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Das Wunder Sieben Linden

Die besonderen Bedingungen der Nachwendezeit machten die Gründung des Ökodorfs ­Sieben Linden möglich. Rückblick auf einen Lernprozess in Gemeinschaft und Gesellschaft.

von Dieter Halbach , erschienen in 43/2017

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Ende der 1980er Jahre entstand in einem kleinen Kreis von Westdeutschen die Idee eines neu gebauten und zu hundert Prozent selbstversorgten Dorfs von 300 Menschen als Gegenentwurf zur kapitalistischen Industriegesellschaft. Aspekte wie Gemeinschaft, Ökologie, Kommunikation, Beziehungskultur, Kindererziehung oder gar Spiritualität waren damals untergeordnet oder nicht vorhanden. Es war eine idealistische Konzeption, die so zwar nicht umsetzbar, aber dennoch für viele sehr motivierend war. Es sollte von 1990 bis 1997 dauern, bis wir das Ökodorf an seinem jetzigen Standort in Poppau in Sachsen-Anhalt gründen konnten.
Gesellschaftlich stand das Unterfangen zu jener Zeit unter drei guten Sternen: Erstens basierte das Ökodorfprojekt als Teil eines Gemeinschaftsnetzwerks auf wachsenden Erfahrungen im Gemein­schaftsaufbau und verbreitete die gewonnenen Informationen mit einer eigenen Zeitung, den »Ökodorf Nachrichten« (später »eurotopia«, jetzt Oya-Gemeinschaftsrubrik). Zweitens wurde auf der UNO-Umweltkonferenz 1992 in Rio erstmals das Entwicklungsziel der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit formuliert. Wir waren damit keine Außenseiter mehr, sondern konnten uns auf anerkannte Entwicklungsziele berufen. Der dritte für uns gute Stern war der Zerfall der DDR, in deren ehemaligem Gebiet wir heute siedeln. Der gesellschaftliche Umbruch in den neuen Ländern gab uns Rückenwind; es gab eine prinzipielle Bereitschaft für innovative, regionalbezogene Projekte.
Diese gesellschaftlichen Voraussetzungen waren in der ­ersten Konzeption namens »Selbstversorgung als Selbstbestimmung« noch nicht berücksichtigt. Dem eher theoretischen Entwurf stand als Korrektiv eine nützliche Regel gegenüber: die verpflichtende Teilnahme an einer einmonatigen »ganzheitlichen Gruppen­erfahrung«, in der ein Projekt mit gemeinsamem Planen, Leben und Arbeiten ausprobiert wurde. Daneben boten ein Sommercamp und viele bundesweite Treffen Angebote zum gegenseitigen Kennenlernen.
Als das Ökodorf 1990 erstmalig an die Öffentlichkeit ging, veranstaltete ich mit einem kleinen, gemischten Ost-West-Team und der Unterstützung der Grünen in Kleinmachnow ein Festival mit rund 1000 Menschen. Als erstes gesamtdeutsches Gemeinschaftsprojekt trafen dort Gemeinschaftssuchende aus dem Osten auf real existierende Gemeinschaften aus dem Westen. Ich selbst hatte mich in jenem Jahr dem Ökodorf angeschlossen. Zuvor hatte ich in Italien in einer kleinen, selbstversorgenden Gemeinschaft gelebt, die unter inneren Konflikten und persönlichen Trennungen litt (siehe Beitrag in Oya 06/2011). Im Ökodorf sah ich die Chance für einen größeren und damit heilsamen Beziehungsrahmen, von dem insbesondere Kinder profitieren würden.

