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Stadtboden

Auf Boden gründet sich Macht. Der Umgang der Stadt mit dem Marginalen und Verdrängten macht dies besonders sichtbar.

von Maria König , erschienen in 43/2017

Bild

© Foto: BENROTH.INFO


Gemeinsam mit der Künstlerin Anneli ­Ketterer betrete ich das Gelände der ehemaligen »Cuvry-Siedlung«. Es ist von einem hohen Bretterzaun umgeben. Das Tor steht weit offen – nicht für Besucher, sondern für Baufahrzeuge. Der Boden dahinter ist aufgewühlt und von dicken ­Reifenspuren zerfurcht. Umherblickend suchen wir Orien­tierung auf der Baustelle, bis schließlich ein Mann mittleren Alters aus einem Container kommt und uns schon von ­Weitem auffordert, das Areal zu verlassen. Wir fragen, ob wir für ein Kunstprojekt ein Stück Boden entnehmen dürfen. Er winkt ab, der Boden sei zu sehr belastet – mit Schwermetallen und auch politisch. Ein Bohrhammer habe schon gebrannt, und der Zaun sei nicht ohne Grund so hoch.
Bis Herbst 2014 war die Cuvry-Brache ein Ort der Nicht-gern-Gesehenen:
»Ein Bretterzaun mitten in Berlin-Kreuzberg, mehr siehst du von außen nicht. Und eine Gruppe von Freaks vor dem Eingang. Punks, Penner, Schnorrer, Pöbler, Säufer, Freaks, Hippies, Märchenwesen der Unterwelt, Geflüchtete, Getriebene. Sie künden von dem, was dich hinter den Toren erwarten wird. Du wirst begrüßt, und das Schicksal bzw. der Alkoholpegel entscheidet darüber, wie: ›Welcome to Free Cuvry!‹, ›Haste mal 50 Cent?, ›No foto, kurwa!‹ sind die Losungen, die dir die Pforten öffnen. Das ist Konsens: Jede/r darf rein. Open Cuvry.«
So beschrieb eine ehemalige Cuvry-Bewohnerin ihren Platz, aufgezeichnet von dem Historiker Niko Rollmann.

Urbane Nischen
Seit elf Jahren lebe ich in Berlin und habe mich daran gewöhnt, mir meine Wege zwischen parkenden Autos und Häusermauern zu suchen. Eine verwilderte, grüne Brache zwischen alten Bahnanlagen war lange Zeit mein Lieblingsort, wenn ich der durchstrukturierten Stadt entfliehen wollte. Mittlerweile haben dort Planierraupen die Pfade um das Vierfache verbreitert, und Zäune, Zäune, Zäune ordnen den Spaziergang.
Viele Menschen lockt eine Sehnsucht in urbane Nischen – diese Sehnsucht nach freien Räumen, in denen ein Selbstgestalten möglich wird, ist mir vertraut.
Wer entscheidet über die Gestaltung und Nutzung des Bodens in der Stadt? Wie kann ich mich, können viele sich konstruktiv an diesem Prozess beteiligen?
Meine Fragen bringen mich mit Niko Rollmann zusammen. Im Sommer 2013 war er zufällig auf das Cuvry-Hüttendorf aufmerksam geworden; seitdem erforscht er informelle Siedlungsstrukturen in Berlin. Damit setzt er die Fragen über den Zugang zum Stadtboden ganz unten an – bei Obdachlosen, Geflüchteten und Menschen, die sich Freiräume fern unserer gesellschaftlichen Bedingungen erschließen wollen.

Ungern gesehene Tatsachen
Wer in Berlin wohnt, ist damit vertraut, dass Menschen in U- und S-Bahnen regelmäßig eine der Obdachlosenzeitschriften, wie die »Motz« oder den »Straßenfeger«, anbieten und um Spenden oder Essen bitten. Sie stellen nur einen kleinen Teil der Betroffenen dar. Nach Schätzungen sind derzeit in Berlin 14 000 bis 17 000 Menschen obdachlos. Die meisten vermeiden es, sichtbar zu werden, um Diskriminierungen zu entgehen. Sie haben weder die Mittel, sich ein Stück Erde oder ein Haus zu kaufen, noch können oder wollen sie in den bestehenden Strukturen von Aufenthaltsbestimmungsrecht, Arbeitsmarkt und Mietkonditionen bestehen. Für sie ist es täglich aufs Neue eine existenzielle Frage, wo sie einen Schlafplatz finden.
Siedeln sich mehrere Menschen ohne genehmigungsrechtliche Grundlage an einem Ort an, spricht man von informellen Siedlungen. Im öffentlichen Diskurs nimmt man sie besonders dann wahr, wenn sie geräumt werden. Der Fokus der Berichterstattung liegt dann auf Problemen wie Müll, Aggression, Diebstählen und anderweitig unwürdigen Lebensbedingungen. Warum ­Menschen freiwillig oder unfreiwillig solche Orte errichten, wird selten gefragt.
In der Hauptstadt gibt es etwa ein Dutzend feste informelle Siedlungen, meist Wagenburgen. Hinzu kommen nach Niko Rollmanns Schätzung zehn weitere »wilde« Camps, die vorrangig von Menschen aus Osteuropa in Parks errichtet und meist schnell von der Polizei wieder aufgelöst werden. Gemeinsam mit Niko besuche ich die noch existierende »hübsche, kleine Schwester« der Cuvry-Siedlung – das sogenannte Teepeeland.

