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Würdevolle Arbeit

Vom Wert der Selbstversorgung in der Friedenshof Kommunität

von Karsten Petersen , erschienen in 06/2011

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Die Friedenshof Gemeinschaft ist eng verbunden mit den französischen Arche-Gemeinschaften des Gandhi-Schülers Lanza del Vasto. Die Idee der Selbstversorgung ist hier kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug der inneren Entwicklung ihrer Mitglieder. Karsten Petersen erläutert die Wandlungen dieser Ursprungsidee anhand eigener Erfahrungen und begründet seinen Begriff der würdevollen Arbeit.

Im Jahr 1987 hatte ich meine erste Begegnung mit der Arche-Bewegung, die der Friedensbotschafter Lanza del Vastos in Frankreich ins Leben gerufen hatte. Gemeinsam mit meiner Freundin besuchte ich eine Einführungswoche in der Gemeinschaft »La Fleyssière« in Südfrankreich. Dieser Aufenthalt rief archaische Sehnsüchte in mir wach: die Sehnsucht nach einem Leben in Gemeinschaft, Einfachheit, Verbundenheit mit Himmel und Erde. Heimgekehrt nach Hannover, kamen in uns immer wieder die Bilder hoch vom abendlichen Gebet ums Feuer, vom großen Holzofen, in dem das Brot gebacken wurde, von der gemeinsamen Arbeit im Wald, vom Butterstampfen und Käsemachen, von der Eimerdusche und dem mit einer Kerze beleuchteten Plumpsklo. Zur Arche-Bewegung gehörten damals Gemeinschaften, die einen hohen Grad an Autarkie praktizierten. Ihr Geldbedarf war auf ein Minimum reduziert. Die Gemeinschaften versorgten ihre rund 90 Mitglieder nicht nur mit selbst hergestellten Lebensmitteln, sie verzichteten auch auf Maschinen, hatten keinen Strom- und Wasseranschluss und lebten in einsamen Gehöften am Rand der Welt. Ihre Verbindung zur Außenwelt wurde durch die Gäste und Freunde überall auf dem Globus sowie durch gewaltfreie Aktionen hergestellt. Vorbild für die Gemeinschaften war für den Gründer Lanza del Vasto (1906–1981) der Ashram von Mahatma Gandhi. Lanza hatte Gandhi 1936 kennengelernt und war von Indien mit dem inneren Auftrag zurückgekehrt, in das kriegszerstörte Europa Samen der Gewaltfreiheit zu streuen.
Zwei Jahre nach unserem Besuch in La Fleyssière schritten wir vom Traum zur Tat und gründeten zu viert eine Gemeinschaft in der Nähe von Hannover, die sich weitgehend am Konzept der Arche orientierte. Wir verzichteten allerdings zunächst darauf, uns offiziell als Arche-Gemeinschaft zu bezeichnen, da wir nicht an den Gemeinschaften in Frankreich gemessen werden wollten.

Dem System durch Arbeit widerstehen
Wir konnten der damals in der Gemeinschaftsszene verbreiteten Idealvorstellung von der Arche als weitgehend autarkem Projekt nicht entsprechen und waren uns auch nicht sicher, ob wir das wirklich wollten. Wir waren bereit, neben der Selbstversorgung auch mit Nebenjobs Geld zu verdienen. Wir waren bereit, Strom aus dem Netz zu beziehen und damit sogar eine Waschmaschine zu betreiben, um nicht von der Arbeitslast völlig erdrückt zu werden.
Vierzehn Jahre nach der Gründung wurde der Friedenshof, inzwischen auf neun Mitglieder angewachsen, schließlich doch noch ein anerkanntes »Arche-Gemeinschaftshaus«, obwohl sich unser Grad an Selbstversorgung nicht wesentlich erhöht hatte. Die entscheidenden Änderungen hatten in der Arche selbst stattgefunden. Sie war Ende der achtziger Jahre in eine Krise geraten. Es kam zu einer Erneuerungs-Debatte, die 2005 in ein neues Grundlagenpapier mündete, in dem die wirtschaftlich unabhängige Gemeinschaft nicht mehr als Voraussetzung für gewaltfreies Handeln gesehen wird.
War diese Wende nun ein Verrat an der eigenen Tradition? Von Tolstoi über Gandhi bis zu Lanza gibt es einen Zusammenhang zwischen den Ideen der Gewaltfreiheit und der Selbstversorgung. Bei genauerem Hinschauen zeigt sich allerdings, dass die Selbstversorgung nie ein eigenständiges Ziel war, sondern immer Mittel für einen größeren Zweck. Da ging es einerseits darum, dem ungerechten herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu widerstehen. Zum anderen wollte man einen Raum schaffen, in dem die durch das bestehende System deformierten Menschen mit Hilfe erfüllender Arbeit zum Aufbau einer menschlichen Gesellschaft befähigt werden. Das Spinnrad war für Gandhi einerseits Symbol des Aufbegehrens gegen den britischen Imperialismus und anderseits ein Mittel, um die indischen Dorfbewohner aus ihrer Lethargie zu holen. Wie sein großes Vorbild betont Lanza, dass es wichtiger sei, »die Menschen zu reformieren, statt die Gesetze« und dass eine in Liebe getane Arbeit das Tor zu dieser Selbstumgestaltung eröffne. »Der ausgewogene Wechsel von Feld- und Werkstattarbeit, von sitzender und schwerer Arbeit, von Gebet, Riten und Festen, Spiel und Gesang, Studien und geistigen Übungen […] gibt dem Menschen die Möglichkeit, sich zu entfalten und zu reifen.« Ein Vergleich von Gandhi und Lanza zeigt, dass sie in ihrer Vorstellung von »guter Arbeit« jeweils auf den Arbeits-Skandal ihrer Zeit reagierten: Gandhi auf den kolonialen Missbrauch und Lanza mit seiner Betonung des Handwerks und der Abwechslung auf die industrielle Fließbandarbeit.

