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Wachsen auf Sediment

­Bevor wir eine Zukunft erfinden, sollte uns
bewusst werden, was vor uns war.

von Der Schwarm , erschienen in 44/2017

Bild

© Foto: format

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In der Stadt ist es still. Kein Auto fährt, an den Straßenkreuzungen warten Polizistinnen und Polizisten. Einige Kilometer weiter stehen auf einer Hauptverkehrsader seit Stunden Autos im Stau, Menschen picknicken auf dem Asphalt. Die abgeriegelte Stadt im Ausnahmezustand – ist das ein Vorgeschmack auf Kommendes? In Hamburg tagt gleichzeitig der »Alternativgipfel«, wo Menschen die Utopie einer aus ganz anderen Gründen autofreien Stadt entwerfen: damit dort Kinder spielen können. Tags darauf wird in der Elbphilharmonie Beethovens Neunte gespielt. Im Publikum sitzen die Regierenden der G20‑Länder. Davor marschiert ­Polizei auf, Vermummte werfen mit Steinen und Flaschen. In Berlin wird während des Gipfels eine Änderung der Strafprozessordnung bestätigt, die es dem Staat erlaubt, Computer und Smartphones zu hacken.
Die Gegenwart wirkt wie ein surrealistischer Film. Alle sehen mehr oder weniger fassunglos, stumm oder empört zu, wie die Risse zwischen verschiedenen Rea­litäten und zum Teil diametral entgegengesetzten Visio­nen und Utopien größer und größer werden. Wo bleibt die Aufbruchstimmung, wo die frohe Erwartung einer schwungvollen Manifestation des vielbesungenen sozial­ökologischen »Wandels«, der »großen Transformation«, der »großen neuen Erzählung«?
Selbstverständlich ist viel in Bewegung. Immerhin kamen zum Alternativgipfel mehr als 1500 Menschen – darunter viele, die sich bisher erst wenig in die Kreise begeben haben, welche das Motto »Eine andere Welt ist möglich« verbindet. Doch die Utopie einer Welt, die das Prinzip der Ausbeutung hinter sich lässt, klingt derzeit nur verhalten an und leuchtet nicht strahlend auf. ­Symptomatisch dafür war ein Austausch über Visionen zur »Stadt meiner Wünsche« auf dem Alternativgipfel, wobei viel Zeit verging, bevor sich die utopische Fantasie der Beteiligten zu regen begann. Viele Menschen fühlen sich gelähmt und können sich eine Gesellschaft, die nach ganz anderen Prinzipien konstruiert ist als die der allseits bekannten Megamaschine – eine Metapher für die sich auf alle Lebensbereiche ausweitende Verwertungslogik und die daraus entstehende Spirale struktureller Gewalt –, kaum vorstellen. Barbara Muraca, Hochschullehrerin für Philosophie in den USA, erzählte, wie bei einer ähnlichen Übung mit ihren Studentinnen und Studenten zu einer utopischen Universität als einzige Veränderung zum Status quo eine Verringerung – nein, nicht die Abschaffung! – der Parkplatzgebühren das Ergebnis war. Auch in einer Oya-Runde über enkeltauglichen Journalismus während des Move-Utopia-Treffens fiel es uns schwer, Zukunftsvisionen zu entwerfen. Diese Lähmung der konkreten Vorstellungskraft geht mit einem sehr starken Gefühl einher, dass das alte »System« ausgedient hat. Laut der im Mai veröffentlichten Umfrage »Generation What?« unter fast einer Million Europäerinnen und Europäern zwischen 18 und 34 Jahren würden sich 53 Prozent an einem Aufstand gegen »die an der Macht« beteiligen wollen. Das ist mehr als die Hälfte. Was heißt das für unsere Gesellschaften? Wohin würde es dann gehen?

