transformation vielmehr geht, ist ein verlebendigendes, sozial und ökologisch gerechtes Miteinander auf und mit der lebendigen Erde.
So wie Vektoren, Richtungspfeile in der Mathematik, setzen diese Fragen in Bewegung. Sie richten das Denken auf eine zutiefst staunenswerte Fähigkeit aus – auf die Zukunftsfähigkeit. Tatsächlich sind wir Menschen ja, anders als vielleicht alle übrigen Lebewesen, in der Lage, Phänomene nicht nur von bisherigen Erfahrungen und bislang Gewesenem aus wahrzunehmen, sondern auch in ihren Potenzialen – in dem, was sie noch nicht sind. Wir können auf die ­Zukunft hin gestalten und sogar, noch spannender, von der Zukunft her. Und in der Art, wie wir das, was noch nicht Wirklichkeit ist, wahrnehmen, für wahr nehmen oder auch nicht, formen wir es mit.
Zukunftsfähigkeit heißt daher, Orientierung nicht allein aus dem zu beziehen, was derzeit vorherrscht, sondern empfänglich zu sein für die Werdekräfte der Welt, die solche Bewusstheit brauchen. In diesem Wort scheint der Mensch auf – als Träger von Potenzialen; als Werdender, in dem das Prinzip des Schöpferischen, das allem Lebendigen innewohnt, in eine beispiellose, faszinierende, aber auch abgründige Freiheit hinausragt.
Das Leitbild Zukunftsfähigkeit holt ein Terrain neu herein, das in der westlichen Neuzeit seit Jahrhunderten als Hochkultur von den übrigen gesellschaftlichen Bereichen abgetrennt ist: die Kunst. Wird eine dereinst – vielleicht, hoffentlich – lebensfördernde Zivilisation die Absonderung des Künstlerischen als eine der so charakteristischen, fatalen Fragmentierungen der Moderne hinter sich gelassen haben?
Vom Feld der westlichen Kunst her hat es seit dem Beginn des letzten Jahrhunderts mindestens zwei großangelegte Versuche gegeben, angesichts chaotischer Weltverhältnisse Kunst neu als Nährboden gedeihlicher Gesellschaftsformen zu erschließen: Mit Wassily Kandinsky, Paul Klee und zahlreichen weiteren Protagonisten erforschte die »historische Avantgarde« aus den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs heraus, auf welchen Wegen die Indus­triemoderne sich kraft der Kunst erneuern ließe. Das Bauhaus, gegründet 1919 in Weimar, ist ein bis heute ausstrahlender, wiewohl von Anfang an in sich widersprüchlicher Ausdruck dessen.
Und seit den frühen 1970er Jahren tritt der »Erweiterte Kunstbegriff« zutage, von dem Joseph Beuys sagte, er habe ihn nicht ­er-funden, sondern ge-funden: ein Verständnis von Kunst, demzufolge jeder Mensch fähig und berufen ist, schöpferisch den Wandel hin zu überhaupt erst menschenwürdigen Verhältnissen mitzugestalten – ob in der Wirtschaft, der Bildung, im Geldwesen oder wo auch immer. Ebenfalls auf Beuys geht die Metapher der »neuen Muse« zurück. 1982 legte Beuys ein Manifest vor, das von ihrem Erscheinen kündet. Anders als ihre neun klassischen Vorgängerinnen befasse diese Muse sich nicht mehr mit den Traditionsbereichen der Kunst, die Beuys für »ermattet« hielt. Stattdessen versinnbildliche sie den Erweiterten Kunstbegriff, die Soziale Plastik:
»Ich behaupte, dass dieser Begriff Soziale Plastik eine völlig neue Kategorie der Kunst ist. Eine neue Muse tritt den alten gegenüber auf! Diese Muse war vorher gar nicht bekannt, und weil sie nicht bekannt war, ist es zu den bekannten Denkirrtümern gekommen, d. h. jetzt ist die Lage so kritisch geworden, dass sich wirklich einige Geister auf den Weg gemacht haben, diese Muse zu entdecken. Sie trägt den zukünftigen Begriff von Plastik, der vor jedem anderen Begriff von Plastik Vorrang hat. Ich schreie sogar: Es wird keine brauchbare Plastik mehr hienieden geben, wenn dieser Sozia­le Organismus als Lebewesen nicht da ist. Das ist die Idee des Gesamtkunstwerkes, in dem jeder Mensch ein Künstler ist.«
Weshalb hat man in der Folge selbst unter Akteuren auf dem Feld der Sozialen Plastik so wenig auf dieses Bild einer neuen Muse Bezug genommen? Ist – neben anderen vorstellbaren Gründen – schlicht die Zeit noch nicht reif dafür gewesen?

