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Autorität und Macht

Reflexionen über die Kunst, vertrauensvoll mit unterschiedlichen Kräften und aus erfahrener Ohnmacht entstandenen Verletzungen umzugehen.

von Andrea Vetter , Lara Mallien , erschienen in 44/2017

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© Foto: format

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Es ist Bauwoche im Ökodorf Sieben Linden. Morgens trifft sich der Kreis der Freiwilligen, Aufgaben werden verteilt. Noch vor dem ersten Handgriff werden alle in der Runde ermutigt, im Lauf des Tags für sich selbst einzustehen, wenn ihnen etwas nicht gefällt oder wenn sie – trotz weniger Erfahrung – meinen, eine bessere Idee als die anleitenden Fachleute zu haben. Abends, nach getanem Tagwerk, versammeln sich alle wieder in der Runde, und jede und jeder kann sagen, was ihr oder ihm heute nicht gepasst oder auch gut gefallen hat. »Es entstand ein geschützter Raum, um sich angstfrei auszutauschen«, so schildert es Jule Amtenbrink, Ingenieurstuden­tin für erneuerbare Energien aus Karlsruhe. Auf der Suche nach Möglichkeiten, eine wachstumsbefreite Gesellschaft mitzuschaffen, war sie schon bei diversen Bauprojekten, die viel Handarbeit im Umgang mit Naturmaterialien erfordern, dabei.
Morgens und abends Austausch über Gefühle, dazwischen harte Arbeit mit klaren Kompetenzhierarchien, die aber in Frage gestellt werden dürfen – ist das ein Weg, um die Frage nach ­Hierarchien, Autorität und Augenhöhe in selbstorganisierten ­Projekten zu beantworten?
Macht und Autorität sind in Gruppenprozessen stets heikle Themen. Viele scheitern – manchmal, weil diesen Aspekten kein Raum, manchmal, weil ihnen zu viel Raum gegeben wurde. Gruppen, die nicht zu einer Institution gehören und in denen Menschen sich als gleichrangige Partnerinnen und Partner selbst organisieren wollen, haben oft die Freiheit von jeglicher Hierarchie als höchstes Ziel. Andere diskutieren ausgiebig die Qualitäten von »Führung« – oft wird das englische »Leadership« verwendet – und sind davon überzeugt, dass auch für gemeinschaftliche Prozesse gewisse Führungsrollen nötig sind.
Benjamin Bettinger, Bildungsaktivist und Student der Pädagogik aus Bochum, ist skeptisch: »Ich bin überzeugt, dass niemand für jemand anderen entscheiden und handeln kann. Werden Entscheidungen von allen Betroffenen gefällt, sind sie immer besser, als wenn sie delegiert werden. Alle Möglichkeiten liegen nur dann auf dem Tisch, wenn alle ihre eigene Position einbringen können. Alles andere ist eine Verkürzung.« Doch in Bauprojekten ist das oft schwierig, darauf weist Jule hin: »Menschen haben sich über viele Jahre einen Wissensvorsprung angeeignet, und es wäre in der Praxis weder machbar noch wünschenswert, jede Entscheidung zu ­diskutieren.«

Macht über jemanden oder etwas:
Verletzungen aus hierarchischen Systemen

Wir – Benni, Jule, Lara und Andrea – sitzen zu viert an einem Tisch im Oya-Ritterzelt beim Zusammentreffen Move Utopia und denken über die Runde am Tag zuvor nach. Unter einem Sonnensegel hatten sich gut 30 Menschen zwei Stunden lang intensiv über Autorität ausgetauscht. Das Gespräch selbst war ein autoritäts­kritisches Laboratorium über das Zu-Wort-Kommen in großen wie kleinen Runden gewesen: Warum haben vor allem Männer das Selbstbewusstsein, langsam und mit Pausen zu sprechen, so dass es möglich ist, ihnen gut zuzuhören? Warum trauen sich manche Menschen nicht, ihre Stimme zu erheben, fühlen ihren Beitrag weniger wichtig? Warum empfinden manche Menschen, die sich mit kräftiger Stimme ausdrucksstark äußern können, diese Fähigkeit auch als belastend, sich selbst als »zu viel« – als eine Zumutung für ihre Mitmenschen? Wie können in solchen Runden auch Schmerz und Tränen gezeigt werden?
Johannes Heimrath Ich spüre die verletzte Seite in unserer Runde. Die Zeit meiner Kindheit und Jugend in den 1950er und 60er Jahren war noch ganz von autoritärem Verhalten geprägt; das Obrigkeitsdenken hat tief in die Familien hineingewirkt. Meine Generation musste die dadurch erlittenen Verletzungen erst anzunehmen lernen, bevor ans Heilen gedacht werden konnte. Vielen ist das nicht gelungen, und einige haben ihr Heil in der Gegengewalt gesucht. Nicht geheilte Verletzungen verzerren unsere Wahrnehmung voneinander. Sie entstehen durch eine externe Autorität, die Macht über einen hat, und dem daraus erwachsenden Empfinden von Ohnmacht.

