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Die Idee war richtig

Die »Friedelpraxis« in Berlin verband Gesundheitsversorgung mit nicht-kommerziellem Wirtschaften – und scheiterte an den Hürden im Kopf.

von Anja Humburg , erschienen in 44/2017

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© Foto: friedelpraxis

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Vier Jahre lang behandelten Lisa Onnertz und Sabine Sakalautzky ihre ­Patientinnen und Patienten fast bedingungslos. Die Menschen kamen zu ihnen und legten ihre Anliegen in die Hände der beiden Heilpraktikerinnen. Die gaben ihnen osteopathische Behandlungen und praktizierten chinesische Medizin – so wollten sie eine bedarfsorientierte, ganzheitliche Therapie unabhängig vom Einkommen ermöglichen. Doch vor etwa einem Jahr, im Sommer 2016, erklärten sie den Versuch, eine nicht-kommerzielle Praxis zu betreiben, für gescheitert. »Wir tragen aber die Grundidee von einer ›Gesundheit für alle‹ nach wie vor in uns«, sagt Lisa Onnertz heute.
Ermutigt durch Menschen aus dem Kreis anderer nicht-kommerzieller Projekte, eröffneten Lisa und Sabine im Sommer 2012 die »Friedel­praxis« im Berliner Stadtteil Neukölln. Wer zu ihnen kam, wurde von den beiden Heilpraktikerinnen um einen festen, aber selbstgewählten monatlichen Betrag gebeten – unabhängig davon, ob ein regelmäßiger oder nur ein seltener Behandlungsbedarf bestand. Zwei Dutzend Menschen überwiesen auf diese Weise zwischen 5 und 120 Euro im Monat. Das machte zusammen ein Viertel der Praxiseinnahmen aus. Daneben gaben die beiden auch Behandlungen, die pro Sitzung über die Krankenkassen abgerechnet wurden. Fünf Menschen, die die Idee unterstützten, begleiteten die Entwicklung der Praxis; sie organisierten zum Beispiel Infotreffen für alle Teilhabenden und Inter­essierten und sie schufen den Raum für den Austausch der gemachten Erfahrungen. Dabei stellten sich Fragen wie: »Würden das politische Interesse und die Lust am Experiment eine breite, tragfähige Basis schaffen?« »Würden genügend ›Vereinbarungen‹ mit Beiträgen, die eine solidarische Umverteilung gewährleisteten, getroffen werden?« »Bleiben Begleitgruppe und Behandlerinnen überzeugt von der Idee und motiviert genug, diese praktisch umzusetzen?«
Diesen Versuch für eine festgelegte Zeit zu wagen – dazu bewog Lisa und Sabine die wiederkehrende Beobachtung, dass alternative Gesundheitsansätze kaum durch das öffentliche Krankenversicherungssystem getragen werden. Viele Leistungen müssen die Menschen dort selbst bezahlen. Die Beständigkeit der Therapie wird von der finanziellen Situation der Patientinnen und ­Patienten bestimmt; manch medizinisch benötigte Behandlung kommt aus Geldmangel gar nicht erst zustande.