Genossenschaftsgründung und Projektzentrum in Groß Chüden
Das Ziel der Selbstversorgung wurde in der Gruppe auf meine Ini­tiative hin durch drei Ziele ergänzt: »regionale und globale Vernetzung«, »menschliche Innenarbeit und Bewusstsein in Liebe und Partnerschaft« sowie »offene, gemeinschaftsbildende Spiritualität«. Mit der erweiterten Konzeption entstand 1991 eine neue Kerngruppe – das war die zweite Geburt des Projekts. Wir gründeten eine Genossenschaft als Projektträger, in die alle Siedlungsinteressenten investieren und mitverantwortlich eintreten konnten. Jetzt wurden erstmals auch konkrete gemeinsame Siedlungsentwürfe entwickelt. Die Geländesuche für das Ökodorf gestaltete sich schwierig, weil wir ein großes Stück Land brauchten, auf dem 300 Menschen leben und sich selbst versorgen könnten. Dafür suchten wir eine Gemeinde, die uns aufnehmen und mit uns einen genehmigungsfähigen Bebauungsplan aufstellen würde. Eine sorgfältige Begründung und Außendarstellung wurde nötig, um für politische und bürokratische Akzeptanz zu werben.
Im Sommer 1993 standen wir nach mehreren Versuchen in Sachsen – unter anderem hatten wir das Gelände des späteren Lebensguts Pommritz ins Auge gefasst – und an der ehemaligen Grenze zum niedersächsischen Wendland immer noch mit leeren Händen da. Kurz vor Wintereinbruch fanden wir in Groß Chüden einen alten Bauernhof. Wir begannen, ein erstes Projektzentrum mit Freier Schule, Werkstätten und Seminarbetrieb aufzubauen. Es war eine herausfordernde Zeit mit praktischer Aufbauarbeit und einer Gruppendynamik, die uns Kraft kostete – drei Jahre später wollten nur noch wenige Menschen die Idee des Ökodorfs umsetzen.
Da kam eines der Wunder zu uns, ohne die wir es wohl nicht geschafft hätten: Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) – eine große, von der Bundesregierung ins Leben gerufene Umweltstiftung – hatte den »TATorte«-Wettbewerb ausgeschrieben. Dieser sollte kulturelle, ökologische, ökonomische und soziale Lösungen für strukturschwache Regionen in den neuen Bundesländern aufzeigen. Für unser regionales Engagement und unsere vielfältigen sozialen und ökologischen Innovationen gewannen wir 1996 diesen Preis. Für mich war klar, dass wir damit den Schlüssel zur Verwirklichung des Ökodorfs in Händen hielten. Zum Preis gehörten ein Film, eine Ausstellung und ein Buch über uns. Mit diesem neuen Schwung gestalteten wir im Landratsamt von Salzwedel eine Ausstellung; dort waren wir einen Monat lang täglich präsent und luden die Bürgermeister aller Gemeinden in der Nachbarschaft Groß Chüdens ein.

Umsetzung der Vision am Standort Sieben Linden
Jetzt waren wir Hoffnungsträger und nicht mehr Aussteiger. Es kam zur dritten Geburt: einem konzeptionellen Neustart und einer Gruppengründung mit vielen neuen und einigen alten Siedlerinnen. Auf unserer Standortsuche fanden wir im Frühjahr 1997 in der Nähe von Poppau ein leerstehendes Hofgelände mit allem, was wir brauchten: 25 Hektar zusammenhängende Fläche, viel Wald im Rücken, sandige Böden zur Bebauung davor, eine fruchtbare Mulde zum Gartenbau, eine Südlage als Sonnenfalle und eine teilweise Erschließung mit Straße. Wir kauften das Gelände zum günstigen Preis für landwirtschaftliche Flächen. Die Gemeinde Poppau stellte gleichzeitig den Antrag auf einen Bebauungsplan, damit ein neues Dorf neben ihrem Dorf entstehen kann, und ließ uns diesen Plan ohne Einmischung selbst entwickeln. Es gab von Anfang an freundschaftliche Beziehungen und eine große Toleranz zwischen uns und dem bestehenden Dorf.
Der zweite Schlüssel zum Projekterfolg kam ebenfalls von der DBU. Nach dem Kauf des Grundstücks finanzierte sie uns ein Forschungsvorhaben zur ganzheitlichen und bewohnerorientierten Siedlungsplanung. Durch drei von außen hinzugekommene Fachleute ergab sich eine Arbeitsteilung mit einer Kompetenzhierarchie, die interessanterweise auch von der Gemeinschaft anerkannt wurde. Ohne diese Professionalisierung, eine durchdachte Beteiligung der zukünftigen Bewohner sowie die Verantwortungsübernahme der Planungsgruppe hätte das Ökodorf-Pflänzchen keine Chance gehabt. Zu groß waren die fachlichen und politischen Herausforderungen, zu oft waren sie zuvor von der Gruppendynamik überlagert worden.
Die Planung war umfangreich: Positive Stellungnahmen aller Behörden mit Zuständigkeit in den Bereichen Schule, Energie, Wasser und Abwasser mussten eingeholt werden. Doch im Kreisplanungsamt kam es zum Widerstand. Ausgerechnet in der wichtigen Abteilung für Regionalplanung hieß es, wir würden die Landschaft zersiedeln. Wir warben für unser Konzept und wurden zum Glück von der Spitze der damaligen rot-grünen Landesregierung unterstützt: Die grüne Umweltministerin Heidrun Heidecke moderierte den Konflikt und machte deutlich, dass sie sich eine Realisierung des Modells wünschte. Die Gemeindeversammlung beschloss schließlich den Bebauungsplan, und die Regionalplaner verzichteten auf einen Rechtsstreit.
Schon ohne von diesem Ergebnis zu wissen, feierten wir im Sommer 1998 ein Eröffnungsfest, bei dem es sich so anfühlte, als sei die halbe Region erschienen. Mitten hinein in die Festreden kam dann die Nachricht: »Alle Genehmigungen sind durch!« Ich durfte auf die Bühne gehen und mit noch weichen Knien unseren Erfolg verkünden. Großer Jubel! Wir hatten unser »revolutionäres« Ökodorf legalisiert, und niemand würde es uns wieder nehmen können.