Benjamin Bettinger Meine politische Sozialisation hat in der Uni angefangen. Ich saß dort in Gremien mit Professoren, die die Mehrheit hatten und meinten, sie seien in jedem Fall klüger als ich mit meinen 22 Jahren. Es wurden Entscheidungen gefällt, die ich falsch fand, und so habe ich Autorität und Macht zu hassen gelernt. Ein Jahr später arbeitete ich selbst in einer AStA-Gruppe, dem Organ der studentischen Selbstverwaltung, und habe die Anführerrolle zu lieben gelernt. Ich habe es gemocht, vor 3000 Menschen zu reden oder auf dem Flur Menschen zu bearbeiten, damit sie meine Meinung mitvertreten. Da ging es um jene Art von Macht und Autorität, Menschen gut überzeugen zu können. In meiner Utopie soll das nie wieder passieren. Ich möchte auch keine natürlichen Autoritäten, keine Menschen, die mehr zu bestimmen haben als andere.
Jule Amtenbrink Ich habe in meinem Leben häufig die Erfahrung gemacht, dass mir Autorität zugeschrieben wird. Mittlerweile habe ich enorm Angst davor. In verschiedenen Runden war oft ich es, die aufgestanden ist und etwas gesagt hat, dem dann alle zustimmen konnten. Das lief darauf hinaus, dass ich in den Mittelpunkt geriet und mir am Schluss vorgeworfen wurde, zu viel vorzugeben. Ich habe auch erlebt, dass es genügt, wenn ich da bin – schon denken andere Leute, sie seien jetzt nicht an der Reihe, aufzustehen und etwas zu sagen. Wenn ich in einer leitenden Funktion bin, dann versuche ich immer, Menschen zu ermächtigen, aber irgendetwas an mir erzeugt ein Gefälle – das ist für mich sehr schwierig und macht mich verletzlich. Es würde mich sehr beruhigen, wenn ich wüsste, dass die Leute um mich herum immer rechtzeitig melden würden: »So, jetzt ist gut, du hast genug gesagt.«

Verletzungen aus hierarchischen Systemen tragen letztlich alle mit sich herum. Selbst wer das Glück hatte, sich gegenüber den ­Eltern oder anderen Familienmitgliedern nicht als ohnmächtig erlebt zu haben, hat in der Schule oder in der Ausbildung doch darunter gelitten, dass Autoritäten Macht ausüben. Die Verletzung kann lediglich eine kleine Narbe sein oder aber eine immer wieder aufreißende Wunde hinterlassen haben, und je nachdem reagieren Menschen auch unterschiedlich, wenn es zum Beispiel um eine kontroverse gemeinschaftliche Entscheidungsfindung geht. Was will ich selbst? Welchen Stimmen schenke ich Vertrauen? Welche wecken in mir den Verdacht, dass jemand Macht »über« andere ausüben will? Wenn ich das wahrnehme – wie kann ich dies konstruktiv äußern? Wenn mir so eine Wahrnehmung mitgeteilt wird – wie kann ich gut mit ihr umgehen?

Autorität ausstrahlen: Bin ich zu viel?
Malo Vidal aus Leipzig ist Entwickler von und Lehrer für »Kontaktmeditation« sowie Leiter der »Erfahrungsräume«, wo ein geschützter Raum entstehen soll, der einen tiefen Austausch zwischen Menschen auf einer mehr als rationalen Ebene ermöglicht. Auch er war Teil der Runde unter dem Sonnensegel.

