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Die Kraft der jungen Menschen

Eine Suche nach Räumen, in denen sich verschiedene Generationen mit ihren ­jeweiligen Qualitäten ergänzen.

von Matthias Fellner , erschienen in 44/2017

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© Foto: move-utopia.de

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Besonders wohl fühle ich mich nicht. »Wie möchte ich lieben?« Diese Frage soll ich einer mir unbekannten jungen Frau am Vormittag des zweiten Tags beim Zusammentreffen Move Utopia beantworten. Ich bin noch nicht ganz ausgeschlafen und hatte eher erwartet, dass bei dem sogenannten Morgenimpuls mit fast tausend anwesenden Leuten über Themen wie »Schenkökonomie« oder »Degrowth« diskutiert wird oder dass wir den vorherigen Tag in Kleingruppen reflektieren. Stattdessen ermutigen uns zwei junge Veranstalterinnen, uns in Kreisen auf der großen Wiese aufzustellen und dem zufälligen Gegenüber sehr persönliche Fragen zu beantworten. Für mich ist es ungewohnt, einer fremden Person etwas so Intimes zu erzählen – und ich glaube, dass ich nicht der einzige bin, den dieser morgendliche Austausch innerlich aufwühlt.
Gehören Übungen wie diese Fragerunde vielleicht zu den Reak­tionen der jungen Generation auf eine Gesellschaft, in der Gefühle wenig geäußert werden? Ich frage Luisa Kleine, was sie als Mitveranstaltende bewegt hat: »In der Vorbereitungsgruppe gab es sehr unterschiedliche Ansprüche an die Morgenimpulse, zum Beispiel dass wir zu Podiumsdiskussionen über Umsonstökonomie, Meditation oder Körperübungen einladen sollten. Die Vorschläge waren so divers wie die Bewegungen, die Move Utopia mitgestalten. Diese Vielfalt wollten wir sichtbar werden lassen, auch wenn wir uns bewusst waren, einige Leute damit herauszufordern. Wir haben uns gefragt, wie wir Menschen, die sich am liebsten nur auf inhaltlicher Ebene begegnen, mit solchen zusammenbringen könnten, für die die Begegnung auf der emotionalen Ebene elementar ist.«
Sind es eher Jüngere als ich mit meinen gerade vierzig Jahren, für die das Teilen von Gefühlen so bedeutend ist? Sogenannte Warm-Ups oder Energizer – kurze, spielerische Aufwärmübungen, in denen man seine Rolle ablegt – oder Reflexionsrunden über das eigene Wohlbefinden sind mir immer wieder auf Seminaren mit jüngeren Menschen begegnet. Auf von Älteren organisierten Veranstaltungen habe ich eher rational-analytische Diskussionen erlebt, wobei die eigenen Bedürfnisse oder Gefühle kaum geäußert werden. Als Angehörige der Nachkriegsgeneration sind meine Eltern unter harten Bedingungen aufgewachsen, und das Äußern von Traurigkeit, Schmerz oder Zuneigung war kaum Bestandteil ihrer Sozialisation. Margarethe und Alexander Mitscherlich stellten 1971 in ihrem von der Psychoanalyse beeinflussten Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« die These auf, dass die Nachkriegsgeneration ihre Gefühle nur schwierig ausdrücken kann, da sie nicht in der Lage war, die schmerzvollen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs emotional aufzuarbeiten. Zu ähn­lichen Schlüssen kommt auch der 2004 erschienene Bestseller »Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen« der Journalistin Sabine Bode.

