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Lieber Mensch als Megamaschine

Ein Kollektiv junger Menschen übt sich in der Verwirklichung ­zukunftsfähiger Lern- und Entfaltungsräume.

von Alex Capistran , erschienen in 43/2017

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© Foto: living utopia

»Immer wieder kommen Aktivist*innen vorbei und fragen sich direkt vor der Eingangstür: Wo ist denn das Haus? Das da kann es doch nicht sein, es wirkt viel zu harmlos.« So hatte mich Tobi aus dem Liebermensch-Haus vor meinem ­Besuch gewarnt. Obwohl ich mir nicht ganz ­sicher bin, ob ich als »Aktivist« durchgehe bzw. was die Bezeichung genau bedeuten soll, geht es mir ähnlich. Hier, im Mainzer Brenn­punkt-Vorort Lerchenberg in der ­Liebermannstraße in diesem ­gedrungenen Reihenhaus, das ohne knallbunte Fassade oder Lehmwände auskommt, soll ein utopisches Leben ausprobiert werden? Ein Peace-Zeichen neben der Eingangstür ist dann doch ein Anhaltspunkt – für die stereotypen Vorstellungen darüber, wie ein alternatives Haus auszusehen hat.
Ein Wochenende lang koste ich das Flair eines etwas radikaleren Lebens, als ich es im Alltag führe. Das Haus ist seit 2015 ein Gemeinschaftsprojekt, in dem zehn ausgewachsene und ein ganz kleiner Mensch ihr Zuhause gefunden haben – und es ist ein Lernort. Allein der Alltag hier ist schon Lern­erfahrung. Mit mir sind eine Handvoll »Teilzeitaktivistinnen« angekommen, die eine gute Woche dem nachgehen, was herkömmlich »Praktikum« genannt wird. Wir brechen zu einer Hausführung auf.

Volles Haus
»Das ist das Liebermensch-Haus: drogenfrei, vegan und möglichst geldfrei«, skandiert Tobi mit herzlich-routinierter Stimme. »Früher hat hier eine alte Frau gewohnt – jetzt sind wir zu zehnt, die Raumnutzung ist also um den Faktor zehn gestiegen.« Wir stehen in einem großen, völlig leeren Raum mit Holzboden. Neben zweimal wöchentlich stattfindenden Yoga-Kursen dient er für größere Veranstaltungen, organisiert von den Menschen im Haus, für Projekttreffen, Festivals und Konferenzen, bei denen ein alternatives Leben ausprobiert wird, wie etwa »Utopival« oder »Utopikon«. Der große Raum enthält keine Tische und Stühle: Alles soll möglichst einfach handhabbar sein. »Wir haben hier schon mit 30 Menschen auf dem Boden gemampft«, erzählt Tobi. – Ob das wirklich so praktikabel ist?
Im Flur wartet der Gemeinschafts­kleiderschrank auf uns: »Warum muss jeder einen fetten Schrank im eigenen Zimmer haben?« fragt Tobi. Den Rock, den er über den Jeans trägt, hat er aus dem Gemeinschaftsregal genommen: »Das ist schön: Mala sieht, dass ich den Rock trage, den sie in den Kleiderschrank gelegt hat.« So manche Unterhose haben die Liebermenschen dann aber doch für sich beiseitegelegt.
Tobi wohnt mit drei anderen im »­Kollektivzimmer«. Die meisten haben allerdings einen eigenen Raum. Alle versuchen hier, lieb- oder bösgewordene Gewohnheiten aufzubrechen, um der Lernfrage nachzugehen: »Was brauche ich wirklich, um Mensch sein zu können?« Sie waschen mit Kastanien und Efeu, essen nur vegane und überwiegend gerettete Lebensmittel, bauen ihre Möbel aus alten ­Paletten und haben zur Zeit nicht einmal einen Wasserkocher: »Wir hatten einen über eine Verschenkseite im Internet bekommen, aber der hat schon wieder den Geist aufgegeben.« Nur drei ­Monate im Jahr nutzen sie einen Kühlschrank, den Rest der Zeit tut es auch ein Brett vor dem Küchenfenster. Vor allem brechen sie scheinbare Selbstverständlichkeiten im Sozialen, Ökonomischen und Sprachlichen auf: kollektive Wohnformen, solidarische Mietbeiträge und konsequent gegenderte, manchmal eigenwillige Sprache. Das wird besonders deutlich, als Tobi das vermeintliche Büro oder Arbeitszimmer zeigt, das hier »Co-Wupping-Space« heißt: »Hier kann mensch wuppen«, womit »kreativ aus Freiheit gestalten« gemeint ist. Geht es auch um eine sprachliche Utopie? Besonders das Wort »Mensch« kommt überdurchschnittlich oft vor. »Unbedingt!«, bestätigt Tobi. »Wenn ich stattdessen von Bewohnerinnen spreche, reduziere ich die Menschen hier auf eine bestimmte Funktion.«
»Warum mache ich das nicht selbst so?«, das denke ich während der Hausführung immer wieder. Zum Beispiel eine Kooperation mit dem lokalen Supermarkt eingehen und von Montag bis Samstag frische, aussortierte Lebensmittel retten, Tassen mit Klammern markieren, damit sie mehrmals benutzt werden, oder die Miete solidarisch aufteilen. »Warum hängen alte Teebeutel im Keller?«, frage ich. »Die nehmen die Feuchtigkeit aus dem Raum auf«, ist die Erklärung – eine simple Technik. Ebenso einfach wirkt der aus alten Pflastersteinen selbstgebaute Ofen im Garten, auf dem wir einen riesigen Topf Brei für den veganen Mitbring-Brunch kochen.