Malo Vidal Wenn dir Autorität aufgrund deines Auftretens und deiner Fähigkeiten zugeschrieben wird, ist es nicht einfach, damit umzugehen. Ich habe in verschiedenen Zusammenhängen mit der Zeit immer mehr Vertrauen von Menschen geschenkt bekommen, die gerne meine Sichtweise auf die Dinge hören. Das hat sich schön angefühlt, ist aber auch belastend. Alle erwarten in bestimmten Situationen, dass ich handle, und das setzt mich unter Druck. Oft habe ich das Gefühl: Ich kann eigentlich nur gehen. Wenn ich bleibe, wird mich die Gruppe, auch wenn ich es nicht will, als Motor und Orientierungsgeber in unserem Prozess wahrnehmen. Muss ich also verschwinden, damit die anderen aus ihrer vollen Kraft mitgestalten? In vielen Situationen habe ich das auch getan. Dieses Verhalten birgt aber auch die Gefahr, ein begonnenes Projekt im Stich zu lassen. Es ist schwierig, hier das richtige Verhältnis zu finden. Wie können wir es uns gegenseitig ermöglichen, in die innere Autorität zu kommen? Wie wäre es, wenn wir unsere innere Autorität voll ausgebildet hätten, bereit wären, zu führen und geführt zu werden?
Johannes Heimrath Selbstermächtigung – die Kraft, zu gestalten – ist womöglich nichts nur Individuelles, sondern speist sich auch aus einem kollektiven Raum. Sie drückt sich aber durch einzelne Personen aus, die etwas aussprechen oder tun, was für den gemeinschaftlichen Organismus wichtig ist. »­Person«, das kann man als per sonare verstehen – etwas »klingt durch dich hindurch«, das vielleicht wichtig oder wahr ist, und wenn du das aussprichst, sollte es dich nicht zu mehr machen, als du bist, nämlich ein tönendes Rohr. Nimmst du dich wichtig, weil es dir zuweilen gut gelingt, etwas kollektiv Bedeutungsvolles auszusprechen, wird alles verdorben, ebenso wie wenn dich die anderen deshalb auf einen Sockel stellen oder für einen Diktator halten. – Dann kannst du nur noch gehen.

Gibt es tatsächlich eine Begabung, etwas in Worte zu fassen, das sich gerade als Erkenntnis bei allen Beteiligten eines Prozesses anbahnt? Wenn ja, dann gäbe es als Gegenpol auch die Begabung des intensiven Zuhörens, wodurch sich die Erkenntnis womöglich erst in Herz und Bauch der Anwesenden vorbereiten und ausbreiten kann. Es kann sehr wirkmächtig sein, wenn eine Person still im Kreis sitzt und nur dem gemeinsamen Denkfeld lauscht. Oft gilt die Norm, dass sich in einen kollektiven, partizipativen Prozess alle Stimmen auf ähnliche Weise mit etwa der gleichen Redezeit einbringen mögen. Aber geht das nicht an der Wirklichkeit der unterschiedlichen Persönlichkeiten und Begabungen vorbei und hemmt die Kreativität, die möglich ist, wenn niemand die eigene Kraft und Begabung zurücknimmt? Die Grenze zwischen einem erfüllenden Spiel und einem anstrengenden Wettbewerb der Kräfte ist hauchfein und hat wohl unmittelbar damit zu tun, wer in einer Runde welche Verhaltensmuster und Verletzungen in Bezug auf die Themen Autorität und Macht mitbringt. Können Menschen »tönen­de Gefäße« sein, auch kraftvoll sprechen, ohne selbst damit zu stark den Raum zu besetzen und ohne gegen ihren Willen auf einen Sockel gestellt zu werden oder nur ablehnende, allergische Reaktionen zu erhalten? Letztlich liegt es in den Füßen der- und desjenigen, die und der auf den Sockel gehoben wurde, selbst wieder herunterzusteigen.