Wie begegnen sich jüngere und ältere Menschen?
Seit längerem bewegt mich die Frage, wie Orte und Räume gestaltet sein müssten, damit sich verschieden sozialisierte Menschen unterschiedlicher Generationen offen und herzlich begegnen und sich mit ihren jeweiligen Stärken unterstützen können. Dazu hoffte ich, auf dem Move-Utopia-Treffen mit jungen Menschen, die zu einer empathischen Kultur beitragen wollen, ins Gespräch zu kommen.
Ein paar Wochen zuvor hatten Rosa Lotte Wellendorf und Paul Weihe im Garten von Klein Jasedow mitgearbeitet. Die beiden besuchen über einen langen Zeitraum hinweg verschiedene Gemeinschaften in Deutschland. Vor ihrer Abreise haben sie in der Aufbauphase des Berliner Netzwerks für Foodsharing und beim Humus-Festival (siehe Seite 55) mitgewirkt. »So wie wir es erleben, haben in der heutigen Zeit viele Menschen in unserem Umfeld den Mut und das Selbstbewusstsein, sich aus vorhandenen Strukturen zu lösen«, berichteten die beiden beim Jäten. »Sie können sich besonders gut vernetzen und Synergie-Effekte erzeugen. Ob jung oder alt, ist dabei zweitrangig. Gerade lassen wir uns von Orten inspirieren, wo seit Jahren neue Formen von Zusammenleben ausprobiert werden, und versuchen, dort möglichst viel zu lernen.« Rosa und Paul inte­grieren sich scheinbar mühelos in bestehende Zusammenhänge. Sie sind als Lernende unterwegs, und auch ich lerne von ihren wertvollen Eindrücken aus anderen Gemeinschaften.
Als junger Aktivist hatte ich große Schwierigkeiten gehabt, mich in mein damaliges Betätigungsfeld einzubringen. ­Einige Jahre war ich in der Anti-Kohlekraftwerk-Bewegung aktiv und habe erfahren, wie wenig offen die großen Umweltschutzorganisationen gegenüber neuen Ideen oder partizipativen Methoden waren. Die Interaktion mit anderen Aktivisten über Social-Media-Kanäle oder Großgruppenmoderation wie »Open Space« war damals noch recht neu; beides wurde tendenziell als Affront gegen die bestehenden Strukturen wahrgenommen und nur selten als kon­struktiver Verbesserungsvorschlag. Hat sich in den letzten zehn Jahren in den sozialen Bewegungen etwas geändert?
Angekommen bei Move Utopia, bestätigt Luisa Kleine mein damaliges Gefühl. »Das kenne ich gut«, meint sie. »Oft verdrehen die älteren Anwesenden die Augen, wenn ich bei einem Koordina­tionstreffen etwas vorschlage. Dann wird mir von Alteingesessenen Naivität oder Unreife vorgeworfen.« Auch Oya-Redakteurin Leonie Sontheimer äußert sich kritisch: »Mich nervt es, wenn unsere Generation als unpolitisch dargestellt wird. Statt von uns zu erwarten, dass wir auf die Straße gehen, während in den Chefetagen weiter Politik gemacht wird, sollten die alten, weißen Männer lieber ihre Plätze für uns räumen.« Es scheint auch heute für viele Jüngere noch schwer zu sein, sich mit ihren Fähigkeiten gesellschaftlich einzubringen. Genauso erfahren aber auch Menschen in höherem Alter Ausgrenzung in von jüngeren geprägten Zusammenhängen, wie Beate-­Maria Frege auf Seite 54 verdeutlicht.
Grenzen zwischen unterschiedlichen Generationen und die mangelnde Wertschätzung altersspezifischer Fähigkeiten sind eine Erfahrung, die junge und alte Menschen offenbar teilen, und das ist nicht verwunderlich: Jugendliche werden in der Universität auf Leistung getrimmt. Von Älteren wird im Berufsleben ein möglichst junges Aussehen erwartet, und die Werbung propagiert ein Ideal der ewigen Jugend. Kinder müssen schnell erwachsen werden und Erwachsene ewig jung bleiben. Die Qualitäten des jeweiligen Alters werden übersehen oder gehen im ständigen Leistungsdruck unter. Es mangelt an Orten, wo sich unterschiedliche Generationen austauschen könnten. Kindergarten, Schule, Universität oder das Altenheim sind geprägt von Begegnungen mit Gleichaltrigen.

