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Das passt nicht ins Raster

Wenn deutlich wird, dass die bestehenden Rahmen­bedingungen das eigene Wirtschaften nicht unterstützen, ist es an der Zeit, diesen Rahmen zu erweitern, statt sich anzupassen oder zu scheitern.

von Johannes Arens , Katja-Bahini Mangold , Klemens Jakob , Lara Mallien , erschienen in 44/2017

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»Ich möchte etwas in die Welt bringen, weil ich es wichtig finde, weil es ein schöner, sinnvoller Beitrag sein kann.« »Ich will meine Fähigkeiten einsetzen; es macht mir Freude, das zu tun.«
Wer sich nicht aus Sachzwängen her­aus in ein unerfülltes Berufsleben stürzt, würde wohl in solchen Worten die Motivation für das eigene Tätigsein beschreiben. Sie könnte viele verschiedene Ausdrucksweisen finden, aber in der heutigen Realität trifft sie auf ein festes Raster. ­Tätigkeiten werden in Kategorien wie »Produkt«, »Dienstleistung«, »gemeinnütziges Engagement«, »Hausarbeit« oder »Hobby« gepresst. Die Frage, ob sich damit der Lebensunterhalt bestreiten lässt, muss darin ebenso beantwortet werden wie die nach den rechtlichen Rahmenbedingungen.
Es gibt Menschen und Projekte, die sich mühelos in die üblichen Bahnen einfügen. Hier jedoch soll die Aufmerksamkeit einmal auf dem liegen, was aus dem Raster herausfällt: zum Beispiel auf Vorhaben, die keinen nennenswerten finanziellen Ertrag versprechen und auch nicht leicht in ein gemeinnütziges Förderkonzept zu übertragen sind – und die dennoch jemand sinnvoll findet, der nicht anders kann, als sie in die Tat umzusetzen. Dieser Impuls ist so stark, dass etwas – konventionell betrachtet – Riskantes begonnen wird, dem zuliebe in der Folge oft aus sozialen, künstlerischen oder sonstigen Gründen wirtschaftlich »unvernünftige« Entscheidungen gefällt werden.
Wir könnten in dem verfallenen Pavillon im Park ein Café, einen inspirierenden, einladenden Ort eröffnen! Lasst uns eine Genossenschaft gründen und das Geld für die Renovierung zusammentragen! Nach ein paar Jahren, vielen Genossenschaftsanteilen, zusätzlichen Darlehen und unzähligen Stunden ehrenamtlicher ebenso wie bezahlter Arbeit ist tatsächlich ein wunderbarer Ort entstanden – aber es häufen sich Verluste an, und wer mit einem nüchternen betriebswirtschaftlichen Blick darauf schaut, rät: »Personalkosten senken, die Hälfte der Leute entlassen!« Das bringt Konflikte ins Projekt, und es droht zu scheitern.
Solche scheinbar unlösbaren Situatio­nen gibt es zuhauf. Die Beteiligten plagt dabei oft ein Gefühl des Ungenügens; sie bekommen Vorwürfe zu hören: »Ihr habt doch von betriebswirtschaftlichen Dingen keine Ahnung!« oder »Eine gute Sache erkennt man daran, dass sie finanziell funktioniert!« – Ist das wirklich so? Müssen Menschen sich minderwertig fühlen, wenn sie finanziell nicht erfolgreich sind? Oder wenn sie etwas beginnen, von dem sie noch nicht wissen, wie es ausgehen wird? Oder wenn sich in ihnen etwas sträubt, das eigene Tun überhaupt in eine Welt des Verkaufens und Kaufens zu übersetzen? Hier ist ein Wandel im Selbstbewusstsein nötig. Es könnte ein Zeichen von Gesundheit sein, wenn ich mit meiner Art des Wirtschaftens nicht in die vorgegebenen Raster passe. Es ist in Ordnung, wenn ich nicht an erster Stelle etwas verkaufen will, sondern etwas geben – wenn ich in der Logik der Gabe handle und das aufgrund verschiedenster Umstände nicht mit der Logik von Gewinn und Verlust zusammenpasst! Mit einem solchen Selbstbewusstsein lassen sich womöglich viel kreativere und vielfältigere Wirtschaftsweisen finden als die heute ­üblichen – vielleicht sind es neue recht­liche Strukturen, vielleicht sind es »Schlupf­löcher« oder krea­tive Interpretationen des vorhandenen Rechtssystems. Vielleicht entwickeln sich diese Wirtschaftsweisen aber auch jenseits von formellen Strukturen, sind fluide Zusammenschlüsse, die sich je nach Bedarf, Fähigkeit und Kontext verändern. Im Folgenden kommen Menschen zu Wort, die in diesem Feld auf der Suche sind. \ \ \

