Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Wir lassen es fließen

Seit vier Jahrzehnten ziehen insbesondere der Protest gegen die Atomkraft und eine Ökonomie der Solidarität Menschen ins Wendland. Einige von ihnen pflegen heute einen freien Fluss des Gebens und Nehmens.

von Anja Humburg , erschienen in 44/2017

Bild

© Foto: format

\ \ \
Bald füllen die Bewohnerinnen und Bewohner der Kommune ­Karmitz – das ist eine Lebensgemeinschaft im niedersächsischen Wendland – wieder Flaschen im Akkord. Viele Menschen aus der Region bringen im Herbst Äpfel aus ihren Gärten, von Straßenrändern und Streuobstwiesen dorthin und nehmen ein kostbares Gut mit nach Hause: den Saft ihrer eigenen Äpfel. Dafür zahlen sie am Ende ­einen fairen Preis. Die Karmitzer Mosterei ist aber viel mehr als ein kleiner Ökobetrieb. Aus den Karotten, der Roten Bete und den Pastinaken der Karmitzer Kommune sowie den Äpfeln der Nachbarkommune in Volzendorf pressen die Karmitzer zusammen mit freiwilligen Helferinnen und Helfern einen Saft, der keinen Preis hat. Sie schreiben weder ihre Stunden auf noch rechnen sie später den Saftanteil für die Volzendorfer aus. In Volzendorf ist das nicht anders. »Als wir im März 2016 eingezogen sind, haben wir mit der Hilfe und den Geräten der anderen ruckzuck das Haus renoviert«, erzählt Bascha von der neuesten Kommune Hoppla, während sie Tomaten für die Freitagspizza einkocht.
Unter den Kommunen im Wendland ist ein Wirtschaften ohne Geld und ohne Gegenwert möglich: im Grunde so, wie es früher üblich war – unter den Bauern, den Handwerkerinnen und den anderen Dorfbewohnern. »Wie hoch soll die Rechnung für die befreundete Kommune sein?« – »Warum sollte alles untereinander verrechnet werden?« Auf Fragen wie diese wussten die wendländischen Kommunardinnen und Kommunarden immer seltener eine plausible Antwort zu geben – bis einige schließlich ganz aufgehört haben, sich Geld hin und herzuschieben. Weil sie ihre Arbeit, ihre Dienstleistungen, ihr Wissen und ihre Dinge frei fließen lassen, nennen sie ihre Solidarökonomie den »Freien Fluss«. Sechs Lebensgemeinschaften und ein Gasthof bilden zusammen das regionale Kommunen-Netzwerk ­»Interkomm«. Zusammen sind sie etwa 70 Menschen. Seit es Kommunen im Wendland gibt – die ersten gründeten sich Mitte der 1970er Jahre –, stehen eine gemeinsame Ökonomie und der politische Wider­stand auf ihrer Agenda. Was als geldfreier Tausch zwischen zwei Kommunen begann, wuchs an verschiedenen Orten langsam zu einem Grundstein des Zusammenlebens heran.

Es fließt kein Geld
Dabei ist viel mehr als Saft im Spiel: Die einen kochen im Gasthof, die anderen schlagen Holz im Wald. Baumpfleger sorgen für einen professionellen Obstbaumschnitt, und die Heilpraktikerin behandelt Rückenleiden. Sie reparieren Autos und Computer, teilen ihr Wissen über die Vereinsbuchführung und helfen beim Pizzabacken auf der »Kulturellen Landpartie«, einem Fest im Wendland, bei dem seit über 20 Jahren Künstler und Handwerkerinnen, Gärtnerinnen und Freunde Tür und Tor öffnen und zugleich ihrem Widerstand gegen die Atomkraft Ausdruck verleihen.
Auf dem Frühstücksteller von Hans Wenk, Bewohner der Kommune Kommurage in Meuchefitz, liegen zwei Scheiben von einem Brot, das in Karmitz gebacken wurde. Jeden Donnerstag wird eine Brotladung in den Gasthof Meuchefitz geliefert, wo sie an die Kommunen weiterverteilt werden. Vom Acker der Kommune Güstritz stammt die Rote Bete in Hans’ Apfel-Gemüse-Saft, gepresst in Karmitz. »Am Donnerstag gehen wir in den Gasthof zum Essen und Trinken; mal wird bezahlt, mal wird umsonst genossen – das bleibt die Entscheidung von jeder und jedem«, sagt Hans Wenk.