Auf der Suche nach Generationen-Qualitäten
In verschiedenen Oya-Ausgaben haben wir erforscht, wie in der heutigen Zeit sogenanntes altes Wissen – sei es indigenes Verständnis von Gemeinschaftsbildung, traditionelles Handwerk oder Wildniswissen – erhalten werden kann. In Büchern zu Initiationsritualen, zur Tradition des Medizinrads oder zum Umgang mit Ältesten in indigenen Kulturen werden oft die Qualität der Ältesten und ihre gesellschaftliche Bedeutung beschrieben. Diese ist für mich emotional gut greifbar – anders als die Qualität der Jungen, auch wenn seit der Ausgabe »Welterben« im Frühjahr 2012 immer wieder junge Menschen für Oya schreiben. Zur heutigen Jugend existieren unzählige Beschreibungen in Büchern und jede Menge Marktforschungen. Die Jugend wird zwar ausgiebig analysiert, doch es wird nicht danach gesucht, was ein komplementärer Part zur Ältesten-Qualität sein könnte. Können in unserer krisenhaften Zeit bestimmte Impulse nur von einer neuen Generation kommen? Was können Jugendliche, das ­Erwachsene verlernt haben oder nicht mehr lernen wollen?
Am dritten Tag des Move Utopia tröpfelt der Regen auf das weiße Oya-Zelt. Leonie Sontheimer und ich beginnen mit Luisa Kleine, Rosina Klotz und Philip Engelbutzeder – alle vier Anfang bis Mitte zwanzig – eine spontane Erkundung von Jugendqualitäten. Mit Luisa als Move-Utopia-Mitorganisatorin hatte ich bereits am Vortag gesprochen; Rosina und Philip, den hier alle wegen seines Nachnamens »Butze« nennen, reisen den Sommer über von Festival zu Festival. Wir essen Schokolade und rauchen selbstgedrehte Zigaretten. Christine Blome, in interkulturellen Kontexten als Moderatorin und Prozessbegleiterin unterwegs und in meiner Generation, stößt später zufällig zur Runde hinzu.

Rosina Ich kann die Welt als einen Spielplatz begreifen, den ich mitgestalten kann und auf dem ich die Möglichkeit habe, mich selbst zu erfahren. Die intime Begegnung bei der Frage »Wie möchte ich lieben?« des gestrigen Morgenimpulses ist ein schönes Beispiel dafür. Sich in solche Situationen zu begeben, verlangt auch eine gewisse Risikobereitschaft – das sehe ich als eine Qualität vor allem von jungen Menschen. Ich stecke zum Beispiel in viel weniger Zwängen und Verpflichtungen als ältere Mitmenschen, habe keine Karriere, die ich gefährden könnte, kein Haus, das ich abbezahlen müsste. Da ist die Flexibilität, die eigene Identität zu erforschen oder das intensive und schnelle Leben; das ist den vorherigen Generatio­nen eventuell gar nicht möglich gewesen. Manchmal habe ich das Gefühl, mit meinen Träumen und meiner Lebensweise belächelt und nicht ganz ernstgenommen zu werden.
Luisa Eine Weile lang habe ich in einem anarchistischen Projekt in Kopenhagen gelebt. Dort haben wir in zwei Tagen Partys für über 500 Leute organisiert. In einem anderen Kontext mit älteren Menschen hat der gleiche Prozess für eine Feier mit 50 Menschen Monate gedauert. Ich habe in Kopenhagen aber auch mitbekommen, wie euphorisch Ideen an einem Tag eingebracht wurden, von denen am nächsten Tag keine Rede mehr war. Diese krasse Dynamik hat es möglich gemacht, schnell und kreativ auf Ereignisse zu reagieren und mit viel Energie Dinge einfach zu tun, ohne viel darüber nachzudenken. Es brachte aber auch mit sich, dass zum einen viele Projekte angefangen herumstanden oder auch vieles völlig schiefgegangen ist. Das war dann aber auch in Ordnung. Wir konnten die Unvollkommenheit und das Scheitern sehr gut aushalten, weil wir daraus immer etwas lernen konnten.
Butze Ich glaube, das Problem unserer Generation ist nicht die Multioptionalität, von der so oft die Rede ist, sondern der Mangel an Sinnhaftigkeit. Wir können im logisch-rationalen Denken keine Sinnfragen lösen. Wir müssen experimentieren, um zu erfahren, ob eine bestimmte Entscheidung die richtige ist.
Christine Ich glaube, es greift zu kurz, wenn wir die Diskussion auf die beiden Pole »jung und alt« beschränken. Ähnliche Zwiespalte gibt es zum Beispiel auch bei »männlich und weiblich« oder »ländlich und urban« – auch da lassen sich verschiedene Qualitäten herausarbeiten.
Butze Die Frage ist, wie wir unsere Beziehungen gestalten. Es kommt darauf an, ob wir Gemeinschaft oder Erwartungshaltungen fördern, ob wir teilen, und damit »den Anderen wagen«, diesen sehen, diesem geben, von diesem empfangen, ihn in seiner Existenz bestätigen und gleichzeitig Selbstbestimmung fördern. Oder ob wir tauschen – also eine Gegenleistung erwarten –, ob wir aufgeben statt zu geben, ob wir nur helfen, wenn im Gegenzug uns geholfen wird, und ob wir ausschließen und Fremdbestimmung fördern.
Christine Ja, es kommt mir wichtig vor, die Erwartungshaltungen voreinander loszulassen. Hier im Oya-Zelt erlebe ich deutlich die Qualität eines gemeinsamen Raums, in dem Verbindung, Emergenz und vielleicht auch ein bisschen Magie möglich sind. Alle sind neugierig aufeinander, es gibt kein »Hinsteuern zum Ziel«, sondern ein Fließen. Vielleicht erleben wir hier »Anfängergeist«, wie er im Zen-Buddhismus gelehrt wird – kann das eine altersunabhängige ­Jugendqualität sein? Lässt sich das auch im Alltag leben? Können wir uns gelöst von unseren Konditionierungs- und Bewertungsmustern begegnen? Wie würde diese Form des Zusammenseins aussehen, und was können wir jeweils dazu beitragen?