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© Foto: privat


Johannes Arens
Am Ende unseres Studiums hatten meine Freundin und ich – sie hatte klassisches Klavier studiert, ich Biologie – das Gefühl, etwas Wesentliches nicht gelernt zu haben: wie wir im Sinn einer enkeltauglichen Welt wirksam werden können. Wir beschlossen, ein Jahr lang zu Projekten zu reisen, die bereits viel bewegen. Das war so fruchtbar, dass wir diese Erfahrung auch anderen ermöglichen wollten.
Dieses Jahr sind zehn Menschen mit uns unterwegs. Wir nennen uns »ReiseUni«. Einer studiert gerade Kunst und legt ein Urlaubssemester ein, zwei sind aus ihrem bisherigen Berufsleben ausgestiegen, eine möchte ein Buch schreiben, ein anderer fragt sich, wie er politisch wirksam werden kann – alle haben verschiedene Hintergründe. Anfang des Jahres haben wir darüber gesprochen, was uns bewegt, und daraufhin Reiserouten entwickelt. Manche sind alleine, andere in Teams unterwegs. Nach dem Reisesommer werden wir die Winterzeit planen, in der wir über unsere Erfahrungen schreiben, aber auch etwas Praktisches umsetzen wollen, zum Beispiel für Hamburg so etwas aufbauen wie die Internetseite »Berlin im Wandel«, die viele spannende Initiativen in der Hauptstadt kartiert und vernetzt.
Unser Finanzkonzept besteht darin, möglichst viel geldfrei zu organisieren – trampen, kostenlose Übernachtungsangebote wahrnehmen, gegen Kost und Logis mitarbeiten. Solche Wege bringen uns in intensiven Kontakt mit Menschen. Aber ganz geldfrei geht es nicht, alle haben gewisse Lebenshaltungskosten. Um sie zu finanzieren, suchen wir individuelle Patinnen und Paten; sie sollen kleine Beträge an die Reisenden schicken. Noch funktioniert das informell von Mensch zu Mensch, wir brauchten bisher keine rechtliche Struktur. Ich bin hin und hergerissen, ob wir es dabei belassen sollten oder ob wir nicht doch einen Verein gründen, der auch Fördermittel beantragen könnte. Es gibt Stiftungen, die unsere Reise­Uni fördern könnten, aber dafür brauchen wir eine Struktur. Dafür würden wir einen Preis bezahlen: Wir müssten eine Buchhaltung führen, einen Vorstand wählen – es wäre nicht mehr so direkt. Ich möchte nicht, dass so ein Verein als Institution die Beziehungen zwischen denen, die das Geld verwalten, und denen, die davon etwas haben, beeinflusst.
Mir gefällt es, wenn Menschen sich gegenseitig auf direktem Weg ihr Auskommen ermöglichen. Da gibt es das Modell des »Centi-Grundeinkommens«. Wenn du von deinem Einkommen einigermaßen leben kannst, gibst du davon etwa zehn Prozent ab. Du teilst diesen Betrag in Portionen zu zehn Euro und gibst diese an Personen, zu denen du sagst: »Ich unterstütze euren Weg!« Es geht um die Geste, um das Gefühl, andere zu tragen und getragen zu werden. In unserer ReiseUni gibt es schon sechs Menschen, die ein Centi-Grundeinkommen bekommen. Ich hoffe, dass sich diese Idee ausbreitet. Solche Modelle brauchen keine Vereine. Ich denke, wir brauchen zwei parallele Welten: Einen Verein, um Fördergelder zu generieren, und ein Netzwerk, in dem von Mensch zu Mensch Grundeinkommen verteilt werden. Wir müssen aus dem konventionellen System etwas herausziehen, um neue Formen aufzubauen, und in diesen wünsche ich mir keine Hierarchien, sondern Freiwilligkeit und Vertrauen.
www.reiseuni.wordpress.com