Der richtige Moment, Verantwortung abzugeben

Benjamin Bettinger Wir haben bei einer Aktion 2006 ein Gebäude an der Uni besetzt. Ein paar von uns hatten die Erfahrung gemacht, dass so etwas möglich ist. Wir haben die Jüngeren ermutigt: »Euch droht keine Gefahr.« Damit waren wir auf jeden Fall autoritär, haben die Leute mitgezogen, haben die Tür aufgetreten und gesagt: »Wir bleiben hier!« Zum Glück haben wir es auch geschafft, danach zurückzutreten und zu ­sagen: »Lasst uns die nächsten Schritte gemeinsam entscheiden.« Ich finde es wichtig, in solchen Situationen die Dominanz zu nutzen und zu sagen: »Trau dich, spring ins Wasser!« Danach gebe ich die Macht, die ich mir in so einer Situation angeeignet habe, wieder ab. Das wäre für mich die Idealvorstellung in Bezug auf das, was oft »natürliche Autorität« genannt wird. Wichtig scheint mir, dass Leute, die so etwas ausstrahlen und sich ihrer Fähigkeit, Türen zu öffnen, bewusst sind, nicht anschließend im Mittelpunkt stehen bleiben wollen.

Johannes Heimrath Was du »natürliche Autorität« nennst, bedeutet für mich, dass jemand in seinem Ursprung ankert. Das hat nichts mit Macht zu tun, sondern mit Verbundenheit, und die entwickelt sich als biografische Qualität über die Zeit hinweg. Ich erlebe, dass das oft missverstanden wird. Je näher ein Mensch zu dem heranwächst, als der sie oder er gemeint ist, umso klarer wird sie oder er für andere als kraftvolle Gestalterin oder kraftvoller Gestalter des je eigenen Lebens erkennbar – und das empfinden manche als einschüchternd, weil jene Menschen eben auch auf ihr Umfeld gestaltend einwirken. Sogar ihr Nichts-Tun wird manchmal als Affront empfunden. –Ich selbst habe die Begegnung mit solchen Menschen stets als ermutigende Herausforderung erfahren, meine eigenen Potenziale aus dem Bann eingebildeter Minderwertigkeit zu lösen und ihrer Entfaltung zu gleichwürdiger Größe nicht im Weg zu stehen.
Jule Amtenbrink Mir fällt dabei eine Situation während der Vorbereitungsarbeiten für Move Utopia hier auf dem Gelände in Lärz ein. Ich war viel mit Jörg, der für die Elektrik zuständig ist, unterwegs. Er gibt einem mit seinem Wissensvorsprung nicht das Gefühl, dass man ihm mit Fragen auf die Nerven geht, sondern er nimmt dich mit. Das passiert selten. Von seiner Selbstverständlichkeit im Umgang mit seiner Rolle als Wissender kann ich etwas lernen.

Wer Türen öffnen kann, übernimmt damit auch eine Verantwortung für die Menschen, die sie oder er hinter diese Tür führt. An dieser Stelle beginnt die große Kunst: Menschen nicht in eine ­Situation zu bringen, die ihnen alleine vielleicht nicht geheuer wäre, und sie dann dort zurückzulassen, sondern Stück für Stück vom eigenen Wissen und Können weiterzugeben, die anderen zu ermutigen, in ihre ganze Kraft zu gehen.

Autorin des eigenen Lebens werden
In dem Wort »Autorität« steckt die lateinische Wurzel auctor – es ließe sich deuten als »Urheberschaft über das eigene Leben ­haben«. In Anlehnung an Charles Dickens, der seiner Romanfigur Oliver Twist die Frage in den Mund legte, ob er sich einst als Held ­seines eigenen Lebens erwiesen haben oder ob jemand anderes diese Stelle einnehmen werde, kann sich jeder Mensch in jedem Augenblick fragen: Bin ich gerade Autorin, Autor meines eigenen Lebens? Und kann ich in diesem Sinn meine eigene Autorität als Gestaltungskraft entdecken und andere dazu ermutigen, wiederum Autorin und Autor des jeweils eigenen Lebens zu sein?
Diese Autorschaft lässt sich in einem angstfreien Raum gewinnen, in dem weder die eigene Kraft noch Unterdrückung durch andere zu befürchten sind – und das ist etwas anderes als autoritäres Verhalten. Es hat mit Verbundenheit und der Bereitschaft, sich beitragend einzubringen, und nicht etwa mit Egoismus, Willkür und Machtgefälle zu tun. \ \ \


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