Letztlich scheint es darum zu gehen, mit welcher inneren Haltung Menschen zusammentreffen: Sind die Wortgewandten bereit, denjenigen Raum zu lassen, die sich weniger selbstbewusst ausdrücken? Kann ein Mensch mit langjähriger Erfahrung in all seiner Stärke auftreten, ohne dass Jüngere gleich verstummen? Wann fühlen sich ältere Menschen eingeladen, ihr Wissen und auch ihre Verletzlichkeit einzubringen?
Unsere Runde wirft in mir immer neue Fragen auf. Die Menschen, die in der Nachkriegszeit aufgewachsen sind, fehlten darin. Hätten sie eine andere Färbung in unsere in vielerlei Hinsicht recht homogene Gruppe im Oya-Zelt eingebracht? Hätten wir in deren Anwesenheit auch entspannt Schokolade gegessen und wären ohne einen klaren roten Faden von einem Thema zum anderen gesprungen?
Vielleicht hätten wir erst einmal schweigen sollen, um auf dem wuseligen Move Utopia zur Ruhe zu kommen. Ich erinnere mich an die Oya-Redaktionsrunde des Vortags, in der Johannes Heimrath die Frage eingebracht hatte, inwieweit sich die vielen jungen Menschen hier bewusst machten, an welchem Ort sie sich befinden. Hat das Bewusstsein für die Geschichte, für die der ehemalige Militärflugplatz steht, Einfluss auf die Tiefe unserer Begegnung? Wie wären wir damit umgegangen, wenn jemand aus einem völlig anderen gesellschaftlichen Kontext zu unserer Runde hinzugestoßen wäre?
Mit diesen Fragen fühle ich mich noch sehr am Anfang einer Diskussion darüber, wie sich Jung und Alt ermutigend begegnen können. Ich habe aber ein paar Gleichgesinnte getroffen, mit denen ich dazu weiterforschen möchte – nicht mit einem klaren Ziel, sondern gerne verspielt, ergebnisoffen und mit Anfängergeist auf einer gemeinsamen Suche an verschiedenen inspi­rierenden Orten. Dabei kann ich mir gut auch intime Reflexionsrunden vorstellen. Vielleicht kann ich dann Fragen wie »Wie möchte ich lieben?« etwas selbstverständ­licher beanworten. Es wäre schön, wenn uns auch ältere Menschen auf dieser Reise begleiteten – Menschen, die eine ähnliche Sehnsucht haben wie wir, sich mit ihren ganz eigenen Qualitäten einzubringen. \ \ \


Mitdenken willkommen
Wer hat selbst ähnliche oder ganz andere ­Erfahrungen mit dem Zusammensein von Jung und Alt oder der Qualität von gemeinsamen Räumen gemacht? Wir freuen uns über Zuschriften an mitdenken@oya-online.de.