Ein Sektenvorwurf und die Solidarität der Poppauer Bürger
Doch zuvor mussten wir noch eine soziale Zerreißprobe bestehen. In einer Zeitungsmeldung wurde kurz nach dem Geländekauf behauptet, wir seien eine Sekte, die Kinder missbrauche. Solche Vorwürfe wurden dem ZEGG in Bad Belzig, einem Mitglied unseres Gemeinschaftsnetzwerks »Come Together«, bereits seit Jahren gemacht, ohne dass irgendwelche Beweise vorgelegt wurden. Das genügte einem lokalen Pfarrer, der uns nie gesehen hatte, um zu behaupten, wir würden Kinder missbrauchen.
Wir brachten die Kirche dazu, jeden Vorwurf gegenüber uns und dem ZEGG öffentlich zurückzunehmen. Ich holte den Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche ab und fuhr mit ihm zur Dorfversammlung in Poppau. Im Auto stellte er die Bedingung, wir müssten das ZEGG vom Come-Together-Netzwerk ausschließen. Ich fragte ihn, ob Beweise vorlägen, die dieses Projekt belasteten. Er sagte: »Nein. Aber Sie werden diesen Ruf nie wieder los, wenn Sie das nicht tun!« Ich sagte ihm, es sei für mich nicht mit christlicher Nächstenliebe vereinbar, den unschuldigen Bruder aus dem Boot zu stoßen, um selbst besser zum Ufer zu kommen. Doch nachdem wir angekommen waren, wiederholte der Sektenbeauftragte vor allen alteingesessenen Poppauern die Vorwürfe. Unsere Leute waren verzweifelt. Da stand eine junge Schwangere aus Poppau auf und fragte: »Geht nun eine Gefahr vom Ökodorf für unsere Kinder aus oder nicht?« Derart direkt gefragt, musste er verneinen. Das wendete das Blatt. Wir luden die Dorfbevölkerung für den nächsten Sonntagnachmittag zu Kaffee, Kuchen und Volleyball ein.
An diesem Tag bereiteten wir alles schön vor. Doch zur vereinbarten Stunde war kein Gast zu sehen. Vom Ökodorf führt eine lange, gerade Straße zum Dorf Poppau. Ich sah nach bangen Minuten des Wartens schließlich diese Straße hinunter – und mein Blick traf in der Entfernung auf gut hundert Menschen, Hand in Hand, Omas, Opas, Kinder, fast die gesamte Einwohnerschaft! Die Erinnerung an diesen Moment verschafft mir noch immer eine Gänsehaut. Wir feierten zusammen. Ich fragte einige Poppauer, was sie über den Sektenvorwurf dachten. Ihre Antwort: »Wir glauben doch nicht alles, was in der Zeitung steht.« Das war die große Wende. Das Band, das damals entstand, hält bis zum heutigen Tag.

