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Wandlungen

Aus den Annalen des mecklenburgischen Dorfs Lärz, dessen ehemaliger Militärflugplatz Schauplatz von Move Utopia war.

von Angela Kuboth , erschienen in 44/2017

Bild

© Foto: David Hoang

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Kurz hinter dem Dorfeingang beginnt die Pflasterstraße – ich bin in Lärz! Ein Straßendorf, still an diesem Vormittag. Kein Mensch zu sehen. Ein Schild »Kirche offen« steht auf der Wiese. Ich trete durch das Portal der Dorfkirche – auch hier niemand, auch hier Stille. Auf der Bank sitzend, schaue ich mich um: Die Decke ist aus Holz, gemalte Barock­engel schweben über mir. Gleich neben dem Eingang ein großes Gemälde – ein von Bassewitz, entnehme ich einem Blättchen am Eingang. Der Förderverein für den Erhalt der Kirche hat es herausgegeben. Bitter nötig scheint es die Kirchgemeinde zu haben, dass Geld zusammenkommt. An vielen Orten werde Geld gebraucht, verrät der Gemeindebrief. Jubiläen stehen an, Orgeln müssen restauriert werden. Die Lärzer Orgel sei schon 2005 generalüberholt worden. Dorfmoderatoren werden von der Hochschule in Neubrandenburg geschult, damit die Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Auch das scheint bitter nötig. Draußen beäugt jemand mein Auto mit fremdem Kennzeichen. Als ich näherkomme, verschwindet er hinter dem übermannshohen Hoftor. Später erzählt mir jemand, viele seien der Einladung der Dorfmoderatorin gefolgt. Das lässt hoffen.
Gibt es den Geist eines Orts? Wie kommuniziert er mit mir? Wie ich mit ihm?
Auf dem Grundstück gegenüber der Kirche zeigt ein Schild eine »Freie Werkstatt« an, Reifen liegen auf dem Hof, alte ­Karosserien stehen dort. Das Haus wirkt verlassen. Ein blühender Holunderbusch verdeckt die graue Fassade. Ein junger Mann mit Rucksack kommt die Dorfstraße herunter. Er will ein paar Minuten für mich erübrigen. Es sei »dieser DDR-Charme«, der ihn immer wieder in die Gegend ziehe, sagt er und deutet auf die grauen Fassaden. Er habe vor dem Mauerfall schon Verwandte hier besucht. Dass es nach fast 30 Jahren noch genauso aussieht, scheint ihn nicht zu stören.
Er komme vom Flugplatzgelände – von »einer Konferenz für Frieden«. Protest durch Nacktsein, ob ich davon schon mal gehört habe. »Entfernt«, gestehe ich mein Fast-Nichtwissen. »Egal«, meint er. Ob es hier irgendwo einen Kaffee gebe, will er wissen. Ich zucke mit den Schultern. In Mirow vielleicht? Ja, dorthin gehe er gerade – zum Zug. Ehe er sich weiter auf seine Wander­kilometer begibt, frage ich ihn, ob er die Geschichte des Orts kenne, von dem er gerade kommt. »Luftwaffenstützpunkt? Rote Armee?« Ja, aber es sei doch egal. Der Charme morbider Orte sei das, was ihn reize.
Wie wirkt der Geist eines »morbiden Orts«, wenn ich mich ihm ohne Geschichts­bewusstsein nähere? Was ändert sich, wenn ich mir seiner Geschichte gewahr werde?
Ich bekomme meinen Kaffee in der alten Bürobaracke am Rand des Flugfelds, wo ein Hamburger und ein Hiesiger ein Museum eingerichtet haben. Während der Hamburger den Wasserkocher in Gang setzt, erzählt er, wie es dazu gekommen ist: Er sei Betriebsingenieur bei Lufthansa gewesen, habe schon immer alte Technik gesammelt. Durch die Wende konnte er den Traum verwirklichen, diese auszustellen. Er wusste aus der Literatur und von Leuten, die während des Zweiten Weltkriegs hier stationiert waren, was sich »hier mal abgespielt« habe.