Vom Leben auf der Brache
Unweit der Schillingbrücke am Ostbahnhof gelangen wir durch ein Tor in ehemaligen DDR-Grenzschutzanlagen auf einen schmalen, bunten Uferstreifen an der Spree. An einem gewundenen Weg aus Kopfsteinpflaster schlängeln sich liebevoll gestaltete, kleine Grundstücke mit Tipis. Am Eingang passieren wir ein Kompostklo, das Zentrum umrahmen eine kleine Bühne, eine Bar und eine Gemeinschaftsküche, weiter hinten baut der Japaner Ko gerade an einem Shinto-Schrein, und kurz vor dem Ausgang am anderen Ende liegen neugestaltete Gartenbeete. Alle Gebäude und Wegbefestigungen sind aus gefundenem oder geschenktem Material errichtet.
Dreizehn Menschen leben derzeit fest auf dem Gelände, vier von ihnen haben neben ihren Tipis aus weißen Plastikplanen auch noch eine Wohnung in Berlin. Die Siedelnden stammen aus verschiedenen Weltgegenden: Sierra Leone, Israel, Schottland, der Türkei, Deutschland, Japan, Bulgarien, England und Litauen. Es gibt Tipis für Couchsurfer und Platz für Zelte. Jeden Freitag werden kostenlose Veranstaltungen – kleine Konzerte oder Comedyvorführungen – organisiert. Die Tore sind offen für Freundinnen und Freunde, Neugierige und zufällig Vorbeispazierende.
Der Erste, der auf der Cuvry-Brache und später dem Gelände des heutigen Teepeelands zu übernachten begann, war »Flieger«, ein hünenhafter Mann mit langen, weißen Haaren. Ihm folgten jeweils erst Freunde und später weitere Menschen, worauf sich die Siedlungen gründeten. Die Cuvry-Brache verließ Flieger 2012, als die Verhältnisse durch die zunehmende Zahl an Siedlerinnen und Siedlern auf dem Gelände chaotischer wurden und politische Aktio­nen ohne Absprache mit der gesamten Gruppe stattfanden. Beim Teepeeland legte er von Anfang an Wert auf eine bewusste Gemeinschaftsgestaltung. Alle Entscheidungen werden demokratisch beim wöchentlichen Plenum getroffen. Die Siedlung hat sich eine eigene Verfassung gegeben; sie stellt den bewussten und achtsamen Umgang miteinander sowie mit dem Platz, Multikulturalität sowie Raum für künstlerisches Schaffen in den Mittelpunkt.
Flieger hebt hervor: »Ich bin kein Häuptling, nur besorgt um den Platz.« Die anderen sind sich sicher, dass sich der Ort ohne ­Fliegers Haltekraft nicht so stabil entwickeln könnte.
Das Teepeeland ist ein selbstgestalteter Stadtraum »jenseits des Staats« – ein Balanceakt zwischen Halten und Öffnen, zwischen angestrebter Utopie und konfliktträchtigem Alltag, zwischen Kunst und Obdach. Wieviele Regeln sind notwendig, um das Zusammenleben gut zu gestalten, ohne »Kleingarten« zu werden? Wieviele »Problemkinder« können toleriert werden, wieviel extremes Verhalten? Es ist ein Ort, um Demokratie im Kleinen neu zu erfinden. An diesem Abend, als wir zuerst bei einem Bier ums Feuer und später an der Bühne sitzen, beeindruckt mich, wie sich das Bedürfnis nach Entspannung und Zur-Ruhe-Kommen mit den Ideen von Offenheit, Nachhaltigkeit, gemeinsamer Verantwortung und kultureller Vielfalt ohne Sexismus, Rassismus und Homophobie verbindet.
Derzeit wird die informelle Siedlung von den Behörden geduldet. Eine politische Positionierung wird mit Spannung erwartet. Beim Cuvry-Gelände diente ein Brand auf der Brache als Anlass zur inoffiziellen Räumung. Damals versicherten die ermittelnden Polizisten den Menschen vor Ort, sie könnten nach der Branduntersuchung zurückkehren. Am nächsten Morgen wurde klar, dass das ein leeres Versprechen war. Das Areal wurde abgesperrt, und 120 Menschen saßen von jetzt auf dann auf der Straße. Um ihre Unterbringung kümmerten sich die Behörden nur wenig ambitioniert.
»Das Teepeeland ist eine Demonstration, aber politisch neu­tral«, betont Flieger. Er stellt sich der Begegnung mit Menschen aus der Nachbarschaft und der Politik bewusst und offen. Die Siedlung soll als kulturkreativer Freiraum erhalten bleiben.   


Lesetipp:
Niko Rollmann: Der lange Kampf. Die »Cuvry«-Siedlung in Berlin, 2016, Selbstverlag, zu beziehen über cuvry-forschungsprojekt@gmx.de

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