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Zuhören

Ohren und Herzen öffnen, die eigenen Gedanken zurückstellen – Zuhören ist die Kunst, der Wirklichkeit zu begegnen.

von Leonie Sontheimer , erschienen in 43/2017


Mein Boden der Tatsachen besteht aus ­Asphalt und Kopfsteinpflaster. Ich lebe seit vier Jahren in Neukölln. Der Hermannplatz ist Dreh- und Angelpunkt dieses Stadtteils von Berlin. Hier kreuzt sich unter der Erde die U7 mit der U8, über Tage liegt zur ­einen Hand Karstadt, zur anderen reiht sich ­McDonald’s an Dunkin Donuts an Vodafone. Ein nie abreißender Autostrom umgibt die Mittelinsel, auf der fünfmal pro Woche ein türkischer Gemüsemarkt auf- und abgebaut wird. Es ist schrecklich laut auf dem Hermannplatz, laut und dreckig – kein Ort, an dem ich gerne verweile.
An einem Dienstagnachmittag im ­April verändert sich meine Beziehung zu diesem Ort binnen zweier Stunden. Wo ich eben noch in Eile vorbeigehastet bin, stehe ich nun und suche Blickkontakt zu den Menschen um mich herum. »Was bewegt dich? Ich höre zu!« steht auf meinem Schild. In Sichtweite haben sich weitere Menschen mit solchen Schildern positioniert, denn heute ist weltweiter »Free Listening Day«. Ich bin einer Einladung des Vereins »Impuls«, auch bekannt als »Agentur für angewandte Utopien«, gefolgt. Henrike ­Lindemann aus dem Impuls-Team initiiert seit Januar regelmäßig Zuhör-Aktionen. Sie ist auch heute auf dem Hermannplatz dabei. Für sie ist Zuhören eine Haltungsübung: »Brexit und US-Wahl haben gezeigt, dass unsere Gesellschaft gespalten ist. Wir brauchen die Erfahrungen und Meinungen von allen, um mit den Widersprüchen unserer Zeit umgehen zu können.« An Tagen wie diesem merke sie, dass es keine falschen Perspektiven gebe. »Wenn jemand eine Meinung ausdrückt, die ich nicht teile, frage ich nach den Erfahrungen, die zu dieser Meinung geführt haben. Gegen dieses Erlebnis kann ich nichts haben. Das führt dazu, dass ich meine eigenen Ansichten überdenke.« Das Zuhören übt radikale Offenheit. Die Intention ist, sich wirklich in die Gedankenwelt des anderen hineinzuversetzen und ihre oder seine Perspektive einzunehmen. Diese Haltung macht uns verletzlich und ermöglicht echte Begegnungen, die manchmal nur in einem Blickwechsel bestehen.

Alle sind willkommen
Auch ich spüre, wie sich meine Haltung verändert. Plötzlich habe ich Zeit, mir die Umgebung anzuschauen, die Menschen, die mit mir an diesem Ort sind. Mir fällt auf, wie vielfältig und schön sie sind. Einige erwidern mein Lächeln. Die ersten, die stehenbleiben, sind zwei Verliebte. Sie kommen aus dem U-Bahn-Ausgang und sprechen mich auf Englisch an. Als ich ­ihnen erkläre, weshalb ich hier bin, sind sie begeistert. Sie erzählen, dass sie aus Syrien kommen. Ohne viele Worte zu wechseln, verstehen wir uns: Die heutige Aktion hat auch etwas mit Willkommenheißen zu tun. Ich beginne, den Hermannplatz zu mögen. Ein älteres Paar fragt mich nach dem Weg, eine Gruppe junger Leute möchte ­wissen, ob ich zu Scientology gehöre. In nur zwei Stunden geschieht so vieles um mich her­um und in mir, dass ich es im Nachhinein kaum begreife. Zwei Menschen nehmen mein Angebot an und erzählen mir, was sie bewegt. Einer von ihnen ist ein junger Kellner. Er ist sportlich gekleidet und kommt zielstrebig auf mich zu. Seine Gedanken sprudeln nur so aus ihm heraus. In zehn Minuten kommen so viel Weltschmerz und Frustration über die Megamaschine zum Ausdruck, dass ich ganz mitgenommen bin. Er erzählt mir, wie sehr er sich wünsche, nicht länger auf Kosten anderer Menschen leben zu müssen. Er hat Näherinnen in Bangladesch vor Augen, Klimakatastrophen und mit deutschen ­Waffen ausgefochtene Bürgerkriege. Er spricht von seinem Hass gegen sich selbst, weil er es nicht schafft, aus dem Konsumkarussell auszusteigen. Ich möchte ihm etwas erwidern, halte mich aber zurück, denn darum geht es hier nicht.
Zuhören ist eine Kunst. Sie lässt im Gegenüber bisher ungeborene Gedanken aufsteigen. Zuhören ist auch ein Geschenk an uns selbst. Den Free Listening Day erfand eine Gruppe in den USA, die sich ­»Urban Confessionals« (Städtische Beichtende) nennt. Sie begannen 2012, die Straßen Hollywoods in ein Sprechzimmer zu verwandeln und damit der Vereinsamung der Menschen in den Städten etwas entgegenzusetzen. Inzwischen gibt es solche Gruppen in über 50 Ländern auf sechs Kontinenten. Ich wünsche mir, dass es bald überall in Deutschland Zuhör-Aktionen gibt.   

www.kurzlink.de/impulszuhoeren