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© Foto: privat


Klemens Jakob
Früher war ich überzeugt, dass ich mit dem Einbau von Fotovoltaik-Anlagen und ökologischen Heizungssystemen die Welt verbessern kann. Mit einem Partner zusammen habe ich 2008 dafür die Solera GmbH gegründet. Mir ging aber mit der Zeit der Glaube an den Sinn unserer Arbeit verloren, denn ich erlebte bei unseren Kunden immer wieder den psychologischen Rebound-Effekt: »Toll, wir haben CO2 gespart, jetzt können wir uns Fernreisen oder ein größeres Auto genehmigen.« Mir wurde bewusst, dass andere Technik allein keinen Wandel bringt, sondern nur ein anderer Lebensstil – und da muss ich bei mir selbst anfangen: Wie schaffe ich es, dass ich viel Zeit habe, mich um Subsistenz und Gemeinschaft zu kümmern und so wenige Ressourcen wie möglich zu verbrauchen? Das ist unmöglich, solange ich eine teure Miete bezahlen oder ein großes Haus unterhalten muss.
Also habe ich einen Bauplan für ein kleines Haus namens »Ownhome« entwickelt. Das erste, in das ich im nächsten Monat einziehen werde, wird gerade fertig. Es steht in der Nähe von Balingen auf dem Gelände eines alten Bauernhofs, in dem mein Sohn lebt. Daneben baue ich ein weiteres, in dem andere probewohnen können. Es hat eine Innenraumgrundfläche von nur drei mal sechs Metern, aber es ist an der höchsten Stelle viereinhalb Meter hoch, was ihm eine gewisse Großzügigkeit verleiht. Oben gibt es zum Schlafen noch eine Zwischenebene und davor ein Anlehngewächshaus. Es hat ein Pultdach mit einer Fotovoltaikanlage und einen autarken Wasserkreislauf, in dem das Grauwasser in eine Pflanzenkläranlage geht und anschließend entkeimt und gefiltert wird. Gerade tüfteln wir an der wasserrechtlichen Genehmigung. Die Materialkosten für Holz, Lehm, Kalk und die technischen Installationen kamen im Wesentlichen durch ein Crowdfunding zusammen. In Zukunft möchte ich andere dabei unterstützen, sich auch ein solches Häus zu bauen. Das Interesse ist groß, jeden Monat haben wir hier 20 bis 50 Besucherinnen und Besucher. Selbstverständlich stelle ich die Pläne ohne Lizenz frei zur Verfügung. Wer die Fachkompetenz hat, selbst zu bauen, braucht mich nicht. Aber in den wenigsten Fällen kennen sich die Leute sowohl mit Holz- und Lehmbau als auch mit Elektrik- oder Wasserinstallationen aus. Ich kann sie in allen Bereichen unterstützen. Es ist mein Wunsch, damit auch meinen Lebensunterhalt zu sichern, aber ich möchte keine festen Preise verlangen. Ich verkaufe nicht in erster Linie eine Dienstleistung, sondern möchte zu sinnvollem Wohnraum beitragen. Wer mehr Geld hat, kann mir hoffentlich etwas mehr für eine Beratung zahlen. Wer gar keines hat, bietet mir Kost und Logis, und wir organisieren gemeinsam Workshops auf der Baustelle, die ein wenig Geld einspielen, oder suchen Sponsoren. Mein Ideal ist, jeweils individuelle, für alle stimmige Weg zu finden und auch mit Gemeinden zusammenzuarbeiten, um Ownhome-Siedlungen für Menschen mit niedrigem Einkommen zu bauen. Am liebsten würde ich in einem kleinen Team ­arbeiten – ein Partner ist schon dabei, und es werden wohl weitere hinzukommen.
Aber welche Rechtsform sollen wir für so einen Weg wählen? Vor fünf Jahren war ich an der Gründung der Genossenschaft Bürger-Energie Zollernalb eG beteiligt. Es ging uns damals schon um ein gemeinschaftliches, gemeinwohlorientiertes Wirtschaften. Ich schrecke davor zurück, wieder diese Form zu wählen, weil wir dafür ­unter anderem einen Geschäftsplan für die nächsten fünf Jahre vorlegen müssten, um vom Genossenschaftsverband überhaupt genehmigt zu werden. Das ist in einem an Bedürfnissen und offenen Prozessen orientierten Wirtschaften nicht sinnvoll. Freilich könnte ich so tun, als hätte ich einen soliden Plan, aber ich habe keine Lust auf diese Spielchen. Wir müssten für solche Ansätze neue Rechtsformen erfinden.
www.ownworld.org