Ein weniger erdrückendes Ideal
Der Erneuerungsprozess der Arche, der erfreulicherweise immer mehr zum Dauerzustand wird, hat inzwischen Früchte getragen: Zu den drei alten Gemeinschaften sind neue hinzugekommen, es gibt jede Menge junge Praktikantinnen und Praktikanten, und die Jugendcamps finden großen Zuspruch. Im Hinblick auf Selbstversorgung praktizieren die neuen Gemeinschaften einen pragmatischen Mix. Bei uns auf dem Friedenshof gibt es so viel Selbstversorgung, wie es die örtlichen und menschlichen Verhältnisse zulassen (z. B. Gemüse- und Obstanbau, Milchschafhaltung, Hühner, Vorratswirtschaft, Bauarbeiten), ein weiterer Teil des Bedarfs wird in Kooperation mit benachbarten Projekten gedeckt (Bio-Bäckerei und Bio-Gärtnerei), der Rest wird zugekauft. Dabei ermöglichen es der bescheidene Lebensstil und eine solidarische Ökonomie, mit erstaunlich wenig Geld auszukommen. Aber auch die alten Arche-Gemeinschaften haben sich verändert. So hat eine von ihnen den Getreideanbau mit Hilfe von Pferden eingestellt, eine andere hat sich für den Anschluss ans Stromnetz entschieden, und auch der Zukauf von Lebensmitteln ist kein Tabu mehr.
Für uns Friedenshöfler ist Selbstversorgung vor allem ein Mittel, um sinnvolle und heilsame Arbeit zu ermöglichen. Die unmittelbare Produktion für die eigenen Bedürfnisse bringt Sinn in unser Leben und hält die Gemeinschaft zusammen. Die Arbeit mit dem Boden, den Pflanzen, den Tieren, den Früchten, dem Brenn- und Bauholz, den Steinen und dem Lehm – all das erdet uns und unsere vielen jungen Gäste, die in der virtualisierten Welt immer weniger Berührung mit den Elementen haben.
Nach 19 Jahren Friedenshof und Arche sind meine Zweifel an dem Nutzen des Ideals Selbstversorgung größer denn je. Zu sehr wird es mit der Vorstellung von einer Autarkie gleichgesetzt, die uns befreien soll von den Zwängen und der Unmoral jener Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind. Aber das wird nicht gelingen. Ob wir es wollen oder nicht, wir bleiben Nutznießer und Opfer dieser Gesellschaft. So verdanken wir einige der für unser Projekt so wichtigen Qualifikationen dem staatlichen Bildungssystem, werden aber auch die Verletzungen und Traumata nicht los, die wir in dieser Gesellschaft erworben haben und die unser Gemeinschaftsleben nun so schwierig machen.
Aber auch auf einer weniger subtilen Ebene lassen wir uns auf Inkonsequenzen ein. Das kann die Nutzung eines staatlichen Förderprogramms sein oder der Gebrauch des elterlichen Autos für die Urlaubsfahrt. Im ungünstigen Fall kommt es hier zu Unaufrichtigkeiten, die krampfhaft verborgen werden, im günstigeren Fall zu dem offenen Eingeständnis, dass Kompromisse nötig sind. Aber auch letzteres ist eine fragwürdige Lösung: Ein Konzept, das sich selbst als »eigentlich nicht ganz richtig« bezeichnet, macht ein schlechtes Gewissen, das wiederum die innere Freiheit begrenzt.
Ich wünsche mir ein Ideal, das weniger erdrückend ist und nicht als Schulnote missbraucht werden kann. Der Begriff der »würdevollen Arbeit« könnte ein solches Ideal sein. Es würde uns nicht auf ein quantifizierbares materielles Maß ausrichten, sondern auf ein menschliches Maß, das offenbleibt für individuelle und situations­bezogene Interpretationen. Es würde unseren Blick weniger auf ein fixes Ziel lenken und mehr auf das tägliche Tun. Es würde nicht eine Trennungslinie zu »der Gesellschaft« ziehen, sondern in sie hineinwirken, denn um »würdevolle Arbeit« geht es im Leben ­eines ­jeden Menschen an jedem Ort.  


Karsten Petersen (62), beruflich als Teilzeit-Lehrer tätig, ist in der Umwelt- und Friedensbewegung sowie im interspirituellen Dialog aktiv. Er war 1991 Mitbegründer des Friedenshofs und ist Mitglied des Internationalen Rats der Arche.

Mehr zum Friedenshof und den Arche-Gemeinschaften:
internet
www.friedenshof.org, www.arche-nonviolence.eu
literatur
Die Schrift von Lanza del Vasto »Die Arche stellt sich vor« aus dem Jahr 1960 ist noch antiquarisch erhältlich.  

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