Einfachheit und Nachbarschaft
Ein wichtiges Lernmoment: Wir können durch einfache praktische Lösungen ökologisch und finanziell unabhängiger von der »Megamaschine« werden und dadurch Raum gewinnen, zu dem vorzudringen, was wir wirklich tun wollen. Denn wenn ich mein Leben in dem Maß ökologisch und geldfrei gestalten kann, wie ich möchte, stecke ich weniger in vermeintlichen Sachzwängen und schaffe Raum zur freien Entfaltung. »Wir bringen hier nicht im klassischen Sinn anderen etwas bei, sondern sie dürfen hier etwas erfahren«, erklärt Pia, die auch von Anfang an im Haus wohnt: »Komm vorbei, aber nicht auf konsumierende Weise, sondern als Prosument, trage bei und werde ­beschenkt! Das heißt nicht Verzicht, sondern Lebensfreude.«
Das Haus steht nicht im Nirgendwo, sondern inmitten einer konventionellen Vorstadtumgebung. »Auch für die Nachbarinnenschaft ist es oft eine Bildungserfahrung, hier zu sein«, erzählt Pia. Um die 15 Leute von nebenan waren einer Einladung zur Nachbarschaftssause gefolgt. Bei der Hausführung staunten sie nicht schlecht. »Würde das sonst wirklich alles weggeworfen?« zeigten sie sich empört angesichts der über 50 Kilogramm Dinkelmehl und Hirse, die den Liebermenschen durch eine Kooperation mit einer Biomühle ins Haus geflogen waren. Die Einladung, sich am veganen Büfett zu beteiligen, machte eine Nachbarin ratlos. Stracks wurde sie mit veganen Koch-und Backbüchern versorgt. Am Ende buk sie zwei Kuchen, weil sie nicht sicher war, ob der erste gelungen war – geschmeckt haben wohl beide. Auch zu gelegentlichen Konzerten kommen Menschen aus der Nachbarschaft und bringen sich ihren eigenen Klappstuhl mit, »weil sie glauben, es gäbe im ganzen Haus keine Stühle«, meint Tobi verschmitzt.

Ein Bildungskollektiv
Aus solcher Verbindung von Lernen und Leben ist das neu gegründete Bildungskollektiv »imago« entstanden: Fünf Liebermenschen gehen mit Vorträgen, Workshops und Projekttagen als Botschaf­terinnen konkreter Utopien in die Welt. Sie nehmen kein Geld, oder »Knatze« wie sie sagen, aber wenn jemand etwas geben möchte, ist es willkommen und landet in der Kollektivkasse. »Daraus nehmen wir, was wir brauchen«, erklärt Pia. »Aber andere im Haus haben noch ihr Privatkontochen«, beschwichtigt Tobi.
Konstruktive Ansätze für eine Umgestaltung des Alltags verbindet das Kollektiv mit kritischen, reflektierenden Fragestellungen: Ich kann hier nicht nur etwas über Permakultur oder den Bau einer Außendusche erfahren, sondern auch Inspirierendes und Aufrüttelndes aus der Tiefenökologie oder der kritischen Auseinandersetzung mit Rassismus oder Geschlechtertrennung.
Eigene Lernprozesse bringen Wandlungen mit sich: Ein Gruppenkonflikt führte zum Auszug eines Mitbewohners und einer weiteren Person, die sich mit ihm solidarisierte – allerdings hat der Konflikt die Gruppe dichter zusammenfinden lassen, und auch der ehemalige Mitbewohner verbringt wieder viel Zeit im Liebermenschhaus. Gerade als ich da bin, schneit mit den ersten Frühlingssonnenstrahlen die Nachricht ins Haus, dass bald einen Liebermensch-Hof, ein Bauernhof, den die Gruppe vom Eigentum befreien will, entstehen könnte. »Da könnten wir noch viel mehr Utopie verwirklichen«, visioniert Tobi, während wir Fladenbrote aus gerettetem Mehl auf dem Steinofen backen – und eine Handy-App mir sagt, dass ich mich wieder auf den Weiterweg machen soll.   


Die Liebermenschen freuen sich über Zuzug
www.bildungskollektiv.de, www.liebermensch-haus.de,
www.liebermensch-hof.de

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