Das Ökodorf wächst und wirkt in die Welt
Heute genießen wir in einigen Bereichen gesellschaftliche Anerkennung. Im Jahr 2000 erhielten wir zum zweiten Mal den TATorte-Preis für die erfolgreiche Realisierung des Ökodorfs – diesmal zusammen mit den Vertetern unserer Gemeinde. Politikerinnen aus allen Parteien interessieren sich für unsere Erfahrungen – von der CDU-Landesregierung, die in Sachsen-Anhalt eine Arbeitsgruppe zum Thema Demographie betreibt und uns fragte, warum wir das einzige Dorf seien, das wächst, bis hin zur Linksfraktion, die wissen möchte, wie man friedlich kommuniziert. Seit wir hier sind, berichtet die Presse nur noch positiv.
Doch ich sehe im Rückblick auch einige Grenzen des Modells. Das Ökodorf liegt in einer strukturschwachen Region. Ohne Großstadt, kulturelle und politische Inspirationen und mit einem noch schwachen alternativen Netzwerk drumherum schmort man leicht im eigenen Saft. Zudem ist viel Kraft für Entscheidungsfindungen und interne Kommunikation nötig. Wie andere Gemeinschaftsprojekte auch wird auch das Ökodorf von der Frage bewegt, wie es auf die nächste Stufe von Gemeinschaftlichkeit gelangen kann, mit mehr Individualität, Freiräumen, Effektivität, politischer Wirksamkeit und unternehmerischer Initiative. Das innere und äußere Wachstum der Gemeinschaft bleibt eine ständige Herausforderung.
Die Vision, ein ganzheitliches Dorf aufzubauen, hat sich von der Idee eines abgekoppelten Gegenmodells zu einem Beitrag für einen größeren konstruktiven Wandel entwickelt. Die ursprüng­liche Leitidee eines selbständigen Dorfs ist immer noch die Basis des heutigen Ökodorfs Sieben Linden. Schritt für Schritt wurde gelernt, was alles nötig ist, damit Gemeinschaft entstehen kann. Und diese Entwicklung wird weitergehen! Die Gemeinschaft wird weiter an den offenen Fragen wachsen und andere daran teilhaben lassen. Dafür sorgt etwa der Bildungsbetrieb, der ein Lernfeld für Besucherinnen und Bewohner gleichermaßen ist.
Nach 20 Jahren Entwicklung können wir sagen: Wahrscheinlich wird es das Ökodorf auch noch in hundert oder mehr Jahren geben. Durch seine Ausrichtung, Vielfalt und Größe ist es stabil und auf eine langfristige Zukunft angelegt!   

 

Wie anfangen?
Was ich aus der Arbeit beim Aufbau des Ökodorfs Sieben Linden gelernt habe.

1. Persönliche Bewusstheit
Diesen wichtigen Schritt hat die Gründungsgruppe zunächst vernachlässigt. Es wurde nur abstrakt und konzeptionell gearbeitet. Erst später haben wir bei Supervisionen begonnen, die verschiedenen Bedürfnisse herauszufinden und persönliche Themen anzuschauen. Dieser Prozess führte zum Ausstieg mehrerer Menschen der ersten Stunde und zur Neugründung der Kerngruppe.

2. Start mit einer kleinen Gruppe
Viele Initiativen öffnen sich für Interessierte, ohne selbst stabil und klar zu sein. Es war ein großer Vorteil der Ökodorf-Initiative, dass sie in einer kleinen Gruppe begann und das grundlegende Ziel – ein selbstversorgtes Dorf mit 300 Menschen – klar definiert hatte. Andere soziale, politische und spirituelle Bereiche fehlten, konnten aber auf dieser Basis hinzugefügt werden.

3. Kreative Visionsfindung
Eine Vision ist mehr als ein sachliches Konzept, wie es die Anfangsgruppe entworfen hatte. Sie beinhaltet gelebte Werte und sollte sich aus den Bedürfnissen und inneren Anliegen der Menschen entwickeln. Das bedarf kreativer gemeinsamer und auch einsamer Räume der Wahrheit vor sich selbst. Einheit in der Vielfalt: Was ist der verbindende menschliche Innenraum, was sind die unterschiedlichen Wege der praktischen Umsetzung? Diese Visions­bildung wurde erst durch Supervisionen angeregt.

4. Gemeinschaftskultur
Eine Kultur des Vertrauens ist die Grundlage von Gemeinschaft. Sie sollte von einer Gründungsinitiative nicht nur proklamiert, sondern vor allem gelebt werden. Sie ist der menschliche Kern, der auch Stürme des Projektaufbaus überstehen und Orientierung für hinzukommende Menschen geben kann. Diese Kultur musste die Anfangsgruppe erst entwickeln. Heute gibt es eine Fülle an Erfahrungen, Methoden und erfahrenen Begleitern, so dass jede Gemeinschaft sich Unterstützung holen kann.