Präfaschistische Zeiten?
Die großen Medien sorgen sich seit Monaten über die populistischen oder gar präfaschistischen Entwicklungen in der Politik. Die New York Times vermeldet, dass »1984« derzeit in den USA wieder ein Bestseller ist. Der »Spiegel« vom 1. Juli dieses Jahres zeigte einen Wolf, zwischen dessen Fangzähnen sich die Erdkugel befindet, und titelte: »Globalisierung außer Kontrolle – Traut euch! Radikal denken, entschlossen handeln – nur so ist die Welt noch zu retten.« Was soll das heißen? Dystopische Szenarien, wie sie George Orwell oder Aldous Huxley ersonnen haben, werden durch die technischen Überwachungsmöglichkeiten der Gegenwart bei weitem übertroffen. Während des G20-Gipfels kam im Himmel über Hamburg erstmals außerhalb eines Kriegsgebiets die für den gezielten Abschuss von Menschen konstruierte US-Drohne MQ-1 »Predator« zum Einsatz. Hier wird eine Utopie Wirklichkeit, die nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun hat, was das Move-Utopia-Festival »eine Welt nach Bedürfnissen und Fähigkeiten« genannt hat.
Tausend Menschen verschiedenster Bewegungen waren da Ende Juni in Lärz zusammengekommen – das ist enorm ermutigend. Aber das Treffen endete nicht in euphorischer Stimmung und dem Strahlen einer gemeinsamen Utopie, sondern in großer Nachdenklichkeit über die Diversität der Bewegungen, ihre Widersprüche, ihre Verletztheit und ihre selbstgezogenen Grenzen – und dennoch voller Hoffnung, dass etwas unaufhörlich wächst, das seine Wurzeln tief ins Sediment der Geschichte eingegraben hat. Geologisch bezeichnet das Sediment abgelagerte Stoffe, die ursprünglich an anderer Stelle abgetragen oder abgeschieden wurden. Welche Ablagerungsprozesse finden sich in unserer Geschichte?
Hat mensch nicht auch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bunte Bewegungen für »gutes Leben«, zusammengefasst unter dem Begriff »Lebensreform«, wachsen sehen? Von der Frauenbewegung über den Vegetarismus bis zur Gemeinschaftsbewegung war doch alles, was sich in seiner zeitgenössischen Fassung auf Treffen wie Move Utopia wiederfindet, schon damals präsent, zum Beispiel beim »Kongress der Naturrevolutionäre« 1922 in Berlin – und hatte nicht die Kraft, dem Nationalsozialismus etwas ­entgegenzusetzen, wurde instrumentalisiert, überrollt oder korrumpiert. Und die Bewegungen haben bis heute nicht die Kraft, dem globalisierten Turbokapitalismus oder der »Festung Europa« allzu viel entgegen­zusetzen. Zum Sediment der Vergangenheit gehört das immer wieder neue Scheitern von Bewegungen für Frieden und Gerechtigkeit ebenso wie die Erfahrung, dass sich etwas unaufhaltsam Bahn bricht, so wie die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung im 20. Jahrhundert, die sich heute mit »Black Lives Matter!« fortsetzt.
Das Leid der Kolonialherrschaft – angefangen bei den ersten antiken Staaten im Mittelmeerraum – ist eine Schicht im Sediment ebenso wie das Leben von Milliarden von mehr oder weniger zufriedenen Menschen, die friedlich vor sich hingelebt haben. Lässt sich all das mit »Graswurzeln« durchdringen?

Bodenhaftung im Geschichtlichen
Die nachfolgenden Gedanken zur Bodenhaftung im Geschichtlichen sind in einem kollektiven »Wir« gehalten, weil Geschichtlichkeit ein kollektiver Prozess ist. Dabei haben wir es mit mehreren Schichten von »Wir« zu tun: Wir, die wir alternative, öko-soziale, enkeltaugliche Projekte in die Welt bringen. Wir als Vertreterinnen und Vertreter der westlich geprägten Gesellschaft im beginnenden 21. Jahrhundert. Wir als Menschheit. 
Das Gegenwärtige ist der Stoff, aus dem das Zukünftige gestaltet wird. Das Gewesene ist der Boden, auf dem das Gegenwärtige wächst. Kennen wir diesen Boden? (Falls nein, warum nicht?) Sind wir mit ihm verbunden? (Falls nein, warum nicht?) Haben wir ihn durchdrungen? (Falls nein, warum nicht?) Sind wir darin verwurzelt? (Falls nein, warum nicht?) Haben wir Bodenhaftung, sprich: Geschichtsbewusstsein? (Falls nein, warum nicht?) Ist bei all diesen Fragen mitgedacht, dass »die Geschichte« von »Gewinnern« geschrieben wird? (Was bewegt das in mir?) 
Die auf den Fotos dieser Ausgabe abgebildeten Überreste so­genannter zivilisatorischer Errungenschaften sind keine toten Zonen, sondern überaus lebendige Zusammenhänge. Die Protagonisten dieser Szenen industriellen Verfalls sind die Moose, Würmer, Pilze, Bakterien und Sauerstoffteilchen, die in komplexen Austauschprozessen die Vermächtnisse dieser absterbenden Zeugnisse der Industriemoderne zersetzen, umwandeln und so Raum und Nährstoffe für Lebendiges schaffen. Das ist ein selbstverständlicher Prozess, in dem das, was scheinbar aus den Kreisläufen der Natur herausgelöst und mit dem Etikett »Kultur« versehen wurde, in die natürlichen Kreisläufe von Werden, Vergehen und Werden – also: Sein – zurückkehrt. Die Loslösung aus diesen umfassenden Kreisläufen erzeugt die Illusion von Trennung und Autonomie. Wenn wir wieder erkennen, dass Stoff »nicht nur ein Ding, sondern auch ein Prozess« ist, wie Veronika Bennholdt-Thomsen einen Irrtum mechanistischen, marktwirtschaftlichen Denkens aufklärt (Seite 32), können Verbindungen geschaffen und Heilungsprozesse in Gang gesetzt werden. Können wir das Sediment der Industriemoderne und der Geschichte als das wahrnehmen, was es ist – als den Boden der Tatsachen, auf dem wir stehen, der das Gegenwärtige trägt und der als Nährboden für Zukünftiges, das diesen Boden zersetzt, umgestaltet und anders fruchtbar werden wird? Sind wir – geschichtsvergessen und bodenlos – nicht zu ständigen Wiederholungen der Geschichte verdammt? Befinden wir uns nicht bereits mitten in der Wiederholung und schauen ihr teilnahmslos bis resigniert zu? Kann eine Wieder-Holung der Geschichte im Sinn eines Wiederaneignens des Gewesenen Räume für neue, lebensfördernde Formen des Miteinanders erzeugen?
Wie ist es, die Geschichte der Verliererinnen und Verlierer der vergangenen Jahrtausende ganz nah an sich herankommen zu lassen, sie als Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen? Zum Beispiel die Geschichte von der Entwaldung Irlands durch die Besatzungsmacht England, die Wälder in Kriegsflotten verwandelte. Der Soundtrack dieser Geschichte kann die zauberhafte irische Musik aus jener Zeit der Kolonialherrschaft sein. Jede Geschichte einer jeden kolonisierten Kultur könnte wieder und wieder erzählt und besungen werden – ebenso wie die Jahrhunderte überspannende Geschichte der Abschaffung der Sklaverei. Ist es möglich, sich als Teil der Kultur der »Gewinner« mit der Geschichte der Verliererinnen und Verlierer zu verbinden und aus ihr heraus zu handeln – und dabei auch oftmals die eigene, unsichtbar gemachte ­Geschichte unserer Vorfahrinnen und Vorfahren wiederzufinden: die Geschichteall der Leibeigenen und Hexen, der Deportierten und Vertriebenen, der Arbeiterinnen, der Verrückten, der Kämpferinnen – aber auch der Tyrannen und Offiziere, der Henker und der Mitläuferinnen? Sie alle wohnen ja noch in uns, bestimmen unser Dasein in all unserer Widersprüchlichkeit.
Der Boden des Militärflughafens in Lärz, Schauplatz von Move Utopia, ist hart, doch es wachsen hier bereits wieder haushohe Bäume; dazwischen stehen rauhe Kunstwerke und brüchige, bunte, ein wenig verloren wirkende Hütten. Diese Farbflecken scheinen winzig klein angesichts des massiven Sediments von Gewalt an diesem Ort. Lassen sich an Orten wie diesen Wurzeln schlagen? Wie tief müssen sie graben, damit sie eine wasserführende Schicht erreichen, so dass etwas Neues keimen kann?