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© Foto: Martin Knott


Katja-Bahini Mangold
Wenn ich an mein eigenes Wirtschaften denke, kenne ich zwei unterschiedliche Zustände. Der eine ist die Fülle, das Genährt­sein. In der Gewissheit, von anderen getragen zu werden, kann ich geben und schenken. Das empfinde ich als einen rundherum gesunden Zustand.
Der andere ist ein Gefühl des Mangels. Das Urvertrauen verschwindet; ich bin eine individuelle Person, die sich ängstlich fragt, wie sie ihre Bedürfnisse erfüllen kann. Anstelle der Offenheit, zu empfangen, was zur Verfügung steht, entstehen sehr konkrete Bilder davon, was ich brauche. Das Mangel­gefühl empfinde ich zwar als ungesund, aber es erscheint mir sinnvoll, pragmatisch für meine Grundbedürfnisse zu sorgen.
Schon als ganz junge Frau habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich in einen inneren Konflikt geraten kann, wenn ich für Energie- und Körperarbeit Geld annehme. Ich begleite gerne Menschen in Einzelsitzungen aus meiner Intuition heraus. Es fühlt sich nicht stimmig an, wenn ich mich dafür bezahlen lasse, aber gleichzeitig sehe ich darin auch eine persönliche Begabung, sogar Berufung, der ich viel Raum und Fokus in meinem Leben einräumen möchte.
Gerade studiere ich Ökologische Agrar­wissenschaften in Witzenhausen und finan­ziere mich unter anderem, indem ich Seminare in Kontaktimprovisation sowie körperorientierte Frauenseminare gebe.
Es ist interessant, zu beobachten, dass ich mich anders verhalte, wenn ich in einem nicht-kommerziellen Rahmen etwas anbiete, als wenn ich eine Seminargebühr nehme – wo ich einen höheren Leistungsanspruch fühle. Letzteres hat positive Effekte: Ich richte mich innerlich auf, versuche mein Bestes zu geben. Es gibt aber auch negative: Ich achte unter Umständen nicht auf meine Grenzen und bin manchmal am Schluss wegen meiner Rolle als Dienstleisterin erschöpft.
Gelegentlich organisiere ich gemeinsam mit anderen Frauen Räume, in denen kein Geld fließt. Die Verantwortung für die Vorbereitung teilen wir untereinander. Dann fühle ich mich weniger herausgefordert, die gesamte Zeit über einen Fokus zu halten, sondern kann andere ins Gestalten kommen lassen. Auch die Aspekte in mir, die unsicher sind und erst zaghaft nach Ausdruck suchen, kommen zum Vorschein und werden von den anderen gestützt. So würde ich gerne in Zukunft noch viel mehr arbeiten. Ich frage mich, wie ich auch in solchen Situationen diese erhöhte Aufmerksamkeit und innere Aufrichtung, die sich in einem »offiziellen« Workshop einstellt, realisieren kann.
Soll ich aus der Kontaktimprovisation und der Körperarbeit einen Beruf werden lassen, noch eine Ausbildung in diesem Bereich absolvieren? Wie soll ich das, was ich tue, benennen? Der Rattenschwanz von Vermarktung und Abrechnung käme auf mich zu, wollte ich mich mit solcher Arbeit »selbständig machen«. Das lenkt vom eigentlichen Tun ab. Hätte ich ein bedingungsloses Grundeinkommen, würde ich meinen Alltag gerne so gestalten: Ich würde vielfältigen Tätigkeiten in der Natur nachgehen, beispielsweise Heilpflanzen sammeln oder mich in der Gemüse-Selbstversorgung im Kollektiv engagieren. Darüber hinaus würde ich meine Tanz- und Körperarbeit praktizieren und gemeinsam mit anderen Erfahrungsräume schaffen, um uns in einem unkommerziellen Kontext gemeinsam weiterzubilden und zu nähren.
mangold_ÄT_posteo.de