5. Gemeinsam lernen
In der Phase der Gemeinschaftsbildung ist es hilfreich, wenn die Gruppe viele schon existierende Erfahrungen gemeinsam sammelt. Das geht am besten durch Besuche und Seminare bei anderen Gemeinschaften. Hier können auch Beratungen, Supervisionen und Praxisaufenthalte angegliedert sein. Die Gründung der »Ökodorf-Nachrichten« als eine Art Plattform war ein guter Ansatz dafür. Auswertungen der Erfahrungen fanden während der gesamten Gründungsphase statt und wurden veröffentlicht.

6. Praxistest
Zeiten gemeinsamen Arbeitens und Lebens können eine Erfahrung der kommenden Praxis beinhalten. Das Element der für alle verbindlichen »ganzheitlichen Gruppenerfahrung« hat unsere Ini­tiative vermutlich von Anfang an sehr gefördert. Hier fand der ­Rea­litäts-Check in praktischer und zwischenmenschlicher Hinsicht statt, bevor das Ökodorf zu einem realen Ort wurde.

7. Konzeptentwicklung
Das Vorhaben sollte in Worten und Plänen sichtbar gemacht werden, die den Weg der Umsetzung konkret beschreiben. Der Ökodorf-Gruppe fehlte es hier anfangs an Realismus. Es gab kein Wissen über und kein Gespür für die praktischen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen – beispielsweise, dass ein Bebau­ungsplan, ein Gemeinderatsbeschluss und ein Rechtsträger für das Projekt benötigt werden. Noch vor der Standortsuche musste das ­nötige umfassende Wissen für ein Umsetzungskonzept und seine öffentliche Präsentation erarbeitet werden.

8. Gesellschaftliche Partner
Spätestens bei der Konzeptentwicklung sollten Partner wie Fachleute, Netzwerke und politische Befürworter einbezogen werden. Für alle Bereiche gibt es mittlerweile kompetente Menschen, auch in den gemeinschaftlichen Netzwerken. Der Kontakt zu regionalen Partnern – etwa Ansprechpersonen in Politik und Verwaltung – sollte gesucht werden. Wenn man sich für die Erfahrungen dieser Menschen interessiert, sind sie meist sehr kooperativ. Wir lernten dabei, im Sinn einer größeren Gemeinschaft zu denken. Erst diese Öffnung in die Gesellschaft hinein brachte dem Ökodorf den Erfolg und das notwendige Wissen für die Realisierung.

9. Gruppenwachstum
Die Öffnung der Gruppe erfordert Zeit, Kompetenz, Kriterien und einen einladenden Rahmen. Wieviele und welche Menschen werden eingeladen? Was sind die Kriterien für eine Ablehnung? Diese Fragen sind im Ökodorf während des Gemeinschaftsaufbaus entwickelt worden. Nicht alle Interessenten müssen gleich siedeln; ein langsames Kennenlernen ist wichtig, ebenso die Bildung eines unterstützenden Umfelds. Heute gibt es gut durchdachte Gemeinschaftskurse, die zur Klärung dieser Fragen angeboten werden.

10. Klar Schiff machen
Vor einer Standortsuche liegt die Generalprobe. Hat die Gruppe alle Ressourcen, die sie zur Realisierung benötigt? Die Verantwortungsträger in den verschiedenen Bereichen müssen gefunden und von allen anerkannt werden. Das bedeutet, auf Kompetenz beruhende »natürliche Hierarchien« zu schaffen. Dieser Prozess wurde bei uns durch Rechtsformen wie die Genossenschaft und ein begleitendes Forschungsvorhaben von außen unterstützt. Erst viel später haben wir mit unserem Rätesystem eine gute Mischung von Basisdemokratie und Kompetenz-Hierarchie entwickelt.

Ausblick
Alle diese Klärungen stehen vor dem Projektbeginn – im Ökodorf haben sie sieben Jahre gedauert. Das war jedoch keine verlorene Zeit, denn Zwischenschritte bereichern das Leben. Nichts ist schädlicher als ein zu früher Projektstart. Unvorbereitetes Handeln, jeder übersehene Aspekt rächen sich später durch Konflikte oder enden gar mit einem totalen Scheitern. Wir sagten uns immer: »Solange wir über uns selbst lachen können, sind wir auf dem Weg!«
Meistens kommt es sowieso anders, als man denkt – aber darauf seid ihr Ökodorf-Gründerinnen jetzt hoffentlich gut vorbereitet.


Zwei Jahrzehnte Aufbauarbeit begutachten?
www.siebenlinden.de

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