Einfaches statt Neues
In den letzten Jahren war in den Bewegungen rund um »den Wandel« viel vom »Neuen« die Rede. Wer erfindet denn nun die »große neue Erzählung«, die eine sozialökologische Transformation einleitet? Über eine Welt ohne Gewinner und Verlierer, über ein »gutes Leben für alle«, gibt es womöglich nicht viel sensationell Neues oder Begeisterndes zu sagen.
Gibt es so etwas wie ein Menschenrecht, sich selbst und die ­eigenen Fähigkeiten in die Welt einbringen zu können, ohne daran gehindert zu werden? Diese Forderung wäre radikal, ja ­revolutionär, aber sie kommt in großer Schlichtheit daher. Können Menschen gemeinschaftlich, pragmatisch und bescheiden füreinander »materielle Grundgeborgenheit« herstellen? Benötigen sie mehr, als die Fülle des Gegebenen zu feiern und unbegrenzt das wachsen zu lassen, was mehr wird, wenn wir es teilen? Brauchen sie mehr als immaterielle Geborgenheit im Wohlwollen der anderen? Mehr als die Einladung, die eigene Persönlichkeit zu entfalten und sich mit all ihren Ecken, Kanten, Großartigkeiten und Unmöglichkeiten in aller Freiheit in sinnvolle Zusammenhänge einzubringen? Die Geschichte des guten Lebens ist eine Geschichte des Geborgenseins – geborgen sein im Fluss der Zeit, in der Schönheit der Sommerblumen, im Spiel der Sonnenflecken auf dem Waldboden. Die zeitlose Wirklicheit erzeugt unbeirrt Schönheit.
Angesichts der zerissenen, gelähmten Gegenwart fiel uns in dieser Oya-Ausgabe nichts anderes ein, als zwei Narrativen auf den Grund zu gehen: der Geschichte der Gabe – vom Wirtschaften jenseits der Logik des Tauschens und Verrechnens – und der Geschichte des vertrauensvollen Zusammenwirkens von Menschen, deren Unterschiedlichkeit, Persönlichkeit und Prägung sich ausdrücken, ohne andere zu unterdrücken.
Diese zwei Geschichten scheinen vordergründig keine starke Antworten auf Turbokapitalismus und Totalitarismus zu sein, aber sie berühren den Kern von Wirtschaft und Machtstrukturen. Gerade darin liegt ihre stille Kraft. Da ist eine Ahnung davon, wie es »gut« sein könnte und wie sich dieses »Gute« in eine Praxis übersetzen ließe. Dafür den Raum freizuhalten, unbeirrt die Klarheit zu bewahren, das ist vielleicht möglich – und wichtig – angesichts der sich immer weiter zersplitternden, gelähmten Welt. \ \ \


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