Muse der Zukunftsfähigkeit
Inzwischen, so darf vermutet werden, wartet die neue Muse geradezu darauf, gesucht, erahnt, eingelassen zu werden. Ist doch das Weltgefüge im Vergleich zu damals, als Beuys auf sie aufmerksam machte, noch weitaus kritischer an den Rand ökologischer und sozialer Kipppunkte geraten. Während zugleich, befördert von Populisten der internationalen Neuen Rechten, »Postfaktisches« in der Luft liegt, dem Affekte wichtiger als Fakten sind. Angesichts all dessen ist das Vermögen, zugunsten einer lebenswerten, enkeltauglichen Zukunft tiefere Erkenntnisquellen zu erschließen, geradezu überlebenswichtig geworden.
Daher sei hier der Vorschlag gewagt, die neue Muse, aufbauend auf dem Erweiterten Kunstbegriff, als »Muse der Zukunftsfähigkeit« zu sehen; als Sinnbild einer normativen Vorgabe für sozial-ökologische Gerechtigkeit und Transformation; als geistig-seelische Wirkkraft, die dazu begaben möchte, nicht mehr nur planend und prognostizierend auf die Zukunft hin zu agieren, sondern auch umgekehrt in verantwortbarer Kreativität von der Zukunft her wahrzunehmen, zu denken, zu gestalten.
Wer aber ist diese neue Muse? Während ihre neun klassischen Vorgängerinnen alle einen Namen tragen, bleibt die spätgeborene Schwester einstweilen namenlos. Und ist sie überhaupt eine Schwester im herkömmlichen Sinn?
Die Musen der griechischen Antike sind Töchter von Zeus und von Mnemosyne, Göttin der Erinnerung. Die neue Muse aber neigt sich von der Zukunft her der Gegenwart zu. Beuys hierzu: »Es muss etwas ins Blickfeld kommen, bevor es da ist. Das nenne ich: Aus der Zukunft heraus bewegt sich etwas. Da gibt’s auch eine Ursache, aber die Ursache liegt in der Zukunft, und logischerweise ist die Wirkung in der Gegenwart eher da, als die Ursache in der Zukunft zu finden ist.«
Wie sehr sich die komplexen Verhältnisse dieser inspirierenden Wirkkräfte dem linearen Zeitverständnis entziehen, lässt die Weisheit der Sprache mit dem denkbar schlichten Wörtchen »einst« aufscheinen: In logisch-kausal nicht akzeptabler Weise bezeichnet »einst« die Tiefen des Vergangenen genauso wie die Tiefen der Zukunft. Einst, in den Kindheitstagen der Menschheit; und einst, wenn der Kapitalismus überwunden sein wird.