Mit dem Auto der anderen
»Es wäre ja auch denkbar, dass wir uns zumindest an den Kosten – zum Beispiel für das Mehl beim Brotbacken – beteiligen. Aber wir schreiben keine Arbeitsstunden auf; wir halten nicht fest, wieviele Produkte jede Kommune verbraucht, und es fließt auch kein Geld«, sagt der 63-jährige Betriebswirt Hans Wenk, der für Fahrten nach Berlin ein Auto der Karmitzer leiht, auf deren Tankkarte volltankt, seine Angelegenheiten in Berlin erledigt und ein paar Kisten Saft ausliefert. »Plötzlich bin ich ein Teil der Karmitzer Alltagsökonomie, ich bezahle mit ›ihrem‹ Geld. Wir reden gar nicht darüber«, stellt er fest. Der Freie Fluss mache »gefühlt die Hälfte« seines Konsums aus. Immer öfter sei er ohne Portemonnaie unterwegs.
Hans Wenk erzählt, dass sie beim Freien Fluss keinem bestimmten Konzept folgten. Sie gäben einfach das, was sie im Überfluss ­haben. »Was ich brauche, ist entkoppelt von dem, was ich reintue«, sagt er. Entkoppelung – das klingt erstmal abstrakt und meint eigentlich etwas ganz Lebendiges: Zu wissen, dass ich ohne Druck, Angst und Kontrolle den Tätigkeiten nachgehen kann, die meinen Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechen, schafft eine Grundlage für das Zusammenleben auf Augenhöhe. Viele, die heute im Freien Fluss mitwirken, haben genau diesen Leidensdruck erfahren und ihm den Ausstieg erklärt.
Aber muss wirklich erst Überfluss da sein, um eine Ökonomie des gemeinsamen, unbestimmten Beitragens ins Leben zu bringen? Erstmal für sich selbst sorgen, und wenn etwas übrig bleibt, gebe ich ab? Wenn es so wäre, dann steckten darin immer noch eine ordentliche Portion Mangel- und Eigentumslogik: also alte Muster, die uns – sozial und ökologisch gesehen – heute immer wieder in eine Sackgasse führen. Selbstverständlich muss überhaupt etwas da sein, ein gewisses Maß an Urproduktion, um es fließen lassen zu können. Im Wendland ist der Überfluss nicht die ­Motivation für das Handeln. Es lässt sich dort, wo punktuell Fülle herrscht, am leichtesten beginnen. Aber funktioniert das Fließenlassen nicht auch, wo wenig ist? Der Freie Fluss basiert darauf, gemeinsam für ein gutes Auskommen Sorge zu tragen und aus freien Stücken zu entscheiden, etwas anzubauen oder herzustellen – und damit zu dem beizutragen, was insgesamt gebraucht wird. Das Leben selbst schafft sinnvolle Flüsse von hier nach dort.
Auch unter den Kommunardinnen und Kommunarden regt sich immer mal ein schlechtes Gewissen, Gemüse zu essen, obwohl dafür nicht auf dem Acker mitgeholfen wurde. Raum, sich darüber auszutauschen, gibt es bei den regelmäßigen Zusammentreffen. Von indigenen Schenkökonomien ist bekannt, dass sie durchaus auf eine Art Ausgleich im Bereich des individuell Möglichen achten. Doch anders als bei einem genauen Aufrechnen, wie etwa im Preissystem oder bei Zeitbanken der Fall, ist das Schöne an dieser Art des Gebens und Wiedergebens, dass jedes Ungleichgewicht für die Aufrechterhaltung von Beziehungen im sozialen Geflecht sorgt. Dieses gegenseitige füreinander Sorgetragen sollte nicht mit dem berechnenden Prinzip der Tauschlogik (»ich geben, damit du gibst«) verwechselt werden.
Ganz ohne Planung geht es auch beim Freien Fluss nicht. Die Gemüseanbauerinnen der Kommune Güstritz bedenken den Verbrauch in den Kommunen, die benötigte Brotmenge wird bestellt, der Saftbedarf abgefragt. Zur besseren Koordination gibt es eine »Habe-Brauche-Liste« und monatliche Treffen des regionalen Interkom(m)-Netzwerks. Fast alles passiert offline. Man greift zum Telefon, wenn noch Bohnen geerntet werden können, fragt, welche Kommune Bedarf hat, und organisiert das Einmachen.
Die meisten Kommunardinnen und Kommunarden gehen zumindest zeitweise einer bezahlten Arbeit nach, sind auf diese Weise kranken- und rentenversichert. Doch einen Vollzeitjob hat fast niemand mehr.  Geld wird auch mit den eigenen Betrieben verdient. Die Löhne und Gewinne fließen in die solidarische Ökonomie, also in die gemeinsame Hofkasse, aus der dann Lebensmittel, Kleidung, Benzin, gemeinschaftliche Anschaffungen, aber auch Weiterbildungen oder Reisen einzelner bezahlt werden. Aber nicht mehr alle müssen dort ein eigenes Einkommen erwirtschaften.