Die Unbedingtheit des Geben und Nehmens 
Auf ihre Eingangsfragen können Lisa und Sabine heute Antworten geben. Bis auf die letzte beantworten sie alle mit »Nein«.
»Wir haben nicht aufgehört, weil das Geld nicht gereicht hat«, sagt Sabine. Der Grund war ein anderer. »Weder die Patien­ten noch wir haben es geschafft, ein behandlungs­unabhängiges Denken zu entwickeln. Wer zu uns kam, fragte sich: ›Bin ich oft genug dagewesen?‹ Wir ärgerten uns: ›Viermal zu uns kommen und dann nur zeh Euro geben – das ist echt wenig.‹« Sie opferten viel Zeit für den Dialog und stellten fest: »Wir stoßen immer wieder auf die Schwierigkeit, eine grundsätzlich veränderte Haltung zu entwickeln, die nur aus der alltäglichen Auseinandersetzung mit unseren Verhaftungen im kapitalistischen Denken entspringen kann.« Die Behandlungen sollten bei Bedarf stattfinden; stattdessen haben sich häufig regelmäßige Behandlungsrhythmen, unabhängig vom Bedarf, entwickelt. Die beiden Heilpraktikerinnen resümieren: »Wir wollten kein ›Charity‹-Projekt sein. Unsere Arbeit sollte nicht mit einer erhöhten Arbeitszeit und Verdiensteinbußen einhergehen. Wir wollten das unter anderem durch Spenden ab­federn. Das ist uns nicht gelungen.«
»Es entstand kein Fluss, der sich selbst weiterspeist«, erklärt Lisa. Statt eines Gleitens blieb das Gefühl, gegen einen Widerstand zu arbeiten. Die Friedelpraxis sei wie ein weiteres »Angebot im Markt« aufgenommen worden, das auf Skepsis stieß – außer bei Menschen, die sich bereits mit nicht-kommerziellem Wirtschaften und der Kritik an unserem Gesundheitssystem beschäftigt hatten. Wem gegenüber sollte die Solidarität gelten? Den beiden Frauen gegenüber? Denjenigen, die sich die Behandlung eigentlich nicht leisten können?
Die Dynamik der Friedelpraxis ist völlig anders, als sie etwa bei den Höfen solidari­scher Landwirtschaft zu beobachten ist, die zu Hunderten aus dem Boden sprießen. »Ich frage mich, ob Gesundheit ein gutes Metier für solche Experimente ist«, sagt Sabine. »Wenn die Krankheit geheilt ist, dann gehst du wieder. Essen musst du immer.« Auch bei den Solidarhöfen ist es nicht leicht, nicht in die Abokistenlogik zu verfallen und gegeneinander aufzurechnen. Gesundheit nicht länger als Abwesenheit von Krankheit zu verstehen, könnte auch für Solidar-Praxen Türen öffnen.
Heute bieten die beiden in ihrer Praxis eine breite Preisspanne an. Auch monatliche Geldbeträge sind nach wie vor möglich. »Ich erwähne das, wenn ich denke, dass es für die betreffende Person passt«, sagt Sabine. Aber das Politische schreibt sich die Praxis nicht mehr auf die Fahnen.
Schon 2009 hatten sich Sabine und Lisa in einer Gruppe von neun Menschen zusammengeschlossen. Unter dem Namen »Wukosania« wollten sie auf dem Projektehof Wukania in Biesenthal nördlich von Berlin ein nicht-kommerzielles, ganzheitliches Gesundheitszentrum aufbauen. Zwei Praxisräume sollten dort entstehen, der Austausch über gesundheitspolitische Themen ermöglicht werden. Aber dieses Vorhaben blieb in den Kinderschuhen stecken. Das Scheitern des solidarischen Modells für die Friedelpraxis erklärt sich Sabine so: »Wir haben es nicht geschafft, mit anderen Gruppen genügend in Austausch zu kommen, sondern fühlten uns vereinzelt.«
In dem Bedauern, das die beiden Frauen mir gegenüber äußern, klingen ein Innehalten und ein Vertrauengeben mit. Ich spüre als Zuhörende, dass in ihren Worten eine Kultur des Nicht-Wissens lebendig ist. Es erscheint fast aussichtslos, im Hier und Jetzt eine Ökonomie des Gebens leben zu wollen. In dieser Ausgangslage ist das Bewusstsein über das Nicht-Wissen-Können aber kein Ausdruck von Hilflosigkeit, sondern eine starke Kraft. Wer möchte mit den beiden in Kontakt treten? Wo wachsen ähnliche Ideen, eine nicht-kommerzielle Gesundheitsökonomie zu schaffen? Mir scheint es wichtig, solche Verbindungen sichtbar zu machen und zu begleiten! \ \ \


Mehr Fazit zur solidarischen Praxis
www.friedelpraxis.wordpress.com