Raum für gemeinsames Gestalten
Es gibt ein weiteres spannendes Merkmal, das die neue Muse von ihren Vorgängerinnen unterscheidet: Während die klassischen Musen dem Künstler im herkömmlichen Sinn – als »ausgezeichnetes Individuum« (Wolfgang Max Faust) – zur Seite standen, neigt die neue Muse sich jedem Menschen zu.
Indem sie aber jede und jeden Einzelnen auf gleich welchem Arbeitsfeld zu berühren, innerlich zu bewegen, zu in-form-ieren sucht, verwandelt sie zugleich den Raum zwischen den Menschen; inspiriert sie zu gemeinsamem, gemeinschaftlichem Gestalten. Denn wo aufmerkende, gewärtig werdende Menschen zusammenfinden, kann aus Begegnung und Beziehung generative Kraft erwachsen.
Einst, bevor die traditionellen Musen zu »sterben« begannen, eröffnete man literarische Texte gerne mit einer Anrufung der Muse. Ein Nachhall dessen findet sich in Ingeborg Bachmanns Gedicht »Anrufung des großen Bären«. Vor dem Hintergrund einer Mitte der 1950er Jahre nur an der Oberfläche befriedeten, darunter verstörenden Welterfahrung beschwört Bachmann darin in machtvollen Sprachbildern die Schöpferkraft.
Aus einer ähnlichen Haltung heraus lässt sich heute die überlebenswichtig gewordene Zukunftsfähigkeit anrufen: zu einer Zeit, in der allerorts Zukunftshoffnung der Zukunftsangst weicht; in der zu viele Utopien zu Dystopien verkommen sind; in der internationale politische Vereinbarungen, etwa zur Befriedung kriegerischer Konflikte oder zum Artenschutz folgenlos bleiben; in der unter den Scheinwerfern der Weltöffentlichkeit aggressive Egomanen diffuse Ängste vor Unbekanntem schüren; in der Fundamentalismen mit teilweise brachialer Gewalt eine Rückkehr in die Vergangenheit erzwingen wollen, während der Neoliberalismus den freien Markt vergötzt und den gegenwärtigen Zustand der Welt für alternativlos erklärt. Ist da nicht jegliche gesellschaftliche Kraft und Fantasie für eine wünschenswerte Zukunft verloren?
Keineswegs unberührt von all dem, lässt sich die »Anrufung« neu – als immer wieder gewagte Emphase – erproben. Denn mit der Zukunftsfähigkeit verhält es sich wohl wie mit vielen menschlichen Vermögen: Sie steht kaum je ohne weiteres zur Verfügung. Doch rückt sie in dem Maß in Reichweite, wie Intention und Willenskraft sich auf sie richten.
Indem die hier angestellten Betrachtungen die Zukunftsfähigkeit »anrufen«, helfen sie vielleicht, Freiheit neu zu sehen und zu ergreifen: als Potenzial, nicht bleiben zu müssen, wie wir sind; als Fähigkeit, sich in Entwicklung zu bringen und einander dabei zu unterstützen. Wo Gemeinschaften und Organisationen sich solcher »Freiheit wozu« verschreiben, kann scheinbar Unmögliches anfangen, möglich zu werden. \ \ \

Bearbeiteter Auszug aus: Hildegard Kurt, Die neue Muse, ­Versuch über die Zukunftsfähigkeit, thinkOya 2017.

Hildegard Kurt (59), Kulturwissenschaft­lerin, Autorin, Referentin, ist mit Seminaren und Werkstätten auf dem Feld des Erweiterten Kunstbegriffs (Beuys) praktisch tätig. Sie studierte Germanistik und Romanistik in Münster, Aix-en-Provence, Mainz und promovierte bei Thomas Macho und Hartmut Böhme an der Humboldt Universität Berlin. Hildegard Kurt ist Mitbegründerin des »und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit« in Berlin. Gemeinsam mit dem Philosophen Andreas Weber und der Sozial­unternehmerin Agnes Schuster hat sie soeben die Initiative »Erdfest« ins Leben gerufen. Im Zeitraum um die Sommersonnenwende 2018 wird diese in ein Erdfest münden, das in der baden-württembergischen Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof sowie an weiteren ­Orten begangen werden soll. Zu ihren ­Büchern zählen »Kultur – Kunst – Nachhaltigkeit. Die Bedeutung von Kultur für das Leitbild Nachhaltige Entwicklung« (mit Bernd Wagner, 2002), »Wachsen! Über das Geistige in der Nachhaltigkeit« (2010), »Die rote Blume. ­Ästhetische Praxis in Zeiten des Wandels« (mit Shelley Sacks, 2013) und »Lebendigkeit sei! Für eine Politik des Lebens. Ein Manifest für das Anthro­pozän« (mit Andreas Weber, 2015). Soeben ist die »Die Neue Muse. Versuch über die Zukunftsfähigkeit« erschienen.
www.hildegard-kurt.de

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