Ausgekeimt
Dass Hans Wenk all das erzählt, hat mit dem vorsichtigen Versuch zu tun, den Freien Fluss auch für Menschen jenseits der Kommunen zu öffnen. Einige Kommunardinnen und Kommunarden wünschen sich, »aus dem Inseldasein herauszukommen« und zumindest in einer Region wie dem Wendland, wo der Nährboden gut ist, ein anderes Wirtschaften zu ermöglichen. Ungefähr 30 Menschen, darunter nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Grüppchen aus losen, aber gut zusammenwirkenden Dorfgemeinschaften, stoßen nun langsam dazu. Künftig wollen einige der Neuen Tofu machen, andere Brot und Saft. Zu diesen Zwecken stellen die Betriebe der Kommunen ihre Infrastrukturen zur Verfügung. Die neuen Menschen im Freien Fluss sind zunächst vor allem jene, die den Kommunen nahestehen, aber selbst nicht in einer solchen leben, sondern in den Nachbarschaften oder den Dörfern drumherum. Die Inseln verbinden sich also mit den Landzungen, nicht aber gleich mit dem ganzen Festland.
So wie im Wendland schlossen sich vor etwa sechs Jahren fünf Kommunen im Raum Kassel zusammen, um einander Dinge und Dienste zu schenken (siehe Seite 74). Neben einer gemeinsamen Zeitung, einem Pflegedienst und den Gärtnereien, die sie zusammen aufgebaut haben, kauften sie gemeinsam fünf Hektar Land. Dies war ein erster Schritt, um nicht nur die Alltagsökonomie, sondern auch die Vermögensökonomie zu teilen. Zwischen Wendland und Kassel gibt es mittlerweile einen regen Erfahrungsaustausch, ohne den keiner der beiden Zusammenschlüsse heute dort wäre, wo er ist. Überregional werden Fachwissen oder professionelle Hilfe – zum Beispiel Mediation – bereitgestellt. Wäre solch ein System des bedingungslosen Gebens und Nehmens also nicht nur im Umkreis weniger Kilometer, sondern auch über Distanzen von 500 Kilometern und über Landesgrenzen hinweg möglich? Wie fühlte es sich an, den Kasselern die Tankkarte in die Hand zu drücken, wenn sie im Wendland Urlaub machten? Zwischen Wendland und Kassel werden Produkte bislang nicht auf den Weg geschickt.
Die Zusammenarbeit steht und fällt mit dem gemeinsamen Werteverständnis. Die Kommunen im Wendland und in Kassel sind Teil des bundesweiten Netzwerks »Kommuja«. In dessen gemeinsamen Statut heißt es: »Wir wollen ein gleichberechtigtes Miteinander, Machtstrukturen lehnen wir ab. Wir wollen die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern und uns vom herrschenden Verrechnungs- und Besitzstandsdenken lösen.« Eine Karmitzer Kommunardin sagt dazu: »In der Kommune leben wir das im Alltag. Das schafft Vertrauen, damit wir nach diesen Prinzipien auch über die eigene Kommune hinaus so arbeiten und leben können. Wir wollten nicht einfach nur eine Kommune auf dem Land gründen.« Und Bascha aus Volzendorf bekräftigt: »Wir sind auch ins Wendland gekommen, weil es hier den Freien Fluss gibt. Der erleichtert uns das Leben sehr.« \ \ \


Kommunardisch werden
www.kommuja.de

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!