Ursprünglich war Lärz nur von Feldern umgeben. Als im Ersten Weltkrieg die Fliegerei losging, suchte man eine abgelegene Gegend zur technischen Erprobung. 1918 sei Schluss gewesen, Lärz wurde wieder ein reines Bauerndorf. In den 1920er Jahren besannen sich Militärs während der geheimen – nach dem Versailler Vertrag verbotenen – Aufrüstung auf Lärz. Eine Erprobungsstelle der Reichsluftfahrtindustrie wurde errichtet, 1935 – mit Gründung der Luftwaffe – kamen Testpiloten. Weil die Gegend auch zum Bombenabwurfgelände wurde, sei sie noch heute »eisenhaltig«.
Im Nationalsozialismus bekam Lärz eine befestigte Start- und Landebahn. Als die Amerikaner 1945 Lärz bombardierten, verfehlten sie das Betonband; es wird noch heute genutzt. Die Russen hätten »eine ausgestorbene Anlage« vorgefunden, erzählt der Hamburger, während er die zweite Tasse Kaffee aufbrüht. Zeitweise waren hier bis zu 2000 Soldaten stationiert. Das Jagdbombergeschwader der Sowjet- und späteren GUS-Armee zog erst 1993 ab. Die kleine russische Siedlung wurde abgerissen.
Wenn ich das Gewesene nur umwandeln (transformieren) kann, indem ich es in mich aufnehme (integriere) und darüber hinausgehe (transzendiere) – was wäre dann die angemessene Haltung, um mich diesem Ort (jedem Ort) zu nähern?
Ich gehe zum Dorf zurück. In der Kirche ist immer noch niemand. Der Pfarrer – so erfahre ich später – ist pilgern. Das einstige Pfarrhaus wurde zur Ferienwohnung. Nur das Backhaus daneben gehört noch der Kirche. Wenn dort gebacken wird, dann wird das Brot vom Förderverein für den Kirchenerhalt gegen Spenden abgegeben.
Vorsitzender des Fördervereins ist der Bürgermeister. Ihn habe ich auf dem Handy erreicht. Er ist Busfahrer und hat lebendige Erinnerungen an die Zeit, als »die Russen« im Dorf waren – etwa, wie der Schulbus so manchen Heimweg erleichterte und wie die Einheimischen heimlich im »Magazin« (abgeleitet vom russischen Wort für »­Laden«) einkauften. Und wie nach der Wende bedauert wurde, dass die im Volksmund »Lärz II« genannte Soldatensiedlung abgerissen wurde. Einige Flächen wurden nach der Wende rückübertragen, an die Nachfahren derer, die – teils schon im Ersten Weltkrieg – zwangsenteignet worden waren. So ist ein Teil des einstigen Militärflugplatzes heute wieder Acker, Wiese, Wald.
Wenn das Gegenwärtige nur auf dem ­Sediment des Gewesenen wachsen und das Zukünftige nur aus dem Gegenwärtigen hervorgehen kann, wo sind dann die Durchstiegspunkte in neue Qualitäten des Mit­einanders?
Der Bürgermeister kutschiert viele Festival-Besucher hinaus aufs »Fusion-­Gelände«. So nennen die meisten hier jene Fläche, die der Verein Kulturkosmos Müritz gekauft hat. Als die ersten Fusion-Leute auftauchten, habe im Dorf die Gerüchteküche gebrodelt, erzählt der Bürgermeister. Von Drogen und Technoparty sei die Rede gewesen. Blechlawinen schoben sich durchs Dorf, Hunde blieben zurück, Sorge vor »Krawallen mit Links­extremen« machte sich breit. Inzwischen haben Verein und Gemeinde Wege miteinander gefunden. Die Hangars – erst in den 1970er Jahren erbaut – werden von den Musikern genutzt, um den Lärm zu reduzieren. Der Verein lud die Dorfbewohner zu Tagen der offenen Tür ein. Das Gelände ist inzwischen auch über eine Bundesstraße zu erreichen, was die denkmal­geschützte Dorfstraße entlastet.
Durch Festivals wie die Fusion und das Theater-Treffen »at.tension« würden immer mehr Leute auf die Region aufmerksam, sagt der Bürgermeister. Er hatte in seinem Bus schon Passagiere aus Brasilien, aus Argen­tinien, von den Philippinen. ­Manche bleiben länger, als ein Festival dauert. Der Tourismus sei inzwischen – neben der Landwirtschaft – das zweite Standbein der Region. Er sei dankbar für die Idee, Festivals auf dem weitläufigen Gelände zu organisieren. »Hier kann jeder machen, was er will«, antwortet der Bürgermeister auf meine Abschiedsfrage, warum er sein Dorf liebe. \ \ \


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www.kulturkosmos.de